Interview: „Führung und gesunder Menschenverstand“ #Augenhoehe #NewWork

Sebastian GradingerMein Blog beschäftigt sich mit Futability® – der Frage des persönlichen Change Managements in Zeiten der Veränderung. Momentan zieht sich der Change durch viele Lebens-, Arbeits- und Gesellschaftsbereiche, denn das Leben und Arbeiten in VUCA-Welten erfordert eine permanente Anpassung und ist nicht nur für die Mitarbeitenden in Unternehmen eine Herausforderung, sondern auch für die Führungskräfte. Dr. Sebastian Gradinger ist vom Beruf Bildungsmanager und seit kurzem auch Herausgeber des Buches „Nachhaltig führen mit gesundem Menschenverstand“. Ich freue mich, dass er meiner Neugier nachgekommen ist und meine Fragen zum Thema „Führung und gesunder Menschenverstand“ beantwortet hat.

NAME: Dr. Sebastian Gradinger
BERUF: Bildungsmanager
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Leidenschaft, Neugier, Intuition
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: weatherPro
Meine Lieblingswebseite: persoblogger.de

1. Herr Dr. Gradinger, Sie sind Herausgeber des Buches „Nachhaltig führen mit gesundem Menschenverstand“. Verschiedene Experten kommen in diesem Buch zu Wort, die erfolgreich mit gesundem Menschenverstand führen. Was ist die Kernessenz dieser Aufsätze? Was macht gesunden Menschenverstand aus?
Die Personalentwicklung der letzten Jahre war mit einer enormen Komplexität an Methoden überfrachtet; die Entwicklung von Menschen und ihren Fähigkeiten wurde theoretisiert, der Praxis entfremdet, intuitivem Handeln unzugänglich ge­macht. Aus diesen komplizierten Konzepten heraus wurden „übertrainierte Führungskräfte“ geformt, die teilweise nicht mehr in der Lage waren, Entscheidungen mit ihrem gesunden Menschenverstand zu treffen. Wir haben damit in teure Entwick­lungsmaßnahmen investiert, die den Führungskräften das Zutrauen nahmen, dass eigene, erfahrungsbasierte Entscheidungen sinnvoll und erfolgversprechend sind. Heute wünschen wir uns auf Basis dieser Erfahrung hingegen wieder Manager, die sich statt auf gelerntes Wissen mehr auf ihre Intuition und ihren Verstand verlassen. Denn nur damit können sich die Personalverantwortlichen der Zukunft auf die Schnell­lebigkeit ihrer Umgebung wirklich einlassen und auf unvorhergesehene Ereignisse rasch, souverän und mit Mut reagieren.

2. Wenn ich die Wirtschaftsnachrichten verfolge, kann ich mich sehr häufig des Gefühls nicht erwehren, dass der gesunde Menschenverstand in vielen Chefetagen ein „Sabbatical auf unbestimmte Zeit“ genommen hat. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass so viele Unternehmens- und Führungsentscheidungen den gesunden Menschenverstand missen lassen?
Das Problem liegt für meine Begriffe darin, dass wir uns zunehmend zu einer Absicherungsgesellschaft entwickelt haben. Einer Gemeinschaft von Menschen, deren wichtigstes Interesse in der Vermeidung jeglicher Lebens- und Handlungsrisiken besteht – von Krankheit und Krisen bis hin zur Verantwortung für Fehlentscheidungen.
Dies ist zudem eine Folge unserer Fehlerkultur, die Scheitern nicht als Chance, sondern als Verfehlung begreift. Junge, formbare Menschen können diesem Druck nicht standhalten und lernen dadurch früh, statt dem mitunter notwendigen Wagnis die Absicherung zu wählen – und somit ihre Verantwortung weiterzureichen, wenn nicht abzugeben. Wie aber sollen die Manager und Chefetagen von morgen unter solchen Bedingungen ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln und den Mut aufbringen, Dinge zu verändern und mit Visionen zu gestalten? Dass wir eben solche Führungskräfte brauchen, sagt uns eigentlich der gesunde Menschenverstand. Ihm wieder mehr zu vertrauen, ist ein Schritt hin zur Lösung des Problems.

