Interview: „Ich bin dann mal bös‘!“ #Gesellschaftskritik

Michi KörnerMichaele Körner ist gesellschaftskritisch. Das zeigte sie auf unserer letzten PechaKucha-Night in Bonn im Februar diesen Jahres. Ich fand es bewundernswert, dass sie ihre Gesellschaftskritik öffentlich machte, denn einfach ist „konstruktives böse sein“ in einer Konsensgesellschaft nicht. Kritik zu üben ist in vielen Bereichen zu einer wahren Mutprobe geworden. Umso toller finde ich, dass sie auch für meinem Blog für ein Interview zur Verfügung stand, das thematisch wunderbar an meinen letzten PowerTipp anknüpft: „Heute ein Vorbild sein„.

NAME:    Michaele Körner
BERUF: Qualitätsmanagerin
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Fettnäpfchenspringerin, Lebenshungrig, Kümmer-Gen
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Shazam
Meine Lieblingswebseite: Google News
Meine Webseite: michis-corner.de

Michi, Du hast auf unserer letzten PechaKucha-Night in Bonn einen Vortrag gehalten zum Thema „Ich bin dann mal bös“. Kannst Du allen, die nicht dabei waren, mal sagen, worauf du böse bist?
Vor allem darauf, dass wir uns so gern beruhigen, um nicht zu sagen ruhig stellen lassen. Um es vorweg zu nehmen, uns geht es hier in Deutschland wirklich gut, aber irgendwie schaffe ich es immer wieder mit ziemlich viel Schmackes ins Fettnäpfchen zu treffen. Zum Beispiel, als ich hörte, dass sich die Schüler der damaligen Klasse meines Sohnes weigerten zu lernen, fragte ich nach dem Warum. Und zwar die Schüler, wen denn auch sonst? Das Ergebnis wollen die Verantwortlichen nicht hören. Warum? Weil es unangenehm ist? Weil es Maßnahmen erfordern könnte, die die Ruhe stören oder das System in Frage stellen? Tja, spätestens dann wird es gefährlich. Schließlich bin ja nicht ich die Expertin, sondern die „Anderen“. Die mit den Unterausschüssen, Statistiken und der richtigen Telefonnummer.
Gerade ich als Qualitätsmanagerin könnte mich darüber freuen, dass immer mehr geregelt und genormt wird. Aber ich möchte mir die Verantwortung des Selber-Denkens nicht abnehmen lassen. Wenn ich das zulasse, öffne ich Tür und Tor für diejenigen, die passende Lücken in diesem Regel-Labyrinth suchen, finden und demnächst Warnhinweise auf meine Stirn stempeln a la  „Querdenken kann tödlich sein“.
Um noch einen drauf zu setzen: Ich mag keine perfekten, schönen Dinge. Die machen mir Angst. Entweder sind sie gelogen oder ich bin nicht perfekt genug. Beispiel für ein schönes Bild: Die Firma, der Konzern, der Verband unterschreibt in einer Vereinbarung den „Code of Conduct“, zu Deutsch Verhaltenskodex. Dass ich keinen korrumpiere bzw. korrumpieren lasse, meine Angestellten gut behandele, für Sicherheit und Gleichstellung am Arbeitsplatz sorge undsoweiterundsofort bis ich mich a) verpflichte, die Verpflichtung an unsere Zulieferer weiter zu reichen oder b) die Lücken finde oder c) Schuld bin. Das hängt ganz davon ab, auf welcher Stufe der Fresskette ich mich gerade befinde.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass Du nur „meckern“ wolltest. Was war Deine Intention, beim böse sein?
Ein junger Kollege von mir hat mir auf Nachfragen mal gesagt, dass er nicht demonstrieren geht, weil doch alles gut läuft. Stimmt natürlich irgendwie. Wir werden nicht auf Polizeistreife erschossen, es gibt soziale Absicherung und mein Kind geht in die Schule. Wir werden dazu erzogen, zufrieden mit dem zu sein, was man uns anbietet. Komfortzone ist für alle ein Thema und das Bedürfnis danach steigt mit dem Älterwerden. In meinem Kopf sind die Jungen für Revolution zuständig, ich darf mich genüsslich zurücklehnen und vom Sofa aus zuschauen, die Tüte Chips in der einen und die Fernbedienung in der anderen Hand. Aber was ist, wenn die Jungen einfach nicht wollen? Weil ihnen Angst vor dem Arbeitsmarkt gemacht wird. Vor Elternpausen. Vor befristeten Arbeitsverträgen. Weil sie es einfach nicht in der Schule gelernt haben, wie sowas geht. Sich aufzulehnen. Zusätzlich kommen wir Alten daher und zurren das Normenkorsett immer enger. Dabei übersehen wir, dass es ohne Revolution keine Evolution gibt. Denn wer gibt mir das Recht, die Verantwortung wie im Code of Conduct auf die nächste Generation zu schieben?
Ich wünsche mir, dass wir alle ein bisschen öfter hinterfragen und die Verantwortung nicht anderen überlassen, weil es gerade so bequem auf der Couch ist. Dass wir uns vor allem zuallererst selbst hinterfragen. Wenn ich die Schweinetransporte verteufele, aber bei Aldi & Co. das billige Fleisch aus der Kühltheke hole … Wenn ich im Stau stehe und den Drängler von der Nebenspur nicht reinlassen will (hätte sich doch anstellen können), ich aber am nächsten Tag mit hochrotem Kopf  das gleiche versuche, weil ich lieber den Radiosender gewechselt habe, als auf die Abfahrt zu achten…

