Interview: „#Industrie40 – die High-Tech-Realität von Morgen“

Andreas SchulzIndustrie 4.0 beherrscht als das Top-Thema der Zukunft nicht nur die Fachmedien, sondern wurde auch ausführlich auf den vergangenen beiden Fachmessen, CeBIT und Hannover Messe Industrie, diskutiert und thematisiert. Industrie 4.0 – die Verbindung von Digitalisierung und Automatisierung – ist unsere High-Tech-Realität von Morgen, auf die wir uns vorbereiten und auf deren Welle wir mitreiten müssen – ob wir wollen oder nicht. Um mal abzuklopfen, wo wir in Deutschland stehen, wenn es um die Umsetzung von Industrie 4.0 geht, habe ich mit Andreas Schulz gesprochen. Er bezeichnet sich selbst als Ingenieurversteher und seine Antworten sind ebenso lesenswert wie aufschlussreich.

NAME: Andreas Schulz
BERUF: Ingenieurversteher und Marketingleiter
Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Kommunikativ, innovativ
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: iPhone6 + twitter (und noch viele andere Apps)
Meine Lieblingswebseite: Siemens/Innovationen
Meine eigene Webseite: ingenieurversteher.de

Andreas, Du bezeichnest Dich selbst als „Ingenieurversteher“. Kannst Du den „Nicht-Ingenieuren“ unter uns mal erklären, was „Industrie 4.0“ eigentlich ist?
Die schnelle Antwort lautet: Die Internettechnologie zieht in die Industrie und Produktion ein. Aber das ist zu kurz und knapp, um die Tragweite von „Industrie 4.0“ deutlich zu machen. Unsere komplette Gesellschaft steht im Rahmen der Digitalisierung vor sehr großen Veränderungen, die teilweise disruptive Folgen haben werden. Im Produktionsunternehmen wird sich in den nächsten Jahren sehr viel verändern. Die Wertschöpfungskette wird zukünftig digital ablaufen und hört nicht an den Unternehmensgrenzen auf. Hört sich erstmal nicht so spannend an – ist es aber. Alleine wenn man schaut, wieviel Papier, Medienbrüche und redundante Datenhaltung heute noch an der Tagesordnung ist, dann wird einem klar, dass man das nicht mal eben von jetzt auf gleich ändert.
Die Automatisierung wird weiter voranschreiten und eine völlig neue Generation von intelligenten und sensiblen Robotern zieht nun in die Fertigung ein. Volkswagen hat z.B. gerade angekündigt, dass das Unternehmen in den kommenden Jahren zum einen große Produktivitätsschübe durch den verstärkten Einsatz von Robotern erwartet. Zum anderen möchte Volkswagen aber auch dem demografischen Wandel begegnen, der jetzt anfängt, sich auszuwirken bzw. in den nächsten zehn Jahren verschärfen wird.
Maschinen fangen nun an, ihre Auftrags- und Maschinendaten in die Cloud zu twittern. Das bedeutet, dass riesige Datenmengen entstehen. Beispielsweise werden im Hightech-Werk  von Siemens, dem Elektronikwerk in Amberg, täglich 50 Mio. Prozessinformationen generiert. Diese „Big Data“ müssen in eine auswertbare Form zu „Smart Data“ konsolidiert werden. Wenn das gelingt, kann eine Fabrik in Echtzeit gesteuert werden. Potentielle Maschinenstillstände oder ein Verschleiß der Werkzeuge werden durch frühzeitige und präventive Wartung vermieden und damit Stillstände minimiert.
Die Steuerung der Fertigung geschieht nicht mehr zentral aus dem ERP-System, sondern Produkte und Maschinen werden so intelligent, dass sie gemeinsam mit dem Menschen die Fertigung dezentral und autonom steuern. Ein Produkt weiß dann zu jeder Zeit, welcher Arbeitsschritt der nächste ist und verfügt entsprechend über die komplette Fertigungshistorie. Daran wird deutlich, wie nachhaltig die Änderungen sein werden.

