Interview: #Alzheimer mit 40 – Der lange Abschied

Hans-Jürgen HerberIm Juni diesen Jahres bekam ich eine Pressemitteilung. Im Betreff hieß es: „Alzheimer mit 40 – Der lange Abschied“. Es war eine Vorankündigung für ein Buch und eine Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat. Noch am selben Tag las ich die Leseprobe und bat den Verlag um ein Interview mit einem Mann, dem das Leben sehr viel abverlangt hat. Hans-Jürgen Herber hat seine Frau im Februar diesen Jahres verloren. Sie starb an Alzheimer – und war gerade einmal Mitte 40. Wie geht man mit so einer Diagnose um – und wie findet man den Mut, durchzuhalten, weiterzumachen und wieder zu lieben? Ich freue mich, dass Herr Herber sich die Zeit für meine Fragen genommen hat.

NAME: Hans-Jürgen Herber
BERUF: Herr Herber arbeitet im Entstördienst der Frankfurter Gas- und Wasserversorgung.

Herr Herber, vor wenigen Tagen erschien Ihr Buch „Der lange Abschied – als meine Frau mit 40 an Alzheimer erkrankte“. Als ich die Zusammenfassung zum ersten Mal las, war ich geschockt. Alzheimer, so dachte ich bisher, ist eine Krankheit, die alte Menschen bekommen. Wie ging es Ihnen, als Sie diese Diagnose gehört haben?
Die Diagnose 2010 versetzte uns in eine Art Schock-Zustand. Vor allem, weil wir bis zuletzt so gut wie gar nicht mit diesem Ergebnis gerechnet haben. Jeder dachte eher an Depressionen oder Burnout, aber nicht an Alzheimer. Yvonne brach natürlich sofort in Tränen aus. Ich selber konnte erst mal nicht so viel mit dieser Krankheit anfangen. Ab diesem Moment war nichts mehr wie zuvor. Nachdem wir uns dann informierten, wurde alles noch viel schlimmer. Es kamen natürlich große Ängste auf vor dem, was uns erwartet. Nur die Hoffnung lässt einen durchhalten. Dass es noch lange dauert und sich in dieser Zeit noch etwas aus medizinischer Sicht ergibt. Leider ging alles rasend schnell und Yvonne realisierte schon, dass ihr immer mehr verloren ging. Es muss für sie extrem schlimm gewesen sein bis zu dem Zeitpunkt, als sie nur noch in ihrer eigenen Welt war.

Sie hat die Krankheit Ihrer Frau und vor allem die Schwere und Endgültigkeit ohne Vorwarnung getroffen. Sie waren gezwungen, sich an eine völlig neue, fremde und beängstigende Situation anzupassen. Welche Lebens- oder vielleicht auch Überlebens-Instinkte mussten Sie aktivieren?
Man funktioniert einfach. Wenn man am Beginn dieser Krankheit wissen würde, was auf einen zukommt, würde man wahrscheinlich zusammenbrechen oder weglaufen. Das weiß man aber zum Glück nicht! Ich hätte mir nie vorstellen können, meine Frau mal zu wickeln und zu baden. Als wir dann an diesen Punkt waren, macht man es einfach, ohne darüber nachzudenken. Man passt sich immer wieder jeder Situation an.

Sie wurden mit der Diagnose Ihrer Frau radikal aus Ihrer Komfortzone gerissen. Was war in dieser Situation daran das Schlimmste für Sie?
Das schlimmste war, Yvonne so leiden zu sehen und im Prinzip nichts dagegen machen zu können. Natürlich auch eine gewisse Angst vor dem was kommen würde. Welchen Verlauf die Krankheit nehmen würde und wie es endet.

Sie haben noch zu Lebzeiten Ihrer Frau Ihre jetzige Lebensgefährtin kennengelernt. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Ihre Partnerin Sie und Ihre Frau unterstützt hat. Ohne sie hätten Sie, so schreiben Sie, die Situation niemals verkraften können. Ich habe mich gefragt, woher nahmen Sie in diesen radikalen und schmerzhaften Umständen in Ihrem Herzen Kraft und Platz für eine neue Liebe?
Die Liebe zu Sandra ist in dieser Zeit gewachsen, es war keine Sache von jetzt auf gleich. In mir war natürlich irgendwann auch der Wunsch nach einem kleinen Stück Normalität. Zeit, aufzutanken und für einen kleinen Moment nicht mit der Krankheit konfrontiert zu sein. Sandra tat mir gut. Auch die Art und Weise wie sie mich unterstützt hat, war sehr wichtig für mich. Es war für uns alle gut, dass Sandra mit ihren zwei Kindern bei uns war. Vor allem für meinen Sohn Marc. Dadurch war immer wieder ein Stück Normalität in unserer Familie und immer wieder mal Ablenkung von der Krankheit. Hätte ich diese Zeit nur mit Marc und seiner kranken Mutter verbracht, wäre das für ihn viel schlimmer und intensiver gewesen. Außerdem hätte ich es ohne die Hilfe von meiner Schwester Gabi, meinem Schwager Hans-Jürgen und Sandra nicht gepackt. Man kann dies alles schwer erklären, mache Menschen können es vielleicht auch nicht verstehen. Aber für mich und Marc war es der einzige und richtige Weg. Auch Yvonne hat Sandra sehr gemocht.

