Das Manifest | #KI

Radieren wir langsam aber sicher die Essenz unseres Menschseins aus? Nachdenkliches zum Zusammentreffen mit einer „Schreib-Maschine“ auf der Biennale in Wien.

„Aus Instinkt geht Text hervor.

Diese Sätze sind Bemerkungen zur Nachricht, keine Nachricht.

Das Spiegelbild wird zum Lügner, der eine Betonung macht.

Die Differenz ist eine Stimmung, die sich gegen Zettel abgrenzt.

Grammatiken werden aus Kritiken abgeleitet, Kritiken aus Schriften und Schriften letztlich aus Wahrheiten.

Antworten sind aus Gesetzen und Büchern gemacht.

Eine Predigt ist keine Formel, keine Aussage, kein Körper, kein Fehler und auch kein Bericht.“

 

Wie gefällt Ihnen dieses Manifest?

Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Zeilen lesen?

Was glauben Sie, wollte der Autor – oder in meinem Fall die Autorin – damit sagen?

Sie wissen es nicht?

Nun, ich weiß es auch nicht, denn diese Sätze stammen nicht von mir. Sie stammen von einem Manifeste schreibenden Roboter. Dieses Manifest hier trägt die Seriennummer „Nr. 12935, 05.07.2017“ und wurde am 5. Juli 2017 als 12935. Manifest auf der Biennale in Wien erstellt.

Ich durfte dieses Manifest behalten – und habe noch weitere Seriennummern in meinem Büro liegen.

Nun frage ich mich: Das Blatt Papier, auf dem das Manifest steht, gehört mir. Aber gehören mir damit auch die Worte und die Sätze? Gehören mir die „Gedanken“, die der Roboter aufgeschrieben hat? Hat er sich überhaupt „Gedanken“ gemacht?

Vermutlich nicht, denn jedes seiner Manifeste besteht aus thesenartigen Sätzen, wofür die „Schreib-Maschine“ auf ein programmiertes Repertoire aus den Bereichen Kunst, Philosophie und Technik zurückgreift und diese zufällig miteinander verkettet.

Manche Sätze ergeben Sinn – manche nicht, aber alle auf Masse produzierten Manifeste, sind Unikate. Könnte ich nun die insgesamt 6 Unikate, die ich mitnehmen durfte, zum Beispiel bei Ebay einstellen und gewinnbringend verkaufen? Selbst wenn jedes nur für einen Euro verkauft würde, hätte ich ja einen vergleichsweise super Deal gemacht.

Und was ist mit den Sätzen, die Sinn ergeben, die regelrecht philosophisch klingen, über die man sogar nachdenken und diskutieren kann? Kann ich diese Sätze mein Eigen nennen? Kann ich die sinnhaften Sätze aus den 6 Unikaten zu einem neuen Manifest zusammensetzen? Das Manifest wäre ein Unikat – jeder Satz aber wäre doch geklaut, oder nicht? Nur: Wen soll ich als Urheber angeben?

Der Roboter, der die Wörter mechanisch und automatisiert aufschrieb, hat schließlich keinen Namen. Er hat kein Herz und weder Sinn noch Verstand. Er ist kein Rechtssubjekt – höchstens ein Rechtsobjekt. Aber kann ein Objekt Anspruch auf Urheberrechte haben? Kann eine Künstliche Intelligenz Kunst produzieren oder philosophisch werden? Und wenn ja, wem gehört dann dieses „Werk“?

Ist es nicht ungerecht, wenn diese Werke zukünftig nur den Erbauern der Maschine gehören? Sie haben diese Werke schließlich nicht erschaffen, sondern nur die Maschine gebaut. Ich kann keine solche Maschine bauen – vermutlich werde ich sie mir nicht einmal leisten können. Bin ich dann zukünftig in der Erschaffung meiner Werke/meiner Schreibkunst benachteiligt, weil ich niemals Tausende Manifeste in wenigen Stunden produzieren kann?

Ist „Zufalls-Philosophie“, erschaffen von Künstlicher Intelligenz, genauso viel oder weniger Wert wie die philosophischen Gedanken, die über eine lange Zeit in den Gehirnen kluger Menschen wachsen und gedeihen? Und wer entscheidet zukünftig über mehr oder weniger Wert? Und vor allem: Wie können wir zwischen künstlich erstellten und menschlich gedachten Gedanken unterscheiden? Wer kann zukünftig noch menschliche Kunst von maschineller Kunst voneinander trennen?

Wenn ich den Satz „Diese Sätze sind Bemerkungen zur Nachricht, keine Nachricht“ als P.S. unter einen Text geschrieben hätte, wären Sie vermutlich niemals auf die Idee gekommen, dass dieser Satz nicht von mir, sondern von einer Maschine stammt. Sie hätten ihn nicht hinterfragt, weil Sie darauf vertraut hätten, dass ich ihn geschrieben und mir etwas dabei gedacht habe.

Wenn wir nun also weiterhin unserer Neugier nachgeben und Mensch-Maschinen „denken“ und Kunst imitieren lassen, wenn wir ihnen freundliche Gesichtszüge geben, ihren Metallkörper mit menschenähnlicher Haut überziehen und sie weiter und immer weiter der Spezies Mensch anpassen, welchen Platz haben wir dann noch? Werden wir nicht überflüssig? Zerlegen wir nicht Schritt für Schritt die Essenz unseres Menschseins in Algorithmen? Und wollen wir das?

Wirklich?

Ich kann mir nicht helfen, aber diese Fragen lassen mich nicht los. Mein Zusammentreffen mit der „Schreib-Maschine“ hat mich, die schließlich auch als Buchautorin arbeitet und mit Denken Geld verdient, nachhaltig beeindruckt.

Es ist wahrhaft faszinierend, was Maschinen heute alles können. Es ist aber mindestens genauso erschreckend, wie wenig wir über die ethisch-moralischen Folgen diskutieren, welche die Einbindung der Mensch-Maschinen in quasi alle Lebens- und Wirkungsbereiche des Menschen haben wird.

Sie stellen unser Selbstverständnis als Mensch in Frage – und wir lassen das ganz selbstverständlich zu! Sie zwingen uns dazu, dass wir uns ernsthaft damit auseinandersetzen, was uns Menschen von Maschinen unterscheidet – aber genau diese Auseinandersetzung findet kaum statt!

Warum nicht?

Sind wir so technik-hörig geworden, dass wir uns als Spezies darüber völlig vergessen haben? Vertrauen wir tatsächlich der Technik mehr als den Menschen?

Wir müssen unbedingt anfangen, nicht nur unsere menschlichen Werte zu definieren, sondern auch die Grenzen, die wir den Mensch-Maschinen setzen, die es nicht zu überschreiten gilt.

Bei aller Liebe zur Neugier – ich persönlich glaube, wir öffnen die Büchse der Pandora, wenn wir gedankenlos, naiv und weiterhin so sorglos wie bisher an der Imitation des Menschseins arbeiten.

 

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