Eine in vielen Bereichen vollautomatisierte Wirtschaft zieht zwangsläufig auch eine veränderte Arbeitswelt mit sich. Was glaubst Du, wird „Industrie 4.0“ mehr Arbeitsplätze vernichten oder zu einem neuen Jobwunder führen? Wie könnte dieses Jobwunder aussehen?
Jobwunder und Jobvernichtung – das sind zwei starke Extreme, denen ich mich weder in die eine, noch in die andere Richtung anschließen möchte. Aus meiner Sicht ist aber eines sicher: Wir werden massive Änderungen in der Arbeitswelt erleben. Eine aktuelle Studie von Volkswagen hat gezeigt, dass teilweise noch ca. 30% der Arbeiten in der Fertigung schwierig bis sehr schwierig, d.h. ergonomisch nicht optimal sind. Diese Aufgaben werden zunehmend Roboter übernehmen. Die positive Nachricht an dieser Stelle ist, dass die Arbeiten in der Produktion ergonomischer werden. Mögliche Folgen könnte dann eine Reduzierung der Krankenquote bei gleichzeitiger Steigerung von Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter sein. Aber jede Medaille hat zwei Seiten und so gibt es auch einen negativen Aspekt. Die einfachen Arbeiten werden zunehmend wegfallen. Das bedeutet, dass sich Mitarbeiter weiter entwickeln und qualifizieren müssen. Gerade mit dem Einzug des Internets aber auch bei den persönlichen Fähigkeiten wie Kommunikation, Teamfähigkeit, Prozessverständnis, Kunden- und Lösungsorientierung sowie Entscheidungsfähigkeit kommen ganz neue Themen auf die Mitarbeiter zu.

In der frühindustriellen Zeit gab es die Weberaufstände, weil die Weber gegen die Industrieproduktion aus England nicht mehr konkurrenzfähig waren. Was müssen wir heute den Menschen sagen, die gegen einen Roboter nicht mehr konkurrenzfähig sein werden?
Ja, das ist ein sehr interessanter und aus meiner Sicht wichtiger Aspekt. 1815 sind diese sogenannten Maschinenstürmer unter ihrem Anführer Ned Ludd in die Fabriken gestürmt und haben vorwiegend die in der Textilindustrie durch Dampfkraft automatisierten Webstühle vernichtet. Die Menschen hatten Angst davor, dass ihre Arbeitsplätze wegfallen und sie ihren sozialen Status verlieren würden. In den letzten Wochen und Monaten musste ich regelmäßig an die Maschinenstürmer denken und über viele Parallelen zur aktuellen Entwicklung nachdenken. Zweihundert Jahre später werden wir sicherlich nicht in die Produktion rennen und die Roboter vernichten. Aber die Sorgen und Ängste sind ähnlich. Das Management der Unternehmen muss sich diesem Thema annehmen. Aus meiner Sicht geht das nur durch eine intensive und fortlaufende Kommunikation mit den Mitarbeitern. Auch das macht Volkswagen (zumindest von außen betrachtet) gut. Das Unternehmen kommuniziert die Veränderungen intern und leitet entsprechende Weiterbildungsmaßnahmen ein. Die Gefahr, die ich aktuell sehe ist nur, dass viele Manager das komplette Thema Digitalisierung nicht wirklich auf dem Radar haben – und das ist noch nicht einmal vorwurfsvoll gemeint. Der größte Teil der Unternehmenslenker ist in der Regel vor 1990 geboren. Sie sind mit dem Thema Digitalisierung nicht aufgewachsen und haben es – anders als die Generation Y – nicht „natürlich adaptiert“.

Wie gut ist Deutschland auf den Trend „Industrie 4.0“ vorbereitet?
Seit längerer Zeit verfolge ich die Presse täglich sehr intensiv. Es vergeht kein Tag, an dem es keine Studie gibt die sagt, dass die „Industrie 4.0 – Ampel“ in Deutschland auf Grün steht. Es gibt aber auch Studien, die das genaue Gegenteil belegen. Natürlich haben global agierende Unternehmen in Deutschland wie Siemens und Bosch das Thema auf der Agenda. Mir macht allerdings auch eher der gesamte Markt sorgen. Ein Blick in die in Deutschland vorhandene Unternehmensstruktur zeigt, dass 99% aller Unternehmen weniger als 250 Mitarbeiter beschäftigen bzw. 90% weniger als zehn Mitarbeiter. Gerade der Mittelstand muss aber das Thema verstehen. Erfahrungsgemäß dauert es immer eine längere Zeit, bis die Themen von den großen Unternehmen im Mittelstand ankommen. Aktuell fühle ich mich sehr unwohl, wenn ich sehe, dass wir das globale IT-Spiel gegen die USA verloren haben bzw., von SAP einmal abgesehen, dort nicht einmal ansatzweise etwas dagegen zu setzen hatten.
Die Amerikaner gehen das Thema „Industrial Internet“ mit ihrem consortium (IIC) sehr pragmatisch an. Aktuell gibt es Bemühungen, zur Hannover Messe im April eine neue Industrie 4.0-Initiative ins Leben zu rufen. Es macht den Eindruck, dass die Verbände Bitkom, VDMA und ZVEI, die das Thema eigentlich treiben sollten, nicht so viele Maßnahmen auf die Straße bekommen haben.
Wir haben hier Zeit vergeudet. Die deutsche Gründlichkeit ist eine Mentalität, die uns sicherlich dorthin gebracht hat, wo wir heute stehen. Aber bevor wir eine schnelle 80%-Lösung am Markt platzieren, präferieren wir doch eher die perfekte 100%-Lösung. Gepaart mit der Angst vor dem Scheitern sind das schon grundsätzliche Unterschiede zur USA. Nicht immer ist alles gut was aus den USA kommt und das Kopieren einer Kultur macht keinen Sinn – aber ein wenig mehr Mut täte uns hier und da schon gut. Warum ist das Silicon Valley eine Maschine zur Generierung von neuen Ideen und Unternehmen? Sie haben dort verstanden, dass neun von zehn Ideen scheitern – und das ist normal. Dieses Verhalten ist uns in Deutschland sehr fremd. Ein Scheitern bedeutet Niederlage und Imageverlust.