Sehr oft kamen mir beim Lesen Ihres Buches die Tugenden der Nächstenliebe und Selbstlosigkeit in den Sinn. Haben Sie das selbst auch so gesehen? Verändern sich Werte und Tugenden, verändert sich die Lebenseinstellung, wenn das Leben aus den Fugen gerät?
Meine Lebenseinstellung hat sich mit Sicherheit geändert. Ich lebe heute viel bewusster als früher. Diese Krankheit hat mich geprägt. Es war wohl die schwerste Zeit in meinem Leben. Wichtig war für mich, dass Yvonne bis zum Schluss bei uns bleiben konnte, das hatte ich ihr versprochen. Ich sagte ihr immer wieder, dass sie keine Angst haben soll, ich werde immer bei ihr sein. So war es bis zum Schluss als sie uns ganz friedlich verlassen hat. Ich habe in dieser Zeit bestimmt Fehler gemacht. Später ist man immer ein Stück schlauer. Heute noch versuche ich manche Momente in meinem Kopf durchzuspielen. Doch ich glaube es war der richtige Weg, den ich gegangen bin.

Sie haben Ihre Frau fünf Jahre gepflegt. Welche Bedeutung hatten Liebe und Tod vor 5 Jahren für Sie – und welche haben sie heute?
Das ist schwierig zu beantworten. Ich weiß nur, dass es auch eine andere Art von Liebe gibt. Man kann die Liebe zu meiner schwer kranken Frau nicht mit der Liebe zu Sandra vergleichen. Nach über 20 Jahren mit Yvonne und unserem gemeinsamen Sohn Marc bleibt sehr viel hängen. Die Liebe zu Yvonne gab mir die Kraft, das alles durchzuhalten. Aber es ist nicht die Liebe, die ich jetzt für Sandra empfinde. Die Liebe zu Sandra lässt mich nach vorne schauen und gibt mir neue Kraft. Der Tod ist ein sehr schmerzhafter Abschied. Ich beschäftige mich schon mit dem Gedanken daran, was mich dann dazu bewegt, sehr intensiv zu leben und den Moment zu genießen. Der Tod gehört halt einfach zum Leben, und irgendwann muss man diesen Weg gehen.

Ihre Frau ist im Februar 2015 gestorben. Wie geht es Ihnen heute und mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?
Heute ist es ruhiger bei uns geworden. Wir leben ein ziemlich normales Familienleben mit allem, was dazu gehört. Mit den drei Jungs wird es wohl nie langweilig. Sandra und ich versuchen die Zeit so gut wie möglich zu nutzen. Wir haben Ziele und Träume, die wir gerne noch umsetzen möchten. Es wird immer wieder mal über die Zeit geredet, die hinter uns liegt. Keiner von uns möchte Yvonne vergessen. Sie wird wohl immer irgendwie bei uns sein. Aber Sandra und ich möchten jetzt mehr nach vorne schauen und einen Neuanfang machen. Wir sind auch erleichtert, dass diese schwere Zeit vorbei ist.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff, und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Macht einem das Leben leichter, wenn man sich an verschiedene Situationen und Aufgaben anpassen kann. Ein hohes Gut.
  • Anpassungsfähigkeit: Habe ich selbst erlebt. Man kann sich Situationen anpassen, die man vorher nie für möglich gehalten hätte.
  • Kreativität: Entsteht oft aus der Not heraus.
  • Veränderung: Fällt mir oft schwer, man kann sich aber nicht davor drücken. Ist aber auch oft wichtig!
  • Angst: Steckt glaube ich in jedem von uns. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Kann auch positiv sein.
  • Zukunft: Der Blick nach vorne gibt mir Kraft. Ich versuche, positiv nach vorne zu schauen. Aber nicht zu weit.
  • Deutschland: Ein riesen Glück, hier leben zu können.
  • Ich: bin nicht so wichtig! Oder man sollte sich nicht als zu wichtig sehen.
  • Beruf: Sollte einem auch ein wenig Spaß machen. Es ist eine Menge Zeit, die man mit Arbeit verbringt. Ich habe Glück, mein Job macht mir Spaß!

 

Das Buch:

AbschiedDer lange Abschied – Als meine Frau mit 40 an Alzheimer erkrankte
Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
Verlag: Patmos Verlag
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3843606250

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