Interview: „Fashnology“ | #IoT | #AugmentedReality

Augmented RealityIch gebe zu, Wearables wie „Smart Glasses“, sind für mich immer noch in der Schublade „Utopie“ abgespeichert. Ich bin mir – Stand heute – sehr sicher, dass ich auf schlaue Uhren, Brillen oder Kleidung gut und gerne verzichten kann. Ob ich das mit dieser Inbrunst der Überzeugung auch in 30 Jahren noch sagen kann, wenn es Wearables gibt, die den Prozess des Alterns „kaschieren“, vermag ich nicht zu sagen. Deshalb habe ich mal jemanden gefragt, der sich heute schon mit „Fashnology“ beschäftigt – Dr. Philipp Rauschnabel, Assistant Professor für BWL/Marketing in Michigan/USA.

NAME: Philipp Rauschnabel
BERUF: Assistant Professor für BWL/Marketing an Dearborn Campus der University of Michigan, USA.
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Forschung, Menschen, Technologie
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: kommt auf die Situation an und ändert sich.
Meine Lieblingswebseite: google und google scholar
Meine eigene Webseite: www.philipprauschnabel.com

Herr Dr. Rauschnabel, Sie sind Experte im Bereich „Augmented Reality Smart Glasses“. Können Sie erläutern, was sich hinter diesem Begriff verbirgt?
Das sind Miniaturcomputer, die ähnlich wie normale Brillen aussehen und getragen werden. Diese Datenbrillen (auch Augmented Reality Brillen genannt) erfassen mittels Kameras, GPS, Mikrophonen etc. die physische Umwelt. In bzw. an den Brillengläsern sind, ganz vereinfacht gesagt, durchsichtige „Screens“ angebracht, die dann virtuelle Informationen in das Sichtfeld einblenden und idealerweise auch integrieren. Zum Beispiel könnte eine solche Brille beim Autofahren Straßenschilder erkennen und dem Fahrer, auch in komplizierten Situationen, Informationen viel besser einblenden – man müsste beispielsweise nur einer (virtuellen) Linie folgen. Oder man trifft eine Person in der Stadt und die Brille erkennt mittels Face-Recognition, wer das ist. Gamer könnten in ihrem Garten virtuelle Ganoven jagen. Museumsbesucher könnten zu Exponaten relevante Informationen ins Sichtfeld eingeblendet werden. In der Medizin können Ärzte Kollegen ins Sichtfeld „reinschalten“, die dann das gleiche sehen, wie der Chirurg. Anwendungsmöglichkeiten gibt es viele.
Wichtig ist die Unterscheidung von VR-Brillen und AR-Brillen: Während AR Brillen virtuelle Elemente in die Realität integrieren, bringen VR Brillen den Nutzer „nur“ in eine komplett von der Realität abgeschlossene virtuelle Realität.

Sie haben an der University of Michigan-Dearborn eine empirische Untersuchung durchgeführt mit der Frage, welche Zielgruppen „Smart Glasses“ (>> Who will buy smart glasses?) kaufen würden. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?
Um genauer zu sein, haben wir zahlreiche Studien durchgeführt. Bis die Ergebnisse in akademischen Journals veröffentlicht werden, vergeht aber oft viel Zeit. Daher sind bisher nur ein paar Studien publiziert. Man muss allerdings differenzieren, ob man die Nutzung privat oder geschäftlich meint. Im privaten Umfeld sind Aspekte wie Design, Bequemlichkeit, die Beurteilung durch andere Menschen, Benutzerfreundlichkeit und Entertainment-Möglichkeiten – aber auch ganz wesentliche Dinge wie beispielsweise der Preis, die Verfügbarkeit und inwieweit einen diese Brillen im Alltag unterstützten können, spielen hier eine Rolle. Kurzum, Faktoren, die wir aus der Modeforschung und der Technologieakzeptanzforschung kennen, spielen hier (aber auch bei anderen Wearables) eine Rolle. Daher haben wir uns dazu entschieden, vermehrt von „Fashnology“ zu sprechen.
Eine häufige Kritik an smart glasses ist, dass Nutzer Unternehmen zu stark in ihre Privatsphäre eingreifen lassen – dass eine App beispielsweise erfasst, was ein Nutzer sieht oder/ und diese Daten nicht im Sinne des Nutzers benutzt. Obwohl Konsumenten diese Gefahr durchaus bewusst ist (und sogar einer der Kernkritikpunkte ist), konnten wir in bisher noch keiner Studie einen Effekt auf das Kaufverhalten nachweisen. Wir bezeichnen dieses Finding als das Privatsphäre-Paradox („Privacy Paradox“).
Beim Einsatz im Unternehmen (bspw. im Lager oder bei Montagearbeiten) spielen natürlich auch noch ganz andere Faktoren eine Rolle. Zum gibt es natürlich Entscheidungen auf Unternehmensebene, ob Datenbrillen überhaupt eingeführt werden sollen oder nicht. Hier spielen Faktoren wie Preis, Rationalisierungspotenziale, Kompatibilität mit ERP Systemen, IT- und Arbeitssicherheit usw. eine Rolle – genauso wie „softere“ Variable, beispielsweise die Unternehmenskultur und der Support vom Top-Management und Betriebsrat. Daher empfehlen wir hier auch ganz explizit, abteilungs-, funktions- und hierarchieübergreifende Projektteams zur Einführung zu bilden. Wenn Unternehmen sich für den Einsatz von AR-Brillen entschieden haben, kommt die zweite Herausforderung: Wie können Mitarbeiter motiviert werden, diese Brillen auch (richtig) zu nutzen? Dann kommen neben kontextspezifischen Faktoren und Nutzungsanreizen durch das Management auch teilweise wieder Faktoren ins Spiel, die wir aus der privaten Nutzung bereits kennen – Design, Bequemlichkeit usw.
Kernergebnisse unserer Forschung habe ich (in englischer Sprache) in meinem Blogposting zu Erfolgsfaktoren, Treibern und Barrieren von AR Datenbrillen zusammengefasst.

