Interview: „Hybris – die überforderte Gesellschaft“ | Meinhard Miegel

Fotograf: David Ausserhofer
Fotograf: David Ausserhofer

„Habsucht, Gier und Maßlosigkeit gelten heute als Tugend. In dieser Hybris liegt der Kern der Krise unserer westlichen Kultur.“ Das schreibt der Wissenschaftler und Publizist Meinhard Miegel in seinem Buch „Hybris – die überforderte Gesellschaft“. Die Aussage klingt provokant und inspirierend zugleich. Daher freue ich mich sehr, dass Herr Miegel für meine Fragen zur Verfügung stand und im neuen Jahr mit einem kritisch-nachdenklichen Blick die Interview-Reihe 2016 einleitet. Ein Exemplar seines Buches gibt es – wie immer an dieser Stelle – zu gewinnen.

NAME: Meinhard Miegel
BERUF: Wissenschaftler und Publizist
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: interessiert, engagiert, distanziert

Herr Miegel, Sie sind Sozialwissenschaftler und erfolgreicher Publizist. Aus Ihren Büchern schwingt Gesellschaftskritik. Was stößt Ihnen denn in unserer heutigen Gesellschaft besonders unangenehm auf?
Dass sie nur noch recht bedingt eine Gesellschaft ist. Sie wird zusammen gehalten durch rechtliche Normen. Abgesehen davon ist sie zersplittert und beinahe atomisiert.

Ihr aktuelles Buch „Hybris – Die überforderte Gesellschaft“ widmen sie „denen, die sich in der Kunst der Beschränkung üben“. Wen meinen Sie damit und was verbirgt sich hinter der „Kunst der Beschränkung“?
Eben jene, die nicht danach streben, immer weiter zu expandieren, von allem immer noch mehr haben zu wollen, sondern die auch sagen können: „Es reicht, ich habe genug“.

Nun leben wir in allen westlichen Industrienationen in Konsumgesellschaften. Wenn wir uns nun bewusst dem Konsum verweigern was müsste stattdessen kommen? Die Rückkehr zu einer Tauschgesellschaft erscheint wenig realistisch angesichts der globalen Verflechtungen.
Es geht doch nicht darum, sich dem Konsum zu verweigern. Das würde kein Mensch überleben. Worum es geht, ist Produktion und Konsum wieder in die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde zurückzuführen. Diese Grenzen haben wir in den früh industrialisierten Ländern seit langem überschritten. Und das ist zerstörerisch. Oder härter formuliert: Das ist schleichender Selbstmord.

Konsum ist das eine – Leistung das andere. Wollen wir konsumieren und unseren Lebensstandard aufrechterhalten oder einen höheren erlangen, müssen wir Leistung erbringen und arbeiten. Sie sehen die Erwerbsarbeit jedoch in der Krise, warum?
Weil sie, wie ich gerade sagte, zu einem Gutteil außerhalb der ökonomischen, ökologischen und sozialen Tragfähigkeitsgrenzen von Umwelt, Natur und Gesellschaft erbracht wird. Sie wirkt deshalb nur noch bedingt wohlstandsmehrend. Zugleich vernichtet sie vorhandenen Wohlstand.

Industrie 4.0 und die zunehmende Digitalisierung werden die Arbeitswelt schon bald sehr verändern und vermutlich vielen Menschen die Erwerbsarbeit entziehen. Was können wir tun, um eine komplette Spaltung der Gesellschaft an dieser Stelle zu verhindern?
Ich sehe das Ganze nicht so dramatisch, vielleicht auch, weil ich schon einige Krisen der Erwerbsarbeit durchlebt habe und am Ende stets feststellen konnte: Keine von Menschen bewirkte Veränderung ist so umwälzend als dass sie nicht auch von Menschen bewältigt werden könnte. Die gesellschaftlichen Bruch- und Spaltungsszenarien, die mitunter inszeniert werden, dienen nicht zuletzt der Erzeugung einer gewissen gesellschaftlichen Erregung und Anspannung.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Hybris“, dass die gegenwärtige Krise nicht in einem Zuwenig wurzelt, sondern in einem Zuviel. Jetzt verspricht die 4. Industrielle Revolution im Prinzip ein „Nochmehr“ an Produktivität, Effektivität und Vernetzung. Laufen wir an der Stelle nicht Gefahr, dass Industrie 4.0 die Hybris noch verstärkt?
Das ist wahrscheinlich zutreffend. Allerdings kann diese ganze Beschleunigung durchaus auch in eine breite gesellschaftliche Erschlaffung einmünden. Wer sagt uns denn, dass die Menschen dieses ständige „Weiter, weiter, weiter“ auf Dauer mitmachen?

Sie wünschen sich einen Paradigmenwechsel. Wie soll der genau aussehen und was kann jeder einzelne von uns für einen solchen Paradigmenwechsel tun?
Die Einsicht, dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, ist uralt. Denn er ist ein Leib-/Geist-Wesen, das auch noch andere Bedürfnisse hat als Einkaufen zu gehen. Doch viele haben – metaphorisch gesprochen – vor lauter Brotbacken aus den Augen verloren, dass sie noch sehr viel mehr vermögen. Ein einfacher Test: Bin ich (noch) zu kreativer Muße fähig oder ist Muße für mich eine Form von Langeweile?

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: wichtig, aber nicht im Übermaß
  • Innovation: integraler Bestandteil von Natur, Mensch und Gesellschaft
  • Anpassungsfähigkeit: überlebenswichtig, aber kein Selbstzweck
  • Kreativität: ein Gottesgeschenk
  • Veränderung: in Maßen schön
  • Angst: solange sie nicht lähmt ist sie eine starke Impulsgeberin
  • Zukunft: unvermeidlich
  • Deutschland: ein lebenswertes Land
  • Ich: nicht so wichtig
  • Beruf: wohl dem, der einen befriedigenden Beruf hat
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Nein
  • Maschinensteuer (auch: Automatisierungsdividende): Ja

 

Das Buch:

HybrisMeinhard Miegel
Hybris: Die überforderte Gesellschaft

Verlag: List Taschenbuch
ISBN-13: 978-3548612737

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Buchverlosung:

Wir verlosen ein Exemplar des Buches “Hybris: Die überforderte Gesellschaft”.
Der Rechtsweg ist – wie immer – ausgeschlossen.

>> Bei der Buchverlosung mitmachen

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