Die Mörder von #Paris fordern uns zur #Evolution heraus!

EvolutionIn der Nacht von Freitag auf Samstag wollte ich eigentlich früh schlafen gehen. Am nächsten Morgen musste ich meinem Lehrauftrag nachkommen. 10 Studierende wollten von mir wissen, wie man „von der Idee zur Marktrevolution“ gelangt. Auf dem Programm stand am Samstag die Einführung in das Wesen der Kreativität. Doch dann: Das Fußballspiel und die Anschläge. An Schlaf war nicht mehr zu denken… Am nächsten Morgen um 10:00 Uhr stand ich vor meinen 10 Studierenden, blickte in die Runde und die sonst sehr aufgeweckte Gruppe wirkte zerschlagen und apathisch; ein junger Mann hatte rotgeränderte Augen – er hatte erst vor wenigen Stunden erfahren, dass seine Schwester noch lebt, aber aus dem Urlaubs-Appartment im 11. Bezirk nicht herauskommt. Ich fühlte mit ihnen – und ich fühlte mich schlecht. Jetzt zum „business as usual“ umzuspringen erschien mir herzlos und ignorant. Also fragte ich sie: „Was wollt ihr tun? Wie wollt ihr den Tag nutzen?“ Und die Antwort der Studierenden: „Bitte lass uns reden. Wir haben zwar keine Lösung, aber vielleicht nehmen wir heute was mit, was wir im Kleinen verändern können.“ Und sie fragten mich, ob wir das Thema „Kreativität“ nicht nutzen könnten, um an Lösungen und an der Verarbeitung der Geschehnisse zu arbeiten. Und das ist das, was wir dann acht Stunden lang taten.

Meine Studierendengruppe ist ein faszinierendes Konglomerat verschiedener Charakter-Typen und Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft. Ein Deutsch-Grieche, ein Deutsch-Iraner, zwei Frauen, acht Männer, Christen, Atheisten – einer davon mit islamischem Background. Ein Philosophie-Student, ein Geologe, ein Physiker, ein Volkswirt und ein Medienwissenschaftler – der Rest BWL-Studierende. Das „Reden“ wurde erwartungsgemäß emotional. Die fachlich-thematische Auseinandersetzung mit den Anschlägen wurde sehr schnell eine Frage von Werten, Menschenrechten – und Religion.

Die ganze Zeit über blieb die Diskussion jedoch in einem „entfremdeten“ Modus. Ja, Paris ist näher als Syrien und ja, in Paris ist jeder aus unserer Gruppe schon einmal gewesen – aber es ist nicht Deutschland. Wir alle spüren das Damoklesschwert über unseren Köpfen, aber so lange es eben nicht fällt….

Es war schließlich der Philosophie-Student, dem diese Entfremdung auch auffiel und sie äußerte. „Ihr redet immer über ‚die‘ – aber wer ist ‚die‘? Ihr tut so, als könnte Euch das alles nicht betreffen…“ Sein Einwand erntete einen akademischen Sturm der Empörung: „Ich würde nie Gewalt anwenden, Radikalität heißt, keine Bildung zu haben“, „Ich doch, wenn es sein muss – aber natürlich nie radikal…“, „Gruppen sind eh beschissen, die nehmen einem jede Freiheit, daher würde ich nie zu einer Gruppierung gehören wollen – egal ob radikal oder nicht.“

Das war ein guter Zeitpunkt für eine Kreativübung, denn ich persönlich glaube, dass prinzipiell jeder Mensch radikal werden kann, wenn die Umstände entsprechend ungünstig sind. Mit der „Kopfstandübung“ forderte ich die Gruppe hraus und fragte sie: „Was müsste (mir) passieren, damit ich eine radikale Haltung entwickle?“ Die Kopfstandübung fragt immer nach „Worst-Case-Szenarien“, da wir uns die generell am leichtesten vorstellen können und auf diesem Weg sämtliche Filter ausschalten. Bei der Übung entsteht kein Druck, dass Ideen gefunden werden müssen, denn wir alle können uns im Regelfall problemlos in Szenarien des Scheiterns hineinversetzen.

