Interview: „Diagnose: Ausgebrannt“ | #Burnout | #VUCA | #Arbeiten40

Diagnose ausgebranntIm Oktober letzten Jahres habe ich im Rahmen der „XING-Week“ eine Veranstaltung zum Thema „Arbeiten 4.0“ moderiert. Mein erster Interviewpartner an diesem Abend war Fritjof Nelting, Geschäftsführer der Gezeiten Haus Klinik in Bonn und seines Zeichens diplomierter Medizin-Ökonom. Ich befragte ihn zur VUCA-Welt (VUCA – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig) und den Auswirkungen auf die Menschen. Seine Antworten waren so spannend, dass ich ihn bat, meine Fragen auch noch einmal schriftlich zu beantworten. Und hier sind sie – und sie sind absolut lesenswert!

NAME: Fritjof Benjamin Nelting
BERUF: Diplom Medizin-Ökonom (FH), Unternehmer
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Querdenker, Waage, Positiv
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: Menthal (Achtsamer Umgang mit Medien)
Meine Lieblingswebseite: Eine Chinesische 🙂
Meine eigene Webseite: www.gezeitenhaus.de

Herr Nelting, wie würden Sie den durchschnittlichen Patienten beschreiben, der zu Ihnen kommt?
Ein Mensch wie Du und ich, der in seinem Leben an einen (kritischen) Wendepunkt gekommen ist. Im Schnitt zwischen 30-55 Jahre, häufig in leitenden, immer aber in verantwortungsvollen, Positionen. Lehrer, Manager, Selbständige, Ärzte, Politiker, Schauspieler, aber auch Studenten und Hausfrauen/-männer gehören zu unseren Gästen.

Sind Ihre Patienten an der VUCA-Welt (VUCA – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig) gescheitert?
Nein, die VUCA-Welt ist eher etwas ungeeignet für den Menschen. Von unserem vegetativen Nervensystem her gesehen, ist der Mensch nach wie vor recht altmodisch, wenn nicht gar prähistorisch. Das heißt, dass er auf die Art und die Geschwindigkeit unserer Zeit nicht wirklich eingestellt ist. Insbesondere der Wegfall der Pausen ist für den Menschen als höchst problematisch und krankmachend anzusehen. Unsere Patienten stellen dabei nur den Gipfel des Eisberges dar. Aus unserer Sicht – und der sehr vieler Studien – ist die Gesellschaft als solches aber nicht mehr im Gleichgewicht und es ist nur eine Frage der Zeit bis mehr Menschen krank werden. Sogenannte High-Performer sind dabei in aller Regel nicht als Vorbilder geeignet, weil sie nur in den seltensten Fällen ein auch hinter den Fassaden ausgeglichenes Leben führen.

Auf Ihrer Webseite habe ich gelesen, dass die aktuelle Wartezeit für eine stationäre Aufnahme zurzeit eine Woche beträgt. Inwieweit hat sich denn der Zulauf bzw. die Anfrage auf eine stationäre Aufnahme in den letzten Jahren verändert?
Kliniken wie das Gezeiten Haus werden immer gebraucht, insofern sind wir unternehmerisch nicht auf die vielen Fälle, die im Zusammenhang mit Burn-out Entwicklungen stehen, angewiesen. Es ist aber tatsächlich eine sehr starke Zunahme in diesem Bereich zu verzeichnen. Alleine im letzten Jahr hatten wir über 3 Millionen Seitenaufrufe auf unserer Homepage und überdurchschnittlich häufig wurde dabei der anonyme Burn-out Test gemacht.

