Wie geht das mit der… Kommentarfunktion?

Meinungsfreiheit

 

In meinem gestrigen Blogbeitrag schrieb ich: „Sensationsgier schürt seiner Meinung nach keine Hoffnung“ und bezog mich auf einen Studenten, der im meinem Seminar am Samstag nach dem Anschlag auf Paris diesen Satz äußerte auf die Frage „Warum geben Menschen die Hoffnung auf?“. Ich war ziemlich geflasht von dem Satz und ließ ihn das ganze Wochenende über sacken. Und heute machte ich eine Erfahrung, die in genau dieser Hinsicht ein bisschen schwer zu verdauen ist….

Ich lese jeden Morgen das Handelsblatt Morning Briefing von und mit Garbor Steingart. Ich schätze ihn als morgendlichen Überbringer leider meist schlechter Nachrichten sehr, weil er sich aus meiner Sicht immer um einen moderaten Ton bemüht, an den richtigen Stellen Kritik und Mahnungen äußert und gleichzeitig den Blick auf das große Ganz nie zu verlieren scheint.

Sein Morning Briefing heute betitelte er mit „Weltkrieg III“ – und ich zitiere ihn: „Die Situation ist fataler und größer, als es die Betroffenheitsadressen der Regierungschefs vermuten lassen. Wir sind nicht nur Opfer eines Terroranschlags, wir sind auch Kriegspartei.“ Und weiter schreibt er: „Ein Herausgeber der „FAZ“ wünscht sich auch an der Spitze der deutschen Regierung „ein hartes Gesicht“. Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner fordert eine „Radikalisierung der bürgerlichen Mitte“. Doch der Automatismus von Härte und Gnadenlosigkeit, das vorsätzliche Nicht-Verstehen des anderen, die feurigen Reden an das jeweils heimische Publikum, die schnell in Marsch gesetzten Bombergeschwader haben uns in diesem Kampf der Kulturen dahin gebracht, wo wir heute stehen. So beendet man den Terror nicht, sondern facht ihn weiter an. So schafft man keinen Frieden, so züchtet man Selbstmordattentäter. Die bürgerliche Mitte unseres Landes sollte sich nicht radikalisieren, sondern sich ihrer vornehmsten Tugenden erinnern: Besonnenheit und Friedfertigkeit.“ (Das gesamte Morning Briefing gibt es >> hier zu lesen.)

So einfach gesagt – und so wahr!

Es war genau die Schlussfolgerung, die auch meine Studierendengruppe am Samstag als erstes Resümée gezogen hat. Das heutige Morning Briefing von Herrn Steingart hat mir einen mentalen Hoffnungsschub gegeben, denn ich bin der festen Überzeugung, dass wir genau solche Töne brauchen, um nach langfristigen Lösungen zu suchen. Gewalt kann keine Lösung sein.

Mit diesem Gedanken ging ich frühstücken – und fand die heutige Ausgabe der WELT auf unserem Küchentisch. Der Tenor hier: Kriegspropaganda. Ich war – und bin es immer noch – völlig entsetzt!

Auf einer gesamten Seite – der Titelseite noch dazu – lässt sich Richard Herzinger (Literaturwissenschaftler, Journalist und Publizist – mit anderen Worten: Ein Mann der Sprache, der genau wissen muss, wie Worte als Waffen eingesetzt werden) lang und breit darüber aus: „Diesen Krieg müssen wir gewinnen“ (übrigens auch online zu finden, wer ihn lesen mag). „Krieg“, „Abwehrkampf“, „vernichtender Angriff“, „perverse Sprache der Täter“, „Feind“, „Blutrausch“, „Killer“ sind nur einige seiner Vokabeln aus diesem Artikel. Natürlich haben wir Meinungsfreiheit und selbstverständlich darf in unserem Land jeder sagen, was er denkt – so dachte ich zumindest noch in diesem Augenblick. Allerdings wuchs das Bedürfnis in mir, diese Meinung nicht unkommentiert stehen zu lassen. Also verfasste ich einen Kommentar. Mein Mann las ihn und sagte: „Der ist gut! Aber speichere ihn besser ab – ich vermute, der wird nicht freigeschaltet.“ Ich folgte seinem Rat und machte zusätzlich einen Screenshot – insgeheim davon überzeugt, diesen Handgriff umsonst getan zu haben.

Schließlich haben wir Meinungsfreiheit. Das Recht zu kommentieren ist im World Wide Web doch fest verankert, oder etwa nicht?

Nun denn, den ersten Kommentar verschickte ich gegen 13 Uhr. So genau habe ich nicht auf die Uhr geschaut – wie gesagt, ich war im naiven Glauben, das sei unnötig. Zum Zeitpunkt des ersten Absendens waren 158 Kommentare online.

Leserartikel

Nach dem Absenden des Kommentars lud ich die Webseite neu und nach ca. 5 Minuten schaute ich nach, ob mein Kommentar online war. War er nicht. Hmm… Eventuell hatte ich bei der Eingabe Fehler gemacht? Ich habe schließlich noch nie zuvor einen Kommentar auf einen Artikel hinterlassen – aber eine Anmeldung mit dem eigenen Twitter-Account und ein Bestätigen der Mailadresse ist eigentlich nicht soooo schwer und fehleranfällig…. Ich wartete noch ein paar Minuten länger, beantwortete in der Zeit einige eMails und entschloss mich dann, den Kommentar erneut zu posten – ich hatte ihn ja zum Glück vorher kopiert und abgespeichtert.

Dieses Mal notierte ich den Zeitpunkt daneben:

Leserartikel, 2. Versuch

Jetzt waren schon 165 Kommentare online – der Artikel erregte offensichtlich nicht nur mein Gemüt.

