Industrie 4.0 – die System-(R)Evolution mit schöpferischer Zerstörungskraft | #Kondratieff | #Industrie40

IMG_1825„Und wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.“ Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“

Anfang 2013 stieß ich im Rahmen der Recherchen zu meinem Futability©-Buch zum ersten Mal auf den Begriff „Industrie 4.0“, als ich einen Forschungsbericht entdeckte, in dem es unter anderem hieß: „Industrie 4.0 leistet einen Beitrag zur Bewältigung aktueller Herausforderungen wie Ressourcen- und Energieeffizienz, urbane Produktion und demografischer Wandel. Ressourcenproduktivität und –effizienz lassen sich in Industrie 4.0 fortlaufend und über das gesamte Wertschöpfungsnetzwerk hinweg verbessern.” Das klang prinzipiell ja erst einmal nicht nur schlüssig, sondern auch durchaus erstrebenswert. Doch als ich mir die möglichen Folgen ausmalte und schließlich auch in meinem Buch von allen Seiten beleuchtete, wurde mir klar: Wir werden gerade Zeuge einer schöpferischen Zerstörung erster Güte, die systemverändernd sein wird. Zum Besseren nur dann, wenn wir sehr schnell lernen, uns anzupassen.

Heute vergeht kaum ein Tag, an dem Industrie 4.0 und die Auswirkungen nicht in irgendeiner Form in den Medien auftauchen – ab heute auch zwei Wochen lang hier auf diesem Blog im Rahmen der gemeinsam mit dem Ingenieurversteher veranstalteten Blogparade zum Thema „Industrie 4.0: Chancen, Risiken, Ideen und Umsetzungen – was hat Deutschland zu bieten?” Industrie 4.0 wird, wenn sie flächendeckend in den Unternehmen angekommen ist, massive Auswirkungen haben. In dem erwähnten Forschungsbericht heißt es – ganz nebenbei – nämlich weiter: „Die Rolle der Beschäftigten erfährt in der Smart Factory einen erheblichen Wandel. […] Die Mitarbeiter können sich dank intelligenter Assistenzsysteme auf die kreativen, wertschöpfenden Tätigkeiten konzentrieren und werden von Routineaufgaben entlastet. […] Das bietet Chancen für eine stärkere Eigenverantwortung und Selbstentfaltung der Arbeitnehmer.

In dieser technischen Entwicklung ist die Wandlung des Menschen zum kreativ-schöpferischen Individuum selbstverständlich impliziert – ohne dass zurzeit Vorkehrungen dafür getroffen werden, dass wir diese Anpassung global und flächendeckend überhaupt bewerkstelligen können. Durch Industrie 4.0 wird die Anzahl der Wissens- und Routinetätigkeiten dramatisch abnehmen. Das McKinsey Global Institute vermutet, dass Roboter und Maschinen bis 2025 schätzungsweise 140 Millionen Wissensarbeiter durch intelligente Technik ersetzen könnten. Und die Beweise dafür häufen sich.

  • Im Juni 2014 verkündete das chinesische Unternehmen Foxconn, es habe eine Armee aus 10.000 „Foxbots“ gekauft, die theoretisch bis zu 300 Millionen iPhones pro Jahr herstellen können soll. Die Themen Überstunden, Leistungsdruck und schlechte Bezahlung sind damit in diesem Konzern vom Tisch.
  • Toshiba präsentierte im Oktober 2014 die Roboter-Frau Aiko Chihara, die verblüffend (oder erschreckend?) menschlich aussieht. Aiko ist von Geburt an voll einsatzfähig. Sie kann ihre Arme und Hände bewegen, sprechen und Bettlaken und Kissen wenden. Zusätzlich beherrscht sie die japanische Zeichensprache. Der Prototyp der Menschmaschine soll in der Pflege eingesetzt werden und bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio in Serie gehen, um dann in Gestalt junger Frauen zur Besucherbetreuung eingesetzt zu werden. Lebende Messehostessen waren gestern…
  • Auch Nestlé setzt auf die Technikaffinität der Japaner. Im Weihnachtsgeschäft 2014 trat „Pepper“ seinen Dienst an. Die 1,20 Meter großen Roboter auf Rollen können zwar keinen George Clooney ersetzen, sollen aber interaktiv mit den Kunden kommunizieren können.
  • Cynthia Breazeal, Professorin am MIT, hat „Jibo“ entwickelt, einen 500 US-Dollar teuren Roboter, der Menschen am Gesicht erkennt, ihnen zuhört und auf Wunsch Pizza bestellen oder einen Termin im Kalender eintragen kann. Immerhin gibt es für diesen Prototyp schon Tausende Vorbestellungen – und das wird erst der Anfang sein.
  • Im Mai 2015 veröffentlichte das Handelsblatt einen Artikel mit dem Thema „Dann eben ohne Lokführer“. Mitten im heftigsten Streik der Lokführergewerkschaft GDL mit der Deutschen Bahn ließ mich diese Nachricht aufhorchen. Und in der Tat könnte die Zeit der Lokführer gezählt sein. Die Australier eröffnen nämlich gerade einen Blick in die Zukunft und erproben den Betrieb führerloser Lokomotiven, während Europa, Asien und die USA sehr interessiert dabei zuschauen.

