Eine beschissene Mogelpackung: EXPO 2015 in Mailand

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Gestern war es endlich soweit: 15 Jahre nach der EXPO 2000 in Hannover betraten wir erneut ein EXPO-Gelände, dieses Mal in Mailand. Zugegeben, wer – wie wir – über 100 Messen veranstaltet hat, geht mit einem anderen Blick über ein Messegelände. Dass einem zusätzlich als Innovation-Coach Verbesserungen auffallen, ist quasi systemimmanent. Was wir allerdings gestern gesehen und erlebt haben, spottet jeder Beschreibung. Doch der Reihe nach.

Wir haben unser Appartment-Hotel (empfehlenswert, weil sehr netter Empfang und sehr flexibles Handling: Residence Expofiera) strategisch ausgesucht. Das EXPO-Gelände ist in unmittelbarer Nähe. Bei der Ankunft vorgestern Abend empfahl man uns, den kostenlosen Shuttle-Bus zu nehmen, der einen direkt zum Gelände führt. Gesagt getan. Doch wir erlebten unsere erste Überraschung schon morgens um 8 Uhr. Der Busfahrer weigerte sich, uns mitzunehmen. Der Grund: Wir konnten kein Parkticket vom nahegelgenen Parkplatz vorweisen. Auf unseren Einwand hin, dass unser Auto auf dem Hotelparkplatz stehen würde und wir keinen externen Parkplatz bräuchten, winkte er nur ab. Nach ihm noch weitere drei Kollegen, die wir ebenfalls baten, uns mitzunehmen. Die Busse fuhren ohne uns – drei Mal übrigens waren es Leerfahrten. Soviel zum Thema „Nachhaltigkeit“, das die EXPO großmundig in Mailand bedienen will.

Nach einem kleinen Fußmarsch erreichten wir das Gelände. Unsere vorher online bestellten Pressetickets abzuholen, kostete uns dann jedoch vor Ort eine ganze Stunde. Man schickte uns von A nach B – so richtig zuständig fühlte sich niemand. Doch auch das trugen wir noch mit Humor. Auch die abartig langen Schlangen am Eingang hatten unsere Laune noch nicht getrübt. Als wir dann endlich gegen 11 Uhr das Gelände betraten, sank jedoch die Freude von Pavillon zu Pavillon.

Das Motto der diesjährigen EXPO „Feeding the Planet, Energy for Life“ haben die ausstellenden Länder sehr wortwörtlich genommen. Anstelle der angekündigten Innovationen zum Bereich Ernährung und Essen der Zukunft, robbten wir uns nämlich unversehens von Fresstempel zu Fesstempel vor.

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Schon im Eingangsbereich stolperten wir als erstes über Ferrero. Die müssen eine Art Werbevertrag mit der EXPO haben. Oder so… Sie waren auf jeden Fall omnipräsent. Und deren Slogans? Wenig überzeugend im Gesamtkontext des EXPO-Themas und der negativen Presse, die Ferrero neulich hatte. Der Slogan „Excellence and Sustainability in Raw Materials“ wollte zumindest in meinem Kopf kein wirklich rundes Bild ergeben. Auch die „Nutella Concept Bar“ neben dem Pavillon von Äthiopien empfand ich als Geschmacklosigkeit und schlechten Stil. Wieso fällt so etwas den verantwortlichen Planern nicht auf?

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Und in dieser Form ging es munter weiter. Vor dem Pavillon von Weißrußland war eine Bar aufgebaut, bei der es Vodka-Eis gab. Liebhabern des Getränks mag die Spucke im Mund zusammenlaufen – was Vodka-Eis mit Ernährung der Zukunft und Nachhaltigkeit zu tun hat, hat sich mir bis jetzt allerdings noch nicht erschlossen. Aber vielleicht bin ich auch nur nicht die richtige Zielgruppe….