Wie ging es Dir nach der Präsentation? War „offiziell böse“ sein zu dürfen ein gutes Gefühl?
Es war einfach ein Super-Gefühl. Ich hatte vorher ein bisschen Bauchschmerzen, wem ich auf die Füße trete und hinterher hätte ich gerne noch ein paar Füße mehr getroffen.

Dein „böse sein“ ist eine echte Gesellschaftskritik und ich kann Dir in sehr vielen Punkten zustimmen. Trotzdem trauen sich nur wenige, Kritik zu üben. Was glaubst Du, woran liegt das?
Es ist nicht einfach, anderer Meinung zu sein. Lt. der Jahrhunderte alten Temperamentenlehre gibt es vier unterschiedliche Persönlichkeitstypen. Diese Kategorisierung ist zwar überholt, übermittelt jedoch eine Vorstellung davon, dass es nicht jedem in die Wiege gelegt ist, sich in den Vordergrund zu stellen. Außerdem befinden wir uns alle in Abhängigkeiten, seien es soziale, finanzielle, vererbte…. Oder wir wollen einfach nur geliebt werden. In der Maslowschen Bedürfnispyramide stehen physiologische, Sicherheits- und soziale Bedürfnisse an erster Stelle. Dann kommen Individualbedürfnisse und Selbstverwirklichung. Ich behaupte als Nicht-Expertin, dass oberhalb dessen noch das Wir-Gefühl kommt. Nehmen wir das Beispiel einer Pferde-Herde. Wenn ein neues Pferd in eine Offenstall-Gruppe integriert wird, dann kann man sehr gut beobachten, dass sich das neue Pferd nach der ersten Aufregung in einem ziemlich gleichmäßigen Abstand zu der Herde selbst hält. Und immer wieder testet es, ob es vielleicht einen Meter weiter vor rücken darf. Wenn die Nähe akzeptiert wird, ist der Heuhaufen außerhalb dieses erreichten Zirkels sowas von egal, da nur die Herde selbst Sicherheit vor den Raubtieren bedeutet… Der Mehrheit von uns Menschen geht es doch nicht anders. Ich meine, was nützt der schönste Erfolg, wenn ihn keiner mit uns feiert und am nächsten Tag in schönster Eintracht die Kopfschmerztabletten teilt?
Melanie, von dir habe ich den Begriff Konsensgesellschaft gehört und stimme dem zu. In meinem Umfeld heißt es alternativ „Fehlermanagement“. Die Idee dahinter ist dieselbe: Wie gehen wir mit Fehlern oder Andersdenkenden um? Sehen wir sie als Chance, etwas zum Positiven zu verändern oder ziehen wir den Stillstand vor? Wie lange bleibt eine Komfortzone eine Sicherheitszone? Wie lange können wir uns anpassen, bis kein Platz zum Atmen oder die von Maslow genannte Selbstverwirklichung mehr möglich ist? Natürlich will keiner nur NEIN-Sager sein. Es gibt aber eine große Bandbreite zwischen dem Dauer-Verneinen und dem Dauer-Bejahen. Ja, und auch Fettnäpfchen.Wir müssen sie nur nutzen!

