Interview: „Von der Kunst, das Fürchten zu lernen“ #Angst

Klaus-Jürgen Grün1Heute ist ein großer Bericht über das Thema „Angst“ in der WELT. Da heißt es: „Jeder sechste Erwachsene leidet unter krankhaften Ängsten. Ein Gefühl, das unser Leben sichern soll, ist zur Volkskrankheit geworden“. Wie passend, dass ich schon vor einigen Tagen mit Prof. Dr. Klaus-Jürgen Grün über das Gefühl der Angst sprach – und er weiß, wovon er redet, er hat das Gefühl ausführlich in seinem Buch „Angst – Vom Nutzen eines gefürchteten Gefühls“ beschrieben.

NAME: Klaus-Jürgen Grün
BERUF: Freier Wissenschaftler – Autor – Moderator – Hochschullehrer
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben:         Ungeduldig – Neugierig – Unangepasst
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Navi
Meine Lieblingswebseite: www.ted.com
Meine eigene Webseite: www.philkoll.de

Herr Grün, Sie haben sich intensiv mit dem Thema „Angst“ auseinander gesetzt, sogar ein Buch darüber geschrieben. Können Sie den Leserinnen und Lesern erklären, was Angst eigentlich genau ist und woher sie kommt?
Angst ist eine unangenehme Emotion, die vor allem in den unbewussten Arealen des menschlichen Gehirns entsteht. Sie verleitet den Menschen dazu, schnellstens Dinge zu tun, die diese Emotion verkleinern oder zum Verschwinden bringen. Dabei ist es ganz gleich, ob eine reale Gefahr besteht oder nicht. Angst lässt sich leicht auslösen, sie ist ansteckend und deswegen als Strategie der Manipulation sehr beliebt bei jeder Kategorie von Obrigkeit. Wo Angst sich eingenistet hat, ist es schwer, Vertrauen zu wecken. Sie macht Menschen neurotisch und auf Dauer krank.

Evolutionsgeschichtlich gesehen hatte die Angst doch auch irgendwann mal eine sinnvolle Funktion. Sie hat uns vor Gefahren geschützt. Zugegeben, unser Alltag ist heute weit weniger gefahrvoll. Aber kann Angst nicht dennoch immer noch auch positive Aspekte haben?
Das ist richtig. Ohne die Fähigkeit zur Angst wäre die Menschheit längst ausgestorben. Und es war die Angst, die auch dazu beigetragen hat, dass in modernen Gesellschaften kaum noch welche von den ursprünglichen gefahrvollen Auslöser existieren – wilde Tiere, kalte Winter, Hungersnöte, Pest und Cholera. Aber mit dem Verschwinden realer Gefahren ist die Reizbarkeit der Angstzentren im limbischen System nicht in gleichem Maße verschwunden. So holt sich das Bedürfnis nach Angst seinen „Input“ wahllos auch von so ungefährlichen Dingen wie der Zahl „13“, einer Flugreise, dem Verliebtsein oder der Schweinegrippe. Ja, das bloße Aussprechen von Worten wie „Asylantenschwemme“ oder „Klimakatastrophe“ kann eine Panikattacke auslösen und Menschen zu heillosem Aktivismus verleiten, aus dem dann wirkliche Gefahren entstehen können. Wenn das Wort „Bankenpleite“ die Bürger zum Abräumen ihrer Ersparnisse in die Bank treibt, dann ist die Angst meistens der eigentliche Auslöser der wirklichen Gefahr. Die neurotisierende Schwierigkeit, zwischen Angst und Furcht vor realer Gefahr halbwegs unterscheiden zu können, treibt uns Menschen zu Wahnsinnstaten.

Eine Umfrage hat gezeigt, dass Angst in vielen Unternehmen weit verbreitet ist: 65% aller ArbeiterInnen und 44% aller Angestellten hatten in den letzten drei Monaten Angst in ihrem Beruf. Was ist schief gelaufen, dass in den Unternehmen so viel Angst herrscht?
Zunächst einmal ist es das allgemeine Klima, durch Angst Verhalten steuern zu wollen, das uns auch im Beruf verfolgt. Zudem ist es der Stress der Verantwortungsträger, der sie blind macht für die Nutzlosigkeit des Verbreitens von Angst. Wir haben es versäumt zu lernen, dass Veränderung auch Glück, Chancen und Lebendigkeit bedeuten. Nur wenige können sich mit einer offenen Zukunft anfreunden, in der vieles anders sein kann, aber deswegen nicht schlecht oder gefährlich sein muss. Veränderung bedeutet immer auch eine Verschiebung der Machtverhältnisse. Wer Macht ausübt, ist von Natur aus nicht daran interessiert, dass Menschen keine Angst vor der Verschiebung von Machtverhältnissen haben.

Was sind die typischen Kriterien einer Angstkultur im Unternehmen?
Aufbau und Erhalt von Stressfaktoren; Bereitschaft zur zweit- und drittbesten Entscheidung, weil Entscheider (aus Angst) nur das Beste für die eigene Unangreifbarkeit suchen, statt das Beste für die Sache, die entschieden werden muss; feste Hierarchien und der Glaube an die Autorität; Humorlosigkeit; strenge Zielvereinbarungen; ökonomische Sachzwänge im Unternehmen.