Mit „Augmented Reality“ und den Wearables wie z.B. Smart Glasses erhalten Menschen zukünftig noch viel mehr Informationen. Besteht da nicht irgendwann die Gefahr des „Information overload“?
Die Gefahr besteht natürlich immer – aber die gab es schon bei Computern, Handys und erst recht bei Smartphones. Einige Smartwatches -Nutzer haben in Interviews auch schon angedeutet, dass eine Nutzungsmotivation ihrer smarten Armbanduhr die Reduktion von Informationen ist. Das bedeutet: Nur noch die besonders wichtigen Informationen kommen in Echtzeit ans Handgelenk, die weniger wichtigen bleiben im Smartphone in der Hosentasche = das Smartphone rutscht also eher in den Hintergrund. Das bedeutet: Ganz wichtige Informationsquellen liefern in Echtzeit an die smarte Uhr am Handgelenk, wichtige Informationsquellen werden gelegentlich über das Smartphone erfasst und nur unwichtige werden manuell abgerufen. Bei AR Brillen kann es ähnlich werden, das wird sich zeigen. Nicht abzuschätzen ist jedoch momentan, ob und wenn ja inwieweit sich Augmented Reality auf die Psyche auswirkt. Beispielsweise zeigt Microsoft im HoloLens Trailer einen virtuellen Haustier-Hund. Virtuelle Dinge in der Realität realistisch zu sehen und mit ihnen zu interagieren, ist etwas, was wir in dieser Form bisher noch nicht kennen. Optimistisch stimmen lässt uns allerdings Forschung zu Roboterhunden, die zumindest bei älteren Menschen chronisch Einsamkeit reduzieren konnte. Ob das Erstellen einer „Traumwelt“ ähnliche Effekte hat, wird sich zeigen.

In Deutschland wird in Bezug auf die Umsetzung von Industrie 4.0 mehr und mehr darüber diskutiert, welche und wie viele Arbeitsplätze durch die weitere Automatisierung verschwinden könnten. Werden solche Diskussionen in den USA auch geführt? Wenn ja, mit welchen Ergebnissen oder Erkenntnissen?
Klar. Ganz vereinfacht gesagt zielen viele Technologien darauf ab, die Prozesse im Unternehmen besser und kostengünstiger zu machen – beispielsweise bei Lager- oder Produktionsarbeitern. Wenn die Wegzeiten beispielsweise durch sinnvolle Brillennavigation optimiert werden können, können unter Umständen Mitarbeiter eingespart werden. Das wird dann natürlich von Lagerarbeitern verständlicherweise kritisch gesehen. Jede Technologie schafft aber auch neue Arbeitsplätze in komplexeren Tätigkeitsbereichen. Zudem können neue Technologien auch immer die Sicherheit von Mitarbeitern erhöhen – beispielsweise diese auf Gefahren hinweisen. Das ist einigen Menschen auch bereits durchaus bewusst.

Visionieren wir doch einmal das Jahr 2025: Was glauben sie, wie wird unsere Welt dann aussehen?
Dinge werden vernetzter, Computer und Technologie noch alltäglicher noch stärker in unser Leben integriert. Die Grenzen zwischen Virtualität, Realität, Technologie und Mode werden weiter schmelzen.

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