Meine Studierenden-Gruppe machte sich an die Arbeit und schrieb je ein Szenario auf eine Metaplan-Karte. Im Anschluss sollten sie die Ergebnisse clustern und Überschriften finden. Das war das Ergebnis:

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Wenn im engen Umfeld (Familie, Partner oder Partnerin, Freunde) etwas passiert – im Regelfall der gewaltsame Tod eine geliebten Menschen, wenn die gefühlte Ungerechtigkeit überhand nimmt, wenn politische Motive ins Spiel kommen oder der Selbsterhaltungstrieb aktiviert wird, weil die Existenzangst erdrückend ist oder Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können, ist ein Nährboden für radikales Gedankengut gelegt.

Als die Studierenden ihre Ergebnisse anschauten, entbrannte eine neue, spannende Diskussion. Der Grundtenor: „Das sind ja alles menschliche Motive – und verständliche Motive. Das kann uns tatsächlich alle betreffen – und Paris betrifft uns ja wirklich ganz persönlich.“ Ein Student äußerte – aus meiner Sicht sehr richtig: „Wir müssen gerade jetzt aufpassen, dass wir nicht alle radikaler werden in unserem Denken und Handeln.

Ich habe die Diskussion mit großer Spannung begleitet – es war tiefgreifender und emotionaler als jede weichgewaschene Talk-Show, die ich schon seit Jahren nicht mehr schaue, weil immer die gleichen Argumente von den ewig gestrigen „Stagnations-Experten“ widergekäut werden. Am Samstag lag Spannung in der Luft – und Erkenntnisgewinn. Es war großartig und sehr hoffnungs-stimulierend, das miterleben zu dürfen.

Denn tatsächlich entwickelte sich aus dieser Diskussion dann auch die Grundfrage: „Wie können wir verhindern, dass  sich Radikalität ausbreitet?

In einer weiteren Kreativübung „5xWARUM?“ erarbeiteten wir die Frage: „Warum gibt ein Mensch die Hoffnung auf?“ Die Frage resultierte aus dem Erkennen, dass der Radikalität nicht selten Hoffnungslosigkeit vorausgeht. Bei der „5xWARUM“-Übung wird auf eine Ausgangsfrage eine Antwort gegeben und diese Antwort im exakten Wortlaut dann erneut als Warum-Frage gestellt. Das wiederholt man 5 mal und hat am Ende eine von möglichen Antworten. Das waren die Antworten meiner Studierendengruppe:

5 warum

Warum geben Menschen die Hoffnung auf?

  • Weil sie keine Ziele/Visionen haben.
  • Weil sie machtlos sind.
  • Weil sie Angst haben, sich mit ihrem Inneren zu beschäftigen.
  • Weil ihnen niemand den Wert menschlicher Unterstützung beigebracht hat.
  • Weil sie sensationsgierig sind.

Der letzte Punkt scheint aus den restlichen Antworten herauzustechen – aber er macht Sinn, wenn der Verlauf der Antworten deutlich wird. Der Student, der auf diese Antwort kam, kritisierte nämlich die Medien und die Sensationsgier, der heute alles unterworfen ist. Sensationsgier schürt seiner Meinung nach keine Hoffnung.

In einer weiteren Übung gaben sich die Studierenden die Aufgabe darüber nachzudenken, „Welche Maßnahmen getroffen werden können, um Eltern dabei zu helfen, ihre Erziehung zu optimieren?“ Auch diese Frage entlud sich aus der allersten Übung, dem Kopfstand, und den Antworten „beschissene Sozialisierung“, „beschissene oder keine Erziehung“ und „ganz viel gebündelte Scheiße über einen langen Zeitraum“, die als ursächlich für den Weg in eine mögliche Radikalisierung gesehen wurden.

Insgesamt wurden in dieser Übung 144 Ideen generiert – potenziell jede davon umsetzbar! Diese acht Highlights haben die Studierenden selbst ausgewählt:

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Von diesen Ideen ist jede direkt umsetzbar – ziemlich sicher werden einige davon auch schon umgesetzt, aber vielleicht wird die Wichtigkeit dieser Maßnahmen jetzt noch ein bisschen deutlicher – und sinnhafter.

