Interview: „Mein erstes Mal – Übernacht im Retro-Wohnwagen“ #Hotellerie

Michael SchlösserDas heutige Interview beleuchtet eine Branche, die nur selten in Verbindung gebracht wird mit Innovationen: die Hotel-Branche. Ich hab beruflich und im Urlaub schon hunderte Nächte in Hotels verbracht. Und obwohl darunter viele tolle und einzigartige Locations waren, kann ich die Momente, in denen mir tatsächlich etwas grundlegend Neues ins Auge gefallen ist, an zwei Händen abzählen. Nicht jedoch beim Basecamp, einem irre coolen Übernachtungsort in Bonn, den wir regelmäßig auch für unsere PechaKucha-Nights nutzen. Michael Schlösser, Betreiber des Basecamps, stand mir Rede und Antwort – und wer bisher noch nicht im Basecamp war, sollte das dringend nachholen!

NAME: Michael Schlößer
BERUF: Hotelier
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: geduldig, kreativ, unternehmungslustig
Meine eigene Webseite: www.basecampbonn.de

Michael, Du bist Betreiber des BaseCamp Bonn. Kannst Du kurz beschreiben, was das BaseCamp ist?
Im Grunde ist es ein klassischer Übernachtungsbetrieb, nur dass man eben nicht in normalen Zimmern schläft, sondern in historischen Wohnwagen aus den 50ern bis 80ern, in VW-Bullis, in Schlaf- und Liegewagen der DB, in original US-Airstreams, einem Trabi mit Dachzelt und so weiter. Untergebracht ist man zudem in einer ehemaligen Lagerhalle, die wir zu einer Art tropischer Event-Location umgestaltet haben. Auch haben alle Wohnwagen ihr eigenes Thema, nach dem sie innen und außen designt wurden.

Wie kommt man auf die Idee, ein solches Hotel zu gründen und wie lang war die Vorlaufzeit, bis der erste Gast bei Euch übernachten konnte?
Die Lagerhalle gehört zu einem umfangreicheren Grundstück, auf dem sich auch mein Hotel und Boardinghaus Bonnox befindet. Irgendwann wurde ich vom Eigentümer gefragt, ob ich nicht eine Idee hätte, was man mit der Halle anfangen könnte. Und da ich nun einmal von Haus aus Hotelier bin, denke ich immer automatisch in die Richtung einer Übernachtungsmöglichkeit. Umbauen wäre aber viel zu teuer gewesen und hätte auch für den Erhalt der Halle selber keinen Sinn gemacht. Warum also nicht einfach die „Zimmer“ hineinstellen statt sie neu zu bauen? Und da ich ein Fan klassischer Automobile bin, lagen die historischen Wohnwagen irgendwie auf der Hand. Weil die Kombination aber an sich schon recht skurril war, kam die Idee hinzu, die Sache von Grund auf zu überhöhen und die Wohnwagen wie die Halle selbst durch und durch „crazy“ zu gestalten. So kam dann eins zum anderen.

Bonn ist nicht gerade eine Hochburg für Tourismus. Wie groß war Eure Angst, mit dieser Idee zu scheitern?
Jede neue Idee ist ja zunächst einmal unerprobt. Da geht man also zwangsweise ein Risiko ein. Wir wussten natürlich überhaupt nicht, in welche Richtung sich die Sache entwickeln und ob eine solche ungewöhnliche Location überhaupt angenommen würde. Andererseits ist das Konzept des „Unusual Hotels“ ein aktueller Trend, in dessen Umfeld wir uns bewegen. Da reisen die Gäste dann weniger einer speziellen Region oder Stadt wegen an, sondern direkt für die jeweilige Unterkunft. So haben wir also nicht so ganz bei Null gestartet. Mut hat uns auch die Tatsache gemacht, dass eigentlich schon ab einer sehr frühen Phase des Aufbaus großes öffentliches Interesse bestand. Schon lange vor der Eröffnung hatten wir eigentlich regelmäßig Presseberichte und das hat uns natürlich frühzeitig bekannt gemacht.

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Basecamp in Bonn – kurz vor der PechaKucha-Night

Der Erfolg gibt Euch Recht: Ihr habt mit dem BaseCamp einige Preise gewonnen, unter anderem seid Ihr Sieger beim 2. Bonner Ideenmarkt, den Mittelstandspreis „Ludwig“ der IHK Bonn/Rhein-Sieg habt Ihr gewonnen und – noch viel wichtiger – Ihr wurdet mit dem deutschen Tourismuspreis geehrt. Ist das BaseCamp jetzt so etwas wie ein innovatives Vorzeigeprojekt für die Hotellerie-Branche?
So weit will ich eigentlich nicht gehen, aber wir freuen uns natürlich sehr, dass wir sowohl bei den Gästen wie auch den Branchenkennern gut ankommen. Das zeigt uns, dass wir – und „wir“ heißt immer unser ganzes Team – doch anscheinend vieles richtig gemacht haben. Allerdings darf man sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und so arbeiten wir eigentlich pausenlos an neuen Ideen, die das BaseCamp spannend halten und immer wieder für Aufmerksamkeit sorgen.

