„Zu viel“ – „Zu wenig“ – oder doch schon „Genug“? | #bessereVorsätze 2016

GenugAuf dem Blog des WWF läuft zurzeit eine Blogparade mit dem Thema: „Brauchen wir bessere Vorsätze“? Und weil das Thema der Jahreszeit entsprechend ist, beginne ich meine Blog-Aktivität 2016 mit einem Beitrag zu dieser Blogparade.

Vor 11 Tagen zeigte die Fluggesellschaft, der wir auf unserem Rückflug vom Urlaub Leib und Leben anvertrauten, eine Dokumentation über die „Moken“. Die Moken sind ein indigenes Volk, das in der Straße von Malakka und dem südchinesischen Meer lebt. Die Moken sind bitterarm. Als „See-Nomaden“ ziehen sie mit ihren Booten von Insel zu Insel und leben vorwiegend von dem, was das Meer an Nahrung abwirft. Sie leben im hier und jetzt, eins mit der Natur, sind erfindungsreich und tatkräftig. Besonders interessant ist: Ihre Sprache kennt keine Wörter für „Plan“, „Wunsch“ oder „Zukunft“.

Das hat mich sehr fasziniert, denn auf dem Flug unterhielten wir uns – natürlich – über 2016, unsere Pläne und Wünsche. Das hat in unserer Familie Tradition. Jeder Jahreswechsel ist begleitet von Wünschen, Hoffnungen und Erwartungen an die Zukunft und wir machen uns ritualisiert Gedanken darüber, welche Richtung wir dem neuen Jahr geben wollen, was uns am Herzen liegt und welchen Fußabdruck wir im kommenden Jahr hinterlassen möchten. Wir unterscheiden zwischen persönlichen und beruflichen Zielen, schreiben sie auf und kleben die Liste an den Kühlschrank. So haben wir sie tagtäglich vor Augen und sie verleitet uns immer mal wieder, innezuhalten und zu schauen, ob wir noch auf dem Kurs sind, den wir uns erwünscht haben.

Während des Fluges nun stellte ich mir vor, was passieren würde, wenn wir die Wörter „Zukunft“, „Plan“ und „Wunsch“ aus unserem Wortschatz streichen würden und kam zu dem Schluss: Vermutlich würde uns das Eleminieren der Worte in eine handfeste Sinnkrise stürzen, für Börsen-Crashs sorgen und die gesamte westliche Ökonomie lahmlegen.

Unser gesamtes Handeln ist in sehr vielen Fällen auf die Zukunft gerichtet. Voraussagen über wirtschaftliche Entwicklungen basieren auf Annahmen der Zukunft. Der Wert von Unternehmen beruht nicht nur auf vollen Auftragsbüchern als Ergebnis vergangener Erfolge, sondern auch auf den Prognosen zukünftiger Entwicklungen – kaum jedoch auf den Taten und Handlungen der Gegenwart.

Das Problem dabei: Die Zukunft kann man nicht voraussagen. Unsere VUCA-Welt ist so volatil, komplex, mehrdeutig und ungewiss geworden, dass zukünftige Annahmen mehr denn je einem unkalkulierbaren Glücksspiel gleichen. Und jedes Jahr werden die Prognostiker unglaubwürdiger und ihre Voraussagen kurzlebiger.

Wäre es daher nicht vielleicht sogar gut und sinnvoll, dass wir uns an den Moken ein Beispiel nehmen und in den Bereichen, wo es uns möglich ist, bewusster in der Gegenwart leben?

Wäre es nicht an der Zeit, dem Zukunftsstreben – und dazu gehören auch die guten Vorsätze für das neue Jahr – eine neue Richtung zu geben?

„Zu viel“ – „Zu wenig“ – oder doch schon „Genug“?

