Fürchte die Angst

(Ein Kommentar) 2016 ist das Jahr der Angst. Terror, Extremismus und Flüchtlingskrise dominieren die Ängste der Deutschen. In vielen Fällen ist die Angst vielleicht begründet – in allen Fällen jedoch ist sie ein schlechter Ratgeber. Angst ruft Populisten auf den Plan. Der Brexit, ebenso wie der Wahlerfolg von Trump, ist unter anderem das Ergebnis einer strategisch geschürten Angst.

Die „German Angst“ hat es bis in den anglo-amerikanischen Sprachgebrauch geschafft. Sie drückt eine typisch deutsche Zögerlichkeit aus, ein Lebensgefühl, das uns offensichtlich zu eigen ist, und uns zur Vorsicht mahnt. Zu Bedenkenträgern, die den Deutschen Dreisatz lieben und Veränderungen scheuen. „Die German Angst steckt tief in unseren Genen“, hieß es 2014 in einem Artikel der Welt und das vielleicht auch nicht zu Unrecht. Wer geschichtlich zwei Weltkriege mit zu verantworten hat, in wessen Reihen einer der schlimmsten Diktatoren der Neuzeit sein Unheil entfalten konnte, hat das Fürchten gelernt und im besten Fall Demut vor der Volatilität des menschlichen Geistes erlangt.

Im positiven Sinn bewahrt uns die „German Angst“ heute vor vorschnellen Entscheidungen. Wird aus der Zögerlichkeit jedoch ängstliche Verzagtheit und führt diese dazu, dass wir wie die Maus vor der Schlange verschreckt innehalten und der Schockstarre anheimfallen, wird unser genetisches Warnsignal zum Problem.

In diesem Fall nämlich riskieren wir unsere mentale und tatsächliche Freiheit. Wir werden zu Opfern von Menschen und Institutionen, die mit einer Angst-Agenda versuchen, die Welt zu verändern. Und obwohl ich sehr für Veränderungen werbe – eine auf Angst basierte Veränderung führt nie zu einem guten Ergebnis.

Angst schürt Misstrauen.

Angst untergräbt systematisch das Vertrauen – in sich selbst, in Menschen und Institutionen. Angst schürt Misstrauen und sorgt für instabile Systeme. Eine auf Misstrauen basierte Veränderung braucht daher immer starke Führer, denn dem ängstlichen Individuum fehlt nicht nur das eigene Selbst-Vertrauen, sondern auch die Überzeugung, in einer angstbesetzten Umwelt überleben zu können.

Systematisch geschürte Angst ist ein mächtiges Führungsinstrument. Das werden alle wissen und leidvoll erfahren, die in Unternehmen arbeiten, in der eine Angstkultur gepflegt wird. Doch auch die Politik hat sich schon immer des Instrumentes der Angst zu bedienen gewusst.

Der Brexit war – unter anderem – die systematisch geschürte Angst der Bevölkerung vor dem Verlust der britischen Identität. Schuld an der wirtschaftlichen Misere sei nicht der finale Todesstoß der Industrialisierung seit Einführung der Informationstechnologie, sondern das generell Fremde, das das Land besetzt – und mit ihm der Verlust von Werten und Identifikationen. Den Menschen wurde erfolgreich eingeredet, dass der Brexit nicht nur die britische Identität stärkt, sondern auch das wirtschaftliche Rückgrat der Insel heilt. Dass diese einfache Milchmädchenrechnung in einer hoch globalisierten und abhängig vernetzten VUCA-Welt so nicht aufgehen kann, hat den Wählern niemand mit einfachen Worten erklären können.

Einfach waren lediglich die populistisch gepöbelten Lösungen als Antworten auf eine über Monate und Jahre diffus geschürte Angst.

Ein ähnliches Bild haben wir nun in den USA. Dass Trump gewonnen hat, hat mich nicht überrascht. Es war vorauszusehen, denn sein Masterplan war ähnlich gestrickt wie jener der Brexit-Befürworter. Stecke den Finger brutal in die Wunde, die am meisten schmerzt: Ein hochgradig angeknackstes Gefühl verlorener Identität – vor allem in den vom wirtschaftlichen Fortschritt abgehängten Städten und Landstrichen, von denen es in den USA viel zu viele gibt. Bohre mit dem Finger so lange in der Wunde, bis die Menschen blind sind vor Schmerzen – und dann biete ihnen erneut (vermeintlich) einfache Lösungen.