3. Wird der gesunde Menschenverstand Ihrer Erfahrung nach bei Männern und Frauen in Führung unterschiedlich eingesetzt und/oder gelebt?
Ich schätze Frauen auf Führungsebenen sehr und habe die letzten Jahre immer wieder sehr erfolgreich mit Frauen zusammengearbeitet. Meiner Erfahrung nach bringen Frauen auch schwierige Themen relativ schnell auf eine sachliche und pragmatische Ebene, während wir Männer uns manchmal zu sehr auf unwichtige Nebenkriegsschauplätze  konzentrieren. Ich habe den Eindruck, dass Frauen vielleicht eher dazu bereit sind, sich auf ihren gesunden Menschenverstand zu verlassen.

4. Der „gesunde Menschenverstand“ wird weder in der Schule unterrichtet, noch an den Hochschulen gelehrt. Dennoch brauchen wir ihn im Arbeitsleben immer häufiger, je komplexer unser Arbeitsumfeld wird. Wie können wir den gesunden Menschenverstand (re)aktivieren und trainieren?

  • Indem wir auf ein gesundes Maß an Personalentwicklung setzen, weg vom Seminartourismus.
  • Durch die Entwicklung von Maßnahmen und Trainings, die die Personalentwicklung stärker in den Berufsalltag integrieren. Ein praxisnahes und handlungsorientiertes Lernen fördert den gesunden Menschenverstand. So praktiziert etwa dm-drogerie markt seit Jahren das Konzept LIDA „Lernen in der Arbeit“, bei dem die jungen Auszubildenden vor allem während ihrer Arbeitszeit und in ihrem täglichen Arbeitsumfeld aus- und weitergebildet werden. Ihnen werden dabei Aufgaben gestellt, die sie selbständig lösen müssen. Für mich ein tolles Konzept, um den gesunden Menschenverstand zu aktivieren.
  • Durch die Förderung eines ganzheitlichen und handlungsorientierten Lernens. Der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi nannte das „Lernen mit Kopf, Herz und Hand.“ Auch dieser Punkt spricht wieder für ein praxisnahes und mit eigenen Erfahrungen verbundenes Lernen, das den gesunden Menschenverstand fördert.

5. Sie waren bis vor kurzem Geschäftsführer der WÖHRL Akademie, die vor einem Vierteljahrhundert von der Handelsfamilie Wöhrl gegründet wurde. Sie schreiben in Ihrem Vorwort, WÖHRL sei ein Paradebeispiel für eine „lernende Organisation“. Was zeichnet denn eine „lernende Organisation“ aus?
Als ‚lernende Organisation‘ nutzt WÖHRL die Wissensressourcen, die im Unternehmen gewachsen sind und Mittler, welche die tatsächlichen Bedarfe auf der Fläche kennen. Diese Haustrainer werden nach entsprechender Schulung gezielt für die Förderung und Entwicklung von Mitarbeitern auf der Fläche eingesetzt. Sie sichern die Integration des vorhandenen Erfahrungswissens in die tägliche Tätigkeit der Mitarbeiter vor Ort und begleiten deren Entwicklung zugleich kontinuierlich und über längere Zeiträume. Darüber hinaus bewirken die Haustrainer auch einen gewissen  Multiplikatoreneffekt: Auch Mitarbeiter, die nicht selbst an Angeboten der WÖHRL Akademie teilnehmen oder zu Haustrainern ausgebildet werden, werden so unmittelbar in den Bildungsprozess der „Akademie vor Ort“ einbezogen. Dabei bleibt das Angebot immer möglichst nah an den Bedürfnissen der Teilnehmer, d.h. sie werden auch in die Definition und Entwicklung neuer Lerninhalte eingebunden. Themen und Inhalte lassen sich so direkt in der Mitte des Unternehmens finden und auf die Agenda bringen. Ich halte dabei für besonders wichtig, dass die Dozenten nicht nur trockenes, theoretisches Fachwissen vermitteln, sondern vor allem auch ihre reichen, praktischen Erfahrungen an die Nachwuchs- und Führungskräfte weitergeben können. Eine Reihe ausgewählter externer Dozenten rundet das Bildungsangebot der Akademie daher zusätzlich ab.

