Interview: „Auf dem Weg zum Resourceful Human?“ | #Industrie40 | #IoT

Resourceful HumanAuf meinem Futability®-Blog adressiere ich nun schon seit über einem Jahr in regelmäßigen Abständen die Themen „Veränderung“ und „Transformation“, die sich im Windschatten von Industrie 4.0 und der zunehmenden Digitalisierung in unser Leben einschleichen. Auch im Rahmen meiner Buchrecherchen bin ich tief in diese Themen eingedrungen und musste feststellen: Es gibt sehr wenige Frauen, die sich diesem aktuellen Thema widmen und sich sichtbar als Expertinnen positionieren. Eine davon ist Prof. Dr. Dr.-Ing. Dr. h. c. Jivka Ovtcharova vom KIT – Karlsruher Institut für Technologie. Ihre Vita liest sich spannend und ihre Forschungsmotivation begeistert mich persönlich sehr. Und ihr heutiges Interview ist vor allem eines: Lesenswert!


NAME:  Jivka Ovtcharova
BERUF: Professorin
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Vision, Empathie, Selbstvertrauen
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: iPhone, WhatsApp, Spotify
Meine Lieblingswebseite: ZEIT ONLINE

Frau Ovtcharova, auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass Sie in Ihrem Institut daran arbeiten, „hinreichende Rahmenbedingungen für eine ganzheitliche Umsetzung zu schaffen, die in Deutschland und weltweit einzigartig sind.“ Wofür schaffen Sie diese Rahmenbedingungen, wie sehen die genau aus und warum sind sie weltweit einzigartig?
Ich ziele mit meinen Forschungsarbeiten auf das inspirierende Wechselspiel zwischen Ingenieur- und Computerwissenschaften einerseits und tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen anderseits.  Mit meinem Credo „Mensch im Mittelpunkt“ thematisiere ich kulturphilosophische Aspekte der Technikkritik, ohne freilich zu vergessen, worum es bei der industriellen Wertschöpfung geht: u.a. um die Verbesserung der Effizienz in Entscheidungsfindung. Das von mir im Jahr 2008 gegründete Lifecycle Engineering Solutions Center (LESC) ist einzigartig weltweit, da dort die Grenze zwischen physischen und virtuellen Wirklichkeiten einer Wertschöpfungskette verschmilzt. Grundlage dafür bildet die Beziehungs- und Aktionssphäre von Menschen, Maschinen und Computern in Echtzeit. Im Vordergrund stehen Fragestellungen des menschlichen Verhaltens in intuitiver Interaktion mit Maschinen und Computer in einer fließenden Realität unter Berücksichtigung technologischer, informationstechnischer, wirtschaftlicher sowie sozialer Randbedingungen. Ziel ist es, Menschen die Fähigkeit des vernetztes Denkens und Handelns und mit dem Blick für das große Ganze zu vermitteln und diese für die Praxis zu befähigen.

Industrie 4.0 und die Digitalisierung werden Unternehmen, die Gesellschaft aber auch die Anforderungen an die Menschen in Zukunft sehr verändern. Sie  kritisieren, dass der Mensch bisher noch nicht als „Resourceful Human“ betrachtet wird. Was zeichnet denn einen „Resourceful Human aus“?
Im Zeitalter der Industrie 4.0 erlangt die dynamische Vernetzung und die selbständige (autonome) Kommunikation der einzelnen Komponenten eines Systems über das Internet eine wachsende Bedeutung. Ein „Cyber Physical System“ (CPS) bezeichnet den Verbund informatischer, softwaretechnischer Komponenten mit mechanischen und elektronischen Teilen, die über eine gemeinsame Dateninfrastruktur, wie z. B. das Internet, kommunizieren. Die CPSs sind durch einen hohen Grad an Komplexität gekennzeichnet. Dieser Ansatz richtet sich lediglich an das „Objekt“ (Maschine oder Computer) als Mittelpunkt der Betrachtung. Durch die rasante Entwicklung der industriellen Netzwerktechnologie sowie der sozialen Netzwerke und Online-Dienste wächst entsprechen die Rolle der „Human-Maschine-Human“ (HMH) und der „Human-Computer-Human“ (HCH) Kommunikation. Der Schwerpunkt der Betrachtung geht vom „Objekt“ (Maschine, Computer) zum „Subjekt“ (Mensch) über. Neueste Trends weisen darauf hin, dass sich die Grenze zwischen „Online- und Offline-Sein“ für Menschen auflöst. Dadurch verändert sich der Vorstellung der Menschen von Realität im Raum und in der Zeit. Materielle und immaterielle Welten verschmelzen. Echtzeitfähige Anwendungen, unterstützt durch realitätsnahe Visualisierungstechnologien ermöglichen es, unsichtbare Phänomene sichtbar und frühzeitig validierbar für die Menschen zu machen um dadurch neue Produkteigenschaften und -funktionen zu verwirklichen. Mein Institut für Informationsmanagement im Ingenieurwesen (IMI) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erforscht neue Ingenieurmethoden des Cyber Systems Engineering, die durch realitätsnahe Human-Computer-Interaktion gekennzeichnet sind und dadurch den Mensch in den Mittelpunt der Betrachtung setzten. Im Unterschied zum traditionellen Systems Engineering, bei dem die IT-Systeme dem Mensch lediglich Hilfestellung anbieten ermöglicht das Cyber Systems Engineering unter anderem Entwicklern, Lieferanten, Herstellern und Kunden einander an ihren Ideen teilhaben zu lassen und neue Arbeitsumgebungen zu schaffen, in der multidisziplinäre Teams mit unterschiedlichen jedoch sich ergänzenden Erfahrungen nachhaltig zusammen arbeiten können. Diese Thematik betrifft über Prozesse der operativen Ebene hinausgehend insbesondere auch Unternehmensentwicklungs-, Strategieplanungs- und Managementprozesse.