Trump und den Brexit-Befürwortern nur Populismus vorzuwerfen wäre zwar einfach – aber viel zu kurz gegriffen. Trump und Konsorten sind – ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt – einen sehr viel cleveren Weg gegangen: Sie haben die Angst der Menschen mit einfachen Lösungen gestillt. Lösungen, die völlig irrational die Rückkehr in die Vergangenheit bedeuten würden und daher nicht nur zeitlich, sondern auch faktisch völliger Blödsinn sind. Doch zu diesem Zeitpunkt, als die Botschaften in die Welt posaunt waren und auf den fruchtbaren Boden ängstlicher, desillusionierter und von der wirtschaftlichen Entwicklung abgeschnittener Menschen fielen, hatten Vernunft und Weitsicht bereits in gleichem Maße an Boden verloren.

Ein von (Existenz-)Angst betroffener Mensch kann nämlich den Unterschied zwischen Rationalität und Irrationalität oft nicht mehr unterscheiden. Angst ist eines der stärksten menschlichen Grundgefühle, gesteuert über die Amygdala im Gehirn. Studien zeigen, dass  Angst als Stress-Signal dauerhaft zum Nachlassen kognitiver Fähigkeiten führt. Und jeder, der schon einmal Angst- oder Panikattacken verspürt hat, weiß: Diese Emotionen sorgen für echte mentale Lähmungserscheinungen. Das ist urmenschlich – daraus kann den Ängstlichen kein Vorwurf gemacht werden. Und wir sollten uns tunlichst davor hüten, sie zusätzlich zu demokratischen Buhmännern zu stilisieren und sie damit noch weiter auszugrenzen.

Angst destabilisiert Systeme.

Vorwerfen muss man das systematische Schüren von Angst vielmehr den (sozialen) Medien und den Politikern, die zurzeit an der Macht sind. Beide sorgen mit einem cleveren Terror-Vokabular schon seit vielen Jahren für ein Nachlassen des Vertrauens in Politik und Institutionen. Denn die einst instrumentalisierte Terror-Angst hat sich verselbständigt und kann nun weder von den Medien noch der Politik gebannt werden. Vielleicht sollte sie das ursprünglich auch gar nicht, denn ängstliche Menschen sind leichter zu regieren. Doch auch diese Rechnung ist nicht aufgegangen. Den Terroristen ist das Handwerk nicht zu legen, so lange es immer wieder Menschen und Institutionen gibt, die den Terror für ihre eigene Agenda nutzen können. Und davon gibt es viel zu viele, auch in Europa! Und das wissen die Populisten in immer stärkerem Maße für sich zu nutzen – und gemeinsam mit den Terroristen erreichen sie damit langfristig ihr Ziel der Destabilisierung demokratischer Systeme.

Hinzu kommt: der ängstliche Mensch überträgt sein Misstrauen, denn Angst und Misstrauen wuchern wie Krebsgeschwüre. Einmal im System verankert, sind sie nur schwer wieder zu entfernen.

Deswegen haben der Brexit und die Wahl von Trump eine Büchse der Pandora geöffnet. Ihre absurde Polemik, ihre oftmals martialischen Äußerungen gegen alles Fremde und ihr unsäglicher Populismus sind – auch durch die Komplizenschaft der (sozialen) Medien – haus- und hoffähig geworden.

Angst sorgt für noch mehr Angst.

Wir werden in den USA erleben, was jetzt schon viele Expatriats in Großbritannien erfahren: Eine Zunahme an Fremdenhass und Fremdenfeindlichkeit. Gräben zwischen Kulturen und Nationen werden vergrößert, weil sie der Populist weiter aufgerissen hat. Es wird daher wieder salonfähig werden, über Menschen zu schimpfen, die nicht so sind wie man selbst und die durch ihr Anderssein unser zerbrechliches Identitätsgefüge vermeintlich immer weiter bedrohen. Die moralisch-ethischen Barrieren sind gefallen – und vielleicht ist das sogar das schlimmste Verbrechen der Populisten.

