#Transformation: Auf die Vision kommt es an | #Digitalisierung | #Industrie40

Transformation - VisionIch verfolge seit heute eine spannende Mini-Diskussion auf Twitter. Auslöser war das Interview mit Carsten Knop, in dem er sagt, dass deutsche Arbeitnehmer und Führungskräfte mit Industrie 4.0 und Digitalisierung wenig anfangen können. Jakob Klimkait erwiderte darauf, dass das auch so bleiben würde, wenn „Buzzwords nicht zu Gunsten echter Kosten-Nutzen-Rechnungen weichen“, woraufhin Oliver Jaeger zustimmte, gleichzeitig aber twitterte „Kosten-Nutzen ist wichtig, aber Vision warum und wohin es gehen soll muss 1. Schritt sein“. Hier habe ich mich dann eingeklinkt und zugestimmt, denn genau das habe ich bei meinem letzten Lehrauftrag in einer spannenden Übung erleben können. Da sowohl Oliver Jaeger als auch „Digitalisierung & Co“ nachfragten, was in dieser Übung passiert ist, werde ich hier die Erfahrungen skizzieren. Danke an der Stelle an alle, die bei dem inspirierenden Twitter-Austausch dabei gewesen sind und hoffentlich auch noch dabei sein werden.

Ich habe in diesem Semester erstmalig an der Universität zu Köln den Lehrauftrag zum Thema „Innovational Leadership“ durchgeführt. Ziel war es, den Studierenden den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen guter Führung und Innovation bzw. sie dafür zu sensibilisieren, dass sie als Führungskräfte entscheidenden Einflusss darauf haben, ob Innovationen im Unternehmen getrieben werden oder nicht.

Während der drei Tage haben die Studierenden sich das Thema „Innovational Leadership“ komplett selbsttätig erschlossen – gelenkt durch Übungen und Anregungen von mir. Ich werde auf den ein oder anderen Aspekt in einem nächsten Blogbeitrag eingehen, denn die Prozesse waren spannend wie ein Krimi – übrigens nicht nur für mich, sondern für die Studierenden auch.

Die besagte Visions-Übung war ursprünglich gar nicht als solche gedacht. Anlass der Gruppenübung war ein Artikel, der einen Tag vor meinem 2. Lehrauftragstag in der Welt erschien unter dem Titel „Den kannste knicken„. In dem Artikel ging es um  Folienmonitore, so dünn und biegsam wie Papier, an denen Hersteller aus Südkorea und den USA arbeiten und von denen die ersten in diesem Jahr noch auf den Markt kommen sollen.

Meine Studierenden bekamen folgende Aufgabe: „Sie sind Führungskräfte eines großen Fernsehgeräte-Herstellers bzw. eines Mobilfunk-Herstellers. Wie gehen Sie mit der Nachricht um? Welche Überlegungen sollten Sie nach dieser Nachricht intern anstellen?

Die Gruppe wurde in zwei kleinere Gruppen aufgeteilt und machte sich ans Werk. Die Diskussionen waren leidenschaftlich und sie kamen alle – unabhängig voneinander – recht schnell auf folgende Ideen:

  • Aufstocken der F+E-Abteilung, um mit einem ähnlichen Produkt nachzuziehen
  • Die Unternehmen, die das Produkt auf den Markt bringen, beobachten und gucken, ob sie damit Erfolg haben oder nicht. Daraus entbrannte dann eine hitzige Diskussion, ab wann denn der richtige Punkt sei zu entscheiden, ob der Erfolg da ist oder nicht? Und was passiert, wenn es direkt ein Erfolg wird und gar keine Zeit mehr bleibt, zu reagieren? Eine Lösung für dieses Dilemma haben sie nicht gefunden.
  • Wenn es kleinere Unternehmen sind: Aufkaufen und das Know-how und die Patente durch den Aufkauf / ein Merger ins Haus holen
  • Wenn ein Aufkauf zu teuer ist, dann deren Entwickler abwerben
  • Auf jeden Fall aber nachziehen und auf der Welle mitschwimmen, wenn die Folienmonitore ein Erfolg werden

Die Gruppen diskutierten nicht nur untereinander, sondern auch gegenseitig wurde sich um die besten und praktikabelsten Lösungen fast schon gestritten.

Auf der Welle mitschwimmen – oder nicht?

Ein etwas älterer Student, der selbst auch schon seit Jahren selbständig ist, sagte schließlich, er würde den Trend auf jeden Fall mitgehen wollen. Schließlich sei es kein Problem, wenn es am Markt mehrere Anbieter gäbe.

Die anderen stimmten ihm – zögernd – zu. Ich hörte mit großer Spannung zu und interessant war zu sehen, dass sie alle tatsächlich den Wunsch hatten, den Trend mitzugehen – sie wussten instinktiv, dass die Gefahr für „ihr“ Unternehmen groß sein könnte, würden sie das nicht tun. Aber es fehlte jegliche Leidenschaft, denn sie liefen einem Trend hinterher, der nicht „hausgemacht“ – also ihr eigener – war.