Sie sehen das Individuum als mächtigen Treiber, ja sogar als „Megatrend“ in der 4. Industriellen Revolution. Warum?
Jede Industrierevolution hat die Welt tiefgreifend verändert. Nach der totalen Computarisierung und der Schaffung einer Weltwirtschaft als Folge der dritten Industrierevolution ist es zu erwarten, dass die vierte Industrierevolution zu einer global-vernetzten Gesellschaft führen wird. Seit Unternehmen begonnen haben, global zu agieren, müssen sie sich den Bedingungen der verschiedenen regionalen Märkte und Kulturen der Welt hinsichtlich Produkte und Dienstleistungen anpassen. Dabei spielt die Vernetzung unter Menschen als Individuen, auch durch das Internet of Things (IoT), die entscheidende Rolle. Anstatt Computer zu bedienen unterstützt das  IoT nun die Menschen bei deren Tätigkeiten unmerklich, während sich das Individuum seiner subjektiven und emotional betonten Wahrnehmung von Produkten, Dienstleistungen und Lebens-, Bildungs- oder Berufsarten allgemein widmet. Diese resultiert aus der sinkenden Abhängigkeit des Individuums von traditionellen Bindungen und Normen, verstärkt durch den allgemeinen Wohlstandszuwachs. Dies geht mit entsprechend veränderter Besitz- und Benutzmotivation einher, Emotion, Erlebnis- und Begeisterungsaspekte treten in den Vordergrund. Immer mehr Menschen gehen engagiert vor, teilen Bilder und Inhalte, kommentieren Aktionen in sozialen Netzwerken, sprechen Weiterempfehlungen aus und fühlen sich bestimmten Marken, Produkten und Dienstleistungen gegenüber verbunden, d.h. betrachten diese gewissermaßen als „Freunde“.

Wie müssen Unternehmen zukünftig organisiert sein, um eine Innovationskultur zu schaffen, die den Mensch in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt?
Unternehmen benötigen in Zukunft die Gesamtbetrachtung der Unternehmensentwicklung von Anfang an. Nicht nur die technische Machbarkeit, insbesondere die wirtschaftliche und gesellschaftliche Randbedingungen müssen beachten werden. Dabei sind Ziele unternehmensspezifisch und zeitvariant zu setzen um sich an die Innovationszyklen anzupassen, die immer schneller aufeinanderfolgen. Jede 3-5 Jahre wechseln die Wissens- und Technologiegenerationen. Weiterhin ist eine durchquerende Umsetzung durch Entscheidungsträger „top-down“ und Mitarbeiter „bottom-up“. Veränderungen werden in den „Keimzellen“ eines Unternehmens gelebt und die Messgröße ist der Mehrwert.  Die Schaffung einer Mensch-zentrierte Organisation bedeutet „Gehirn-gerechte“ Arbeitsabläufe in dynamischen Wertschöpfungsnetzwerken zu realisieren, gekennzeichnet durch schnelle Analyse- und Optimierungszyklen. Dabei wird die Digitalisierung nicht mehr „outgesourced“, die wird einfach Teil unseres Daseins sein, die ganze Zeit, im Tagesgeschäft sowie im Alltag.

