Die Kraft der Neugier | #Futability | #Kreativität

„Der Wunsch zu lernen ist allen edlen Menschen angeboren“, soll Leonardo da Vinci einst gesagt haben. Und in der Tat wäre die Menschheit nicht weit gekommen, würden uns nicht Interesse, Faszination und Wissensdurst immer wieder dazu verleiten, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen. Mit anderen Worten: Neu-Gierig zu sein.

Neugier, Curiosità, war eines der wichtigsten Lebensprinzipien Leonardo da Vincis. Sein ausgeprägtes Verlangen, die Dinge bis ins Innerste erkunden zu wollen, ließ ihn einen Forschungsstil entwickeln, der in seiner Gründlichkeit bis heute unerreicht ist. Sein nie endender Drang, sein Wissen zu erweitern und seine Umwelt zu sezieren, machte ihn zu einem wahren Meister kreativer Problemlösung. Am Anfang jeder seiner Forschungen, die sich durch die gesamte Bandbreite der Wissensgebiete zog, standen immer eine ungelöste Frage und der Mut, sich auf den Weg zu machen, eine Antwort zu finden.

Das heutige Schul-, Ausbildungs- und Hochschulsystem fordert und fördert Neugier jedoch viel zu wenig. Mit der Folge, dass die wenigsten Schul- und Hochschulabgänger mit Neugier in die Welt heraustreten, Fragen stellen oder Sachverhalte hinterfragen.

Neugier zu befriedigen macht Spaß

In meinem Futability®-Lehrauftrag, den ich einmal pro Semester an der Universität zu Köln anbieten darf, haben meine Studierenden Neugier erlebt – mit sehr spannenden Ergebnissen für sie und mich.

Neugier ist eine wichtige Kernkompetenz, um mit Veränderungen umgehen zu können. Sind wir in der Lage, Veränderungssituationen mit Neugier zu begegnen, fällt uns die Anpassung an neue Situationen deutlich leichter. Insofern spielt das Wiedererlernen von Neugier in meinem Seminar eine elementare Rolle.

Meine Studierenden bekommen nach dem ersten Seminartag die Hausaufgabe, sich mit einer Fragestellung zu beschäftigen, die sie neugierig macht oder die sie schon immer beantwortet wissen wollten. Die erste Reaktion auf diese Aufgabe ist in der Regel ungläubiges Stirnrunzeln. Die zweite Reaktion ist jedes Mal – in unterschiedlichen Varianten – die Nachfrage: „Melanie, ehrlich? Habe ich das richtig verstanden, dass wir etwas machen sollen, was uns Spaß macht?“

Damit ist der erste Lernerfolg bereits erreicht, denn sie erkennen sehr schnell: Neugier zu befriedigen macht Spaß. Also antworte ich ihnen: „Ja, ihr dürft jetzt eine Woche lang etwas tun, das Euch Spaß macht, nämlich einer Frage nachgehen, die Euch neugierig macht. Ihr dürft nach Herzenslust Eurer Neugier zu einem Thema nachgehen.“

Bei vielen entsteht dann ein echter – antrainierter – Leistungsdruck. Sie haben Angst, dass sie nichts finden, was sie neugierig macht, denn in dem Moment, wo sie die Aufgabe bekommen, stehen sie – natürlich – erst einmal vor einer Herausforderung.

Ich bespreche diese Ängste mit ihnen und ermutige sie, darauf zu vertrauen, dass Leistung bei der Neugier-Befriedigung keine Rolle spielt. Sie sollen sich intuitiv leiten lassen und schauen, was mit ihnen passiert.

Neugier verändert

Eine Woche später treffe ich meine Studierenden wieder und frage sie, ob sie ihre Neugier befriedigt haben. Alle nicken – mit einem Lächeln im Gesicht. Und nun wird es spannend. Eine Person nach der anderen tritt vor die Gruppe und präsentiert. Manche halten einen spontanen Vortrag, manche haben eine PowerPoint-Präsentation vorbereitet. Kein Vortrag sollte länger als fünf Minuten dauern – das ist die einzige Vorgabe, die sie von mir im Vorfeld bekamen.

