Interview: „Digitales Neuland“ | #Digitalisierung | #Industrie40 | #IoT

Digitales Neuland„Es wird alles digitalisiert werden, was digitalisiert werden kann. Wir brauchen ein positives Verhältnis zu Daten“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einem halben Jahr auf dem Wirtschaftstag des Wirtschaftsrates der CDU. Diese Losung wird auch in Zukunft weiter ausgerufen. Und sie wird durch alle Branchen schallen – und für radikale Veränderungen sorgen. Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, Zeuge der Schnelligkeit zu werden, mit der dieser Wandlungsprozess momentan vollzogen wird. Deswegen freue ich mich sehr, dass Carsten Knop, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Herausgeber des Buches „Digitales Neuland“ für meine Fragen zum Thema „Digitalisierung“ zur Verfügung stand. Sein Buch zeigt Chancen und Risiken der Digitalisierung auf und ist eine echte Pflichtlektüre für alle, die den Kopf nicht in den Sand stecken wollen!


NAME: Carsten Knop
BERUF: Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: iPhone/Twitter
Meine Lieblingswebseite: www.faz.net
Meine eigene Webseite: www.industrial-internet.de

Herr Knop, wo steht Deutschland beim Thema Digitalisierung?
Die meisten großen Unternehmen in Deutschland vermitteln inzwischen den Eindruck, dass sie zumindest verbal im Zeitalter der Digitalisierung angekommen sind. Eine umfangreiche Kommunikationsanalyse der dreißig größten Unternehmen aus den Branchen Industrie und Maschinenbau, Banken und Versicherungen sowie Chemie und Pharma hat jedenfalls vor einiger Zeit verdeutlicht, dass sich diese zum Teil umfassend mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen oder die digitalen Kommunikationskanäle bereits gut im Dialog mit Kunden und Öffentlichkeit nutzen. Das ist aber nur die eine Seite. Andere, ebenfalls sehr ernstzunehmende Studien zeigen, dass deutsche Arbeitnehmer und Führungskräfte in der breiten Masse, also einschließlich kleiner und mittelgroßer Betriebe, mit den Begriffen Digitalisierung und Industrie 4.0 wenig anfangen können – und sich durch den digitalen Wandel überfordert fühlen. Mancher hat auch vergessen, die Mitarbeiter in der digitalen Transformation mitzunehmen. Industrie 4.0, also das deutsche Schlagwort für das Internet der Dinge und die Digitalisierung der Wertschöpfungsketten, hat ein Bekanntheits- und Verständnisproblem. Das beginnt – und endet – bei den wichtigen technischen Fragen rund um die Standardsetzung. Der Punkt klingt in den Ohren eines Laien langweilig, letztlich entscheidet er aber über alles: Wie greifen die verschiedenen Wertschöpfungsketten in der digitalen Welt ineinander? Wie werden die Daten übergeben? Wer soll die Standards bestimmen? Hinzu kommt, dass die Übertragungsgeschwindigkeit in den deutschen Telekommunikationsnetzen nicht hoch genug ist. Wenn es darum geht, mithilfe des Netzes ein Unternehmen in Echtzeit zu führen, wozu die Softwareprogramme und ihre Datenbanken inzwischen in der Lage wären, liegt in der Kommunikations-Infrastruktur in Deutschland viel zu viel im Argen. Das Bild ist also ambivalent, Schwarzmalerei wäre fehl am Platz. Wer aber schon jetzt meint, er könne die Schlagworte „Digitalisierung“ oder „Industrie 4.0“ nicht mehr hören, hat das Disruptive an diesem Wandel noch nicht begriffen.

Die sogenannte „Viererbande“ („The Gang of Four“), bestehend aus Alphabet (Google), Amazon, Apple und Facebook haben gesamt eine Marktkapitalisierung von ca. 1,5 Bil. US-Dollar, die 30 DAX-Unternhmen kommen zusmmen gerade mal auch etwas über eine Bil. US-Dollar. Welchen Trend haben wir in Deutschland denn da verschlafen?
Granz grundsätzlich: Alle Möglichkeiten, die sich aus der Nutzung des Internets im Dialog mit dem Endkunden ergeben, hat Deutschland verschlafen. Da waren wir zu langsam, die Plattformen, auf denen sich richtig viel Geld verdienen lässt, haben andere geschaffen – und bleiben innovativ. Man muss sich nur mal anschauen, was Amazon inzwischen alles in an Rechendienstleistungen in der Cloud anbietet. Es bleibt die Hoffnung, dass die deutsche Wirtschaft dies in der zweiten Runde der Digitalisierung, in der es eben darum geht, ganze Wertschöpfungsketten und auch die Beziehungen zwischen Geschäfts- und Endkunden gleichermaßen zu digitalisieren, besser macht. Die Chancen dazu wären angesichts der industriellen Fertigungskompetenz der deutschen Wirtschaft vorhanden. Begriffen werden muss, dass rund um die Maschinen jetzt smarte Geschäftsmodelle gebaut werden müssen – und dass die Software, die man dafür braucht, immer entscheidender wird.

