Interview: „Es geht um die wichtigen Dinge im Leben“

Haik Petrossian1Sommerpausen sind eine großartige Sache: Das Wetter ist (meistens) super, der Urlaub naht, die Stimmung ist entpannt. Eine wunderbare Gelegenheit also, sich einmal mit den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu beschäftigen. Dazu habe ich mit einem Mann gesprochen, der das zu seiner beruflichen Aufgabe gemacht hat. Haik Petrossian ist Diplom-Psychologe und unterstützt Menschen darin, in Resonanz mit sich und der Umwelt zu gehen. Eine Methode, die er dabei anwendet, ist das „Focusing„, entwickelt von Eugene T. Gendlin, einem amerikanischen Psychotherapeuten. Es ist eine Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme, die hilft, Veränderungen einzuleiten. Ein perfektes Thema also für diesen Blog.

NAME: Haik Petrossian
BERUF: Diplom-Psychologe
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: meist unorthodox, systemisch denkend und erlebensorientiert
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Aegean
Meine Lieblingswebseite: http://www.systemic-medicine.eu
Meine eigene Webseite: http://www.focusing.org/cfp-page/3563/petrossian_haik.html

Herr Petrossian, Sie sind Diplom-Psychologe und in Deutschland einer von wenigen, die in ihrer Beratung das sogenannte „Focusing“ anbieten. Können Sie uns erklären, was sich hinter dem Begriff verbirgt?
Ich versuche mich an einem imaginierten Beispiel: Während einer Teamsitzung in der letzten Woche haben Sie die Rückmeldung bekommen, dass Ihre Vorstellungen von den anderen nicht geteilt werden. Sie sind immer noch enttäuscht und es wurmt Sie weiterhin. Da bekommen Sie eine Nachricht vom Projektleiter mit der Bitte zu einem persönlichen Gespräch. Jenseits von allen Vermutungen und Gedanken: Wie reagiert es in Ihnen dazu? Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, in sich hinein zu spüren …… Dann wären wir genau da, worum es im Focusing geht: eine wahrnehmbare und leibliche spürbare Resonanz auf die wichtigen Dinge in Ihrem Leben.

Sie beschreiben auf Ihrer Webseite Focusing auch als eine Art „konstruktiver Problemlösung“. Ist ein Problem zu lösen nicht immer konstruktiv?
Das  hängt von der Nachhaltigkeit dieser Lösungen ab. Oftmals sind die erreichten Lösungen ja das Problem. Es gab vor geraumer Zeit einen Bestseller – sinngemäß „Mit dem nächsten Partner wird alles anders …“, was in der Regel anfangs verlockend ist und sich wiederholen kann, weil wir uns ja stets selbst mitnehmen. Und wenn wir so geblieben sind, wie wir bisher immer schon handelten: Was soll sich da ändern? Kann es dann überhaupt zu konstruktiven Problemlösungen kommen? Focusing berührt einen Bereich, der mit unserer Persönlichkeit – als ‚Maske der Persona‘ von C. G. Jung beschrieben – wenig zu tun hat, obwohl diese von ihr beschützt und abgeschirmt wird. Darüber hinaus sind wir in einem polarisierendem Denken gefangen: richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, negativ und positiv. Tertium non datur?

Welche Entwicklungs- und/oder Lernschritte sind im Focusing notwendig?
In Griechenland gibt es das Bonmot: „Wenn Sie in der zweiten Lebenshälfte ankommen und sich nicht so akzeptieren, wie Sie geworden sind, ist etwas grundsätzlich falsch gelaufen in ihrem Leben“. In Armenien würde Radio Eriwan zum Besten geben: „Es gibt immer einige, die das, was sie 30 Jahre lange falsch gemacht haben, mit Erfahrung verwechseln“. Es geht um unsere Empathie im Umgang mit uns selbst und anderen, auf eine Bereitschaft uns mit dem eigenen Gewordensein, den eingeschliffenen Routinen, sowie persönlichen Erlebens- und Verhaltensmuster zu beschäftigen und respektieren zu lernen. Nicht zuletzt ist ein Vertrauen darauf wichtig – jenseits logischen Denkens und rationaler Überlegungen – unser eigenes Erleben im jeweiligen Moment ernst zu nehmen.

