Interview: „Wenn das Leben andere Pläne hat“ #Brustkrebs

Nicole Beste-FopmaIn meinem Blogbeitrag „Neujahrsansprache für eine vergessene Zielgruppe“ habe ich auch die UnternehmerInnen addressiert, die durch Krankheit oder familiäre Notfälle plötzlich aus ihrem Unternehmens-Alltag gerissen werden. Eine langjährige Kooperationspartnerin und Freundin von mir ist eine dieser Unternehmerinnen. Nicole Beste-Fopma, Herausgeberin des LOB-Magazins, erhielt letztes Jahr die Diagnose Brustkrebs. Wie sie mit dieser disruptiven Lebensveränderung umgeht, erzählt sie offen, mutmachend und lebensbejahend in diesem Interview.

NAME: Nicole Beste-Fopma
BERUF: Herausgeberin und Chefredakteurin LOB Magazin
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Positiv, energisch, lebenslustig
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Meine Familie und mein Hund (-:
Meine Lieblingswebseite: www.pinterest.com
Meine eigene Webseite: www.lob-magazin.de

Nicole, du bist als Herausgeberin vom LOB-Magazin seit 4 Jahren selbständig. 2014 wurde bei Dir Brustkrebs diagnostiziert. Wie hat sich Dein Leben als Unternehmerin seit dem verändert?
Mein erster Gedanke nach der Diagnose galt meiner Familie, mein zweiter LOB. Die nächste Ausgabe musste fertig werden, ich hatte diverse Moderationsaufträge und auch sonst viele Pläne für das Jahr 2014. Plötzlich war da dieses Loch. Panik, alles zu verlieren, was ich mir über die vergangenen Jahre aufgebaut hatte. Mein Glück, dass ich so eine tolle stellvertretende Chefredakteurin und Geschäftspartnerin habe. Uns war schnell klar, dass wir das nur schaffen, wenn wir uns für die kommende Zeit ausschließlich auf das Wesentliche konzentrieren und darauf, den „Laden“ am Laufen zu halten. Keine Sprünge, keine Extras, aber ganz viel Hilfe von außen. Das Ergebnis: Wir haben noch jede Ausgabe hinbekommen – unsere Leserinnen und Leser haben bisher nicht gemerkt, dass ich schwer krank bin – wir haben zwei super tolle Praktikanten akquiriert und das Jahresergebnis 2014 kann sich sehen lassen.

Die Diagnose hat Dich aus heiterem Himmel getroffen und Du warst gezwungen, Dich an eine völlig neue, fremde und beängstigende Situation anzupassen. Welche Lebens- oder vielleicht auch Überlebens-Instinkte musstest Du aktivieren?
Eigentlich musste ich nichts aktivieren. Mein Umfeld, die mich behandelnden Ärzte, meine Freunde, meine Familie und alle, die mit mir zusammen arbeiten, waren über die gesamte Zeit der Therapie sehr erstaunt darüber, wie gut ich alles verkraftet habe. Ich wusste gar nicht, was für ein extrem positiv denkender Mensch ich bin. Das bedeutet nicht, dass ich nicht immer auch mal wieder tiefe Täler durchlaufen musste. Ich habe viele Stunden bitterlich geweint, geschrien und alles verflucht. Aber wenn ich dann alles rausgeschrien hatte, ging es mir auch wieder besser. Sehr viel besser.
Körperlich hatte ich kaum Nebenwirkungen. Meine Ärzte meinten, dass das auch damit zusammen hängt, dass ich mich so gut auf die Therapie eingelassen habe. Und ich habe mir auch immer wieder gesagt, dass es keine Alternative zur Therapie gibt. Denn die Alternative, Gänseblümchen von unten, ist keine Alternative. Es hilft auch nicht, sich zu verkriechen oder den ganzen Tag zu lamentieren. Wenn ich überleben will, muss ich hier durch. Der Krebs verschwindet nicht, wenn ich mit dem Fuß aufstampfe. Also kann ich genau so gut versuchen, so weiter zu machen, wie bisher.

Wer oder was hat Dir in dieser Situation besonders geholfen?
Meine Familie und Freunde, die mich seit der Diagnose in Watte gepackt hier durch tragen und mir immer wieder zeigen, dass ich für sie ein wertvoller Mensch bin; das unheimlich nette und kompetente Ärzte- und Krankenschwesternteam, die mir immer das Gefühl geben, eine besondere Patientin zu sein und die ich immer um Rat fragen kann und mein Job, der mich erfüllt und der in meinen Augen sehr sinnstiftend ist.

Wir alle orientieren uns in unserem Leben – bewusst oder unbewusst – nach einem gewissen „Status Quo“, einer Komfortzone, in der wir uns wohlfühlen. Du wurdest letztes Jahr aus Deiner Komfortzone gerissen. Was war in dieser Situation daran das Schlimmste für Dich?
Ich habe die Kontrolle verloren. Mein Körper hat mir gezeigt, dass er einfach macht was er will. Die Therapie hat dann noch mal das ihre dazu getan. Ich musste jeden Tag aufs neue meinen Körper kennen lernen. Jeden Tag aufs Neue ausprobieren, wo meine Grenzen sind. Konnte ich an einem Tag 9 Stunden am Schreibtisch sitzen, konnte es sein, dass ich am nächsten Tag 9 Stunden auf dem Sofa liegen musste.