Zur Erinnerung: Diese Ergebnisse wurden von den Studierenden auf Basis der Ausgangsfrage entwickelt, was passieren muss, damit eine radikale Haltung entwickelt werden könnte.

Und einen letzten Punkt möchte ich teilen, der aus der Anfangsdiskussion entstand und der mich zu der Überschrift dieses Blogbeitrag verleitet hat:

Als nämlich den Studierenden bewusst wurde, dass die Diskussion über die Anschläge von Paris nicht akademisch geführt werden kann, weil wir prinzipiell alle in Radikalität abgleiten könnten, wenn sich unsere Lebensumstände dramatisch verschlechtern würden.

Diese Erkenntnis sorgte für eine sehr gedrückte Stimmung. Ich fragte sie, welche Emotionen jetzt in ihnen hochkommen. Sie antworteten:

  • Angst
  • Wut / Aggression
  • Ohnmacht
  • Mitgefühl
  • Trauer

Ich fragte sie dann, welche Bedürfnisse hinter den Emotionen steckten. Ihre Antworten:

  • Schutz
  • Gerechtigkeit
  • Solidarität
  • Halt
  • Handlungsfähigkeit

Und in den Antworten erkannten sie: Auch diese Bedürfnisse sind zutiefst menschlich – auf beiden Seiten. Und genau das, denke ich, ist der Punkt: Die Anschläge von Paris sind grauenvoll und verachtenswert. Doch so bitter die Pille auch zu schlucken ist:  Hinter jeder Form der Radikalität steckt ein Bedürfnis, das mal klein und menschlich angefangen hat. Ein Bedürfnis, das wir vielleicht sogar kennen – und uns ganz selbstverständlich erfüllen können, weil wir das Geld dazu haben, die Bildung oder auch die dazu notwendige Freiheit in Form einer demokratischen Verfassung. Werden Bedürfnisse auf Dauer nicht erfüllt, entsteht Frustration – auch das ist zutiefst menschlich. Wird aber diese Frustration nicht erkannt und die Frustration selbst weiter frustriert, entstehen Wut, Aggression und Zorn. Die kraftvollsten Grundemotionen, zu denen wir fähig sind, die unseren ureigenen Überlebensinstinkt anfeuern und eigentlich nur zu zwei Handlungen herausfordern, wenn wir den Verstand abschalten: Angriff oder Verteidigung.

Und so lange wir den Kern der Bedürfnisse nicht verstehen, wahrnehmen und annehmen, werden immer weiter Teile der Gesellschaft in die Radikalität abrutschen. Weltweit! Nicht zwingend, weil sie mordlustig und blutrünstig sind – sondern weil sie die eigene Hoffnungslosgkeit dazu treibt, weil unsere Leistungs- und Konsumgesellschaft an zu vielen Stellen versagt, wenn es um die Vermittlung von Werten, Visionen und Bildung geht. Weil der Umgang mit unserer VUCA-Welt verwirrt und versunsichert, weil die Transparenz fehlt, weil die ungleiche Verteilung von Reichtum und Wohlstand und von gesunden und krankmachenden Lebensräumen für die Menschen nicht mehr zu ertragen sind, die in den toxischen und armen Gebieten der Erde leben. Weil für viele offensichtlich Radikalität das letzte Mittel ist, gesehen und gehört zu werden. An dieser Stelle hat die (Welt-)Gemeinschaft versagt!

In einer Nacht, wie die am vergangenen Freitag, den 13., ist es sehr, sehr einfach, sich seinen Emotionen hinzugeben. Dabei sind Trauer und Mitgefühl noch die am wenigsten zerstörerischen nach außen, aber wehe dem, wenn wir unsere Rationalität ausschalten und uns der Angst, der Wut, der Aggression oder der Ohnmacht hingeben. Wehe dem, wir verlieren unsere innere Stärke und können dem Sog dieser Emotionen nichts mehr entgegensetzen!

