Auf dem Highway der geistigen Mobilität

Bildquelle: Melanie Vogel
Bildquelle: Melanie Vogel

Der Begriff „Mobilität“ ist positiv besetzt. Er impliziert Beweglichkeit, Aktivität, Tatkraft und Handeln. Er verdeutlicht: Wir sind keine Couch-Potatoes und Sesselpupser. Wir gehören nicht zu denen, die nicht aus ihren eigenen vier Wänden herauskommen. Mobilität ist an vielen Stellen gleichbedeutend mit Erfolg. Wer viel reist – ob beruflich oder privat – hat es geschafft. Wer viel „auf Terminen“ beim Kunden ist, gehört zu den Gefragten im Business. Mobilität ist hipp, ist cool – Mobilität ist ein Muss im 21. Jahrhundert.

So weit, so gut.

Was aber macht Mobilität mit uns? Sind wir wirklich alle auf die gleiche Art und Weise in der Lage, mit so viel – auch von außen geforderter – Beweglichkeit umgehen zu können? Denn seien wir ehrlich: Das alleinige Reisen von A nach B, der sporadische Kurztrip an die Côte d’Azur oder der 500. Kundentermin im Ausland machen aus uns noch lange keine Cosmopoliten und Weltversteher. Im Gegenteil. Wird Mobilität konsumiert und als Erfolgsstatus betrachtet und haken wir Reiseziele ab wie unsere wöchentliche Einkaufsliste, nur um sagen und zeigen zu können „Ich war schon da!“, bleibt die geistige Mobilität nicht selten auf der Strecke.

Lassen wir uns aber gedanklich ein auf unsere räumliche Beweglichkeit, akzeptieren wir, dass uns die Mobilität nicht nur in fremde Länder bringt, sondern die fremden Länder auch zu uns transferiert und nehmen wir wahr, dass eine steigenden Mobilität auch eine Beschleunigung und zunehmende – auch virtuelle – Verflechtung der Globalisierung zur Folge hat und mit ihr unser Arbeitsalltag, unsere Gesellschaft und Wirtschaft noch komplexer werden, werden wir vermutlich sehr schnell spüren, was es heißt, an die Grenzen unserer geistigen Mobilität zu kommen.

Geistige Mobilität im Zeitalter der Konnektivität und scheinbaren Grenzenlosigkeit von Optionen, Orten und Organisationen ist zu einem beinahe schon unbezahlbaren Soft-Skill geworden. Um mit der schnelllebigen Welt umgehen zu können, um sich auf ständig wechselnde Arbeitsorte und -situationen einstellen zu können, bedarf es geistiger Mobilität. Wer in unserer hyperaktiven Welt nicht ständig auf dem Laufenden bleibt, sich nicht aus Eigenmotivation weiterbildet und der Zukunft nicht mit einer gewissen Neugier und Aufgeschlossenheit entgegen blickt, droht, auf dem Highway der geistigen Mobilität liegen zu bleiben oder rechts und links überholt zu werden.

Geistige Mobilität ist ein Phänomen der neuen Zeit, eine Begleiterscheinung der Globalisierung und der gestiegenen räumlichen Mobilität. Diese Form der geistigen Mobilität lernen wir jedoch nicht in der Schule. Wir werden auf sie auch nicht in der Ausbildung oder im Studium vorbereitet, sondern spätestens mit dem Eintritt ins Berufsleben wird von uns erwartet, eben diese mentale Flexibilität nicht nur mitzubringen, sondern sie zu leben und mit ihr zurecht zu kommen.

Geistige Mobilität ist eine notwendige Reaktion auf den Wandel – aber tut sie uns auch immer gut? Wir leben in einer Multioptionen-Gesellschaft, die jedem einzelnen viel abverlangt. Jede neue Option, vor der wir stehen, initialisiert den potentiellen Handlungs-Kanon „Informieren – Vergleichen – Abwägen – Entscheiden“. Da die Optionen in immer kürzerer Abfolge wie Pilze aus dem Boden schießen und Komplexität und Reichweite einer Entscheidung stetig zunehmen, sind wir praktisch gezwungen, geistig mobil zu blieben. Denn an jede neue Option kann zusätzlich auch die Trennung von alten Gewohnheiten und die Notwendigkeit gekoppelt sein, neue Wege zu beschreiten, neue Lösungen für alte oder neue Probleme zu finden oder neue Freundschaften und soziale Bindungen herzustellen, wo alte durch Wegzug, Umzug oder permanente Mobilität weggebrochen sind.

Räumliche Mobilität nimmt großen Einfluss auf zwischenmenschliche Beziehungen, sowohl im Beruf als auch im Privatleben. Wir alle gehen Beziehungen mit (unausgesprochenen) Dauer-Erwartungen ein, die wir von Kindheit an gelernt haben oder die uns durch soziale Normen und Werte diktiert werden. Wir erwarten, dass Bindungen im engsten Familienkreis langfristig sind, wir hoffen auf mittelfristige Beziehungen zu Freunden, Nachbarn, Kollegen oder im Verein, während wir Beziehungen zum Friseur, Lieferanten oder dem Briefzusteller problemlos als kurzfristig akzeptieren.

Die gestiegene Mobilität und zunehmend volatile Arbeitsverhältnisse sorgen jedoch dafür, dass sich auch die Dauer-Erwartung von Beziehungen radikal ändert. Partnerschaften halten nicht mehr ein Leben lang, Freundschaften mutieren zu „Projekt-Bekanntschaften“ oder zu einer „Übergangs-Kumpelei“.

Große arbeitsmedizinische Studien haben mittlerweile gezeigt: Überall da, wo zwischenmenschliche Beziehungen quantitativ und qualitativ abnehmen, nehmen Gesundheitsstörungen zu.

Wir haben die räumliche Mobilität mittlerweile vollumfänglich in unser Leben integriert, betrachten sie sogar als Selbstverständlichkeit. Unsere geistige Mobilität hat aber an vielen Stellen Nachholbedarf und braucht nicht selten Zeit, sich auf veränderte räumliche Gegebenheiten einzustellen. Der Jetlag ist ein ganz spürbares Zeichen für eben diese Anpassungsfähigkeit, die Körper und Geist brauchen.

Rasen wir daher nicht auf dem Highway der geistigen Mobilität, sondern gönnen wir uns ab und an Pausen, lassen wir mal den einen oder anderen überholen, bevor wir mit voller Kraft und vollem Bewusstsein wieder Gas geben.

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