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Ein paar Meter weiter dann dieses kleine Highlight:

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Unter gesundem Essen stelle ich mir was anderes vor. Aber mit dieser Meinung war ich auf der EXPO offensichtlich in der Minderheit, denn im „Children Park“ gab’s dann ganz was Feines für die Kleinen: Pasta – immerhin glutenfrei. Klasse!

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Und wem das im wahrsten Sinne des Wortes nicht schmeckte, für den gab es ganze fünf Meter weiter die ultimative Lösung, den eigenen Fressflash zu besiegen: Delikate Nudel-Fertiggerichte nebst Mikrowellen zum Erwärmen. Prinzipiell ein netter Service, aber auf einer Messe, bei der es thematisch um innovative Ernährungskonzepte der Zukunft und gesunde Ernährung gehen soll, völlig deplatziert und einfach nur ärgerlich!

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Das war dann  auch der Moment, wo bei uns das Gefühl überhand nahm, in einer Parallelwelt gelandet zu sein und wir die Note „Thema verfehlt, setzen, sechs“ vergaben. Dabei waren wir zu diesem Zeitpunkt erst ungefähr zwei Stunden vor Ort und hatten noch nicht mal die Hälfte des Messegeländes besucht. Es konnte also nur noch besser werden, oder? Oder????

Weit gefehlt! Auffallend war die totale Wasserverschwendung auf dem gesamten Gelände. Springbrunnen und Wasserinstallationen zierten die Ausstellungshallen, so als ob Wasser im Überfluss vorhanden wäre.  Einige Länderpavillions ignorierten den Part des Themenschwerpunktes – Ressourcenschonung unter anderem von Wasser – geflissentlich und mit einer Dickfelligkeit, die sprachlos macht. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass vor dem Pavillion von Turkmenistan eine bemittleidenswerte Frau den ganzen Tag damit beschäftigt sein muss, Wasser aufzuwischen, weil die Düsen des Springbrunnens mehr Wasser aus dem Brunnen herausbefördern, als zu recyceln?

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Und wie können die Planer des kuweitischen Pavillions mit gutem Gewissen Wasserkühler aufstellen, wenn im eigenen Land die Erde verbrennt? Zumal die Wasserkühler hier strategisch so platziert wurden, dass die Besucherschlangen von deren Kühlung nicht profitieren. Wer zum Kuckuck plant einen solchen Unsinn?!

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Verschwendung gab’s aber auch noch an anderer  Stelle. Irgendwann brauchten wir eine Pause im Schatten. Und wie ich so da saß und meine Füße ausstreckte, erblickte ich im grünen Gras unter meinen Schuhen Pflaumen. Reife Pflaumen, die nach einem prüfenden Blick von dem Baum gefallen waren, unter dem ich just ein Päuschen machte.

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Der Baum war nicht der einzige, der seine reifen Früchte fallen ließ. Nach einem kurzen 360°-Check stellte ich fest, dass die Recreation-Area in einer Art Pflaumen-Hain angelegt war. Schöne Idee. Eigentlich. Schöner hätte ich es gefunden, wenn sich jemand verantwortlich gefühlt hätte, die Früchte einzusammeln. Und mit ihnen dann vielleicht gleich auch noch auch die reifen Erdbeeren und die zukünftig reifen Stachel- und Brombeeren, die auf dem Gelände gepflanzt worden waren und jetzt fröhlich vor sich hin rotten oder zertrampelt werden. Auch an dieser Stelle: Thema der EXPO echt verfehlt!

Besonders ökologisch und lehrhaft wäre es gewesen, wenn die auf dem Gelände gepflanzten Früchte ihren Weg zur „Slow Food“-Area gefunden hätten. Slow Food, für die, die es nicht wissen, ist eine wirklich ganz fantastische weltweite Bewegung – weg vom Fastfood hin zur Verwertung regionaler Produkte, die ökologisch nachhaltig produziert werden. Die in der Nähe von Mailand ansässige „Slow Food Academy“ hätten wir hier gern gesehen, die haben aber nicht ausgestellt. Und als wir die „Slow Food“-Area (übrigens im hintersten Winkel des EXPO-Geländes angesiedelt, fernab der kommerziellen Fressbuden und Länderpavillions – ein Schelm, wer Böses dabei denkt…) betraten, wunderten wir uns über die Abwesenheit der Academy nicht. Marketingtechnisch bleibt sie besser auch für die verbleibenden Monate der EXPO fern!