6. Momentan entstehen in vielen Unternehmen immense Produktivitätsverluste, weil Mitarbeiter mit der Informationsflut nicht umgehen können, Wissen nicht geteilt wird bzw. der Knowhow-Verlust von Mitarbeitern im Ruhestand kaum kompensiert werden kann.  Wie sollte Ihrer Erfahrung nach ein nachhaltiges Wissensmanagement in Unternehmen aussehen? Worauf müssen Unternehmen und Führungskräfte achten?
Die Handelsfamilie Wöhrl hat für meine Begriffe mit der Gründung der WÖHRL Akademie vor über 25 Jahren die beste Basis für ein nachhaltiges und vor allem praxisnahes Wissensmanagement gelegt. Im Sinne eines Generationsvertrages wurde die Geschäftsführung der WÖHRL Akademie über viele Jahre hinweg jeweils mit langjährig erfahrenen Top Managern des Unternehmens besetzt. In dieser Position konnten sie die letzten Jahre ihrer beruflichen Laufbahn dazu nutzen, den reichhaltigen großen Schatz an Wissen und Praxiserfahrung an die junge Generation weiterzugeben. Somit entwickelte WÖHRL ein nachhaltiges Wissensmanagement und das Knowhow der Erfahrensten wurde in Form der WÖHRL Akademie institutionalisiert.
Unternehmen müssen heute vor allem darauf achten, dass ein generationsübergreifender Austausch zwischen den Führungskräften ermöglicht und gefördert wird. Dazu müssen Plattformen geschaffen und Vertreter der verschiedenen Manager-Generationen zusammengebracht werden. Unsere Erfahrung zeigt: Hier können beide Seiten viel voneinander lernen. Fehlen solche Foren, kann ich Führungskräften nur raten, sich mit erfahrenen, älteren Kollegen auszutauschen oder manchmal auch nur genauer hinzuhören, wenn von der „guten, alten Zeit“ gesprochen wird. Dabei zeigt sich, was man aus der Vergangenheit noch heute mitnehmen kann – und wo es sich überhaupt lohnt, das Rad neu zu erfinden. Ein Stückchen Demut gegenüber älteren Kollegen und deren Erfahrung ist an dieser Stelle nicht verkehrt.

7. Unsere Welt ist VUCA geworden – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Haben Sie drei „PowerTipps“ für Führungskräfte, die ihnen helfen können, mit einer VUCA gewordenen Welt umgehen zu können?

  1. „Täglich die Komplexität reduzieren“ – das hilft im Management-Alltag, die wirklich wichtigen Dinge zu identifizieren.
  2. „Jeden Tag die Welt neu entdecken und neugierig bleiben“ – das hilft vor allem in der Führung von Mitarbeitern
  3. „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ (Wolf Biermann) – das bedeutet: Man muss auch Veränderung an sich selbst zulassen.

 

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Beständigkeit
  • Innovation: Bewegung
  • Anpassungsfähigkeit: Erfahrung
  • Kreativität: Freiheit
  • Veränderung: Chance
  • Angst: Mut
  • Zukunft: Abenteuer
  • Deutschland: Wandel
  • Ich: Gestalter
  • Beruf: Leidenschaft

Das Buch:

NachhaltingFuehrenDr. Sebastian Gradinger | Robert Rösch
Nachhaltig führen mit gesundem Menschenverstand
Verlag: Goldegg Verlag
ISBN-13: 978-3902991973

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