Das McKinsey Global Institute vermutet, dass Roboter und Maschinen bis 2025 schätzungsweise 140 Millionen Wissensarbeiter durch intelligente Technik ersetzen könnten. Teilen Sie diese Einschätzung?
Nein und ich kann diese Aussage überhaupt nicht nachvollziehen. Schon in den 1970ern glaubte man an die Macht der künstlichen Intelligenz und daran, dass es in den nächsten zwanzig oder dreißig Jahren intelligente Roboter, papierlose Kommunikation und menschenleere Fabriken geben wird. Wie weit wir davon entfernt sind, sehen wir ja heute. Das Hauptproblem ist, dass die Menschen den Roboter und Maschinen noch nicht das „Denken“ beigebracht haben. Mit Widersprüchlichkeiten, Unterschieden oder mehrdeutigen Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, können Menschen umgehen aber nicht Maschinen. Ob die Maschinen irgendwann die Kontrolle über uns Menschen übernehmen wird die Zukunft zeigen. Was aber bereits heute klar ist, sie verdrängen die Menschen zunehmend vom dem Routine-Arbeitsmarkt, was zunächst als bedrohlich erscheint ist dagegen aber die Chance für Veränderung, Veränderung von Berufsbildern und der daraus resultierende Perspektivwandel.

Unsere Welt verändert sich stetig. Sie ist VUCA geworden – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Sie sehen in dem Wandel selbst einen weiteren Megatrend, der Wachstum durch neue Basisinnovationen verlangt. Welche Basisinnovationen werden wir Ihrer Meinung nach vermutlich in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten noch erleben?
Der Trend zur flächendeckenden Digitalisierung und die Konvergenz der Internet-, Industrie- und Finanz-Märke hinsichtlich Produkte, Prozesse, Dienstleistungen und Organisationen führen zu einer Allgegenwärtigkeit und uneingeschränkte Nutzbarkeit des IoT. Die rasante Verbreitung des Internets, ursprünglich als Kommunikationsmittel für Menschen via Computer, hat zu einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel geführt. „Noch nie in der Geschichte hatten so viele Menschen so viele Chancen zu tun, was sie wollen, zu leben, wie sie wollen, zu entdecken, was sie wollen“ sagt der Oxford-Ökonom Ian Goldin und schreibt in seinem Buch „Age of Discovery“ über eine „zweite Renaissance“, über die umfassendste Transformation seit einem halben Jahrtausend. Erfindungen und Entdeckungen des geistigen Erwachens von Connected Humans werden folgen. Ich nenne dieses Phänomen Comanetics. Dies drückt sich allererst in einem natürlichen Mensch-Computer/Maschine-Kommunikationsstil aus, der auf Verständnis und Dialog basiert und die Verknüpfung von mehreren Kommunikationskanälen der menschlichen Wahrnehmung (unter anderem Sehen, Hören und Tasten) voraussetzt. Die s.g. digitale Transformation unter dem Begriff „vierte industrielle Revolution“ wird zu einer gegenseitigen Befruchtung  von Erfindungen und Innovationen führen getrieben durch den Wegfall des Ortsprinzips im Markt, neuartige Geschäftsmodelle, modulare Wertschöpfungsketten und neue Wettbewerber. Noch steht dieser Wandel ganz am Anfang, jedoch schon heute sind weitgehende Auswirkungen in allen menschlichen Lebensbereichen, Gesellschaftsformen, Technologie, Ökonomie und Wertesysteme sichtbar.

Welche Kernkompetenzen werden wir zukünftig benötigen, um mit einer zunehmend digitalisierten, automatisierten, vernetzen und komplexen Welt umgehen und in ihr unseren wertschöpfenden Platz finden zu können?
Diese Frage kann nur kontextbezogen und unternehmensspezifisch beantwortet werden. Aus meiner Sicht sind die wichtigsten Kompetenzfelder der digitalen Transformation wie folgt: erstens, die echtzeitfähige Datenerfassung, -aufbereitung und -auswertung aus verschiedenen, heterogenen und unstrukturierten Datenquellen (auch im Sinne von Big Data), zweitens, die intelligente Abbildung (Algorithmisierung) von Entscheidungs- und Handlungsabfolgen als Grundlage für neue Geschäftsmodelle und –prozesse und drittens, die allgegenwertige Bildung und Qualifizierung aller Beteiligten um die Digitalisierung in das Tagesgeschäft zu integrieren.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Abschied von Stereotypen
  • Innovation: materialisierte Erneuerung
  • Anpassungsfähigkeit: einzige Überlebenschance
  • Kreativität: Freiheit des Denkens und Handelns
  • Veränderung: einzige Konstante
  • Angst: Unfähigkeit mit Risiken umzugehen
  • Zukunft: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten“
  • Deutschland: von Land der Ideen zu Land der gelebten Innovationsgestaltung
  • Ich: „ich denke, also bin ich“
  • Beruf: innere Bestimmung zur Selbstverwirklichung
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Grundvoraussetzung  für ein menschenwürdiges Leben
  • Maschinensteuer (auch: Automatisierungsdividende): „Ein alter Hut als neuer Hit“
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