Die Hybris des Silicon Valley (Teil 1)

Dient uns die Science Fiction als Prototyp unserer Gegenwart? Viele Technologien, die wir heute selbstverständlich nutzen, finden ihren Ursprung in Science Fiction. Doch auch Denkhaltungen aus Film und Fernsehen finden sich in der realen Welt wieder.

Sehr bezeichnend finde ich eine Szene aus dem Kinofilm „Star Trek“ aus dem Jahr 2009. Der Hohe Rat der Vulkanier sagt zu Spock:

„Es ist durchaus bemerkenswert, Spock, dass Sie soweit gekommen sind und Ihre Benachteiligung überwinden konnten.“

 „Würden Sie das verdeutlichen, Minister? Was genau ist das für eine Benachteiligung?“

„Ihre menschliche Mutter.“

Die menschliche Mutter als Benachteiligung. Die Anspielung der Benachteiligung bezieht sich hier auf die menschlichen Gefühle, die – nicht nur aus Sicht der Vulkanier – für unnötiges Chaos sorgen.

Auch im Silicon Valley grassiert eine vulkanische Haltung, welche die Unvollkommenheit des Menschen als Systemfehler betrachtet und mit einem wahnsinnigen Tempo gegenüber Mensch und Natur den Fortschritt treibt.

Ich war selbst vor vier Jahren für einige Wochen im Silicon Valley. Man kann sich der Energie dort kaum entziehen. Die Aufbruchstimmung ist magisch – alles scheint möglich zu sein. Der Glaube an die Machbarkeit ist ein machtvolles Aphrodisiakum. Macher, Denker, Erfinder – sie alle tummeln sich an der Kalifornischen Küste und gestalten die Zukunft.

Mut, Risikofreude, Kapital, Visionen und eine gehörige Portion Größenwahn – das sind ihre Geheimrezepte.

Und weil die Marketing-Strategie des Silicon Valley so unfassbar gut funktioniert, schauen wir auf die digitalen Goldgräber der amerikanischen Westküste und hoffen, selbst eine Goldader zu finden – und wenn nicht eine Ader, dann doch zumindest ein Gold-Nugget….

Doch von der Mehrheit unbemerkt, grassiert im Silicon Valley eine ideologische Grundhaltung, die sich auch nach Europa und in den Rest der Welt ausbreitet, die nicht wirklich menschenfreundlich anmutet.

Die  Digitalisierung hat nämlich die Transhumanisten auf den Plan gerufen. Eine philosophische Denkrichtung, die die Grenzen menschlicher Möglichkeiten durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitern will. Die Interessen und Werte der Menschheit werden als „Verpflichtung zum Fortschritt“ angesehen.

Das Silicon Valley ist die Brutstätte dieser Bewegung. Die Menschen dort arbeiten mit Hochdruck an der Enträtselung der Schöpfung und was ihnen daran nicht gefällt, bauen sie technologisch um. Ethische Kontrollinstanzen? Fehlanzeige!

Dass wir dabei nicht wegschauen sollten, zeigen die folgenden Beispiele eindrucksvoll, die Claus Kleber vor ziemlich genau einem Jahr in seiner sehenswerten Dokumentation „Schöne neue Welt“ vorgestellt hat, die im ZDF lief und auf Youtube noch angeschaut werden kann.

Kleber traf bespielsweise Astro Teller. Er ist Chef-Innovator bei der Firma X – ein Tochterunternehmen von Google. Im Film sagt er: „Es beginnt eine Zeit, in der wir daran gehen, lebendige Zellen zu konstruieren, so wie wir Computer programmieren. Das ist eine der Sachen, die ich wirklich interessant finde, auch wenn ich nicht weiß, wohin das führt.“

Google sitzt auf Milliarden und steigt massiv in die Wissenschaften von Medizin und Leben ein. Die Fortschritte in der Verschmelzung von Biologie und Technik sind von atemberaubender Geschwindigkeit. Angeblich nur dem Ziel verpflichtet, die Welt besser zu machen. Doch kann das wirklich sein, wenn sich dahinter klare wirtschaftliche Interessen verbergen?

Und auch Adam Gazzaley, Neurowissenschaftler im Silicon Valley, kommt in Klebers Film zu Wort. Er sagt: „Die Methoden, die wir nutzen, um die Gehirne zu verbessern, führen zu neuer digitaler Medizin. Die Welt ist unglaublich fordernd, dauernd stürmen Informationen auf einen ein. Da muss man das Gehirn optimieren, soweit es geht.

Damit ist Gazzaley nicht allein. Auch Sebastian Thrun, ehemaliger Mitarbeiter bei Google und maßgeblich an der Erfindung des selbstfahrenden Autos beteiligt, möchte sein Gedächtnis gern automatisieren und fände es schön, wenn er sein gesamtes Leben digital abrufen könnte.

In der Kleber-Reportage wird er gefragt, was denn seiner Meinung nach aus den Ärzten, Rechtsanwälten, Diagnoseleuten, den Piloten werden wird, wenn der technologische Fortschritt in diesem Tempo weitergeht.

Für Thrun ist die Antwort glasklar: „Das sind alles Jobs, die letztendlich von Maschinen übernommen werden. Vielleicht nicht der ganze Job, aber ein Großteil des Jobs. Es ist inzwischen bekannt, dass für Juristen das Aussuchen von Dokumenten durch  Maschinen besser gemacht wird als durch Menschen. Es ist bekannt, dass Flugzeuge von Maschinen besser geflogen werden als von Menschen. Das Fahren von Autos auch. Wir müssen uns umstellen. Wir müssen uns auf eine Zeit einstellen, wo man nicht mehr ruhig sitzen und sagen kann: Ich hab’s geschafft. In der neuen Zeit müssen wir nach wie vor den Berg aufsteigen.“ Ob er damit auch sich selbst meint, darf bezweifelt werden. Er hat im Falle eines Falles finanziell schon lange ausgesorgt….

Die „Interessen und Werte der Menschheit“, die von den Transhumanisten als Verpflichtung zum Fortschritt gesehen werden, kann ich weder bei Astro Teller, Adam Gazzaley noch bei Sebastian Thrun erkennen.

Nun sind diese Männer nicht irgendwer. Es sind Männer, die im Silicon Valley agieren, hervorragend vernetzt sind und an Milliarden herankommen, um ihre Ideen zu verwirklichen.

Das macht sie nicht nur so attraktiv für die transhumanistische Bewegung, sondern auch überaus gefährlich für diejenigen, die den Sog und die Macht der Technologie immer noch unterschätzen.

0_anzeige-bucher
„Futability®“ bestellen | „Raus aus dem Mikromanagement“ bestellen
Advertisements

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s