Müssen wir also wieder lernen, böse zu sein? Wenn ja, wie kann das gehen?
Vielleicht weniger böse als vielmehr offen sein. Weniger bewertend sondern fragend. Bereits Kindern eine eigene Meinung erlauben. Querdenkern zuhören. Aufhören Menschen zu umgarnen, nur weil sie Geld, Stellung oder ein hübsches Gesicht haben. Fehler als Chance zu begreifen, nicht als Versagen.

Die Autorin Ute Erhardt hat im Jahr 2000 ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“. Du selbst bist sehr aktiv im Frauennetzwerk BPW – Business Professional Women. Glaubst Du, dass es Frauen schwerer fällt, konstruktiv böse zu sein?
Nein, ich denke, dass es Frauen schwerer fällt, an ihre eigene Meinung zu glauben und diese auch entsprechend zu vertreten. Ich bin für die Frauenquote, sehe diese hauptsächlich als – hoffentlich – positive Lernchance. Denn mal ganz ehrlich: Wieso sollte man(n) freiwillig etwas aufgeben? Weil wir so liebe Augen haben und nett lächeln? Nö, würde ich doch auch nicht tun. Wenn ich etwas möchte, muss ich mich auch einer Auseinandersetzung stellen. Was definitiv nicht heißt, dass ich dazu auf den Tisch hauen muss. Ich kann das mit einem Lächeln tun und – nicht nachgeben. Mein persönlicher Geheimtipp dabei – streicht die Konjunktive. Es ist unfassbar, wie viele Konjunktive ich in irgendwelchen Schreiben verwende.
Noch etwas: Männer und Frauen sind keine Konkurrenten, weil sie nicht vergleichbar sind. Fisch steht doch auch nicht in Konkurrenz zu Gemüse. Beides zusammen jedoch ist gesund, ergänzt sich prima und lecker schmecken tut es auch.

Am Ende Deines Vortrags hast Du gesagt „Nicken bildet nicht“. Was hast du damit gemeint bzw. welche Aufforderung, welcher Appell an andere steckt für Dich dahinter?
Selber Denken macht Spaß, vom Nicken kriegt man nur Bleistiftsehnen. Bleistiftsehnen finden sich übrigens gern im Nacken und verhindern, dass man die Hand schmerzfrei zum Protest erheben kann. Egal, welche Idee gerade „gehypt“ wird und egal wie neumodisch, intellektuell, progressiv, verschwörerisch, hübsch, lecker oder einfach auch nur angenehm etwas für einen selber ist … es gibt mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Seiten einer jeden Medaille und ich möchte nicht erst hinterher erfahren, dass ich zwar das tolle Projekt bekomme, aber weder die Zeit, noch den Mitarbeiter, noch das Geld dafür.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage dir einen Begriff und du sagst mir, was dir als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Pflichteigenschaft von Frauen
  • Innovation: Wirtschaftswachstum
  • Anpassungsfähigkeit: Survival of the fittest
  • Kreativität: die anderen 90% unseres Gehirns
  • Veränderung: als Chance begreifen
  • Angst: Unterdrückung
  • Zukunft: offen
  • Deutschland: schönes Land
  • Ich: Lebenslust
  • Beruf: Allrounderin
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