Interview: „Ich bin dann mal weg!“

Marcella auf der Heide1Marcella auf der Heide hat etwas gemacht, was sich viele wünschen – aber nur wenige trauen: Sie hat eine einjährige Auszeit genommen und ist mit ihrem Mann um die Welt gereist. Das Besondere dabei: Die beiden haben das nicht etwa nach der Schule, während des Studiums oder kurz vor dem Berufseinstieg gemacht, sondern mitten aus einem erfüllten Berufsleben heraus. „Sabbatical“ nennt man das heute neudeutsch – großartig und inspirierend nenne ich es.

NAME: Marcella auf der Heide
BERUF: Begleitende Kinesiologin, Motopädin, Körpertherapeutin und Lehrerin für Touch for health®, Brain-Gym®, Optimale Gehirnorganisation®, Movement Dynamics®, Spirit of Energy® und Energy Psychology®
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: lebensfroh, optimistisch, energievoll
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: alles, was mich finden lässt, wenn ich etwas suche
Meine Lieblingswebseite: https://www.facebook.com/MoritzAufDerHeide.UltrarunnerAndTriathlete
Meine eigene Webseite: www.begleitende-kinesiologie.info (leidet an chronischer Vernachlässigung)
Und die von unserem Reiseblog: https://adhunterwegs.wordpress.com

Frau auf der Heide, 2014 war ein ziemlich besonderes Jahr für Sie und Ihren Mann, warum?
Wir haben uns unseren Traum einer längeren Auszeit für eine Weltreise erfüllt. Das heißt, wir wollten schauen, wie es ist, mit 50+, einem Rucksack und komplett selbstorganisiert loszuziehen.

Wie bereitet man sich auf so einen Trip vor?
Angefangen, von einer Weltreise zu träumen, haben wir schon als Studenten, allerdings wollten wir bis nach dem Examen warten, als dann eine unerwartete Schwangerschaft die Pläne vorerst durchkreuzte. Also wurde der Plan auf Eis gelegt und taute wieder auf, als unser erwachsener Sohn im Ausland sein eigenes Studium aufnahm und erste Reisen durch die Welt unternahm. Wir fingen an Ideen zu sammeln: über die Wunschziele, die Dauer der Reise, den finanziellen Rahmen, über die möglichen und notwendigen Schritte, um dieses Vorhaben auch umsetzen zu können, Fernsehdokumentationen über ferne Länder und den Austausch mit anderen Weitgereisten im Freundes- und Bekanntenkreis. Ca.½ Jahr vor der Abreise (besser wäre 1 Jahr gewesen!!!) wurde es dann ernst mit gezielten Internetrecherchen, der Lektüre entsprechender Reiseführer und dem Erstellen und Abarbeiten von Prioritäts-Listen (was alles muss bedacht werden und ist wann zu erledigen???). Was z.B. passiert in dem Jahr mit dem Haus, mit den Jobs, mit Versicherungen, Abos etc. und – ganz wichtig – was kommt in den Rucksack, wenn man auch wandern, fotografieren, vernetzt sein, aber nicht mehr als 12 kg mitschleppen will? Aber auch die Reiseroute, Klimazonen, Visaanträge, Impfempfehlungen, erste günstige Unterkünfte und Flüge wollten berücksichtigt werden. Es gab also viel zu tun…..

Australien
Australien

Ein Jahr Auszeit ist ja schon eine ziemlich drastische Lebensveränderung. Können Sie mal beschreiben, wie sich das anfühlt bei der Abreise, mitten drin und gegen Ende?
Da wir nicht fliehen wollten vor irgendetwas, sondern einfach nur endlich unsere Neugier stillen auf die Welt, ist es uns leicht gefallen abzureisen. Alles war bestens organisiert, (da ist mein Mann der Profi) und wir konnten unmittelbar eintauchen: Asien, Neuseeland, Australien, Nord- und Südamerika. Die Taktung im Wechsel der Reiseziele war sehr groß und deshalb zuweilen auch sehr anstrengend, aber wir wollten das so, um möglichst viel sehen zu können. Irgendwann haben wir aufgehört erstaunt zu sein über das Zeitgefühl wie in einem nicht enden wollenden Urlaub. Das Reisen wurde Alltag, zur Gewohnheit, blieb aber dennoch immer wunderbar aufregend aufgrund der vielen Erfahrungen mit den neuen Kontinenten, Kulturen und Lebensformen. Zur speziellen Entdeckung wurde das Neuland „Permanente-24-Stunden-Zweisamkeit“; nach 33-jähriger Beziehung eine spannende Herausforderung für den Zeitraum von mehr als 10 Monaten.
Erst zum Ende hin, als die verbleibende Zeit auf 6 Wochen schrumpfte, wurde uns richtig bewusst, dass das zuvor die jemals längste Reisezeit gewesen war. Aber dann haben wir uns auch wieder auf Zuhause gefreut. Es war genau richtig so, und wir wissen jetzt noch genauer, wie und wohin wir in Zukunft reisen wollen: an manche Orte nicht wieder (z.B. Kambodscha hat 1x gereicht), an andere umso lieber (z.B. Neuseeland) und auch an ganz neue Orte (z.B. Patagonien, wo es auf unserer Reise zum Wandern zu kalt war). Aber auch nicht mehr so lange am Stück, lieber mal nur für ein paar Wochen auf nur einem Kontinent (Afrika wartet noch) oder auch mit dem Wohnmobil quer durch Europa.

