1984 – so fern und doch so nah

1984 – bei dieser Zahl horchen viele auf. „1984, war das nicht dieser Roman? Von dem – ach, Mensch, wie hieß der noch…?“ Ja, genau, „1984“ – so hieß der dystopische Roman von George Orwell, der darin einen Helden beschreibt, der in einem totalitären Überwachungsstaat lebt und gegen alle Widerstände versucht, seine Privatsphäre zu erhalten. Er gerät mit dem System jedoch in Konflikt und wird schließlich einer Gehirnwäsche unterzogen. Orwells Roman erschien im Jahr 1949. Deutschland fing gerade an, sich von einem totalitären Regime zu erholen – die von Orwell beschriebenen technischen Videoüberwachungssysteme waren damals jedoch noch reine Fiktion.

Heute sieht das anders aus. Heute wird unsere Privatsphäre vor dem Vehikel des Terrors ganz selbstverständlich und beinahe beiläufig mehr und mehr ausgehebelt. Ob eMail oder Telefon – „big brother is watching you“. „Big Brother“ sind heute nicht nur Staaten oder Geheimdienste, sondern auch Unternehmen wie Google oder Facebook, denen wir unsere privaten Daten anvertrauen und damit „Big Data“ befeuern. George Orwell lässt grüßen…

Doch „1984“ ist nicht nur ein Realität gewordener Roman, sondern es war auch das Jahr, in dem ich 10 Jahre alt wurde. Eine Blogparade hat mich gerade dazu inspiriert, einmal genauer hinzuschauen, was in diesem Jahr eigentlich so alles passierte. Drei Ereignisse sind mir bei meiner Recherche ganz besonders ins Auge gesprungen:

  • Am 24. Januar 1984 stellte Apple den Macintosh vor.
  • Am 3. April 1984 erreicht die erste eMail Deutschland.
  • Der US-Amerikaner Chuck Hull erfand den 3D-Drucker.

Terror gab es natürlich auch – IRA und RAF sorgten für blanke Nerven, Islamisten verübten damals schon Anschläge und die Spionage zwischen Ost und West gehörte noch zum 1×1 der Völkerverständigung. Helmut Kohl war Kanzler, Ronald Reagan wurde Präsident der Vereinigten Staaten und Richard von Weizsäcker Bundespräsident.

An mir ist das mit 10 Jahren ziemlich spurlos vorbei gegangen. Meine ersten – aus kindlicher Sicht dramatischen und traumatischen – Einschnitte erlebte ich zwei Jahre später, als das Atomkraftwerk in Tschernobyl explodierte. Plötzlich durfte ich nicht mehr draußen spielen, die Eltern gerieten bei Regen in Panik und die von mir so geliebten Familien-Ausflüge in die Lüneburger Heide zum Pilze sammeln fanden ein jähes Ende – und kehrten nie wieder zurück.

1984 war für mich ein unbeschwertes Jahr. Ich schaffte problemlos den Umstieg von der Grundschule in die Orientierungsstufe und war bis über beide Ohren verknallt.

Weil 1984 das berühmte Jahr „1984“ war, gab es damals anlässlich dieser Datumsüberschneidung viele Retrospektiven und Betrachtungen zu den Themen Datenschutz und Überwachung. Das alles noch vor dem Internet, weltweiter Vernetzung, Smart-Phones, Facebook, Google oder den gehackten Mailservern großer Konzerne. „Industrie 4.0“, Digitalisierung oder Kollege Roboter waren nichts weiter als gute Science Fiction.

Zum Lernen musste ich Bücher aus der Bücherei ausleihen, meine Aufsätze verfasste ich mit der Hand und gab sie persönlich beim Lehrer ab. Die Lehrer schrieben mit Kreide an die Tafel und anstelle von Kopien gab es noch nach Alkohol stinkende Matritzen. Gruppenbildung fand auf dem Schulhof statt und nicht bei WhatsApp. Die wichtigsten Telefonnummern konnte ich damals auswendig (und kann mich bis heute an sie erinnern), denn Kurzwahltasten gab es weder auf den Telefonen mit Wählscheibe, noch auf den ersten Nachfolgemodellen mit den Tasten.

Mit 10 Jahren fing ich übrigens an, Musik aus dem Radio aufzunehmen. Jeden Mittwoch gab es damals von 18-20 Uhr „Hits mit Willem“ auf NDR2. Und Willem, der Moderator, hatte einen ganz großen Fehler: Er quatschte immer in die Titel rein. Und daher saß ich pünktlich jeden Mittwoch um 18 Uhr mit zitternden Fingern an der Aufnahmetaste – manchmal vergingen Wochen, bis ich meine Lieblingsstücke „Willem-frei“ auf dem Band hatte. Ein oder zwei diese Kassetten habe ich noch – nur das Abspielgerät dazu, das habe ich längst verschrottet….

Das alles erscheint heute so unfassbar „retro“, dass ich lachen muss, während ich diese Zeilen schreibe. Wir altern heute nicht in Jahren, sondern in technologischen Generationen.

1984 ist gefühlt eine Ewigkeit her – und doch so aktuell wie nie!

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4 comments

  1. Das ist ein toller Beitrag! Heutzutage geht leider wirklich fast keiner mehr in die Bücherei. Damals dachte man vermutlich gar nicht daran, dass es jemals Bücher und sogar Hörbücher in elektronischer Form geben könnte. Das mit den Telefonnummern stimmt! Früher wusste man die alle auswendig.

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