Das sind nur wenige von Dutzenden von Beispielen, die ich in der Zwischenzeit gesammelt habe, die bestätigen: „Es war nie ungünstiger, ein Arbeiter mit ‚gewöhnlichen‘ Fertig- und Fähigkeiten zu sein, denn Computer, Roboter und andere digitale Technologien eignen sich diese Fertig- und Fähigkeiten mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit an.“ Das schreiben die MIT-Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson in ihrem Buch „The Second Machine Age“.

Industrie 4.0 als techno-ökonomischer Paradigmenwechsel

Der Ökonom Joseph A. Schumpeter veröffentlichte vor über 70 Jahren sein Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, das heute zu den Klassikern der Wirtschaftsliteratur gehört. Ein Klassiker deshalb, weil Schumpeter im 7. Kapitel seines Buches den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ einführt, der bis heute ein Sinnbild für disruptive Innovationen darstellt. Disruptiv und damit „schöpferisch zerstörend“ sind Innovationen dann, wenn sie die Kraft entfalten, bestehende Technologien komplett vom Markt zu verdrängen und sie in hohem Maße das Tempo und die Richtung des Innovationsprozesses quer durch die Wirtschaft bestimmen. Im besten Fall führen sie zu einer gesamtwirtschaftlichen Welle wirtschaftlicher Entwicklung mit der Entstehung vieler neuer Arbeitsplätze und lösen einen erheblichen Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft aus. Häufig – aber nicht immer – entstehen disruptive Innovationen dort, wo sich bestimmte Knappheiten aufstauen, die die Produktivität hemmen und damit das Wirtschaftswachstum niedrig halten oder gar blockieren.

Industrie 4.0 reagiert auf Produktivitätsengpässe und Knappheiten. Die Kapazitäten des Menschen sind – es schmerzt mich, das zu schreiben – beschränkt. Beschränkt deswegen, weil jede Form von Routine-Tätigkeiten – egal ob auf geistiger oder körperlicher Ebene – fehleranfällig sind und uns auf Dauer krank machen können. Maschinen sind seit Beginn der Industriellen Revolution ein probates Mittel, Knappheiten und Produktivitätsengpässe zu bekämpfen. Und in den letzten 250 Jahren sind die Maschinen nicht nur schneller und effektiver geworden – mittlerweile lernen sie auch mit sich selbst und den Menschen real und digital zu kommunizieren.

Dass wir jedoch mit diesen technologischen Siebenmeilenstiefeln kaum noch mithalten können und echte Anpassungsprobleme entwickeln, zeigt ein – eigentlich banaler – Sachverhalt, der in einem Artikel am 22. Dezember 2014 auf der Online-Seite des ORF veröffentlicht wurde. In diesem Artikel ging es um die Einführung einer neuen Briefsortiermaschine im Postverteilerzentrum in Wals (Österreich). Diese Maschine ist in der Lage, 58.000 Briefe pro Stunde zu sortieren – im Vergleich zu 1.000 Briefen, die per Handsortierung bearbeitet werden können. Die Mitarbeitenden, die diese Maschine bedienen, verkraften diese Schnelligkeit jedoch kaum noch. Stetig steigende Krankenstände sind die Folge des hohen Arbeitstempos der Maschine, die eigentlich für mehr Effizienz und Produktivität sorgen sollte.

