Interview: „Das Optimum von gestern ist der Standard von heute.“ #Zeitverzögerung

Robert Lauritsch1Irgendwie habe ich das Gefühl, auch in diesem Jahr ist die erste Jahreshälfte in Windeseile vergangen. Je älter ich werde, umso schneller verrinnt die Zeit, so scheint es mir. Aber selbst mein elfjähriger Sohn bemerkt ab und an verwundert: „Die Zeit ist aber schnell vergangen“. Dabei besteht seit Menschengedenken ein Tag aus 24 Stunden, ein Jahr hat 365 Tage – daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Dennoch hat sich in den letzten Jahrzehnten unser Zeitempfinden gewandelt. Mit dem Einzug der Technologie in fast alle Lebensbereiche des Menschen, sind wir 24/7 „on“. Die virtuelle Welt, mit der wir verbunden sind, kennt keine Entschleunigung. Im Rahmen meiner Buchrecherche zu dem Thema bin ich auf den „Verein zur Verzögerung der Zeit“ gestoßen. Und ich freue mich sehr, dass Mag. Robert Lauritsch Zeit gefunden hat, meine Fragen zum Thema Zeit und Schnelllebigkeit zu beantworten. Und seine Antworten sind sehr lesens- und nachdenkenswert!

NAME: Mag. Robert Lauritsch
BERUF: Verein zur Verzögerung der Zeit, Büro der Geschäftsführung
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: drei sind ungenügend
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Ich habe kein Smartphone.
Meine Lieblingswebseite: www.derstandard.at
Unsere Webseite: www.zeitverein.com

Herr Lauritsch, Sie sind Zeitexperte. Bitte erklären Sie uns, was genau Zeit eigentlich ist.
Die Zeit ist, um es mit Aristoteles zu sagen, das Maß der Bewegung. Da dieses Maß aber nicht natürlicherweise in der Welt existiert, sondern die gemessene Zeit in Form von Sekunden, Minuten und Stunden eine kulturtechnische Errungenschaft ist, wäre es präziser, Protagoras zu zitieren, wenn er sagt, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist. Die Zeiteinteilung ist so, weil wir sie uns so eingerichtet haben. Zweimal im Jahr bei der Zeitumstellung wird uns bewusst gemacht, dass die Uhrzeit eine menschengemachte Mehrheitsentscheidung ist. Eine sanftere Umstellung wäre wünschenwert, denn der unmittelbare Verlust einer Stunde bei der Umstellung zur Sommerzeit hat mitunter gravierende Folgen für den Biorhythmus, der sich erst in der Woche danach langsam wieder normalisiert. Eine dreitägige Umstellung um jeweils 20 Minuten von Freitag bis Sonntag würde die Übergangsphase wesentlich erleichtern. Russland hat die Zeitumstellung gar ganz abgeschafft, dort gilt seit Oktober 2014 ganzjährig die Winterzeit bzw. Normalzeit, nachdem in den drei Jahren zuvor ganzjährig die Sommerzeit galt, was aber im Winter zu Problemen führte und von der Bevölkerung und Regierung zunehmend abgelehnt wurde.

Sie sind Mitglied im „Verein zur Verzögerung der Zeit“. Wie und warum verzögern Sie die Zeit?
Der Name des Vereins ist eine Provokation, die es erleichtert, ins Gespräch zu kommen und auf Beschleunigungsphänomene aufmerksam zu machen. Er ist sowohl eine Interessensgemeinschaft wie auch Reflexionsplattform. Die meisten seiner Mitglieder „haben keine Zeit“, möchten sie aber haben und nutzen den Verein zur Vernetzung und zum Austausch über die Problematik. Wie schon gesagt ist die Zeit das Maß der Bewegung. Was wir also tun können, ist, das Design der Bewegungsinhalte zu entscheiden. Die aristotelische Vorstellung, dass die Zeit unendlich in immer kleinere Intervalle teilbar ist, bildet auch heute noch die Grundlage für immer schnellere Technologien. Technologien, die schon lange jenseits der menschlichen Wahrnehmungs- und Leistungsfähigkeit in Nanosekundenschnelle ablaufen.