Eines ist gewiss: „Zu viel“ ist permanent an der Tagesordnung. Zu viel Unsicherheit, zu viele Wahlmöglichkeiten, zu viele Informationen, zu viel Unverständnis, zu viele Verpflichtungen, zu viel Druck, zu viel Eigenverantwortung, zu viel Konsens, zu viel Angst, zu viele Erwartungen.
Demgegenüber steht „Zu wenig“. Zu wenig Zeit, zu wenig Erholung, zu wenig Entspannung, zu wenig Muße, zu wenig Toleranz, zu wenig Ich, zu wenig Liebe und Zuwendung, zu wenig Nähe, zu wenig Wertschätzung, zu wenig Sicherheit, zu wenig Mut, zu wenig Pioniergeist, zu wenig Kreativität, zu wenig Freiraum, zu wenig Laissez faire.
Die permanente Spannung zwischen „Zu viel“ und „Zu wenig“ erschöpft, laugt aus und raubt Energie. Und sie stresst, denn ein Entrinnen scheint oft kaum möglich.

Ich persönlich denke, dass es neben dem Zukunftsstreben (das ich für meinen Teil nie missen wollen würde, denn daraus ziehe ich meine Neugier, Energie, Motivation und Tatkraft) Zeit ist für ein standhaftes „Genug“. Ein besserer Vorsatz könnte sein, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen, an welchen Stellen das Glas voll ist. Wo haben wir genug – und was bedeutet das für uns? Wo haben wir – im Guten wie im Schlechten – eine Grenze erreicht, die uns, wenn wir sie übertreten, ins Unglück stürzt oder uns zumindest nicht glücklicher, erfolgreicher, zufriedener oder dankbarer macht, als wir es schon sind?

Wünsche sind immer Ausdruck eines Mangels. Wann wir wie viel Mangel empfinden und wie existenziell der Mangel für uns im Einzelfall ist, können wir nur individuell bewerten. Auf dem Mangel bauen wir unsere (Herzens-)Wünsche auf – und wenn wir sie uns erfüllen konnten, ist der Mangel eliminiert. Dann ist „genug“ da. Dann entstehen vielleicht an anderer Stelle neue Mängel – vielleicht aber stellen wir auch fest: Wir spüren keinen Mangel mehr. Wir sind wunschlos.

Wenn wir an dem Punkt angekommen sind, können wir die Mängel außerhalb unseres individuellen Radius‘ suchen und schauen: Wo leiden andere Menschen Mangel? Woran mangelt unsere Gesellschaft oder die Wirtschaft? Und schnell stellen wir fest: Die Welt 2016 ist ein Konglomerat aus vielen Mängeln, die unsere Zukunft bestimmen, aus der wir individuelle, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Wünsche herleiten und die uns animieren können, einen bestehenden Status Quo (den Mangel) zum Besseren zu verändern. Sind wir selbst wunschlos, weil wir „genug“ haben, von dem was wir brauchen, was uns glücklich und zufrieden macht, dann haben wir ebenfalls „genug“, was wir an die Gesellschaft zurückgeben können: Unsere positive Einstellung, unsere Schaffens- und Tatkraft, unsere Energie. Alles übrigens immaterielle Güter, die mit Geld nicht zu erkaufen sind…

Daher bin ich sehr froh, dass unsere Sprache die Wörter „Zukunft“, „Wunsch“ und „Plan“ kennt. Sie geben uns die Chance, innezuhalten, zu gestalten – sie verpflichten uns aber auch dazu, in der Gegenwart mit ihnen weise, achtsam, verantwortungsvoll und dankbar umzugehen.

In diesem Sinne: Happy New Year :-)!

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2 comments

  1. Liebe Melanie,
    vielen Dank für deinen inspirierenden Beitrag und deine Überlegungen zu unserer Blogparade! Magst du bitte den Link noch als Kommentar unter den Beitrag posten, damit wir eine bessere Übersicht für den Abschlussartikel haben und auch die anderen deinen Beitrag in der Sammlung finden können: https://blog.wwf.de/bessere-vorsaetze/

    Viele Grüße, das WWF-Team.

    Gefällt mir

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