Ich lud die Seite ein weiteres Mal:

Leserartikel, 2. Versuch_1

Nun waren 169 Kommentare online – meiner wartete noch immer auf Freigabe.

 

Daher lud ich die Seite erneut – eine gewisse Spannung packt einen dann ja schon…

Leserartikel, 2. Versuch_2

Mein Artikel erschien nicht mehr als „wartend“, 172 Kommentare waren in der Zwischenzeit schon online. Ich suchte nach meinem Kommentar – aber zum zweiten Mal vergeblich!

Ich habe – mehr als vier Stunden später – die Seite mehrfach geladen. Mittlerweile sind 243 Kommentare online, meiner ist allerdings nach wie vor nicht dabei. Ich finde das… irritierend…

Denn ich kann mich immer noch nicht so ganz von der Vorstellung loseisen, mit der ich groß geworden bin und die mir von meinen Alt-68er-Lehreren immer wieder eingetrichtert und als das wertvollste Gut der „freiheitlich westlichen Zivilisation“ (ich zitiere hier Herrn Herzinger) beschrieben wurde: Die Meinungsfreiheit.

Mein Alt-68er-Geschichtslehrer hat uns immer gewarnt: In dem Moment, wo die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird, sind die demokratischen Grundsätze in Gefahr – auch ohne Selbstmordattentäter und Terroranschläge! Diese Entscheidung treffen wir ganz allein!

Vielleicht bin ich zu blond, einen Kommentar zu verfassen – ich will das der Fairness halber nicht ausschließen…

Vielleicht werden die Redakteurinnen und Redakteure der WELT mit Kommentaren bombardiert (was für ein Wortspiel) und kommen mit dem Freischalten nicht klar. Dafür hätte ich Verständnis. In diesem Fall würde ich – natürlich – noch weiter geduldig warten, bis meine Meinung online ist und in der Zwischenzeit einfach nachhelfen und sie in meinem Blog posten, damit sie nicht verloren geht.

Und hier ist sie, meine Meinung und mein Kommentar zu dem Artikel von Herrn Herzinger:

„Der Autor redet von den Werten einer „freiheitlich westlichen Zivilisation“. Dabei ist sein Artikel nichts anderes als moderne Kriegspropaganda, geführt mit der Tastatur und der Weitsicht eines Maulwurfs…. Wer kurz vor der Radikalisierung seines eigenen Gedankenguts steht, dem wird dieser Artikel helfen, auch die letzten Barrieren abzuschütteln und der Unvernunft seinen freien Lauf zu lassen. „Das Wort vom Krieg gegen den IS zu führen bedeutet jedoch vor allem, ihn an den Ort des Feindes zu tragen […] unter massivem Einsatz der überlegenen westlichen Militärmaschinerie“. Wie viel Ignoranz in einem Satz stecken kann – ich bin wirklich entsetzt!
Wir führen diesen Krieg seit JAHREN in den Ländern des Feindes – die Opfer kommen gerade in massiven Flüchtlingswellen zu uns zurück – darunter traumatisierte Kinder, die in ihrem Leben nichts anderes als Gewalt, Tod und Vertreibung kennengelernt haben. KEIN Mensch aus Deutschland wünscht seinem Kind eine solche Kindheit, oder? Wir würden alles dafür tun, unseren Kindern ein solches Schicksal zu ersparen. Wie können wir aber gleichzeitig mit gutem Gewissen Waffen in diese Regionen liefern und uns dann wundern, wenn Wut und Aggressionen zurückkommen wie ein Boomerang?
Und was heißt „westliche Militärmaschinerie“? Bloß weil wir in der Lage sind, ein paar Knöpfe mehr zu drücken und Drohnen den dreckigen Krieg führen zu lassen, sind wir doch nicht überlegen – und werden es niemals sein, wenn Menschen auf der anderen Seite der Zielscheibe bereit sind, Selbstmord für ihre Überzeugungen zu begehen. Selbst ein sauber ausgeführter Drohnenangriff ist doch nicht weniger grausam als ein Selbstmordattentäter. Auf beide Angriffe sind Menschen nicht vorbereitet. Beide Angriffe töten und hinterlassen Traumata, die nie heilen und immer nur noch mehr Gewalt, Radikalität, Hass und Hoffnungslosigkeit schüren.

Das kann doch nicht ernsthaft die Alternative sein!!

Dieser Konflikt hat mit Gewalt angefangen – er kann nicht mit Gewalt beendet werden. Denn wie der Autor richtig schreibt: Der IS „rekrutiert sich im Kern aus westlichen Staatsbürgern“. An der Stelle müssen wir aufschreien!!! Hier müssen Gesellschaften aktiv werden und dem IS das „Frischfleisch“ entziehen dadurch, dass wir in Europa Werte vorleben, Visionen aufzeigen, Aufklären – und ALLE Menschen an der „freiheitlichen westlichen Zivilisation“ teilhaben lassen. Hier versagt unsere westliche Zivilisation schändlich – und an der Stelle hilft keine Waffengewalt.“

Noch hoffe ich ja, dass ein technischer Fehler oder eine irre lange Warteschlange die Gründe dafür sind, dass mein Kommentar nicht freigeschaltet wurde.

Denn ich kann ehrlich gesagt den Gedanken nicht ertragen, dass Meinungen gesiebt werden.

Sollte das der Fall sein, würde mich das in ein sehr, sehr tiefes Loch der Hoffnungslosigkeit stürzen. Womit dann unglücklicherweise bewiesen wäre: Mein Student hatte Recht!

Bis ich darüber finale Gewissheit habe stelle ich eine Frage in die Runde und hoffe auf erhellende Tipps, Ratschläge, Meinungen und Erfahrungen: Wie geht das heute eigentlich mit der… Kommentarfunktion?

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