Wir stehen also vor der paradoxen Situation, dass wir Technologien entwickelt haben, die wir selbst kaum noch bedienen können. Ein echter Produktivitätsengpass, der – in ökonomischer Logik – dadurch gelöst wird, dass wir nun Maschinen entwickeln, die mit der Schnelligkeit und Effizienz der von uns entwickelten Technologien besser zurechtkommen als wir.

Dahinter steckt eine Sprengkraft unbekannten Ausmaßes. Denn wenn die Maschinen den Menschen ersetzen – und Foxconn ist da nur eines von vielen (auch noch kommenden) Beispielen – könnten sich die Menschen zwar „auf die kreativen, wertschöpfenden Tätigkeiten konzentrieren“ und „das bietet Chancen für eine stärkere Eigenverantwortung und Selbstentfaltung der Arbeitnehmer“ – doch darauf müssen Menschen vorbereitet werden.

Damit die disruptive Innovation der intelligenten Mensch-Maschinen die bestehende „Technologie Mensch“ nicht komplett vom Markt verdrängt, müssen ökonomisch, politisch und gesellschaftlich alle Anstrengungen unternommen werden, den sozialen Sprengstoff zu entschärfen, bevor er zündet. Denn was könnten die negativen Folgen von Industrie 4.0 sein, wenn wir nicht aufpassen und rechtzeitig gegensteuern? Ich möchte das an drei Beispielen deutlich machen:

  1. Mensch-Maschinen, die steuerzahlungspflichtige Menschen ersetzen, zahlen weder Steuern noch Beiträge in die Sozialsversicherungs- und Rentensysteme. Und: Sie konsumieren nicht.
  2. Neue Berufe können und werden entstehen – bis aber unser Bildungssystem darauf reagiert, wird es vermutlich dauern. Es hat den Übergang vom Industrie- zum Informationszeitalter kaum geschafft und pflanzt momentan immer noch Wissen in junge Köpfe, das nicht mehr geeignet ist, auf die Herausforderungen der Zukunft reagieren zu können. In den kommenden Jahren werden daher vermutlich Menschen auf den Arbeitsmarkt strömen, die den Anforderungen dieses neuen Marktes kaum gewachsen sein werden.
  3. Anstieg der Arbeitslosigkeit durch den Wegfall von Routine-Tätigkeiten in theoretisch jeder denkbaren Branche.

Wir erleben momentan eine – wie ich finde – sehr interessante System-(R)Evolution, die geschichtlich nicht zum ersten Mal auftritt. Die venezolanische Wissenschaftlerin Carlota Pérez untersucht seit vielen Jahren die Kondratieff-Zyklen und bezeichnet diese Zyklen auch als „techno-ökonomischen Paradigmenwechsel“ – einem Wechselspiel aus der technisch-wirtschaftlichen Sphäre und der sozio-institutionellen Sphäre.

Industrie 4.0 als Kohärenzübergang

Wenn beide Sphären aufeinander abgestimmt sind und in die gleiche Richtung weisen, ist stabiles Wachstum über mehrere Jahrzehnte möglich. Klaffen die technisch-wirtschaftliche und die sozio-institutionelle Sphäre scherenartig auseinander, kann ein kontinuierlicher Aufschwung nicht stattfinden, da beide Sphären disharmonisch voneinander entkoppelt sind. Wirtschaft und Gesellschaft laufen quasi in entgegengesetzte Richtungen oder verharren an unterschiedlichen Punkten der Anpassung an veränderte Situationen.

Die Sphären entgleisen immer dann, wenn Knappheiten und Produktivitätsengpässe offenkundig sind und im Anschluss technologische Revolutionen den Markt erobern. Mit anderen Worten: Disruptive Innovationen setzen sich in einer Welt durch, die auf diese technologische Revolution nicht vorbereitet ist und in der alte Denk-, Handlungs- und Erfolgsmuster vorherrschen, die sich gegen eine institutionelle Neuerung erst einmal sträuben und die Anpassung verweigern.