Wir leben in sehr veränderungsreichen Zeiten. Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Herausforderungen für Menschen in Veränderungsprozessen?
Hm, ich denke von einem Extrem ins andere zu verfallen: das Orakel von Delphi und seine zwei Inschriften weisen seit über 2000 Jahren darauf hin. Es ändert sich vieles und fortlaufend, aber ist damit ein grundsätzlicher, tragender und Nachhaltigkeit beinhaltender Wandel gewährleistet? Die Herausforderung verbleibt, unser Eigenes zu entdecken, zu verfolgen und gleichzeitig nicht vor dem sozialen Eingebettetsein wegzulaufen. Es geht besonders um eine harmonische Entwicklung in uns und mit anderen, als gleichzeitig soziales und individuell determiniertes Wesen. Ansonsten gilt: „Plus ça change plus c’est la même chose“.

Ohne Veränderung gibt es keine Weiterentwicklung. Warum fällt es uns dennoch oft so schwer, unsere Komfortzone zu verlassen und Veränderungen zuzulassen?
Meine Großmutter pflegte sich damit heraus zu reden, in dem sie sagte: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ – was ja auch Vorteile hat, wenn wir verlässlich wissen, wo alles im eigenen Haus zu finden ist. Aber inwieweit es Sinn macht, neuen Herausforderungen mit althergebrachten Handlungsschemata zu begegnen, entscheidet jeder für sich selbst. In der Homöopathie und Psychotherapie gibt es manchmal eine Erstverschlimmerung der Symptome oder des Erlebens, wenn die Therapie die Richtige ist. Wenn wir in dem Moment aussteigen, verlassen wir den Weg einer sich bahnenden Wandlung. Es ist einfacher, das Gewohnte zu bewahren, als die Komfortzone, nämlich die der Behaglichkeit, zu verlassen. Nichtsdestotrotz können wir nicht schwimmen lernen, ohne dabei nass zu werden.

Sie arbeiten viel im Ausland. Wie gehen Menschen in anderen Kulturkreisen mit Veränderungen um?
In wenigen Sätzen kaum zu beantworten, zumal die sich ausbreitende Globalisierung das Trennende verwischt, Grenzen durchlässiger macht und tradierte Verhaltensmuster aufweicht. Im Sinne des uns bekannten „Der Mensch denkt, Gott lenkt“ wird Veränderung oftmals, als von ‚oben‘ herabsteigend, langsam und nicht wirklich vom Einzelnen beeinflussbar gesehen. Das erklärt dann eher abwartendes und passives, wenig initiatives Verhalten, da es jemand anders schon richten wird. Ein ‚höheres‘ Wesen bestimmt die Geschicke und macht die Vorgaben, sei es der Chef, der Dorfälteste, der Geistliche usw. Das Individuum tritt im Zusammenhang mit der jeweiligen Bezugsgruppe in den Hintergrund; Werte und Moralvorstellungen fördern oder behindern Veränderungen. Da sind wir als Europäer gefordert und liegen oft falsch mit unseren Absichten und Ideen. Ein großer Teil der aktuellen Debatte um die Ereignisse in Griechenland würden eine andere Erklärung und Bewertung finden, wäre eine interkulturelle Sensibilität und professionelle Empathie selbstverständlicher. „Willst Du in Rom Erfolg haben, verhalte Dich wie ein Römer“ gilt für uns im Ausland, als auch für die Neuankömmlinge hier.

Können Sie drei Tipps geben, die helfen, Veränderungen stressfreier und gesünder bewältigen zu können?
Mäßigung, Humor und Zuversicht

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Über den Tellerrand schauen
  • Innovation: Ungewöhnlichem nachgehen
  • Anpassungsfähigkeit: Nicht um jeden Preis
  • Kreativität: Überraschendes würdigen
  • Veränderung: Beim nächsten Mal wird alles anders 🙂
  • Angst: Hilfreicher Wegbegleiter im Leben
  • Zukunft: Jeden Tag werden die Karten neu gemischt
  • Deutschland: Bunt und spannend
  • Ich: Wer bin ich wirklich?
  • Beruf: Wenn die eigentliche Berufung nicht zu kurz kommt, dann war es eine passende Entscheidung.
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