Interview: „Der sechste #Kondratieff“

Leo NefiodowWir leben in einer sehr veränderungsstarken Zeit. Veränderung selbst ist jedoch nichts Neues. Der Mensch ist von Anbeginn dem Wandel seiner Umwelt ausgesetzt – und bestimmt diesen zu sehr großen Teilen selbst mit im guten, wie im Schlechten. Könnten wir daher nicht aus den Veränderungen vergangener Jahre, Jahrzehnte und Epochen lernen? Wenn ja, gäbe es nicht vielleicht sogar Regelmäßigkeiten, die uns Hinweise auf eine mögliche Zukunft geben und unsere volatile Gegenwart erklären? Einer, der dieser Frage seit vielen Jahren nachgeht, ist der Zukunftsforscher Leo Nefiodow. In diesem Interview gibt er Einblicke in den „sechsten Kondratieff“.

NAME:    Nefiodow, Leo
BERUF: Zukunftsforscher
Meine eigene Webseite: www.nefiodow.de

Herr Nefiodow, Sie sind in Deutschland einer von sehr wenigen Wissenschaftlern, der sich mit den Kondratieff-Wellen auseinander setzt. Können Sie den Leserinnen und Lesern, die von den Kondratieff-Wellen noch nie gehört haben, kurz erklären, was sich dahinter verbirgt?
Kondratieffwellen sind periodische Wirtschaftszyklen mit einer Dauer von 40-60 Jahren. Sie werden von bahnbrechenden Innovationen ausgelöst (Basisinnovationen) und führen zu einem langen Aufschwung. Sie sind der wichtigste Antriebsmotor für den Strukturwandel.

Sie haben in Ihrem Buch „Der sechste Kondratieff“ die Biotechnologie als eine der Basisinnovationen des 6. Kondratieff genannt. Jetzt werden momentan die Themen „Industrie 4.0“ und „Big Data“ sehr getrieben, die, wenn sie konsequent umgesetzt werden, eine Revolution der Arbeits- und Wirtschaftswelt nach sich ziehen werden. Kämen diese Entwicklungen nicht auch als Basisinnovationen in Frage?
Eine Basisinnovation zeichnet sich durch fünf Kriterien aus: Sie besitzt einen Lebenszyklus von 40-60 Jahren, sie beansprucht einen überdurchschnittlich hohen Anteil an den Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen, sie leistet den größten Beitrag zum Wirtschaftswachstum, sie führt zu einer weitreichenden Reorganisation der Gesellschaft und leistet den größten Beitrag zur Überwindung der aktuellen Wachstumsbarrieren.
Die von Ihnen genannten Themen sind sehr spannend und wichtig. Aber sie erfüllen die genannten Kriterien nicht. Basisinnovationen des neuen, des sechsten Kondratieffs sind Biotechnologie und psychosoziale Gesundheit. Nicht jede wichtige oder spannende Innovation ist eine Basisinnovation (z.B. Nanotechnologie, Neuroinformatik, Umwelttechnik, erneuerbare Energien etc.).

Welche Kompetenzen werden von den Menschen im 6. Kondratieff gebraucht?
Die bisherigen Kondratieffzyklen wurden primär durch Energie getragen. Dabei kam es in erster Linie auf die naturwissenschaftliche, technische und betriebwirtschaftliche Kompetenz an. Diese Wachstumsquellen sind und bleiben wichtig, besitzen im neuen Kondratieffzyklus aber nicht mehr die höchste Priorität. Warum nicht? Weil die gegenwärtig wichtigsten und akutesten Probleme nicht aus einem Mangel an Energie, nicht wegen naturwissenschaftlicher Defizite oder fehlender Hardwaretechnologien resultieren. Die gefährlichsten globalen Probleme sind vielmehr die Folgen von menschlichem Fehlverhalten, genauer: sie sind eine Folge von moralischen Defiziten. 230 Milliarden Euro verlieren wir jedes Jahr durch innere Kündigung und Dienst nach Vorschrift. Mobbing z.B. kostet uns jedes Jahr 15 Milliarden Euro. Jeder vierte Millionenbrand wird durch Sabotage ausgelöst, und diese Liste lässt sich beliebig verlängern. Und hinter diesen Verlusten steht kein Mangel an Fachwissen. Das brisante an der heutigen Situation ist, dass der Mensch die größte Wachstumsbarriere und gleichzeitig die größte Ressource zur Lösung der Probleme darstellt. Deshalb kommt es in Zukunft vor allem darauf an, die gesunden Potenziale des Menschen zu mobilisieren. Die wichtigste Kompetenz der Zukunft ist ein gesunder Umgang mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit der Umwelt.

