Interview „Transformationsdesign“ | #Transformation

TransformationsdesignDas Thema „Transformation“ ist eines, das mich begeistert – nicht umsonst habe ich mich in meinem Buch mit der persönlichen Transformations- und Zukunftsfähigkeit beschäftigt. Einer, den das Thema mindestens genauso begeistert, ist Bernd Sommer. Er hat sich, zusammen mit Harald Welzer, auch mit dem Thema Transformation und Zukunftsfähigkeit beschäftigt, jedoch aus einem faszinierend anderen Blickwinkel, nämlich dem des Produktdesigns. Was sich dahinter verbirgt, erzählt er in diesem Interview.

NAME: Bernd Sommer
BERUF: Leiter des Bereichs „Klima, Kultur und Nachhaltigkeit“ am Norbert Elias Center for Transformationdesign & -research der Europa-Universität Flensburg
Drei Wörter/Eigenschaften, die mich beschreiben: Freunde & Familie, Soziologie, Fußball
Mein Lieblings-Gadget/meine Lieblings-App: momentan „Chess Time“
Meine Lieblingswebseite: www.futurzwei.org
Meine eigene Webseite: http://www.uni-flensburg.de/nec/

Herr Sommer, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Autorenkollegen, Harald Welzer, ein Buch über Transformationsdesign geschrieben. Was verbirgt sich hinter dem Begriff?
Vor dem Hintergrund der Übernutzung von Ressourcen und Senken wird es in den kommenden Jahrzehnten zu einer Transformation der gesellschaftlichen Naturverhältnisse kommen. Phänomene wie der Klimawandel machen dies schlaglichtartig deutlich. Bei „Transformationsdesign“ geht es um die Gestaltung dieser Veränderungsprozesse unter dem Leitbild der Zukunftsfähigkeit. Konkret geht es dabei um Fragen des Produktdesigns im engeren Sinne, aber auch um Architektur und Stadtplanung, Governancefragen und soziale Innovationen.

Ihr Buch hat ja einen fast schon erschreckenden Grad an Aktualität erreicht. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass momentan an allen Ecken und Enden Wirtschaft und Gesellschaft auseinanderzubrechen scheinen?
Die gesellschaftliche Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten erfolgte auf der Basis von Voraussetzungen, die sich nicht dauerhaft reproduzieren lassen. Bei der Energieversorgung, die weltweit zu über 80 Prozent auf fossilen Quellen beruht, ist dies besonders offenkundig. Grundsätzlich trifft dies aber auch auf andere gesellschaftliche Funktionsbereiche zu, wie z.B. bei dem Streben nach unaufhörlichen Wirtschafswachstum. Es ist an dieser Stelle aber wichtig zu betonen, dass wir damit nicht „über unsere Verhältnisse“ leben, sondern vor allem über die Verhältnisse anderer Menschen – seien es die deprivilegierte Bevölkerung im globalen Süden oder Menschen, die noch nicht oder erst vor kurzem geboren worden sind.

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit den Themen Industrie 4.0 und Digitalisierung. Bei allen Diskussionen und Entwicklungen kommt mir allerdings an sehr vielen Stellen der Mensch zu kurz. Was ist ihr Eindruck? Vertrauen wir der Technik mehr als den Menschen? Vergessen wir den Menschen in dieser ganzen Entwicklung?
Technik kommt in unserer Gesellschaft oft einem Fetisch gleich: sie wird vergöttert oder verteufelt, als Ausweg aus der Krise gesehen oder für Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht. Wichtiger als die Technik selbst, ist aber der soziale Kontext, in dem sie zur Anwendung kommen: Soziale Medien können zur Emanzipation beitragen aber auch Ausgrenzung und Menschenverachtung befördern. M.E. verengt der Fokus auf technische Fragen unsere Perspektive unnötig. Dies wird bei der Nachhaltigkeitsfrage deutlich: Technische Projekte zur Bewältigung der ökologischen Krise können – wie das Beispiel der Energiewende zeigt – gar nicht groß genug sein, während soziale Innovationen – wie ein Tempolimit auf der Autobahn, die Absenkung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit, ein fleischfreier Tag in der Kantine – als nicht realisierbar gelten.