Welche Reaktionen kamen aus Deinem beruflichen und privaten Umfeld auf die veränderte Situation, in der Du Dich befunden hast?
Mein gesamtes Umfeld, egal ob beruflich oder privat, hat phantastisch reagiert. Ich musste einige wichtige Termine sehr kurzfristig absagen, was bei meinen Auftraggebern sicherlich nicht für Begeisterung gesorgt hat. Aber alle haben sehr großes Verständnis gezeigt und mich für dieses Jahr wieder angefragt. Für eine Moderation wurde ich sogar während der Chemotherapie und somit mit Glatze gebucht. Es war eines meiner beruflichen Highlights in dieser Zeit.
Einer meiner mich behandelnden Professoren hatte mich aufgrund meiner positiven Grundeinstellung für einen Vortrag eingeladen. Im Rahmen eines Patiententages habe ich anderen Patienten, Angehörigen und Interessierten erzählt, wie ich die Zeit der Therapie erlebt habe und erlebe und wie ich es geschafft habe, trotz allem weiter erwerbstätig zu sein. Wenn auch mit reduzierter Kraft und dadurch reduzierter Stundenzahl. Dem Feedback aus dem Publikum konnte entnehmen, dass ich vielen Mut gemacht habe. Was mich selbstverständlich sehr freut, denn was gibt es schöneres, als anderen/Mitpatienten in einer so schwierigen Zeit Mut machen zu können.

Gerade Unternehmer und Selbständige sind sehr oft ziel- und visionsgetrieben. Haben sich Deine Ziele und Visionen seit dem letzten Jahr verändert? Wenn ja, was ist heute anders als vor einem Jahr?
An meinen Zielen hat sich nichts geändert. Was sich allerdings schon geändert hat, ist der Weg. Ich bin auf der einen Seite entspannter geworden, auf der anderen aber auch sehr viel konsequenter. Meine Zeit ist sehr kostbar geworden.

Wenn du auf die letzten Monate schaust und auf die radikale Veränderung, die Dein Leben unfreiwillig genommen hat, gibt es dann rückblickend – aber vielleicht auch vorausschauend – Aspekte, die Du als positiv wahrnimmst?
Sehr viele sogar: In den vergangenen Monaten habe ich so viel Wertschätzung erfahren, wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Das macht stark! Mein Umfeld hatte mir schon immer gesagt, dass ich eine starke Frau wäre. Jetzt weiß ich, dass sie recht haben. Ich erlebe gerade, dass ich ein echtes Stehauf“männchen“ bin. Noch nicht einmal diese Krankheit, die mich in jeder Hinsicht an den Abgrund gebracht hat, hat mich klein gekriegt. Ich stehe noch immer hier und ich werde auch nicht umfallen. Ich habe gelernt mich zu fokussieren. Sobald ich wieder voll einsteigen kann, werde ich mich darauf konzentrieren und die Flausen im Kopf, Flausen sein lassen.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Dir einen Begriff und Du sagst mir, was Dir als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: In jeder Hinsicht sehr wichtig!
  • Innovation: Ich würde mir wünschen, dass wir hier in Deutschland offener für Innovationen jeglicher Art wären.
  • Anpassungsfähigkeit: Wichtig, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Wenn Anpassung bedeutet, dass ich mich verbiegen muss, dann verzichte ich lieber.
  • Kreativität: Mein Leben. Wäre ich nicht so kreativ, gäbe es LOB nicht. Aber auch in meiner Freizeit gehe ich kreativen Hobbies nach, die mir immer wieder über schwierige Zeiten hinweg geholfen haben.
  • Veränderung: Sind wichtig! Hier gilt eigentlich das gleiche, wie für die Innovation. Wir sollten offener dafür sein und in der Veränderung nicht die Gefahr, sondern die Chance sehen.
  • Angst: Ich weiß jetzt, was das bedeutet. Eine existenziellere Angst, als die um das eigene Leben gibt es wohl nicht. Wobei ich nicht die Angst um das Leben eines meiner Kinder durchmachen will. Das stelle ich mir noch viel schlimmer vor.
  • Zukunft: Ich freue mich darauf!
  • Deutschland: Das Land in dem ich lebe und das ich gerne mit gestalten möchte. Deshalb LOB.
  • Ich: Bin voller Dankbarkeit und hoffe, dass ich uralt werde, damit ich noch vielen Menschen mit meinem „Kampf“ für Gerechtigkeit, für die Gleichstellung von Mann und Frau, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und meiner Kreativität auf die Nerven gehen kann.
  • Beruf: Mein Beruf ist meine Berufung. Ich will nie wieder etwas anderes machen müssen.
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