Interview: „Als Expat im Land der aufgehenden Sonne“ – #China

Oliver WeinrichIm Augenblick ist China in aller Munde: Ob es um die Explosionskatastrophe in Tianjin und die Folgen für Mensch und Umwelt geht oder die schwächelnde Konjunktur – wenn China hustet, hat die ganze Welt Bronchitis. Umso interessanter finde ich die Frage, was sonst eigentlich alles in China passiert und vor allem, wie China mit dem Wandel und den Veränderungen der letzten Jahrzehnte umgeht. Dazu habe ich einen gefragt, der sich ein Bild von außen machen kann. Oliver Weinrich ist seit einem Jahr als Expat in China und hat mir meine Fragen beantwortet.

NAME: Oliver Weinrich
BERUF: Dipl.-Ing. Maschinenbau
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: verlässlich, genau, pflichtbewusst
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Mountain-Bike , AQI (Air Quality Index)
Meine Lieblingswebseite: www.google.de

Olli, Du bist jetzt seit einem Jahr in Suzhous in China. Nachdem die erste Eingewöhnungsphase vorbei ist, welchen Eindruck hast Du von Land und Leuten?
Das erste Jahr ist sehr schnell vergangen. Zum Eingewöhnen blieb nicht sehr viel Zeit. Das musste alles neben meinem Job laufen. Ich bin gerne in China, habe nette Arbeitskollegen und bin wirklich sehr freundlich aufgenommen worden. Beruflich habe ich schnell Anschluss gefunden. Privat beschränken sich meine Kontakte jedoch auf die Expat-Community. Ich spreche kein Chinesisch und das erschwert natürlich in vielerlei Hinsicht den chinesischen Alltag und den Zugang zu den Chinesen. Trotz des Kollektivismus sind viele Chinesen in der Regel sich selbst am nächsten. Ellenbogen und Drängelei sind normal. Übervorteilung ist nichts Negatives. Jeder schaut, dass er selbst gut wegkommt. Immer noch fasziniert mich, dass Größe und Entfernungen hier eine ganz andere Dimension aufweisen. Ich wohne in Suzhou, einer Kleinstadt mit ca. 10 Millionen Einwohnern. Entfernungen von mehreren 100km sind hier an der Tagesordnung. Es ist also egal, wohin man möchte, man ist immer lange unterwegs. Und auch nach einem Jahr bin ich noch immer von der Vielfalt der asiatischen Küche begeistert. Nicht begeistert hingegen bin ich von der Luftverschmutzung. Smog, hohe Feinstaubwerte und der aktuelle Regen gepaart mit tropischen Temperaturen sind für einen Sportbegeisterten nicht wirklich vorteilhaft. Und so richtet sich das Sportpensum nach den AQI-Werten.

Smog in China
Smog in China

An welchen Punkten war der Kulturschock besonders groß?
Am meisten Schwierigkeiten hatte und habe ich mit der chinesischen Mentalität des nicht Nein-Sagens. Unabhängig davon, dass es das Wort ‚nein’ im chinesischen Sprachgebrauch so nicht gibt, werden auch negative Berichterstattungen, z.B. Verzögerung eines Liefertermins, negative Prognosen oder Schwierigkeiten in der Beschaffungen von Materialien immer mit einem Lachen untermalt. Natürlich sind auch die Tischsitten gewöhnungsbedürftig.

Du arbeitest als Maschinenbauingenieur vor Ort in einem Unternehmen. Welche Unterschiede fallen Dir im beruflichen Kontext besonders auf?
In Deutschland habe ich meine Mitarbeiter sehr lose geführt und selbständiges Arbeiten vorausgesetzt. In China hingegen muss ich das Thema Führung komplett anders angehen. Selbständigkeit und eigenständiges Denken können nicht vorausgesetzt werden. Das heißt, mit meinen Mitarbeitern muss ich sehr genau besprechen, welche Aufgaben ausgeführt werden sollen, insbesondere wenn es keine festen Abläufe gibt.
Als Beispiel: In Deutschland sage ich meinem Mitarbeiter (Techniker/Ingenieur), dass eine Druckluftleitung zu einer Maschine verlegt werden soll. Er leitet daraufhin alles Notwendige ein und ich bekomme die Information, wenn die Arbeit erledigt ist. In China hingegen, muss ich mit meinem Mitarbeiter die einzelnen Schritte durchgehen (wo genau soll die Leitung verlaufen, welche Materialien sollen genutzt werden, welche Spezifikationen müssen die einzelnen Bauteile erfüllen), damit ich das gewünschte Ergebnis auch bekomme.
Auch ist die Kommunikation schwierig. Ich spreche kein Chinesisch, meine Mitarbeiter kein Deutsch. Aber auch Englisch gestaltet sich schwierig. Denn selbst wenn mein Mitarbeiter englisch spricht, heißt es noch lange nicht, dass er es auch versteht. Der sicherste Weg für mich, ist daher mir von meinem Mitarbeiter nochmals das erklären zu lassen, was er tun soll.