Das Thema Slow Food muss man eigentlich über alle Sinne (wieder) lernen, zu genießen. Wir haben vor Jahren eine solche Genussexplosion erfahren dürfen und sind seit dem totale Fans. Wir erhofften uns auf der EXPO Kontakte, Adressen und Austausch – und fanden stattdessen eine Art Freilichtmuseum vor. Hinter Glas ein paar Bilder und Körner, Bilderbücher mit zu viel Text, den sich selbst der halbwegs gebildete Besucher nicht durchliest, wenn noch zig Kilometer über ein Ausstellungsgelände gelaufen werden wollen.

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Doch die Krönung kam noch – und das war der Punkt, wo mich die Wut packte und ich die gesamte EXPO endgültig als eine wirklich beschissene Mogelpackung abstufte. Am Ende des Informations-Tsunamis zum Thema „Slow Food“ wurden die Besucher dann aufgefordert „zu spielen“ – und zwar mit ökologisch nachhaltig produzierten Körnern. Die durfte man sich – wenn man denn wollte – auf ein Schneckenbild kleben (Anmerkung: die Schnecke ist das Symbol der SF-Bewegung). Nachdem also vorher über Nahrungsverschwendung aufgeklärt wurde, bekam man am Ende einen offiziellen Freibrief für eben diese. Ganz ehrlich – geht’s noch?!
Übrigens, das angeschnittene Objekt in der linken Bildhälfte ist in Wirklichkeit ein ca. 3 Meter hoher Bär – vollflächig verklebt mit Maiskörnern. Den Sinn dahinter habe ich nicht kapiert. Ich habe stattdessen aber versucht zu überschlagen, wie viele Familien in armen Ländern von diesem Mais ein paar Tage lang hätten leben können. Zu einem Ergebnis bin ich nicht gekommen, ich war zu wütend zum Rechnen!

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Am Ende dieser Ausstellung wurden wir auch hier natürlich wieder aufgefordert, dem Fressen zu frönen. Für das gute Gewissen gab’s dieses Mal „Slow Food“ Käse und Wein im Angebot. Und dazwischen dann entdeckten wir tatsächlich auch endlich mal ein politisches Statement. Fast schon verschämt und kaum von den vorherigen Preisschildern zu unterscheiden kam am hintersten Ende der Fresstheke der Aufruf, gegen TTIP zu unterschreiben.

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In Protestlaune war ich, TTIP will ich auch nicht – eine gute Gelegenheit also, meinem Unmut des Tages ein wenig Luft zu verschaffen. Aaaaaber, als ich in dem Bookshop ankam, war von Protest und TTIP nichts zu sehen. Erst nach hartnäckigem Nachfragen konnte ich an einem Computer in der hintersten Ecke meine virtuelle Unterschrift tätigen. Großartig!

Tja, was gibt es sonst noch zu berichten? Oh ja, ein paar „Fun Facts“ zum eigentlichen Thema hatte die EXPO dann doch noch zu bieten. Ich hab mir irgendwann einen Spaß daraus gemacht, diese Fun Facts zu sammeln, ich wollte schließlich etwas klüger wieder von der EXPO wegfahren, als ich angekommen war. Es war nicht einfach! Und alle Fun Facts habe ich sicherlich nicht erwischt, denn sie waren ziemlich gut versteckt – zwischen Fresstempeln, Restaurants und Länderpavillions mit Souvenirshops und so…

Eines habe ich gefunden – es passt so gut zur oben beschriebenen Wasserverschwendung. Quasi als Reminder, warum die EXPO-Organisatoren sich dieses unschöne Schwerpunktthema überhaupt ausgesucht haben, das so wenig konsumentenfreundlich ist….

