PowerTipp: Wertschöpfung als existenzielles Business-Konzept

Wertschöpfung1985 hat Michael E. Porter, US-Ökonom und Professor der Harvard Business School, in seinem Buch Competitive Advantage erstmals das Konzept der „Wertkette“ (auch Wertschöpfungskette) vorgestellt und wie folgt definiert: „Jedes Unternehmen ist eine Ansammlung von Tätigkeiten, durch die sein Produkt entworfen, hergestellt, vertrieben, ausgeliefert und unterstützt wird. All diese Tätigkeiten lassen sich in einer Wertkette darstellen.“ Big Data und Industrie 4.0 verändern die Wertschöpfungskette dramatisch. Das bleibt nicht ohne Folgen. Auch wir werden uns in Zukunft – stärker als bisher – mit der Frage unserer eigenen Wertschöpfung befassen müssen.


Wenn wir an Wertschöpfung denken, denken wir fast immer an die wirtschaftlichen (Arbeits-)Prozesse, die hinter dem Wort stecken. „Zeit ist Geld“, kommt einem schnell in den Sinn, aber auch die Normierung und Taktung von Arbeitsprozessen mit dem Ziel, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit und zu geringen Kosten zu produzieren. Schnelligkeit, Effizienz, Wettbewerbsfähigkeit sind die Schlagworte. Der Kosten-Nutzen-Gedanke steht im Fokus unseres Denken und Handelns.

Gerade durch den globalen Wettbewerbsdruck und das Nomadentum vieler Weltkonzerne, sich mit ihren Produktionsstätten an den Orten mit den zur Zeit niedrigsten Löhnen niederzulassen, hat das Wort Wertschöpfung einen negativen Beigeschmack bekommen – und viel an Tiefe und Bedeutung verloren.

Die wirtschaftliche Wertschöpfung – also das Ziel produktiver Tätigkeit – ist nämlich nur eine Seite der Medaille. Die zweite, und aus meiner Sicht sehr vernachlässigte, Seite ist der ethische Aspekt der Wertschöpfung. Hier geht es vor allem um ideelle Werte, die nicht sofort in harter Währung messbar sind und sich oft auch gar nicht monetär abbilden lassen.

Die ethische Wertschöpfung rückt den Menschen in den Mittelpunkt: Subjektive Wertvorstellungen, innere Befriedigung und Glückssuche sind die elementaren Treiber. Hier geht es nicht um das wirtschaftliche „Haben“, sondern um das individuelle und existenzielle „Sein“ – letztendlich also um den Sinn des eigenen Lebens. Dazu gehören Fragen nach

  • der persönlichen Lebensqualität,
  • dem eigenen Wohlbefinden,
  • den individuellen „Glücksmachern“, die nicht materieller Art sind,
  • der Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit,
  • der persönlichen Wertigkeit von Erinnerungen, Freundschaften oder Beziehungen im Vergleich zum materiellen Besitz.

Betrachten wir beide Seiten der Wertschöpfungs-Medaille, vereinigen wir:

  • Nutzdenken und Sinnstreben,
  • Materialismus und Idealismus

Verschmelzen wir ethische und wirtschaftliche Wertschöpfung, verringern wir die Gefahr der individuellen (Selbst-)Ausbeutung. Ein Job mit einem guten Jahresgehalt kann und muss der Prüfung der Lebensqualität und des Wohlbefindens standhalten können. Klaffen beide Seiten auseinander, lohnt sich ein kritischer Blick und die Frage: „Was ist zur Zeit für mein Leben elementarer? Ein Job mit einem guten Gehalt – oder ist es an der Zeit, den Fokus zu ändern und das persönliche Wohlbefinden in den Mittelpunkt zu rücken?“

Das Bewusstmachen von ethischer und wirtschaftlicher Wertschöpfung wird aus meiner Sicht in Zukunft noch viel wichtiger als heute, weil Industrie 4.0 und Big Data die Arbeitswelt verändern werden. Arbeiten, die heute noch ganz selbstverständlich „von Hand“ – sprich vom Menschen – erledigt werden, könnten in Zukunft durch Roboter und/oder Software-Programme ersetzt werden.

Wir werden über kurz oder lang gezwungen, uns mit unserer individuellen Wertschöpfungskette auseinander zu setzen und uns zu fragen:

  1. Wie, wodurch und wann erbringen wir für uns oder das Unternehmen, in dem wir arbeiten, materielle Werte, sprich: Durch welche Tätigkeiten, durch welche Kenntnisse, Erfahrungen und durch welches Know-how mehren wir den Wert eines Unternehmens, tragen wir zur Produktion von Produkten oder Dienstleistungen und einer guten Performance bei – und was davon könnte in Zukunft redundant werden durch Industrie 4.0 oder Big Data?
  2. Wie sehr und an welchen Stellen wird unser existenzielles Sein von der Veränderung der Arbeitswelt durch Industrie 4.0 und Big Data betroffen sein? Welche Auswirkungen wird das auf meine Lebensqualität und mein Wohlbefinden haben?

Gerade die zweite Frage zieht als Rattenschwanz die Beschäftigung mit der Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit nach sich:

  • Was muss ich tun, um diese Veränderung wertschöpfend mit gestalten zu können?
  • Wie vermeide ich, Opfer dieser Veränderung zu werden?
  • Wie muss ich mich fachlich und persönlich anpassen, um meine eigene Wertschöpfungswert zu erhalten oder sogar zu erhöhen?
  • Bis zu welchem Punkt will ich mich überhaupt anpassen und ab wann verzichte ich auf den materiellen Aspekt der Wertschöpfung, weil der ethische Aspekt nicht mehr gedeckelt ist?

Die Frage nach der (eigenen) Wertschöpfung wird zu einem existenziellen Business-Modell.

Advertisements

2 comments

  1. Hallo Melanie!

    Ein sehr schöner Beitrag. Wertschöpfung ist ganz eng verbunden mit Futability!! Das ist etwas, was Maschinen uns nicht wegnehmen können.
    Einfache Tätigkeiten werden schnell automatisiert und outgesourct.

    Viele Grüße
    Evelyn

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s