Was sollten kluge Unternehmenslenker tun, um sich auf den 6. Kondratieff einzustellen?
Sie sollten – zusammen mit ihren Mitarbeitern – in die Gesundheit investieren. Die Firma SAP beispielsweise bietet ihren 50.000 Beschäftigten eine kostenlose Krebsvorsorgeuntersuchung an und im Falle einer Erkrankung übernimmt sie die Behandlungskosten. Aber die Firmen sollten nicht nur in die körperliche Gesundheit investieren. Der Mensch hat auch eine soziale, seelische und spirituelle Kraft, die krank oder gesund sein kann und die einen erheblichen Einfluss auf das Betriebsgeschehen ausübt. Kluge Unternehmer sollten mehr als bisher das Potenzial der Tugenden, die in jedem Menschen stecken, erschließen. Dabei müssen sie nicht alles neu erfinden. In Amerika und Kanada beispielsweise sind 4000 christliche Geistliche in Betrieben eingesetzt, um die Zusammenarbeit zu fördern, Spannungen zu beheben, das Betriebsklima zu verbessern und dadurch die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Die Zufriedenheit steigt beruflich und strahlt in den privaten Bereich hinein.

Bislang war jeder auslaufende Kondratieff-Zyklus von Krisen und erheblichen gesellschaftlichen Verwerfungen begleitet. Auch im Augenblick häufen sich politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen. Sehen Sie eine realistische Möglichkeit, diese Abwärtsspirale zu bremsen oder liegt es in der Natur des Menschen, Veränderungen nur unter Schmerzen zuzulassen?
Die Abwärtsspirale wird gebremst, wenn die Länder und Firmen sich konsequent auf den neuen Kondratieffzyklus und seine Basisinnovationen ausrichten. Die Nationen, die sich bereits für den sechsten Kondratieff geöffnet haben, wie z.B. Deutschland, konnten die Finanzmarktkrise 2008 und die Eurokrise am besten vermeiden und profitieren bereits vom  sechsten Kondratieffzyklus. In Deutschland sind nach einer neuen Studie des Bundeswirtschaftsministerium 22 Prozent der Beschäftigten in der Gesundheitswirtschaft tätig. Das ist der wahre Grund, warum es uns besser geht als anderen Ländern. Der Strukturwandel tut dann weh, wenn man an den überholten Mustern festhält oder sich zu halbherzig auf den neuen Kondratieffzyklus ausrichtet. Sehr hinderlich können auch ideologische Vorurteile sein, wie damals in der Sowjetunion zur Zeit des fünften Kondratieffs, als die kommunistische Partei die Informationstechnik – die Basisinnovation des fünften Kondratieffs – nicht freigeben wollte und damit ihren wirtschaftlichen Niedergang eingeleitet hat.

Dürften Sie einen Tag lang politische Weichenstellung betreiben und hätten Sie drei Wünsche frei, welche Rahmenbedingungen würden Sie ändern wollen, damit Deutschland den Wandel zum 6. Kondratieff gestalten und tragfähige Wachstumskonzepte entwickeln kann?
Das ist ein weites Thema. Ich würde versuchen, in folgenden Bereichen anzusetzen:

  1. Gesundheitsführerschein. Heute muss jeder Deutsche, der ein Auto fahren will, die notwendige Kompetenz dazu besitzen und diese in Form eines Führerscheines nachweisen. Damit soll gewährleistet werden, dass der Autofahrer weder sich selbst noch andere verletzt oder gefährdet. Dieser Grundsatz sollte erst recht beim Umgang mit Menschen gelten. Jeder Mensch sollte in Zukunft die Fähigkeit erlernen, wie man gesund mit sich selbst und mit anderen Umgeht. Alle Erwachsenen sollten per Gesetz verpflichtet werden, sich durch Weiterbildung ausreichende psychosoziale Kompetenz anzueignen. Gesunde Verhaltensweisen sind kein Geheimnis, es ist vielmehr eine Frage von Wissen und Übung – für jedermann erlernbar. Auch von Schülern aller Altersstufen.
  2. Familien. Für den Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich von Hayek sind zwei Institutionen für eine freie Gesellschaft unverzichtbar: das Privateigentum und die Familie. Wenn das Privateigentum nicht geschützt ist, und jedermann sich am Eigentum des anderen bedienen kann, dann bricht die Ordnung zusammen. Das gleiche gilt für die Familie. Die gesunde Familie ist der beste Ort für die Entfaltung und Vermittlung von psychosozialer Kompetenz. Mein Wunsch ist, dass wir aufhören die Familie abzuwerten. Alternative Modelle reichen nicht an die Familie heran, das zeigen inzwischen auch die neuesten Forschungen. Und wir müssen die, die in die Familie investieren, wertschätzen und honorieren.
  3. Revitalisierung des Christentums. Keine andere Religion stellt die Liebe derart in den Mittelpunkt wie das Christentum. Das gilt sogar für die Feinde – ein hoher Anspruch. Die Unordnung in der Welt kommt nicht von den echten Christen. Bedauerlicherweise befindet sich das Christentum hierzulande in keiner guten Verfassung. Die Christen werden die Menschen erst dann wieder überzeugen, wenn sie entsprechend konsequent die christliche Botschaft leben. Mit fragwürdigen Kompromissen an den Zeitgeist wird man niemanden gewinnen. Nur der authentische Lebenswandel überzeugt. Der Mittelpunkt muss Jesus Christus sein. In seinen Worten ist alles enthalten, was man für ein gutes Zusammenleben braucht. Alle Antworten sind schon da. Sie stehen in der Bibel.

 

Nehmen wir an, Sie könnten in die Zukunft blicken und sehen Deutschland im Jahr 2030, dann ist Deutschland in Ihrer Vision ein Land, dass…
… in Europa nach wie vor die Nummer eins ist. Die Gesundheitswirtschaft ist dann der mit Abstand größte Wirtschaftszweig und trägt 30 Prozent des Wirtschaftswachstums. Fast jeder dritte Arbeitsplatz ist direkt oder indirekt von der Gesundheitswirtschaft abhängig. Im Gesundheitswesen haben wir eine Mehr-Klassen-Gesellschaft. Viele Leistungen können von den Krankenkassen nicht finanziert werden. Der Anteil der Eigenversorgung und Selbstbehandlung ist enorm gestiegen. Bereits heute werden in Deutschland 70 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben an den Krankenkassen vorbei ausgegeben. Diese Zahl wird sich bis 2030 mehr als verdoppeln.
Auf der anderen Seite wird die gesellschaftliche Spaltung zwischen jenen, die auf Ordnung setzen und jenen, die direkt oder indirekt von der Unordnung profitieren, einen Höhepunkt erreichen. Mehr als ein Drittel des Sozialproduktes wird durch Unordnung – Betrug, Geldwäsche, Korruption, Kriminalität, Destruktivität – erwirtschaftet. Das Bruttoinlandsprodukt als quantitatives Maß für Fortschritt hat ausgedient.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: ambivalente Eigenschaft.
  • Innovation: Schlüssel zur Zukunft
  • Anpassungsfähigkeit: macht überlebensfähig
  • Kreativität: zweischneidige Sache. Sie kann zum Guten, aber auch zum Bösen verwendet werden.
  • Veränderung: oft unvermeidbar
  • Angst: die Folge, wenn man nicht an Gott glaubt
  • Zukunft: wird gemacht
  • Deutschland: Heimat
  • Beruf: Zukunftsforscher
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2 comments

  1. Sehr interessantes Interview. Ich bin gespannt, ob wirklich in die Gesundheitsindustrie investiert wird. Das werden die Lobbyisten der gesundheitsabträglichen Branchen wahrscheinlich zu verhindern wissen…..wie bisher auch. Solange aber die Krankenkassen die falschen Behandlungsmethoden fördern und ebenso Fehlernährungen nicht korrigieren, jede Fehlstellung mit orthopädischen Einlagen und jede Fehlsicht mit einer Brille kuriert, halten ja alle schön zusammen. Weil es sich für alle gut und einfach rechnet.
    Eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen ist unverzichtbar.

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    1. Liebe Evelyn,
      ich bin auch gespannt, ob die Veränderung in diese Richtung geht – und vor allem, wann. Ich denke auch, dass die ganzheitliche Betrachtung des Menschen dringend in den Mittelpunkt der Betrachtung muss – gerade auch in der Wirtschaft. Aber ich sehe die Veränderung dahingehend leider auch wenn überhaupt nur sehr langsam voran schreitend… Mal schauen, welchen Einfluss der demografische Wandel haben wird – vielleicht werden die Schmerzen im Gesundheitssystem irgendwann so brutal, dass die Änderung dann plötzlich ganz schnell geht…

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