In Deutschland waren Anfang des Jahres sämtliche Gewerkschaften in Streiklaune. Arbeitszeiten, Gehälter und die generellen Arbeitsbedingungen standen zur Diskussion. Wie sieht im Vergleich dazu die Situation in China aus?
Die Situation ist recht einfach: Wenn einem Mitarbeiter Lohn, Arbeitsbedingungen oder Entfernung zwischen Firma und Wohnung nicht mehr gefallen, dann sucht er sich eine andere Arbeitsstelle. Das führt dazu, dass wir mit Fluktuationsraten im zweistelligen Bereich zu kämpfen haben.

China hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten rasante Veränderungen durchlaufen, um sich den Wirtschaftsmechanismen der Industrienationen anzupassen. Gleichzeitig besitzt China eine Jahrtausend alte Kultur. Was ist Dein Eindruck, wie verarbeiten die Menschen diesen Wandel?
Ich glaube, dass der Wandel viele überrollt hat. Die Schere zwischen arm und reich klafft immer mehr auseinander. In den Städten gibt es viele neureiche Chinesen, die sich jeglichen Luxus leisten. Konsumtempel schießen aus dem Boden. Es besteht ein extremes Markenbewusstsein. Man versucht westlichen Lebensstil in jeglicher Hinsicht zu integrieren/ kopieren. Sehr viele Chinesen lieben jegliche technischen Gadgets. Einen Chinesen ohne neustes Handy – das gibt es nicht. Überall wird gebaut und die Bauindustrie boomt noch immer. Auch wenn vieles davon leerstehend bleibt. Gleichzeitig bestehen aber immer noch chinesische Feiertage wie zum Beispiel die Drachenbootrennen oder das Laternenfest und die alte Tradition wird von Jung und Alt gleichermaßen gewahrt.

Suzhous Alte Kanäle
Suzhous alte Kanäle

China ist auf Expansionskurs und sichert sich zurzeit Rohstoffquellen, Handelswege und ist vor allem auch in Deutschland auf Einkaufstour. Viele mittelständische Unternehmen sind bereits fest in chinesischer Hand. Vieles geschieht still und heimlich, gleichzeitig tritt China vor allem in Asien und Afrika sehr aggressiv auf. Unterschätzen wir die chinesische (Wirtschafts-)Politik?
Ich glaube, wir unterschätzen die Chinesen in der Tat. Viele meiner Kollegen sind noch immer der Meinung, dass Chinesen nicht in der Lage sind, komplexe Produkte herzustellen. Das ist definitiv nicht so!

Du bist gerade ein Grenzgänger zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten. Was verbindet diese Welten? An welchen Punkten können wir voneinander lernen?
Der Einzug der westlichen Welt in den großen Städten ist mit Sicherheit eines der verbindenden Elemente. Es ist nur eine Frage des Geldes, und ich kann hier in einem westlichen Standard leben. Chinesen haben die Vetternwirtschaft salonfähig gemacht. (Auch wenn aktuell eine große Anti-Korruptionskampagne läuft). Viele Aufgaben sind in China nur mit persönlichen Verbindungen ‚guanxi’ lösbar. Das ist jedem bekannt und jeder akzeptiert es auch, auch wenn ich davon nicht begeistert bin. Feiertage, Geburtstage, Geburten etc. werden gemeinsam begangen. Privat wie auch beruflich. Zu jedem Nationalfeiertag gab es bis dato für alle Mitarbeiter ein kleines Geschenk zur Mitarbeiterbindung. Von uns Deutschen hingegen kann man in Bezug auf die Ausbildung lernen. Ein duales Ausbildungssystem wie bei uns gib es in China in dieser Form nicht.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Unbedingt!
  • Innovation: Ingenieure
  • Anpassungsfähigkeit: Ich
  • Kreativität: täglich
  • Veränderung: ständig
  • Angst: haben wir nicht
  • Zukunft: doch, da ist sie
  • Deutschland: Heimat
  • Ich: wichtig
  • Beruf: Hubschrauberpilot, nein quatsch; notwendig
Suzhous Skyline und Lakeview
Suzhous Skyline und Lakeview
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