Die Verweigerung ist zutiefst menschlich, denn jede radikale Veränderung zerstört unser Kohärenzsystem oder bringt es zumindest erheblich durcheinander. Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky hat den Begriff des Kohärenzgefühls entwickelt und versteht darunter die Grundeinstellung eines Individuums zum Leben, um auftretenden Herausforderungen immer wieder aufs Neue zu begegnen. Die Grundhaltung des Kohärenzgefühls ist die „globale Orientierung … eines dynamischen wie beständigen Gefühls des Vertrauens…“. Dieses setzt sich nach Antonovsky aus drei Komponenten zusammen:

  1. Verstehbarkeit (comprehensibility)
  2. Gefühl von Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit (meaningfulness)
  3. Handhabbarkeit (manageability)

Disruptive Veränderungen, die durch Industrie 4.0 ausgelöst werden, haben massive Auswirkungen auf das Kohärenzgefühl der Menschen – aber sie können auch die Kohärenz ganzer Unternehmen und Nationen erschüttern. Wie in den letzten 250 Jahren Industriegeschichte auch, so hat es immer Phasen radikaler Umbrüche gegeben, die Systeme von Grund auf (r)evolutioniert und für eine schöpferische Zerstörung gesorgt haben. In diesen Phasen der Kohärenzübergänge von einem System der Stimmigkeit zu einem nächsten, machen Veränderungen vor nichts und niemandem Halt. Auch im Rahmen von Industrie 4.0 werden wir uns sehr elementare Fragen stellen und gesamtgesellschaftlich diskutieren müssen wie zum Beispiel:

  • Zahlen Roboter zukünftig Steuern?
  • Können Roboter Führungskräfte werden?
  • Wie führt man Roboter und Menschen, wenn beide in einem Team arbeiten? Schaffen wir eine neue Form des „Mixed Leadership“?
  • Welche neuen Berufe, Qualifikationen und Kompetenzen werden wir brauchen?
  • Wie werden sich unsere Schul- und Ausbildungssysteme verändern müssen, um diese neuen Berufe, Qualifikationen und Kompetenzen vermitteln zu können?
  • Wie erhalten wir Werte in einer Welt, in der Mensch-Maschinen viele Hoheitsgebiete der Menschen erobern werden?
  • Wie erhalten und vermitteln wir Nähe, Wärme und Mitmenschlichkeit, wenn Roboter plötzlich im Vertrieb, in der Pflege oder in Schulen Einzug halten werden?
  • Können Mensch-Maschinen für ihre Fehler haftbar gemacht werden? Wenn nicht sie – wer dann? Die Designer, die Programmierer oder das Wartungspersonal? Und wie sieht die rechtliche Situation aus, wenn Designer, Entwickler und Wartungspersonal auf jeweils unterschiedlichen Kontinenten die Mensch-Maschine betreuen?

Ich finde diese Fragestellungen spannend, aufregend und ich bin überzeugt, sie sind im globalen Kontext und im nationalen und internationalen Dialog zu lösen, wenn wir endlich begreifen, dass Industrie 4.0 keine vorübergehende Spielerei darstellt, sondern in der konsequenten Umsetzung auch konsequente Auswirkungen haben wird.

Einer schöpferischen Zerstörung liegt zuerst die Zerstörung zugrunde, bevor aus ihr schöpferisch etwas Neues entstehen kann. Jeder Transformationsprozess hat das Potenzial, prinzipiell jeden Menschen zum Verlierer zu machen. Fällt ein gewohnter Rahmen auseinander, verändern sich Persönlichkeiten, soziale Rollen und gesellschaftliche Positionen. Bekanntes wird entfremdet.

Der Wandel auf der sozio-institutionellen Ebene ist folglich nicht so schnell vollzogen wie der Wandel auf der technisch-wirtschaftlichen Ebene, denn zuerst einmal muss ein gesellschaftlicher Konsens über die Veränderungsrichtung gefunden werden. Bis ein System (egal, ob ein gesellschaftliches oder ein unternehmerisches System) wieder strukturell kohärent ist, müssen Störfaktoren und Beharrungskräfte überwunden werden. Und die Veränderungen, die im Kielwasser technologischer Revolutionen notwendig sind, sind tiefgreifender und umwälzender als alles, was die große Mehrheit der an diesem Prozess beteiligten Menschen je erlebt hat. Es gibt daher keine Erfahrungen und keine bewährten Rezepte, die als Leitlinien herangezogen werden können. Der Transformationsprozess vollzieht sich ganz häufig aufgrund von Versuch und Irrtum. Nehmen wir die Auswirkungen der Zerstörung durch Industrie 4.0 auf die leichte Schulter, kann das schöpferisch Neue – vergleichbar mit der Büchse der Pandora – sehr unangenehme Folgewirkungen haben.

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