In der Nacht zum Samstag den Ausnahmezustand zu verhängen war sicherlich richtig und sinnvoll – aber er darf kein Dauerzustand sein, denn ein Ausnahmezustand hebelt Gesetze aus und stellt die Exekutive vor die Legislative. Das ist ein weiterer Nährboden für Radikalität, wie meine Studierendengruppe sehr folgerichtig unter „politischen Motive“ zusammengefasst hat.

Barak Obama nannte die Terroranschläge einen „Angriff auf die ganze Menschheit und unsere universellen Werte“. Selten stimme ich ihm zu – in diesem Fall schon. Und rufe ihm gleichzeitig – ein wenig verbittert – ein „gut gebrüllt Löwe“ hinterher, denn der Friedens-Nobelpreisträger hat sich in seiner Amtszeit nicht übermäßig strapaziert, was das Einhalten und die Akzeptanz unserer universellen Werte angeht.

Denn so hart es ist – aber die universellen Werte gelten für alle Menschen, auch für die, denen wir eigentlich nur Hass und Verachtung entgegenbringen möchten für ihre barbarischen und möderischen Akte der Unmenschlichkeit. An irgeneiner Stelle in der Geschichte haben die westlichen Länder versäumt, die Bedürfnisse des Rests der Menschheit zu verstehen oder verstehen zu wollen. Prosperität ist nicht mit Geld zu erkaufen oder mit (Waffen-)Gewalt zu verteidigen, sondern vor allem mit einem kooperativen, menschlichen Miteinander.

Mein Learning und meine Inspiration, die ich aus dem Samstag mit meiner Studierenden-Gruppe mitnehme, ist: Die Mörder von Paris fordern uns zur Evolution heraus. Ich glaube, dass wir den Nährboden der Radikalität nur durch Menschlichkeit beackern können. Und zwar, indem wir unsere Emotionen analysieren und uns fragen, welches menschliche Bedürfnis steckt dahinter? Indem wir lernen, unsere Emotionen als Richtungsweiser zu nutzen – aber nicht als Handlungsgrundlage, denn Handlungen, die auf negativen, verzehrenden Emotionen basieren, sind nur Affekthandlungen und keine langfristig guten Lösungen.

Indem wir lernen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen, erreichen wir, dass wir

  • Verständnis für Menschen und Situationen erlangen,
  • Situationen  insgesamt besser einordnen können,
  • handlungsfähiger werden und
  • an den richtigen Stellen rationalisieren.

Das sind übrigens nicht meine Antworten, sondern die der Studierenden, als ich sie fragte, was ihnen die Erkenntnis über ihre Bedürfnisse gebracht habe.

Unser wirklicher Akt der Evolution ist nicht der, dass wir die Bedürfnisse der Opfer nachvollziehen – das fällt uns leicht. Der wirkliche Akt der menschlichen Evolution ist der, dass wir den Mut erlangen, die Bedürfnisse der Täter anzuschauen. Ich glaube, wir können nur dann die Geburt weiterer Täter verhindern, indem wir Aufklären – und selbst aufgeklärter werden. Indem wir bewusst aus den „Täter-Opfer-Rollen“ ausbrechen und von einer Ursachenforschung, die immer nach einem schuldigen Täter sucht, zu einer Bedürfnisforschung übergehen, die nicht im biblischen Sinn „Auge um Auge“ fordert, sondern an die menschliche Evolutions- und Entwicklungskraft appelliert und eine Grundlage für Lösungen und menschliche Kooperation bietet.

Denn wie steht es in der Charta der Vereinten Nationen in Artikel 1:

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Die Erkenntis und der Text stammen aus dem Jahr 1948. Es wird Zeit, dass wir dieser Erkenntnis Taten folgen lassen.

Meine Studierenden-Gruppe wird übrigens auch den letzten Seminartag nutzen, um mithilfe kreativer Techniken an Lösungen zu arbeiten, wie Radikalisierung verhindert werden kann. Ihre Hausaufgabe lautet, sich Gedanken darüber zu machen, was wir tun müssen, damit wir in 10 Jahren keine bürgerkriegsähnlichen Zustände in Europa haben. Ich bin gespannt auf die Antworten und Lösungsansatze.

 

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