Das Ergebnis ist ein Feuerwerk der Inspiration für alle Beteiligten. Hier sind – auszugsweise – einige Themen, denen die Studierenden nachgegangen sind:

  • Warum ist der Himmel blau?
  • Warum wechseln Tiere die Farbe?
  • Trinken Fische?
  • Was ist Langeweile?
  • Was ist ein Turbolader?
  • Basiert der Film Interstellar auf physikalischen Grundgesetzen?
  • Woher stammt das Wort okay?
  • Warum kommunizieren Menschen kaum noch wirklich miteinander?

Das Interessante an den Fragestellungen ist, dass sich bisher fast jeder Student/jede Studentin mit einem Thema beschäftigt hat, das völlig außerhalb ihrer sonstigen Studienrichtungen lag. Auf meine Frage, ob es ihnen schwer fiel, sich mit einem neuen Fachgebiet zu beschäftigen, bekomme ich unisono immer ein klares „Nein“. Ich frage sie dann auch, ob sie sich erklären können, warum das so ist. Und auch hier sind sie sich regelmäßig einig:

  • Sie hatten Spaß an der Fragestellung, weil es „ihre“ Fragestellung war.
  • Sie waren motiviert, Antworten zu finden.
  • Leistungsdruck empfanden sie zu keiner Zeit.
  • Sie waren stolz auf ihr Ergebnis.
  • Sie zogen Selbstbewusstsein aus der Erfahrung, selbständig Antworten auf Fragen zu finden, die außerhalb ihrer Komfortzone lagen.

Für die Studierenden ist diese Erfahrung – das spiegeln sie mir im Anschluss regelmäßig – augenöffnend. Warum? Weil sie erkennen, dass Neugier Spaß macht und damit auch Lernen Freude bereiten kann und in der Folge kaum stresst. Leistung zu erbringen fällt leicht, weil sie ein gutes Ergebnis erbringen wollen. Auch das „Raus aus der Komfortzone“ war für sie eine wichtige Erfahrung, denn sie waren sich alle vorher nicht sicher, ob sie die Aufgabe würden bewältigen können. Zusätzlich haben sie auch ihre Angst vor Fragestellungen verloren, auf die sie nicht sofort eine Antwort wissen. Einige sagen mir ganz konkret am Ende dieser Übung: „Ich werde zukünftig nach den Aspekten suchen, die mich neugierig machen, dann geht’s vermutlich leichter.“

Und eine zusätzliche Beobachtung finde ich an dieser Stelle erwähnenswert: In dem Moment, als die Studierenden vor der Gruppe standen und über etwas referierten, das sie neugierig machte, änderte sich ihre gesamte Körpersprache. Sie waren offen, selbstbewusst, konnten mühelos Zusammenhänge erklären und Fragen beantworten.

Neugier als Grundlage für Anpassungsfähigkeit

Exploratives Verhalten bringt Anpassungsvorteile mit sich und hilft, sich den Fragen und Herausforderungen unserer volatilen und sich permanent verändernden Welt zu stellen. Diese Form epistemischer Neugier – also die den Wissensdurst stillende und Erkenntnis erlangende Neugier – führt nicht nur zum besseren Verständnis, sondern auch zur Erforschung unserer (Um-)Welt.

In dem Wort Neugier stecken die Worte „Neu“ und „Gier“ – sehr passend für einen elementaren intrinsischen Antreiber, der zum Lernen motiviert und gleichzeitig die Grundlage kreativer Prozesse bildet. Wen die Gier nach Neuem antreibt, bewegt sich permanent am Rande der eigenen Komfortzone und ist schneller bereit, Herausforderungen anzunehmen und sich an ungemütlichen Fragen zu reiben, die gewohnte Denk- und Handlungsmuster durchbrechen können.

 

Dieser Text ist in Teilen ein Auszug aus dem Buch „Futability® – Wie Sie Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten„.

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