„Wir leben in schnelllebigen Zeiten“, heißt es oft. Dabei hat der Tag für jeden von uns heute immer noch 24 Stunden – genauso wie vor 20, 50 oder 100 Jahren auch. Trotzdem ist irgendetwas anders. Was genau ist das? Wieso kommt uns die Zeit heute so schnelllebig vor?
Einerseits weil die Technologie es uns erlaubt, immer mehr Dinge in immer kürzeren Zeitabständen unterzubringen und Arbeit zu delegieren bzw. zu automatisieren. Zumindest suggeriert das der technologische Fortschritt. Es scheint keinerlei Grenzen zu geben und auch keine Pausen mehr. Andererseits sind wir permanent mit dem Phänomen der flüchtigen Dauerhaftigkeit konfrontiert. Die Mails von gestern sind zwar nicht mehr aktuell – aber sie sind immer noch da. Und heute sind schon wieder neue eingetroffen, es könnte ja sein, dass in einem davon etwas unheimlich Wichtiges steht, das eine Reaktion erfordert. Am besten liest und beantwortet man diese Mails nicht erst am nächsten Tag während der Arbeit, sondern abends zu Hause am Smartphone und damit so schnell wie möglich. Diese Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, gestützt durch Kommunikationstechnologie, bedeutet Dauerstress, denn „irgendwas ist immer“ oder „könnte sein“. Das Mitteilungsbedürfnis über Soziale Medien wie Facebook oder Twitter ist dabei noch gar nicht mitberücksichtigt.
Die Sorge, etwas zu verpassen, nicht präsent zu sein, eine günstige Gelegenheit nicht wahrgenommen zu haben, Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen und damit einen Nachteil zu erleiden, einen neuen Trend zu verschlafen, usw. ist so groß, dass versucht wird, immer das Maximum an Aktivität zu leisten. Aber so sehr wir uns auch bemühen – 99,9% des täglichen Weltgeschehens zieht trotzdem außerhalb unserer Wahrnehmungsreichweite an uns vorbei. Wir haben also ständig das Gefühl, etwas versäumt zu haben. Und das haben wir auch. Aber ist das so schrecklich? Ich meine, nein, das ist überhaupt nicht schrecklich, sondern der natürliche Gang der Dinge. Ich muss nicht alles wissen, ich muss nicht alles mitmachen, ich muss nicht alles konsumieren. Die theoretisch gleichzeitige Verfügbarkeit dank technologischer Hilfsmittel, potenziert die Zahl der Auswahlmöglichkeiten – denn die Wahl gestehen wir uns nicht wirklich zu, nur mehr die Auswahl.

