Rückschläge als Lernerfolg verbuchen #Scheitern

GegenwindDer Blogger-Kollege Frank Albers hostet gerade eine Blogparade zu dem interessanten Thema „Gegenwind – Was tun bei Fehlentscheidungen, Rückschlägen und Kritik?“ Hier mache ich gern mit, denn als Unternehmerin sind mir Rückschläge und Scheitern natürlich nicht unbekannt. Untersuchungen zeigen, dass wir zwischen 2.000 und 3.000 Ideen produzieren müssen, damit eine erfolgreiche Idee entsteht. Wenn man sich diese Zahlen auf der Zunge zergehen lässt, dann sind logischerweise auch Rückschläge und Scheitern entsprechend hoch – bei allem was wir unternehmen oder unterlassen.

Unsere Welt ist so schnelllebig wie nie zuvor. Sie ist VUCA – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Weil unsere Welt VUCA ist, ist es heute auch viel schwieriger zu antizipieren, wie sich Märkte und Bedürfnisse entwickeln werden.

Ich möchte an einem Beispiel deutlich machen, wie schnell und unverhofft sich Märkte drehen können. Im Jahr 2008 hatten mein Mann und ich die Idee, eine Webseite zu programmieren, die es Bewerberinnen und Bewerbern mit wenigen Handgriffen ermöglichen sollte, ein eigenes Kompetenzprofil online zu hinterlegen und damit gewissermaßen eine eigene Bewerberhomepage zu kreieren. Die Idee war einfach und genial. Meine Eltern und unsere Hausbank ließen sich damals auch überzeugen und liehen uns für die Umsetzung dieses Projektes Geld. Unser damaliger Programmierer machte sich ans Werk, drei Monate später war My-Career-Homepage.com fertig und wir gingen in die Werbeoffensive. Ganze weitere drei Monate später war das Projekt im Prinzip schon wieder gestorben, denn just in diesem Zeitraum wurde eine – für uns – todbringende Sau durchs Dorf getrieben: Der anonyme Lebenslauf, der von einigen großen Konzernen und einem Ministerium unter großem medialen Aufwand getestet und für gut befunden wurde. Die Idee unserer Karriere-Homepage ging mit diesem neuen Trend völlig konträr. Doch nicht nur das. Parallel hatten zeitgleich große Internetprovider Möglichkeiten für User geschaffen, einen eigenen Webspace mit Leben zu füllen. Innerhalb von nicht einmal sechs Monaten war unsere Idee eine Totgeburt.

Die Erfahrung war extrem bitter, denn auf einen Schlag hatten wir 16.000 Euro in den Sand gesetzt. Das Geld war weg, aber die gesammelten Erfahrungen konnte uns zum Glück niemand nehmen. Und die Erfahrung hat uns auch nie entmutigt, neue unternehmerische Risiken einzugehen. Nicht alle waren von Erfolg gekrönt – manche aber schon.

Ein Rechtsanwalt von uns aus früheren Tagen hat uns mal gesagt: „Duschen ohne nass zu werden geht nicht.“ Und an diesem Spruch ist viel Wahres dran. Weil sich unsere Welt so schnell und so radikal verändert, ist Untätigkeit ein großes Risiko – das Tätigwerden aber auch. An diesem Dilemma kann man verzweifeln – vor allem dann wenn man in Unternehmen tätig ist, in denen keine Fehlerkultur herrscht.

Denn was passiert, wenn sich Menschen nicht mehr trauen, die Wahrheit zu sagen oder Fehler zu machen? Es entsteht eine Kultur der Angst. Angst ist zwar ein wunderbares Warnsignal – aber auf Dauer ein extrem schlechter Berater. Angst tötet jede Form von Kreativität und eine Angstkultur fördert Grabenkämpfe. Die Folge ist eine duckmäuserische Haltung, die Furch vor dem Scheitern wächst und damit schleicht sich zusätzlich auch Unehrlichkeit in die Kommunikation. Fehler, die sich nie vermeiden lassen, egal ob Mensch oder Roboter am Werk sind, werden kaschiert und so lange hin und her geschoben, bis niemand mehr sagen kann (oder will), wer für den Fehler die Verantwortung trägt – und auch übernimmt.

Die Wirtschaftswelt ist voll von eklatanten Fehlentscheidungen, unglaublichem Gemauschel und Vertuschen – bis zur Eskalation. Das aus meiner Sicht furchtbare daran: Wirtschaftliche Fehlentscheidungen sind heute nicht mehr lokal begrenzt. Je größer das Unternehmen oder je einflussreicher die Produkte oder Markt-Player, umso schneller entstehen heute globale Flächenbrände.

Enron, Lehman Brothers, Deutsche Bank oder als aktuelles Beispiel Volkswagen zeigen, dass wir eines wieder brauchen: Offene Fehlerkulturen, den Mut, Verantwortung zu übernehmen und die moralische Pflicht, Fehler nicht zu verschweigen.

Unser Fehler damals war lokal begrenzt und ist monetär längst beglichen. Unser Business und unsere unternehmerische Tätigkeit hat diese Erfahrung aber bis heute nachhaltig verändert. Das damalige Scheitern verbuchen wir heute als echten Lernerfolg, denn nachdem die Enttäuschung und auch der Schock über das verlorene Geld abgeklungen waren, haben wir uns folgende Fragen gestellt und beantwortet:

  • Welche positive Erfahrung steckt hinter dem Scheitern?
    Wir haben bewiesen, dass wir (Internet-)Projekte innerhalb sehr kurzer Zeit professionell umsetzen können.
  • Welche Kenntnisse und Ideen, die wir in dieses Projekt haben einfließen lassen, können wir recyceln und für andere Projekte und Ideen nutzen?
    Der Aufbau unserer Messe-Kongress-Seiten women&work und innovation@work ist maßgeblich von den Erfahrungen dieses Projektes beeinflusst. Der Aufbau dieser Seiten ging extrem schnell und anders als beim damaligen Projekt und Programmierer haben wir heute jederzeit selbst die Möglichkeit, unsere Webseiten tagesaktuell anzupassen und zu verändern. Als absolute Tech-Laien sind wir zu echten Webseiten-Anwendern geworden.
  • Wie können wir zukünftig schneller (und kostengünstiger) scheitern?
    Indem wir seit dieser Zeit allem, was wir tun, einen Projektstatus geben. Unsere Firma ist zu einer echten „Projekt-Agentur“ geworden. Wir haben eine Idee, geben ihr den Stempel „Projekt“, überschlagen Kosten und Nutzen – und legen los. Dadurch, dass die Ideen einen Projekt-Status haben, fließen sie nie komplett in die Unternehmens-DNA ein. Das bedeutet, wir können sie schnell wieder abstoßen, wenn wir merken, dass sie nicht funktionieren – ohne dass es dem Kern unserer Agentur schadet.
  • Können wir Projekte zukünftig kooperativ mit anderen umsetzen und damit unser Risiko minimieren?
    Ja, wir können – und wir machen! Ein echter Kardinalfehler, den wir damals gemacht haben, war, dass wir glaubten, unsere Ideen alleine und im Alleingang umsetzen zu müssen. Ein gewisser Stolz schwang da mit – und natürlich auch ein gewisses Hoheitsstreben, das wir über unsere Idee behalten wollten. Heute agieren wir anders. Heute suchen wir uns Kooperationspartner, agieren in Netzwerken und stärken gemeinsam Ideen – die nach wie vor unsere bleiben und in unserem Namen umgesetzt werden – aber wir lassen andere partizipieren und suchen immer nach einem gemeinsamen Win-Win.
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