Was war Ihr schönstes Erlebnis?

Kambodscha
Kambodscha

Es gab kein schönstes Erlebnis, sondern viele besondere. Denn überall gab es Highlights, nicht umsonst die allgemein bekannten wie z.B. in Asien das touristisch noch

Neuseeland
Neuseeland

recht unerschlossene Myanmar, in Australien der Ayres Rock, in Nordamerika der Grand Canyon, in Südamerika Peru mit dem Machu Picchu. Am wohlsten gefühlt haben wir uns jedoch in Neuseeland, das als Gesamterscheinung besonders war, vor allem, weil wir gerne wandern, die Natur lieben, uns die Sprache vertraut war und wir die perfekte Infrastruktur geschätzt und die humorvollen und entspannten Menschen gemocht haben. Und eine nachhaltige Bereicherung für mich persönlich war die Begegnung mit den spirituellen/ schamanischen Praktiken der indigenen Völker in Australien, Neuseeland und Peru.

 

Bangkok
Bangkok

Wie schwer (oder leicht) war es, dem gewohnten Alltag den Rücken zu kehren? Was hat Ihnen besonders gefehlt – und was haben Sie überhaupt nicht vermisst?
Es war nicht schwer aus dem Alltag auszusteigen, weil wir immer schon gerne und viel gereist sind. Gefehlt hat allerdings zunehmend das typisch deutsche Frühstück mit Schwarzbrot, gutem Kaffee und Zeitung. Gar nicht vermisst haben wir den sonst „alterstypischen oder soll ich sagen altersgemäßen“ Komfort durchorganisierter (Pauschal)-Reisen in Hotels mit Koffern voller Abendgarderobe. Das selbstorganisierte Reisen mit Rucksack, in Hostels (so was wie Jugendherbergen) und Wanderhütten und nur wenigen Wechselklamotten nach dem Zwiebelprinzip bevorzugen wir eindeutig, auch wenn wir uns heute mit 50+ gerne den Luxus eines Doppelzimmers mit Dusche anstelle eines „Dormbed“ im Mehrbettraum und Gemeinschaftsdusche leisten.

Sie sind sowohl angestellt als auch selbständig, Ihr Mann ist Journalist. Woher haben Sie den Mut genommen, Ihre Jobs ein Jahr lang an den Nagel zu hängen?
Wir sind zunächst ganz selbstbewusst und mutig mit unserem Vorhaben ins Gespräch mit den Arbeitgebern gegangen und haben soweit überzeugt und zugleich Glück gehabt, dass man uns sehr entgegen gekommen ist. Meinem Mann wurde ein unbezahlter Urlaub und mir ein Wiedereinstellungsvertrag angeboten. Meine Praxis hatte

Myanmar
Myanmar

ich untervermietet.
Natürlich blieb es ein kleines Restrisiko, wie es nachher werden würde. Mittlerweile kann ich sagen: Es läuft und zwar bestens! Ich wäre aber auch flexibel gewesen, meine Selbstständigkeit auf neue Füße zu stellen, z.B. indem ich die Option Seminare zu leiten, ausgebaut hätte.

Wenn Sie zurückblicken auf sich selbst vor Ihrer Auszeit und jetzt – sind Sie heute ein anderer Mensch? Was hat sich verändert?
Das ist eine Frage, die uns seit der Rückkehr häufig gestellt wird. Charakterlich sind wir sicherlich dieselben geblieben, aber wir haben natürlich einen größeren Erfahrungsschatz als vorher, haben uns Meinungen und Urteile gebildet über die Welt und das Reisen an sich. Mir persönlich hat die Reise immer wieder die Augen geöffnet und mich demütig werden lassen vor der Schönheit und Vielfalt auf unserer Erde. Ich habe einige Vorurteile und romantische Vorstellungen von den Kontinenten, den Menschen und den Kulturen loslassen können, habe verstanden, wie wichtig Toleranz und der Schutz von Natur und Tierwelt und der Erhalt auch anderer Lebensformen ist. Ich habe sicherlich auch ein größeres Verständnis für globale Zusammenhänge gewonnen und damit ein stärkeres gesellschafts-politisches Bewusstsein und Verantwortungsgefühl für die kleinen Dinge in meinem eigenen Leben als Basis für die Freiheit und den Frieden in der Welt.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: eröffnet neue Perspektiven und Möglichkeiten
  • Anpassungsfähigkeit: erleichtert das Zusammen-Leben, das Reisen und die Arbeit, sollte aber Hand in Hand gehen mit Kritik- und Urteilsfähigkeit
  • Kreativität: macht das Leben schöner und bunter und die Menschen interessanter
  • Veränderung: ist das Potenzial, um zu wachsen, zu lernen und sich weiterzuentwickeln
  • Angst: ist selten sinn-voll, Vertrauen und Mut sind meine Helfer
  • Zukunft: ist die Aussicht auf viele neue Erfahrungen und Entdeckungen
  • Deutschland: ist mein Heimatland, in dem ich mich Zuhause fühle und gerne lebe
  • Welt: bereisen lehrt Demut vor dem Wunder der Schöpfungsvielfalt und Toleranz
  • Ich: bin zutiefst dankbar dafür, dass ich so bin wie ich bin
  • Beruf: bedeutet für mich Erfüllung, weil er im eigentlichen Sinne eine Berufung ist

 

Bildquelle: Marcella auf der Heide

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