Überforderung ist ein Dauerzustand geworden, den der Soziologe Alain Ehrenberg als „Signatur der Epoche“ beschreibt. In seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ skizziert er eine Gesellschaft, in der die heutigen Wertmaßstäbe Tatkraft und Handlungskompetenz sind. Wer rastet, der rostet. Wer nicht 24/7 erreichbar und online ist, mit dem stimmt was nicht. Wie konnte es dazu kommen, dass wir uns in einen solchen Druck manövriert haben?
Das Optimum von gestern ist der Standard von heute. Dies scheint das gegenwärtige Credo zu sein, und diese einfache Formel bringt die Fatalität zum Ausdruck, mit der wir uns konfrontiert sehen. Wer heute 100% gibt, muss morgen 110% geben, um die „neu definierten“ 100% zu erreichen. Und so weiter. Es muss immer noch eins draufgesetzt werden, immer noch ein bisschen mehr, Fristen werden verkürzt, Arbeitsabläufe optimiert und Fehler dem überlasteten Individuum in die Schuhe geschoben, statt das System zu hinterfragen. Hinzu kommen der Konkurrenzdruck sowie Sorgen und Ängste um den Arbeitsplatz oder um Folgeaufträge, usw. Diese Entwicklung ist nicht von heute auf morgen geschehen, sie hat sich schleichend durchgesetzt. Hier ein gutes Beispiel, um zu illustrieren wo wir mittlerweile schon angelangt sind: http://salzburg.orf.at/news/stories/2685714/ – aber anstatt die Sinnhaftigkeit der im verlinkten Artikel erwähnten Sortiermaschine zu hinterfragen, sollen die Individuen „besser“ darauf trainiert werden, die Geschwindigkeit auszuhalten, weil „schneller“ ist per se ja ersteinmal „gut“ und Technologie per se ersteinmal „unschuldig“, auch weil die Anschaffung eine Menge Geld verschlungen hat.
Ein weiterer unterstützender Faktor ist die Aufhebung der Grenzen zum Privatleben. Es gibt keine wirklichen Rückzugsorte mehr. Selbst ich zum Beispiel habe mein Handy 24/7 eingeschaltet. Ich werde zwar nur selten angerufen, aber heutzutage nicht erreichbar zu sein oder andere nicht erreichen zu können, wenn ich denn wollte, ist auch bei mir schon als Lebensstandard angekommen.
Auch die Arbeitsverhältnisse spielen eine große Rolle. Die Generation Praktikum, die zunehmend prekären Arbeitsverhältnisse, die Tendenz, Mitarbeiter nur noch befristet und jederzeit kündbar einzustellen, die hohe Anzahl der EPUs mit ungeregeltem Einkommen lassen die Menschen nicht zur Ruhe kommen, weil langfristige Planung immer seltener möglich ist. All dies trägt zur Rastlosigkeit bei, die kein Ankommen mehr kennt, kein „Hurra, geschafft! Lasst uns mal zufrieden sein.“, sondern nur rasenden Stillstand, wie Hartmut Rosa es analysiert, das Gefühl auf der Stelle zu treten ohne dass es weiterginge und auch nicht aufhörte. Wir sind einzigartig, wertvoll und individuell aber zugleich auch austauschbar, drohen „in der Masse“ unterzugehen oder gar nicht erst aus ihr hervorzutreten.

Das Gefühl des permanenten inneren Getrieben-seins haben die amerikanischen Psychologen Diane Ulmer und Leonhard Schwarzbund schon 1996 als „hurry sickness“ (Eilkrankheit) bezeichnet. Viele Studien haben mittlerweile bewiesen, dass dauerhafter (Zeit-)Stress krank macht. Volkskrankheiten wie Burnout, Depression, Angstzustände nehmen seit Jahren zu. Wie können wir hier persönlich die Reißleine ziehen, ohne beruflich ins Abseits zu geraten?
Das geht nur über die persönliche Entscheidung, leiser zu treten oder dabei nicht mehr mitzumachen. Dieser Schritt ist nicht leicht, erfordert Souveränität, ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl und hat natürlich auch Konsequenzen, aber man ist damit nicht allein. Es gibt viele Initiativen, die nach anderen Wegen suchen, etwa die Postwachstums-Bewegung. Oder der Verein zur Verzögerung der Zeit. Man muss sich die Frage stellen, ob es gut ist, was man sich selbst zumutet oder was einem zugemutet wird. Statt bei sich selbst einen Fehler zu suchen, sollte man klipp und klar sagen: „Nein, es ist nicht gut.“ Und wenn ich weiß, dass das System mir nicht gut tut, dann ist es leichter, einen anderen Weg zu gehen, eine andere Haltung und Einstellung zu entwickeln, einen anderen Blick für die Dinge zu haben, ohne sich selbst als „Versager/in“ zu entwerten. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Viele Menschen befinden sich zwar im Hamsterrad, aber ebenso viele, wenn nicht mehr, laufen an der Außenseite entlang und versuchen gerade mal so über die Runden zu kommen und die Fixkosten zu erarbeiten. Hier ist ein Eingriff der Staaten gefordert, etwa in Form des Grundeinkommens, denn wir haben auch eine soziale Verantwortung, schließlich geht es um unser Miteinander. Dies darf „der Markt“ nicht regeln, weil die Logik des Marktes in diesem Fall immer den Tod durch Kosten/Nutzen-Rechnung, das existenzielle Verschwinden bedeutet. Die Ansprüche an den Einzelnen steigen stetig, aber wer selbst keine Prinzessin ist, soll nicht auf den Prinz warten und umgekehrt. Diese Weisheit für das private Glück haben wir zwar erkannt, in andere Bereiche ist sie aber noch nicht durchgedrungen. Dort gilt immer noch das idealisierte Prinzip der Leistungssteigerung und Perfektion und das Scheitern daran wird fälschlicherweise der eigenen Unfähigkeit zugeschrieben. Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist nicht jedem möglich, vor allem weil es an Vorstellungskraft für Alternativen mangelt und andererseits nur das Schreckgespenst der „guten alten Zeit“ oder des „früher war alles besser“ herumgeistert.