Ich stimmte ihnen zu, dass es grundsätzlich richtig sei, sich an eine Trendwelle anzuhängen, fragte sie aber dann auch, was unbedingt notwendig sei, wenn man das tut. Sie kamen selbst nicht auf die Lösung, daher soufflierte ich ihnen das Wort „Vision“ zu.

Und in diesem Moment geschah etwas ganz Bemerkenswertes. Die vorher eher triste Stimmung, einem fremden Trend nachlaufen zu müssen, wich einem echten Aha-Erlebnis. Warum? Weil sie plötzlich konkret überlegen konnten – und das auch direkt taten – wie diese Vision aussehen könnte. Plötzlich sprudelten wieder die Ideen und sie diskutierten leidenschaftlich mit wirklich spannenden Ergebnissen. Plötzlich waren sie nämlich ind er Lage sich zu überlegen, dass sie:

  • ihre eigene Kompetenz nutzen, um Zusatzangebote anbieten zu können
  • mit den Herstellern kooperieren, anstatt sie aufzukaufen
  • sich vielleicht sogar nur auf Systemkomponenten spezialisieren, die sie den Trendsurfern anbieten
  • oder vielleicht gar nicht in die Technologie selbst investieren, sondern vielmehr als beratender Dienstleister fungieren

Alles hochspannende Möglichkeiten, die in dieser Situation sehr viel Potenzial beinhalten.

Sie lernten in diesem Moment, dass es überhaupt kein Problem ist, auf einen Trend oder eine disruptive Innovation aufzuspringen, wenn man gleichzeitig eine Vision hat. Ohne Vision wird man zu einem Mitläufer. Wenn der Grund des Mitlaufens Angst ist oder lediglich der, auch ein Stück vom Kuchen abzubekommen, wenn also die reine Quartalsdenke oder die Umsatzrendite die einzigen Faktoren sind, einem Trend zu folgen, fehlen Leidenschaft und Motivation. Und vor allem fehlt der Treibstoff dafür, die Menschen in einem Unternehmen zu begeistern, diesem neuen Trend zu folgen – denn es ist eben erst einmal „nur“ ein Trend. Bis sich herausstellt, ob dieser wirklich erfolgreich ist und sich am Markt durchsetzen kann, können Monate oder Jahre vergehen. Ohne Vision ist diese „Durststrecke“ nicht auszuhalten.

Visionen sind ein echter Garant für Innovations- und Veränderungskraft.

Fehlt die Vision, fehlt auch der Treibstoff, um den Motor der Veränderung betanken zu können. Das ist das, was wir momentan fast überall beobachten können, wenn es um die Themen Digitalisierung oder Industrie 4.0 geht. Natürlich, müssen wir diese Entwicklung mitmachen, denn es ist – schon ziemlich lange – klar, dass weder Industrie 4.0 noch die Digitalisierung Trends sind, sondern echte Umwälzer von Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Transformation nicht mitzumachen, bedroht die Zukunftsfähigkeit von Deutschland und den hier tätigen Unternehmen.

Diese Transformationen nehmen jedoch direkten Einfluss auf jede Unternehmens-DNA, denn sie verändern interne Prozesse und Arbeitsabläufe sowie die Tätigkeitsbereiche und Abteilungen der Menschen in den Unternehmen massiv und irreversibel. An dieser Stelle MUSS zwingend eine Vision vorangestellt werden, welche die Frage beantwortet: „WARUM tun wir das oder warum müssen wir das tun – und mit welchem ZIEL?“

Wird die Frage weder gestellt noch beantwortet, laufen sämtliche Transformations- und Veränderungsprozesse Gefahr, die Menschen zu verlieren. Werden umwälzende und tiefgreifende Veränderungen eingeleitet, ohne sie durch eine visionäre Richtung zu begleiten, schaffen diese Change-Prozesse mehr Verlierer, Nein-Sager und Verweigerer als das jedem Unternehmen lieb sein kann.

Ich habe gerade in letzter Zeit sehr viel mit Unternehmen zu tun, die vor massiven Veränderungen stehen und feststellen, dass Motivation und Leistungsfähigkeit nachlassen und in vielen Fällen die Krankenstände sogar extrem zunehmen.

Verlieren Menschen ihren gewohnten Status Quo im Rahmen von Veränderungsprozessen, brauchen sie ein attraktives neues Ziel, auf das sie hinarbeiten können, sonst brennen sie aus.

Bei meinen Studenten war das in der fiktiven Situation fast schon erschreckend klar zu beobachten.

 

P.S. Wer dazu mehr wissen möchte, dem kann ich an der Stelle wirklich guten Gewissens mein Buch empfehlen 😉 – darin geht es um eben diesen Aspekt, wie wir Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten können.

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2 Kommentare

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