Interview: „50Plus – der neue Jugendwahn“

H-J. KrachtDie Sommerpause ist vorbei und in das letzte Viertel des Jahres starte ich mit einem Interviewpartner, der an einem der wichtigsten Zukunftsthemen arbeitet: Dem demografischen Wandel. Hermann-Josef Kracht ist nicht nur Geschäftsführer von drei Unternehmen, sondern auch Direktor Geschäftsentwicklung des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V., dem wir als Firmenmitglied seit einiger Zeit auch angehören. Ich habe ihn zum Thema der Alterung unserer GEsellschaft befragt und heraus kam dieses lesenswerte Interview.

NAME: Hermann-Josef Kracht
BERUF: Geschäftsführer von drei Unternehmen und Direktor Geschäftsentwicklung des Bundesverbandes Initiative 50Plus e.V.
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Chancenmensch, zielorientiert, kommunikationsstark
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: wiwo
Meine Lieblingswebseite: Handelsblatt.com
Meine eigenen Webseiten: www.bvi50plus.de und www.fva-akademie.de

Herr Kracht, Sie sind Direktor Geschäftsentwicklung des Bundesverbands 50+. Was ist Ziel dieses Verbandes?
Wir wollen ein Umdenken in unserer Gesellschaft, in der Politik, in den Kommunen, in den Unternehmen und bei jedem Einzelnen erreichen, damit wir die Herausforderung des demografischen Wandels erfolgreich bewältigen können. Unsere Zielsetzung ist es auch, die Interessenvertreter der Menschen zu sein, die älter als 50 Jahre sind.

Der demografische Wandel wird Deutschland verändern. An welchen Stellen werden wir vermutlich die radikalsten Veränderungen erleben?
Die radikalste Veränderung wird ganz sicher der Arbeitsmarkt sein, denn das spüren wir bereits jetzt in bestimmten Branchen und Regionen. Denken wir nur an die Ingenieure oder an die Gastronomie, wo bereits jetzt die Fachkräfte fehlen. Das sind nur zwei Beispiele, die man ohne Probleme fortsetzen könnte.

Was bedeuten diese Veränderungen in der Konsequenz für Wirtschaft und Gesellschaft?
Wir werden bunter, wir werden anders leben, anders wohnen und anders arbeiten. Das bedeutet, wir müssen uns auf Veränderungen einstellen und auch einlassen. Als Beispiel möchte ich zwei Entwicklungen nennen. Bereits 2014 sind ca. 37.000 Lehrstellen unbesetzt geblieben und dieses Jahr werden es noch mehr sein. Als weitere Veränderung haben wir 2014 erlebt, dass jeweils ca. 50% der Abiturienten ins Studium und in die berufliche Ausbildung gegangen sind. 2007 waren es nur ca. 33% der Abiturienten, die ein Studium aufgenommen haben.

Welche Lösungsansätze gibt es heute schon und welche werden in Zukunft noch gebraucht?
Hier brauchen wir uns nicht anzustrengen, denn die Lösungsansätze gibt es größtenteils bereits, man braucht sie nur anzuwenden. Wenn wir an den Arbeitsmarkt denken, dann kennen wir die schönen Worte „Die Mitarbeiter sind das wertvollste Gut unseres Unternehmens“. Jetzt gilt es, diese Worte in die Tat umzusetzen. Sie können selbst in ihrem Umfeld den Test machen und Arbeitnehmer/innen fragen, ob sie von Ihrem Arbeitgeber so begeistert sind, dass sie stolz darauf sind, dort zu arbeiten und den Arbeitgeber ihrer besten Freundin oder Freund empfehlen würden. Es gibt auch Lösungsansätze, die noch gesucht werden müssen, weil man dies nicht pauschal regeln kann. Hier denke ich an die Kommunen, insbesondere im ländlichen Bereich. Sie müssen schauen, dass sie die Unternehmen am Ort halten und auf der anderen Seite dafür Sorge tragen, dass es nicht zu einer Überalterung ihrer Gemeinde kommt. Wenn man dafür keine Lösung findet, dann wird in Kürze auch die Frage gestellt werden müssen, wie man die vorhandene Infrastruktur kostenmäßig erhalten kann.