Wie können wir lernen, den Wert der Langsamkeit zu genießen?
Eine Turbomilchkuh in Deutschland hat eine Lebenserwartung von ca. 4 Jahren, denn die künstlich herbeigeführte Dauerschwangerschaft zwecks Milchproduktion bedeutet Dauerstress und frühen (Schlachtungs-)Tod bei Leistungsschwund. Und diese Milch soll gut sein? Eine normale Kuh lebt ca. 25 Jahre lang. Effizienzsteigerung, Profitmaximierung, Innovationszwang und finanzielles Kalkül führen dazu, jeglichen Respekt und Achtung vor dem Lebendigen zu verlieren und es als reine Produktionseinheit zu betrachten, aus der rausgepresst wird, was rauszupressen geht. Mit Tieren machen wir das schon eine sehr lange Zeit und jetzt sind eben auch wir dran. Ich würde gar nicht sagen, dass es extra um Langsamkeit geht, sondern mehr um Normalgeschwindigkeit, die aber angesichts der Beschleunigung und dem unaufhörlichen Ruf nach Wachstum wie Langsamkeit erscheint. Das Optimum von gestern ist der Standard von heute. Die Turbokuh macht das 4 Jahre mit, wir Menschen schlachten uns selber aus und am Ende bleibt uns der „natürliche Erschöpfungstod“ in Form von Burnout, Depression, Sinnkrise usw. ebenso „vor der Zeit“.
Hinzu kommt, dass wir eigentlich noch gar nichts darüber wissen, welche Auswirkungen die Technologie auf unseren Körper hat. Ich kann sagen, dass sich durch die tägliche Bildschirmarbeit meine Sehfähigkeit verschlechtert hat, die Dioptrienzahl ist gestiegen, aber wissenschaftliche Studien darüber gibt es nicht. Oder welche Auswirkungen der Elektrosmog hat. Nur weil etwas unsichtbar ist, bedeutet das nicht, dass es deshalb keinerlei Wirkung hat. Und wir sind dem Tag und Nacht dauerhaft ausgesetzt. In der Medizin gibt es das Wissen um Wechselwirkungen, also wenn eine Substanz erst in der Vermischung mit anderen negative Wirkungen hat, für sich selbst betrachtet jedoch harmlos ist. Da gibt es noch sehr, sehr viel zu erforschen und auch das wird Zeit brauchen.

Stellen Sie sich vor, Ihr „Verein zur Verzögerung der Zeit“ hätte drei Wünsche frei. An welchen Schräubchen würden Sie drehen wollen, damit wieder mehr Eigenzeitlichkeit und ein angemessenes Zeitmaß in die Gesellschaft zurückkehrt?
Man soll vorsichtig mit Wünschen sein, denn sie könnten in Erfüllung gehen. Wir haben noch keine Utopie, wir wissen nur, dass es so nicht lange weitergehen kann und sich da und dort zunehmend Widerstände regen bzw. alternative Möglichkeiten ausprobiert werden. Hinzu kommt die gesamtgesellschaftliche Beratungsresistenz, die neue Entwicklungen nur zögerlich aufnimmt und es dauert sehr lange, bis Sozialinnovationen zum Mainstream werden. Ich werde diese Umwälzung wahrscheinlich nicht mehr erleben, da bin ich relativ realistisch eingestellt. Vielleicht gelingt es in den nächsten drei Generationen. Das wünsche ich ihnen jedenfalls.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Gummiband
  • Innovation: der Müll von morgen
  • Anpassungsfähigkeit: Stillschweigen
  • Kreativität: macht das Leben lebenswert
  • Veränderung: Daueranspruch
  • Angst: meistens unbegründet
  • Zukunft: unsicher
  • Deutschland: Nachbarland
  • Ich: Wir
  • Beruf: vielseitig
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