Das World Enonomic Forum hat im Januar eine Studie veröffentlicht, wonach bis zum Jahr 2020 etwa 5 Millionen Jobs Opfer der industriellen Revolution werden könnten. Teilen Sie diese Ansicht?
Dazu kann ich auf Basis meiner wissenschaftlichen Arbeit keine gesicherten Aussagen machen.

Radikale technische Innovationen sind ja prinzipiell nichts Neues. Was können wir denn Ihrer Meinung nach aus der Vergangenheit lernen, um die heutige Transformation besser/humaner zu gestalten?
Durch den Blick in die Vergangenheit wird bewusst, dass jede großskalige technische Neuerung auch mit nicht-intendierten Nebenfolgen einhergeht. Daher wäre insgesamt mehr Demut angezeigt, wenn es um die Einführung neuer Großtechnologien geht.

Das World Economic Forum sieht Frauen als die Verlierer der Industriellen Revolution. Sehen Sie das auch so?
Das hängt davon ab, von welchen Frauen ich rede. Die Situation von Frauen unterscheidet sich global stark. Grundsätzlich sind Frauen vielerorts noch benachteiligt, so dass davon auszugehen ist, dass sie negative gesellschaftliche Entwicklungen besonders hart treffen. Dies gilt aber auch für andere marginalisierte Gruppen.

Wenn Sie drei Maßnahmen direkt umsetzen könnten und Geld keine Rolle spielen würde, was würden Sie gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich sofort ändern wollen, um die jetzige Transformation in zukunftsfähige Bahnen zu lenken?
Meine Vorschläge spülen zunächst eher Geld in die öffentlichen Kassen als dass sie kosten:

  1. Stärkere Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen sowie fossiler Energieträger. Damit ließen sich dann u.a. die öffentlichen Verkehrsmittel fördern und z.B. ein ticketfreier ÖPNV einführen oder das Schienennetz und Bahnangeobt ausbauen.
  2. Unternehmen werden verpflichtet, eine Gemeinwohlbilanz zu erstellen: Je besser sie dort abschneiden, desto mehr Privilegien (steuerliche Vorteile, Vergabe öffentlicher Aufträge etc.) genießen sie.
  3. Einführung von Anreizen zur Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit.

Und zum Schluss noch ein kleines Spiel. Ich sage Ihnen einen Begriff und Sie sagen mir, was Ihnen als erstes dazu durch den Kopf geht:

  • Flexibilität: Hoch ambivalent!
  • Innovation: Wird viel drüber geredet und finden die meisten Menschen per se gut – das sind sie aber nicht.
  • Anpassungsfähigkeit: Ist voraussetzungsreich und erfordert z.B. materielle Ressourcen aber auch Wissen.
  • Kreativität: Gibt es m.E. heute weniger als gedacht wird.
  • Veränderung: …kann gut, aber auch schlecht sein. Sorry, das ist sehr banal!
  • Angst: Ist kein guter Ratgeber, wenn es darum geht, über die Gestaltung der Zukunft nachzudenken.
  • Zukunft: Wird es immer geben. Die Frage ist nur, welche.
  • Deutschland: Hoffentlich ein Land, in dem man sich nicht dafür entschuldigen muss, wenn man Gutes tut.
  • Ich: Schon wieder? S.o. zu den „drei Eigenschaften/Wörtern“
  • Beruf: Ist etwas anderes als ein „Job“ und ermöglicht Identifizierung.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen: Wäre eine wichtige Voraussetzung dafür, dass alle Bürgerinnen und Bürger in Würde leben können.
  • Maschinensteuer (auch: Automatisierungsdividende): Darüber kann man nachdenken, ist aber vermutlich nicht entscheidend für eine nachhaltige Moderne.

Das Buch:

Transformationsdesign

Harald Welzer, Bernd Sommer
Transformationsdesign: Wege in eine zukunftsfähige Moderne
Verlag: oekom verlag
ISBN-13: 978-3865816627

>> Buch bestellen

 

 

 

Advertisements

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s