Du hast mir erzählt, dass die Auslastungsquote im BaseCamp bei etwa 60% in der Woche liegt. Wer übernachtet bei Euch?
Das ist zu unserer eigenen Überraschung sehr unterschiedlich. Anfangs dachten wir, es würden sicher fast ausschließlich Studenten, Backpacker und Schüler kommen. Dann hat sich aber schnell gezeigt, dass unser Gästespektrum viel weiter gefasst ist. Oft kommen junge Familien für ein paar Tage vorbei, durchaus auch aus der näheren Umgebung. Unter der Woche finden immer wieder Geschäftsreisende den Weg zu uns. Und dann nutzen oft auch Senioren, die früher große Campingfans waren, die Möglichkeit, unter etwas entspannteren Bedingungen noch einmal das alte Wohnwagen-Feeling wieder aufleben zu lassen. Vielfach bringen sie dann direkt ihre Enkelkinder mit. Und schließlich gibt es da noch die große Anzahl von Bonn-Besuchern, die uns im Internet gefunden haben und einfach mal testen wollten, wie es sich denn bei uns so schlafen lässt – oder sogar extra für uns nach Bonn gekommen sind.

Was glaubst du ist der Grund dafür, dass vor allem auch immer mehr Geschäftsreisende bei Euch übernachten?
Wer viel unterwegs ist, kommt natürlich in der Regel in Standard-Hotels unter. Irgendwann wird das einfach langweilig, und da wollen offenbar viele einmal etwas anderes ausprobieren. Bei uns sind ja nicht nur die Zimmer irgendwie skurril, sondern auch die gesamte Atmosphäre. Man kommt leichter miteinander ins Gespräch, nimmt sich und die Location nicht ganz so ernst und ist so viel entspannter. Außerdem hat ein Aufenthalt im BaseCamp auch immer ein bisschen Event- oder Erlebnischarakter. Da lässt sich der Alltag dann viel leichter ablegen. Und für jemanden, der beruflich in Bonn ist, kommt das natürlich besonders gelegen.

Wenn heute jemand ein Hotel aufmachen wollen würde, was würdest Du der Person raten?
Man sollte sich schon sehr genau überlegen, was man da vorhat und auf keinen Fall mit schnellem Erfolg rechnen. Langer Atem ist schon wichtig, aber auch grundsätzlich eine Menge Unternehmergeist. Man muss in jedem Fall mit Leib und Seele Hotelier sein und Spaß daran haben, Gästen einen schönen Aufenthalt zu bereiten, sonst funktioniert es nicht.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Dir einen Begriff und Du sagst mir, was Dir als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: unverzichtbar
  • Innovation: Spaß und Risiko in einem
  • Anpassungsfähigkeit: wichtig, aber mit klarer persönlicher Perspektive
  • Kreativität: hält jung
  • Veränderung: gehört zum Leben dazu, sonst wird es langweilig
  • Angst: darf nicht lähmen, hält aber wachsam und erdet
  • Zukunft: sollte man immer positiv angehen
  • Deutschland: ist schön, seine Bauwerke weltberühmt (alter Werbespruch für eine Biermarke)
  • Ich: versuche immer, eine gesunde Distanz zu mir selbst zu wahren
  • Beruf: da habe ich in meinem Fall das Glück, machen zu können, was mir Freude bereitet

 

Wer das Basecamp erleben und besuchen will, kann das – ganz offiziell – im Rahmen der PechaKucha-Night Bonn machen. „It’s about thinking and drinking“ – PechaKucha („petschaktscha“ gesprochen) ist ein innovatives und sehr kurzweiliges Vortragsformat: Jeder Vortrag besteht aus exakt 20 Bildern (Slides) und jedes Bild bleibt nicht länger als 20 Sekunden stehen. Langeweile kommt nicht auf, denn nach genau 6 Minuten und 40 Sekunden ist jeder Vortrag beendet.  Inspiration ist also garantiert – ebenso wie Pausen zum Networking, Austausch und zur Besichtigung des Basecamps.

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Basecamp Bonn – Bildquelle: PechaKucha Bonn
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