Wenn Du für einen Tag Politiker sein könntest, was würdest Du in Deutschland unbedingt verändern wollen, damit wir als Wirtschaftsnation aber auch als Gesellschaft das Thema „Industrie 4.0“ wertschöpfend umsetzen können?
Ich finde diese Frage elementar wichtig. Die Politik kann beim Thema „Industrie 4.0“ nämlich nur die Rahmenparameter definieren. Das Verstehen und Umsetzen müssen die Unternehmen tun. Es ist gut und wichtig, dass sich das Thema „Industrie 4.0“ auf der Agenda der High-Tech-Strategie befindet. Ich finde es auch bemerkenswert, dass Frau Merkel in Davos auf dem Weltwirtschaftsforum den Industrie-Bossen mal die Meinung gegeigt und sie ermahnt hat, beim Thema Digitalisierung einen Gang höher zu schalten. Wichtig war sicherlich auch der Besuch bei Siemens im Elektronikwerk in Amberg, um zu verstehen, was „Industrie 4.0“ bedeutet. Aber all das alles reicht nicht! An einer funktionierenden Industrie 4.0-Plattform, in der Arbeitsfelder und Projekte identifiziert und umgesetzt werden müssen, kommen wir nicht vorbei. Die Kommunikation in den Markt, also in die Branchen und Unternehmen, muss intensiviert werden. All diese Maßnahmen kosten viel  Geld. Und auch hier unterstreichen die USA mit einem Investment von 2 Mrd. $ die Wichtigkeit des Themas „Industrial Internet“.

Wir neigen in Deutschland dazu, Veränderungen immer sehr kritisch zu betrachten und nehmen uns damit oft Chancen. Bitte sag den Kritikern von „Industrie 4.0“ doch mal, warum Deutschland auf diesen Zug unbedingt aufsteigen sollte.
Die Digitalisierung bietet dem Wirtschaftsstandort große Chancen. Haben wir das Thema verstanden und die notwendige Offenheit, alles bis jetzt Dagewesene kritisch in Frage zu stellen, werden wir viele neue Möglichkeiten entdecken, um Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Wohlstand langfristig zu sichern.

Und was würde passieren, wenn wir den Zug an uns vorbei fahren lassen?
Die Folgen wären für den Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig verheerend. Ohne zu sehr schwarz zu malen, müssen wir erkennen, dass die IT- und damit US-dominierte Welt sich gerade radikal verändert und Firmen wie Apple, Google, aber auch Uber und Airbnb in Branchen eindringen und die Spielregeln dort verändern. Das kann nicht in unserem Interesse sein und wir müssen fernab der IT-/US-Dominanz unseren Weg in der neuen digitalen Welt finden.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Dir einen Begriff und Du sagst mir, was Dir als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Immer wichtiger
  • Innovation: Viele gute Ingenieure in Deutschland
  • Anpassungsfähigkeit: Muss verbessert werden
  • Kreativität: Ist ausbaufähig
  • Veränderung: Mut zum Wandel
  • Angst: Aufklärung, Kommunikation und Qualifizierung notwendig
  • Zukunft: Viele Chancen
  • Deutschland: Mitten im Umbruch, raus aus der Hängematte
  • Ich: Schaue optimistisch in Zukunft und gehe das Thema an
  • Beruf: Nachhaltige Veränderungen
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