IMG_4152Welche Gründe vermuten Sie für diese Zunahme?
Es gibt eine Vielzahl von Gründen. Ein sehr wichtiger Grund ist der ständige Erregungszustand in einer Welt, in der durch Globalisierung, Komplexitätszunahme, ständige Erreichbarkeit und unstete Zukunftsbilder, kein roter Faden mehr gefunden wird. Früher haben – ungeachtet der vermittelten Inhalte – meist die Religion, die Vereine, die Schulen und die Familie diesen roten Faden gesponnen. Die Religion kann aber für viele mittlerweile diese Rolle nicht mehr ausfüllen und die Vereinsmitgliedschaften sind auch rückgängig. Lehrer haben unter zunehmendem Rationalisierungsdruck und Zeitknappheit selbst mit Existenzkrisen zu kämpfen (ein Großteil unserer Patienten ist Lehrer). Und in den Familien ist es so, dass die Gemeinschaft eine zunehmend untergeordnete Rolle spielt. Häufig wird nicht einmal mehr das verbindende gemeinsame Essen zusammen eingenommen, wodurch eine zunehmende Vereinsamung eintritt.

Dank Internet und Mobilfunkt sind wir alle permanent „on“. Die Stimmen mehren sich, dass auch das permanente Erreichbar sein einen gewissen Suchtstatus entfalten kann. Was sind aus Ihrer Erfahrung wirkliche Warnsignale, auf die Menschen achten sollten?
Die Schwierigkeit an dieser Stelle ist, dass es für den Betroffenen oder die Betroffene häufig eben nicht gut erkennbar ist, ob oder ab wann er oder sie sich selbst gefährdet. Genau dafür ist ein gutes soziales (nicht-virtuelles) Netz wichtig, in dem man ehrliches Feedback erhält. Es gibt zunehmend leider viele Beziehungen in denen der Partner nicht mehr auf den zu hohen Medienkonsum angesprochen wird, weil man selbst ebenfalls einen hohen Drang verspürt diese „freie Zeit“ mit eigenem Medienkonsum zu nutzen. Es gibt ein tolles Buch von einem Juniorprofessor der Universität Bonn, Alexander Markowetz, der in seinem Buch „Digitaler Burn-out“ sehr ansprechend und interessant aufzeigt, wie es zu diesem Drang und der damit einhergehenden permanenten Anspannung kommt und welche Möglichkeiten es gibt um selbst bewusster mit Medien umzugehen. Grundsätzlich kann man in jedem Fall sagen, dass es für das eigene vegetative Nervensystem absolut unabdingbar ist, regelmäßige echte Pausen – mit medienfreien Zeiten – zu machen. Ansonsten begünstigen wir die Entwicklung oder das Voranschreiten einer Burn-down-Spirale im hohen Maße.

Und was sollten Unternehmen tun, damit Mitarbeitende keinen Zwangsurlaub in Ihrer Klinik einlegen müssen?
Optimalerweise sollten sie sich natürlich durch uns beraten lassen ;-). Aber Spaß bei Seite; es ist tatsächlich sehr wichtig, dass Unternehmen erkennen, dass Mitarbeiter das höchste Gut sind, welches es zu hegen und pflegen gilt. Damit meine ich nicht, dass Mitarbeiter in Watte gepackt werden müssen – ganz im Gegenteil, das würde in den meisten Fällen nur die Unzufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen. Es ist aber wichtig, dass Unternehmen verstehen, dass langfristig ein gesunder und innerlich hoch identifizierter Mitarbeiter nicht nur ein wesentlicher Produktivitäts- und Ertragsfaktor für das Unternehmen ist, sondern darüber hinaus auch eine positive Abgrenzung zu anderen Unternehmen schaffen kann, die keine gute Unternehmens- und Gesundheitskultur entwickelt haben. Es wird nicht mehr lange möglich sein, Gewinne durch Rationalisierungsmaßnahmen steigen zu lassen. Schon sehr bald (ich rechne mit weniger als 5 Jahren) werden diese Unternehmen die volle Härte der Märkte und dann auch ihrer eigenen unzufriedenen Mitarbeiter spüren, weil die Systeme einfach überlastet und im Kern zu marode sind um effektiv weiter arbeiten zu können und zusammen brechen werden. Meiner Meinung nach brauchen wir an dieser Stelle ein gutes Zertifizierungssystem, welches sich auf Basis der Mitarbeitergesundheit, zu einem echten Wettbewerbsfaktor entwickeln wird. Es gibt in dieser Hinsicht noch nicht viel, aber es gibt spannende Ansätze, die wir aus auch aktiv versuchen mitzugestalten.

