VUCA lebt: Ein Synonym für Unsicherheit und Chaos

Das Kernproblem aller Industrienationen: Der Mensch steht nicht im Fokus. Über Digitalisierung und Fortschritt wurde er schlicht vergessen. Brexit und Donald Trump sind sichtbare Zeichen einer zunehmenden sozialen Ungleichheit, die Nationen spaltet und das Weltgefüge durcheinander bringt. Und Theresa May ist nur eine von vielen, die das unterschätzt hat. VUCA lebt.

Unsere Welt ist VUCA geworden – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Eine VUCA-Welt verlangt von allen Menschen Anpassung im Akkord. Diese Anpassungskompetenz stellt uns vor völlig neue Herausforderungen: Unsere Aufgabe besteht nämlich zunehmend im Managen von Unsicherheiten.

Während in hochdynamischen Zeiten der Veränderung die individuelle Unsicherheitskurve stark ansteigt, nimmt in gleichem Maße das Bedürfnis nach sicheren Entscheidungsgrundlagen, nach Risiko-Minimierung und kontrollierbaren und verständlichen (Arbeits-)Kontexten zu.

Der Psychologie-Professor Arie Kruglanski bezeichnet dieses Phänomen als „need for closure“, als eine elementare Sehnsucht nach raschen Antworten. Weil Verwirrung und Irritation, wie sie die VUCA-Welt hervorruft, dauerhaft nur schwer auszuhalten sind, überwieg bei sehr vielen Menschen der Rückgriff auf Traditionen, bekannte Verhaltensmuster und Lösungsansätze. Paradoxerweise gerade auch dann, wenn sie merken, dass diese alten Muster nicht mehr zum Erfolg führen.

Diese „Sehnsucht nach raschen Antworten“ birgt große Gefahren – für die einzelnen Menschen, genauso für eine dem Wandel unterworfene und damit instabil gewordene Gesellschaft:

  1. Menschen mit der Sehnsucht nach raschen Antworten treffen oft übereilte Entscheidungen, damit sich die Spannung zwischen Nicht-Wissen/Nicht-Verstehen und innerer Unruhe / Unsicherheit möglichst rasch entladen kann.
  2. Weil Menschen mit der Sehnsucht nach raschen Antworten übereilte Entscheidungen treffen, gewichten sie Informationen falsch bzw. erliegen dem sogenannten „Primäreffekt“. Das bedeutet, die erstbeste Information, die sie erhalten, ist die, die sich im Gehirn festsetzt und als wahr und richtig angenommen wird. Alle weiteren, ergänzenden Informationen haben quasi keine Chance durchzusickern und die einmal getroffene Meinung zu verändern.
  3. Die ersten beiden Verhaltensweisen erhöhen in der Folge die Gefahr der Manipulation – frei nach dem Motto „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. Die Gefahr von Vorurteilen wächst aufgrund von Desinformationen und des mentalen Unvermögens, eine einmal getroffene Meinung zu revidieren – weil eben die Sehnsucht nach raschen Antworten stärker ist, als die Kraft, Unsicherheiten und Irritationen aushalten zu können, deren Ursprung nicht verstanden wird.
  4. Haben die ersten drei Punkte ihre volle Kraft und Wirkungsweise entfaltet, wächst die Empfänglichkeit für autoritäre Ideologien. Im unternehmerischen Kontext ist das der Nährboden für Mikromanagement – im gesellschaftlichen Kontext ist das die zunehmende Offenheit und Akzeptanz populistischer und radikaler Tendenzen.

Weil die derzeitigen Veränderungen auf vielen Ebenen gleichzeitig stattfinden und im Wirtschaftskontext vor keiner Branche Halt machen, wächst der Grad der Verunsicherung exponentiell. Weil das Fach „Veränderung“ in keinem Schul- und Ausbildungssystem gelehrt wird und auch in den Unternehmen kaum Anstrengungen unternommen werden, die Belegschaften flächendeckend mit Veränderungskompetenzen auszustatten, haben wir es bis heute nicht geschafft, uns an die VUCA-Welt anzupassen. Nicht aufgrund mangelnder Intelligenz oder unterlassenen Versuchen, sondern durch ein konsequent fehlgesteuertes Lernen, mit Wandel und Veränderung umzugehen.

Ich habe es in meinem ersten Buch „Futability®“ auf individueller Ebene sehr ausführlich dargestellt und auch im zweiten Buch „Raus aus dem Mikromagement“ im Führungskontext erläutert, dass dieses momentane Veränderungs-Unvermögen zu massiven Produktivitätsverlusten führt.

Doch nicht nur das: Brexit, Donald Trump und nun auch Theresa May führen mehr als deutlich vor Augen was passiert, wenn dieses Unvermögen eine breite Gesellschaftsschicht erfasst, die sich selbst als Opfer und Verlierer eines massiven sozio-ökonomischen Wandels begreift und individuell kaum bis keine Chancen sieht, von diesem Wandel zu profitieren und ihn aktiv mitzugestalten.

Was also ist zu tun?

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer und medialer Ebene unsere Haltung verändern müssen. Das Anlagevermögen der Zukunft sind nicht Maschinen, Roboter oder Software-Programme, sondern die Menschen, die sie bedienen, weiter entwickeln und kreativ verwerten. Lernen, verlernen und neu lernen ist entscheidend dafür, dass wir mit einer veränderten Welt besonnen und kompetent umgehen können. Unser Wissen ist die einzige Währung, die uns unbegrenzt zur Verfügung steht – aber nur dann, wenn wir dieses Wissen konsequent pflegen und auf einen aktuellen Stand bringen.

Nicht der Verteidigungshaushalt bedarf daher einer finanziellen Aufstockung, sondern das Bildungswesen. Schulsysteme müssen an die Erfordernisse einer digitalisierten VUCA-Welt angepasst werden. Wirtschaft, Kreativität und Kommunikation müssen zu Unterrichtsfächern werden – genauso wie der Umgang mit (digitalen) Medien und Informationen erlernt werden muss.

Auch in den Unternehmen sollten endlich flächendeckend Anstrengungen unternommen werden, die Menschen aufzuklären und ihnen zukunftsrelevante Kompetenzen an die Hand zu geben. Die Unproduktivität, die ich zurzeit tagtäglich in den Unternehmen wahrnehme, ist erschreckend. Volle Auftragsbücher blenden und verschleiern, dass der digitale Change in vollem Gange ist – auch wenn das in vielen Unternehmen immer noch nicht angekommen ist. Und dieser Change ist disruptiv und weder zu stoppen noch umzukehren. Wer jetzt nicht in die Kreativität, Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit seiner Mitarbeiter investiert und sie befähigt, den digitalen Wandel zu verstehen und mitzugestalten, braucht das in fünf Jahren nicht mehr tun.

Das Zeitfenster zur Anpassung ist nicht so groß wie in vergangenen Jahrzehnten. Die Dynamik des (digitalen) Wandels ist exponentiell – anders als die Zeit, die uns zur Verfügung steht, diesen Wandel zu gestalten.

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