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Und hier noch ein Beispiel – auch ganz toll kombiniert, wie ich finde. Man beachte, links eine Grafik zum Schokoladenumsatz weltweit – und rechts eine Information darüber, dass 78% der ärmsten der Armen in ländlichen Gegenden leben.

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Süß – im wahrsten Sine des Wortes. Da fällt es doch richtig leicht, die Probleme der Welt heute und in Zukunft erfolgreich auszublenden. Und ein weiteres habe ich noch – ich glaube an diesem Infokasten sind auch die Planer des „Slow Food“-Pavillions vorbei gelaufen, vielleicht wären sie sonst nicht auf die Idee gekommen, die wenigen essbaren Körner, die unser Planet produziert, sinnlos verkleben zu wollen…..
Ich mache ihnen aber an der Stelle (kaum) einen Vorwurf. Diese Infotafel habe ich im hintersten Winkel am anderen Ende des Geländes gefunden. Dieser Teil war menschenleer – vermutlich auch, weil die Fresstempel, Restaurants und Länderpavillions mit den Souvenirshops so arg weit weg lagen….

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Und jetzt überlege ich gerade – gibt’s eigentlich auch was Positives von der EXPO zu berichten?

[10 Minuten später…]

Mir ist tatsächlich was eingefallen: Das Wetter war super! 28° und Sonne. Klasse!!
Der deutsche Pavillion sah deutsch aus. Berlin war ganz, ganz omnipräsenz, die restlichen Bundesländer wurden in einem gemütlichen Wandelgang wie in einem Bilderbuch der 50er Jahre dargestellt. Sehr hübsch und so wahnsinnig modern!  Ich frage mich, ob ein gesteigerter Sinn dahinter stand, Berlin, als die hippe und innovative Metropole zu promoten und dem Rest des Landes subtil den verspießten 50er Jahre-Muff unterzujubeln. Aber vielleicht sehe ich das zu engstirnig. Oder mein Eindruck wurde getrübt, weil man durch Anfassen des Geländers Klänge erzeugen konnte – eine fabelhafte aber sinnfreie Idee, die mein Sohn ein wenig überstrapzierte…

Die Innovation und Beschäftigung mit der Zukunft befindet sich übrigens im Untergeschoss des deutschen Pavillons – da wo die Merkel-Regierung sie auch in „real life“ erfolgreich hingedrängt hat. Keine Überraschung also an der Stelle.
Und Weißbier gab’s. Und Sauerkraut. Der gemeine Bayer dürfte sich im Hofbräuhaus heimisch gefühlt haben, die (aus Niedersachsen) zugezogene Rheinländerin hat an der Stelle das Kölsch und das Pils vermisst – aber was macht das schon, wenn Deutschland ansonsten in seiner einzigartigen Vielfalt durch Berlin und Bayern perfekt präsentiert ist?! An diesem Punkt bin ich dann – auch aus persönlichen Energieeffizienzgründen – nachsichtig.

Und die Mailänder Busfahrer halten sich an Regeln. Das muss an der Stelle lobend erwähnt werden. Auch auf dem Rückweg, mit Presseschild um den sonnenverbrannten Hals, nahmen sie uns im kostenfreien Shuttle nicht mit. Wir hatten ja auch immer noch kein Parkticket… Berlusconi hätte vielleicht besser bei den mailänder Stadtbediensteten seine sozialen Stunden ableisten sollen. In puncto Serviceorientierung, Regelbefolgung und Nachhaltigkeit hätte er sich hier noch was abgucken können. Die vier Busse, die uns auf dem Fußmarsch zurück zum Hotel überholt hatten, waren übrigens wieder menschenleer!

Bleibt zu erwähnen, dass wir Mailand noch am gleichen Abend wieder verlassen haben. Einen weiteren Tag auf einer zur billigen Verbraucher- und Fressmesse mutierten EXPO konnten wir mit unserem Gewissen und unseren an diese Veranstaltung gestellten Erwartungen nicht vereinbaren…

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