Denn eines haben sie – vermutlich – unterschätzt: Die von ihnen schamlos adressierten gedankenlosen und einfältigen Lösungen werden die verängstigten und abgehängten Volksseelen auf Dauer nicht befriedigen, denn – wie einem Krebsgeschwür gleich – ist es mit einer simplen Medikamentengabe nicht getan. Der Mensch und das System als Ganzes müssen heilen.

Die von den Populisten versprochenen Lösungen lindern lediglich für kurze Zeit die Schmerzen. Sie heilen aber nicht die Krankheit. Kehren die Schmerzen zurück, werden sie schlimmer als vorher empfunden – und dann benötigen Populisten einen langfristigen Behandlungsplan, denn spätestens jetzt gesellt sich zu der Angst die Wut. Und dieser Emotions-Cocktail ist im wahrsten Sinne des Wortes unberechenbar.

Großbritannien und die USA leben uns gerade vor, wie es nicht laufen sollte. Und wir tun gut daran, unsere eigene „German Angst“ zu überwinden – und zwar sofort! Wir haben keine Zeit zu verlieren, denn im nächsten Jahr wählt Europa. Marine Le Pen in Frankreich, Geert Wilders in den Niederlanden oder eine Frauke Petry in Deutschland werden sich Trumps Masterplan bedienen. Und warum sollte der nicht auch in Europa aufgehen? Die aktuellen Politiker haben diesem Masterplan bislang viel zu wenig entgegenzusetzen.

Sie sind in ihrer „German Angst“ gefangen, weil sie die Tiefe der menschlichen Verletzungen bis heute nicht begreifen. Weil sie nicht verstehen, dass sie nicht nur die Bodenhaftung, sondern auch den Kontakt zu ihrem Volk verloren haben. Weil sie immer noch glauben, eine „Politik der Mitte“ zu machen, obwohl auch sie schon zu lange in vielen Bereichen nur noch die Eliten vertreten.

Den unangenehmen Folgen des Brexit und den vermutlich ebenso unangenehmen Folgen eines gewählten Donald Trumps können wir etwas entgegensetzen, nämlich Mut, Visionen und das kluge Adressieren von Missständen, die nur gemeinsam gelöst werden können und nicht gegeneinander.

  • Wir brauchen eine visionäre Digitalisierungsstrategie in Deutschland und Europa, damit wir die Folgen des Strukturwandels von der Industrialisierung hin zur Technisierung menschenverträglich gestalten können und den Graben zwischen Verlierern und Gewinnern dieser Veränderung nicht noch tiefer reißen als er ohnehin schon ist.
  • Wir sollten gemeinsam an nachhaltigen Wirtschaftskonzepten und –Strategien arbeiten, die auch in Zukunft den Menschen noch eine Existenz sichern.
  • Wir müssen uns dringend mit den Fragen erfolgreicher Integration beschäftigen und uns auf unsere Grundrechte zurückbesinnen – unsere moralisch-ethischen Säulen des Zusammenlebens in Deutschland, von denen wir uns nie verabschieden sollten.
  • In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass wir gemeinsam ein neues Identitätsbewusstsein schaffen, das außerhalb der kulturellen und nationalen Identitäten angesiedelt ist. In einer globalisierten Welt verschwimmen Nationalitäten und damit auch kulturelle Identitäten. Damit Menschen in diesen Veränderungsprozessen nicht entwurzeln, brauchen sie ein neues Identitätsbewusstsein als Mensch.
  • Und darum müssen wir vor allem in Bildung und Aufklärung investieren, um der Angst den Nährboden zu entziehen, denn aufgeklärte, gebildete und mit sich selbst identifizierte Menschen sind im Regelfall „Populismus-resilienter“.

Donald Trump und den Brexit können wir positiv für uns nutzen, wenn wir ab jetzt beherzt und mutig eine andere, menschlich nachhaltigere Richtung einschlagen und die Angst – im wahrsten Sinne des Wortes – fürchten.

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