Wir leben in einer volatilen, sehr schnelllebigen Welt. Viele Unternehmen reagieren auf die Veränderungen und den globalen Druck mit regelmäßigen Change Management-Prozessen, verlangen aber trotzdem Innovation und Top-Performance von den Mitarbeitenden. Wie können Führungskräfte in einer solchen Situation für ein angstfreies Klima sorgen?
Das erfordert zunächst einen stabilen Charakter der Führungskräfte. Wenn sie beständig zwischen den Interessen ihrer Obrigkeit und denen der Mitarbeiter vermitteln sollen, dürfen sie nicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt sein. Unternehmer müssen daher an einer guten Ausbildung ihrer Führungskräfte interessiert sein. Einer Führungskraft Ratschläge zu erteilen, wie sie Aufgaben bewältigen soll, die sie eigentlich überfordert, scheint mir so etwas zu sein wie die Therapie, die die eigentliche Krankheit ist. Führungskräfte finden sich nicht selten vor Situationen, für die es keine Musterlösung gibt. Genau dann ist es wichtig, dass diese Situation nicht zum Auslöser der Angst wird. Denn dann sind die Wege, die zu einer guten Entscheidung führen können, versperrt. Führungskräfte tun gut daran sich bewusst zu machen, dass jede Gefahr noch größer wird, wenn sie vor ihr mit dem Gefühl der Angst flüchtet oder ablenkt. Von dem Piloten, der vor ein paar Jahren sein Passagierflugzeug auf dem Hudsoriver in New York im Segelflug notgelandet hat, können wir die wichtigste Strategie zur Beantwortung ihrer Frage lernen: Führe dir stets auch den worst case vor Augen, ohne Angst davor zu verbreiten. Dann wird es dir leichter fallen, damit umzugehen, wenn er eingetreten ist.

Im Augenblick scheint weltweit ein Zustand der Instabilität zu herrschen. Die Geheimdienste hören in großem Stil befreundete Nationen ab, Religionskonflikte nehmen zu und werden immer brutaler. Hinter vielen dieser Konflikte scheint mir Angst ein großer, fast schon unkontrollierbar gewordener Treiber zu sein. Welche Möglichkeiten gibt es überhaupt (noch) auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, Angstherde einzudämmen?
Die politischen Strategien und ihre Bewertung in der Gesellschaft klaffen naturgemäß weit auseinander. Wir wissen nie, ob die politische Klasse das Beste für sich oder das Volk tut. Aber unsere modernen Demokratien haben gegenüber älteren und veralteten Staatsformen den einen Vorteil: die Kontrolle der politischen Macht durch die politische Macht funktioniert halbwegs. Insofern dürfen wir hoffen, dass bestmögliche Entscheidungen auf die Probleme bezogen, eine gute Chance haben. Vor hundert Jahren hätten die Vorgänge in Russland sowie in den arabische Krisenherden wahrscheinlich längst schon zu kaum noch zu kalkulierenden militärischen Maßnahmen der Industriestaaten geführt. Als Teil der Gesellschaft könnten wir uns heute bewusst machen, dass es eine Macht des Bürgers gibt, der nicht immer nur schweigend und passiv zur Kenntnis nimmt, was gerade passiert. Die Ereignisse um Charlie Hebdo haben gezeigt, dass eine der wichtigsten Machtfaktoren des fundamentalistischen Islam an seine Grenze kommen kann: Die Verbreitung von Angst. Die Verteidigung der Pressefreiheit geschieht derzeit auch unter Inkaufnahme der Gefahr, selbst Ziel des explosiven Terrorismus zu werden. Eine Möglichkeit der Eindämmung von Angstherden ist es, dass wir uns nicht einschüchtern lassen von denjenigen, deren einzige Macht darin besteht, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das wird sicher auch Opfer fordern. Aber bedenken wir dabei stets, dass wir bereitwillig Tausende Verkehrs-„opfer“ in Kauf nehmen – und zwar jedes Jahr von neuem -, um die Freiheit zu genießen, mit dem Auto mobil sein zu können. Wir könnten uns beispielsweise auch daran gewöhnen, dass manche „Unfälle“ passieren. Das scheint mir immer noch weit besser zu sein als die Illusion der totalen Sicherheit und Unsterblichkeit mit dem Preis der Angst bezahlen zu müssen. Wenn wir nach dem Motto Benjamin Franklins zu leben verstünden – Das einzig Gewisse in unserem Leben sind der Tod und die Steuern -, dann wird uns Gelassenheit im Umgang mit den Quellen der Angst am ehesten zu den bestmöglichen Entscheidungen führen.

Die nächste Krise kommt bestimmt. Was können wir selbst dann pro-aktiv tun, um einer Krise angstfrei begegnen zu können?
Wir können sie uns vorstellen, ausmalen, Karikaturen zeichnen, Witze darüber machen und lachen. Wir können gewissenhaft die damit verbundenen Gefahren abwägen. Aber eines sollten wir nicht aus den Augen verlieren: Die Zukunft ist offen, und es gib nicht nur eine einzige Erwartung, die wir ausmalen müssen. Wer uns einschüchtern will, weil nur seine schlimme Erwartung zu gelten habe, dessen Nähe sollten wir meiden.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: eine Schlange
  • Innovation: ein Erfinder
  • Anpassungsfähigkeit: ein Feigling
  • Kreativität: ein ganz normaler Verrückter
  • Veränderung: Hoffnung
  • Angst: Beklemmung
  • Zukunft: helles Licht
  • Deutschland: ein Paradies
  • Ich: „Ich habs vergessen“
  • Beruf: Leidenschaft
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