Sie haben in Ihrem Buch „Digitales Neuland“ sehr ausführlich die Chancen der Digitalisierung für Deutschland beleuchtet. Wenn Sie die drei wichtigsten benennen würden, welche wären das und worin liegen sie?
Erstens: Jetzt geht es darum, welche Geschäftsmodelle man aus der Tatsache entwickelt, dass man nicht nur vertikal im eigenen Unternehmen Zugriff auf alle Daten hat, sondern auch horizontal über die Grenzen der eigenen Branche hinweg. So kann auch ein kleiner Handwerksbetrieb vom Wandel der Wirtschaft hin zur Industrie 4.0 profitieren. Er muss nur die richtige Idee haben. Zweitens: Das Silicon Valley ist ein Kompetenz-Cluster, das sich ständig selbst befruchtet. Das gibt es in Deutschland, zum Beispiel im Maschinenbau oder dem Automobilbau auch. Wird die Chance der Digitalisierung hier beherzt ergriffen, könnte die deutsche Wirtschaft daraus auch gegenüber amerikanischen Wettbewerbern große Vorteile ziehen. Drittens: Die Deutschen sind überdurchschnittlich gut ausgebildet. Gelingt es, diese Ausbildung schnell um digitale Kompetenzen zu bereichern, ist eine entscheidende Grundlage für ein erfolgreiches Wirtschaften in der Zukunft gelegt.

Und wo sehen Sie momentan die größten Risiken?
Die technologische Infrastruktur muss in Deutschland schnell verbessert und ausgebaut werden. Zudem ist es für die einzelnen Marktteilnehmer unabdingbar, eine Analyse zu starten, welche disruptiven Geschäftsmodelle das Unternehmen morgen gefährden können. Das geschieht viel zu häufig nicht – oder nicht sorgfältig genug. Zudem liegt eine Herausforderung darin, andere Managertypen zu gewinnen, die in der Lage sind, künftige Geschäftsmodelle zu bewerten und aufzubauen. Auch daran hapert es zu häufig noch.

Sie haben auch die Auswirkungen der Digitalisierung auf unterschiedliche Branchen unter die Lupe genommen. Was sind für Sie ganz persönlich die faszinierendsten Entwicklungen und Trends?
Der Kunde hat künftig die Macht, das ist die Entwicklung aus der sich alles andere ableitet. Er gibt zwar eine Menge Daten von sich preis, entscheidet damit aber auch immer stärker über das Produkt mit, das er später in Händen hält: Sei es eine Zeitung, die persönlich auf seinen Geschmack zugeschnitten ist, und dann digital ausgeliefert wird, sei es ein Auto, das sich immer individueller zusammenstellen lässt, sei es schließlich irgendein Massenprodukt, das es am Ende in dieser speziellen Form doch nur ein einziges Mal auf der Welt gibt: nämlich genau so, wie es der Kunde wollte – angepasst durch die entsprechende Software und hergestellt vielleicht von einem 3D-Drucker.

Welche Arbeitsbereiche werden Ihrer Meinung nach auch zukünftig noch dem Menschen vorbehalten bleiben und welche Kompetenzen werden sie erfordern?
Die Digitalisierung hat schon und wird auch in Zukunft neue Berufe entstehen lassen. Das Thema bezieht sich auf alle Unternehmensbereiche und organisatorischen Ebenen. Es entstehen neue Berufsbilder, wie der Chief Digital Officer, der Chief Analytics Officer oder der Chief Digital Marketing Officer. Unternehmen stehen in Deutschland noch immer am Beginn des Umbaus. Jetzt gilt es, die jeweiligen Unternehmensbereiche auf allen Ebenen auf Industrie 4.0 vorzubereiten. Wir erleben schon bald einen ‚war for talent‘; das heißt, die Nachfrage nach digital ausgebildeten Managern und Mitarbeitern wird weitaus größer sein als das Angebot. Sagen wir es so: Überall dort, wo es darum geht, Maschinen intelligent einzusetzen, dieselben zu programmieren und aus Daten die richtigen Schlüsse zu ziehen, werden Menschen noch lange gebraucht werden. Die heutige Ausbildung muss entsprechend um digitale Kompetenzen ergänzt werden.

Wenn Sie 10 Jahre in die Zukunft denken, wie wird sich Ihrer Meinung nach die ökonomische Landschaft in Deutschland entwickelt haben? Was wird bleiben und was wird sich bis dahin radikal geändert haben?
Deutschland wird auch in zehn Jahren noch eine der führenden Industrienationen der Welt sein – und wenn alles gut läuft, hat es das Land bis dahin geschafft, seine industriellen Kompetenzen in die digitale Welt zu übertragen. Noch einmal stark verbessern müssen wir bis dahin aber unser Bildungssystem und die digitale Infrastruktur.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: eine Eigenschaft, die viel weniger Menschen haben, als sie selbst von sich glauben
  • Innovation: ein Begriff, der zu häufig für nur kleine Weiterentwicklungen benutzt wird – und die wirklich disruptiven Entwicklungen haben in Deutschland zu selten eine Chance
  • Anpassungsfähigkeit: sollte nicht mit Duckmäusertum verwechselt werden
  • Kreativität: hat etwas mit Freiheit zu tun
  • Veränderung: wird zu häufig als Bedrohung empfunden
  • Angst: tötet alles
  • Zukunft: haben wir
  • Deutschland: Einigkeit und Recht und Freiheit
  • Ich: bin
  • Beruf: Es gibt keinen schöneren.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Ist keine gute Idee.
  • Maschinensteuer (auch: Automatisierungsdividende): Mal schauen, wohin sich die Dinge entwickeln. Grundsätzlich ist jede neue Steuer mit Vorsicht zu genießen.

 

Das Buch:

Digitales Neuland

Carsten Knop / Thomas Becker (Hrsg.)
Digitales Neuland: Warum Deutschlands Manager jetzt Revolutionäre werden

Verlag: Springer Gabler
ISBN: 978-3658096915

>> Buch bestellen

 

 

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