Die WHO sieht Stress als eine der größten Gesundheitsrisiken des 21. Jahrhunderts und prognostiziert, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen zur zweithäufigsten Volkskrankheit zählen werden. Stimmen Sie der pessimistischen Prognose der WHO zu? Wenn ja, was sind mögliche Lösungsansätze?
Grundsätzlich haben wir lange über unsere inneren Verhältnisse gelebt und nun verlangen Körper und Seele die Zinsen. Ich halte die Prognose für sehr realistisch (ich glaube sogar, dass schon jetzt Depressionen und psychosomatische Erkrankungen zu den führenden Krankheiten gehören, häufig nur in anderer Form „verpackt“). Mutter Theresa hat einmal auf die Frage, was mögliche Lösungsansätze für unsere Gesellschaft sind, sinngemäß geantwortet: „Ich würde Dich und mich ändern, denn das ist das einzige, was in meinem unmittelbaren Einflussbereich liegt.“

Und zum Schluss – wie immer an dieser Stelle – noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: So lange man sich nicht dabei verbiegt, sehr gut.
  • Innovation: In Abwechslung mit Ruhephasen wichtig
  • Anpassungsfähigkeit: Eine unserer Kerneigenschaften, Grenzen sind wie bei der Flexibilität zu beachten
  • Kreativität: Leben
  • Veränderung: Yin und Yang – ohne Veränderung und einen „Wechsel der Gezeiten“ funktionieren wir nicht.
  • Angst: Kann ein wichtiger Helfer sein, aber: Die einen bauen beim Sturm Mauern, die anderen Windmühlen.
  • Zukunft: Ich bin sehr gespannt, freue mich darauf.
  • Deutschland: Hat gute Chancen, wenn es Flüchtlinge gut in seiner Mitte aufnehmen kann.
  • Ich: Tao
  • Beruf: Diplom Medizin-Ökonom (FH), Unternehmer, Querdenker/Träumer/Visionär
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Könnte einen Quantensprung für unsere Gesellschaft bedeuten.
  • Maschinensteuer (auch: Automatisierungsdividende): Wichtig! Evtl. irgendwann durch die Maker-Bewegung überflüssig (Stichwort: „Prosumenten“).
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3 Kommentare

  1. Ein sehr spannendes und aufschlussreiches Gespräch, vielen Dank, Frau Vogel!
    Wichtig ist auch die Erkenntnis, dass es durchaus Bereiche gibt, die wir Individuen selber steuern können,
    also nicht nur an unsere Arbeitgeber oder „die Gesellschaft“ abgeben: Suchtcharakter, ständig
    „online“ / erreichbar zu sein – Zeitinseln für sich selber zu schaffen – alles „irgendwie“ und damit nur halb zu machen (Flüchtigkeit und Beliebigkeit im Alltag).
    Viele Grüße zum Wochenbeginn
    Kerstin Kilanowski

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  2. Tolles Interview!
    Es macht Mut, dass immer mehr Menschen verstehen, dass jeder sein Leben aktiv gestalten kann und muss und wir keine Opfer der Gesellschaft sind. Jeder kann seine Situation ändern! Hier & Jetzt. Auch mit kleinen Schritten erreicht man große Ziele.

    Danke.

    Alles Liebe
    Yvonne Maisch

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    1. Hallo Frau Maisch,

      vielen Dank für Ihren Kommentar und für das Lesen des Interviews :-). Es geht mir wie Ihnen – ich finde das auch sehr ermutigend und denke, es ist an der Zeit, dass wir an genau den Stellen auch mal an einigen Schräubchen drehen ;-). Mit meinem Buch werde ich dieses Thema auch aufgreifen und zeigen, dass eine Opferhaltung nicht notwendig ist, sondern wir selbst an sehr vielen Stellen Veränderungen vornehmen können – wenn wir nur wollen.

      Viele Grüße und einen guten Start in die Woche,
      Melanie Vogel

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