Was müssen Unternehmen aus Ihrer Sicht tun, um die Innovationskraft in einer alternden Belegschaft weiter aufrecht zu erhalten?
Sie müssen die Menschen über 50 wertschätzen. Diese Mitarbeiter haben Erfahrungswerte, Netzwerke und Kenntnisse, die einen unschätzbaren Wert für ein Unternehmen darstellen können. Sie werfen sicher auch keine Festplatte von Ihrem PC weg, ohne die Daten vorher zu sichern. Aber was machen wir mit den Menschen über 50? Einige Unternehmen haben das bereits erkannt und stellen bewusst wieder Menschen über 50 ein und haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Leider sind es noch zu wenige. Neben der Wertschätzung ist auch das bisher nicht erkannte oder genutzte Potenzial der älteren Belegschaft zu ermitteln, damit dies gefördert werden kann. Wir müssen auch klären, ob sich unsere Gesellschaft es überhaupt noch erlauben kann, Mitarbeiter nur aufgrund der Erreichung einer Altersgrenze einfach in den Ruhestand zu schicken? Unsere heutigen 70jährigen Menschen sind gefühlte 55 oder 60 Jahre alt, sind fit, leistungsfähig und wollen noch etwas tun. Vielleicht wollen Sie nicht mehr Vollzeit arbeiten, aber auch nicht ganz aus dem Berufsleben ausscheiden. Daher wären gewisse Stundenanzahlen, als Mentor oder nur für bestimmte Projekte eine mögliche Lösung.

Viele Unternehmen bauen Mitarbeiter 50+ eher ab, als sie einzustellen. Bitte nennen Sie potenziellen Personalentscheidern doch einmal drei gute Gründe, Mitarbeiter 50+ einzustellen.
Die wichtigsten Gründe sind: 1. Der fachliche Erfahrungsschatz die alle Menschen der Generation 50+ mitbringen. 2. Der weite Erfahrungshorizont hinsichtlich des Umgangs mit Kollegen, Abläufen im Berufsleben etc. 3. Zusätzlich können die Personalkosten möglicherweise über Fördermittel mitfinanziert werden.

Der demografische Wandel wird häufig als echtes Schreckgespenst dargestellt. Aber jede Veränderung hat immer zwei Seiten. Was ist aus Ihrer Sicht positiv am demografischen Wandel? Wo sehen Sie Chancen und neue Perspektiven für Deutschland?
Der demografische Wandel zwingt uns zu Veränderungen. Veränderungen bringen auch immer wieder Chancen. Wir werden noch, innovativer, neue Synergien entstehen. Wir werden offener für Menschen aus anderen Ländern. Die Stadt Köln beispielsweise hat dieses Jahr das Themenjahr „Älter-Bunter-Kölner“. Das bringt es meiner Meinung nach auf den Punkt. Für Deutschland eröffnen sich neue Perspektiven, dass die Menschen über das gesetzliche Rentenalter hinaus freiwillig länger arbeiten und die jungen Menschen aus dem Erfahrungsschatz der älteren Generation profitieren können.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Neue Chancen
  • Innovation: Ist für unser Land sehr wichtig
  • Anpassungsfähigkeit: Das wird für unsere Kinder und Enkel eine große Herausforderung
  • Kreativität: Was kann ich? Was will ich? Wie kann ich mich verwirklichen?
  • Veränderung: Herausforderung und neue Möglichkeiten erkennen und sie wahrnehmen
  • Angst: Muss man nicht haben.
  • Zukunft: Wird super. Sich nicht von den Schwarzmalern ablenken oder leiten lassen
  • Deutschland: Ein Paradies im Vergleich zu anderen Ländern.
  • Ich: Chancendenker. Wenn ich was in Bewegung bringen kann, bin ich zufrieden.
  • Beruf: Mein Traum habe ich verwirklicht. Ich wollte schon immer Führungskraft werden.
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