Die Hybris des Silicon Valley (Teil 2)

Elon Musk investiert im Silicon Valley, um es unter Kontrolle zu halten, denn er ist sicher, dass uns die Maschinen irgendwann überrollen werden.

Renommierte Wissenschaftler, Erfinder und Unternehmer wie Stephen Hawking, Elon Musk oder Bill Gates warnten im Januar 2015 in einem offenen Brief vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz.

In ihrem „Future of Life Institute“ haben sie sich zusammengeschlossen, um einen Gegenpol zu den Entwicklungen im Silicon Valley zu bilden. Die Hauptsorge dieses Future of Life Institutes ist es, die – ich zitiere  – „existentiellen Gefahren für die Menschheit zu verringern“. Was bedeutet: Diese Gefahren sind schon da!

Und sie liegen unter anderem im größten Genlabor der Welt in China, das dank der Erfindung von Jennifer Doudnas Technologie bereits neue Lebewesen züchtet.

Doudna ist Biochemikerin an der Universität Berkley im Silicon Valley. In ihrem Labor wurde ein Verfahren entwickelt, mit dem man die Gene von Pflanzen, Tieren und Amöben punktgenau erfassen und verändern kann: Man schneidet sie – wie Absätze in einem Word-Dokument – einfach heraus und setzt sie woanders wieder ein.

Claus Kleber fragt sie in seiner ZDF-Reportage „Schöne neue Welt“, ob sie damit nicht die Büchse der Pandora geöffnet habe.

Und Doudna antwortet – fast schon lapidar: „Das ist jedes Mal so mit einer mächtigen neuen Technik. Immer kommt sie auch in Hände, denen  man sie lieber nicht anvertrauen würde. Ich will darüber eine offene, globale Diskussion, damit wir verantwortlich handeln. Ich weiß nicht, was wir sonst noch tun könnten.

Diese globale Diskussion ist zumindest noch nicht bis nach Deutschland geschwappt.

Doch die Stimmen mehren sich, die kritisch ins Silicon Valley schauen – und das nicht erst seit den jüngsten Skandalen um den ehemaligen CEO von Uber oder der aufgebrochenen Diversity-Debatte bei Google.
Auf wired.com erschien vor einiger Zeit ein Artikel mit dem Titel „Silicon Valley would rather cure death than make life worth living“. Darin steht, dass Peter Thiel,  Mitbegründer von PayPal, Sterblichkeit ziemlich uncool findet und an einer Lösung arbeitet – sprich: ewiges Leben anstrebt. Und vielleicht kommt er diesem Traum auch näher, denn seit dem 19. Jahrhundert ist die Sterblichkeitsrate kontinuierlich  gesunken. Dass gleichzeitig die Bevölkerung explodierte, übersieht Herr Thiel in seinen Unsterblichkeitsüberlegungen geflissentlich. Und noch etwas scheint ihm entgangen zu sein.

Der Lebenszeit, die Herr Thiel gern ins Unendliche verlängern möchte, setzen immer mehr weiße, amerikanische Männer in Thiels Alter freiwillig ein Ende. Der „Tod aus Verzweiflung“ hat in den USA von 2000 bis 2014 dramatisch zugenommen. Besonders betroffen sind Menschen mit niedrigem Bildungsstand – die Verlierer genau der digitalen Revolution, die vom Silicon Valley aus in die Welt schwappt.

Das Silicon Valley verkauft der Welt die Idee, sie besser machen zu wollen. Es schafft damit eine unglaubliche Sogwirkung, die Menschen anzieht, die diese Vision nicht nur glauben, sondern sie tatsächlich zum Leben erwecken – also durchaus mit altruistischen Motiven handeln möchten.

Diese Motive sollte man jedoch deswegen nicht automatisch für bare Münze nehmen. Alphabet, Amazon, Apple und Facebook haben eine höhere Marktkapitalisierung als alle DAX 30-Unternehmen zusammengenommen. Das Verhältnis 4:30 sorgt für eine unfassbare Machtverschiebung mit weltweiten Auswirkungen.

Mit Altruismus haben das diese Unternehmen nicht geschafft, sondern mit knallharten Business-Modellen, die hinter der Fassade der Weltverbesserung unbeirrbar umgesetzt werden.

Der Schaden, der durch diese Hybris entsteht, ist immens. Anstatt den Menschen durch Zellteilung, Künstliche Intelligenzen, Chips im Gehirn oder ein langes Leben „besser“ und „angepasster“ zu machen, könnte ein Großteil des Forschungsgeldes sinnvoller und nachhaltiger darauf verwendet werden, das bereits vorhandene „Menschen-Material“ auf ein höheres Niveau zu bringen, nämlich vornehmlich durch Bildung und Entwicklung von kooperativen Gesellschaften und einem friedvollen Zusammenleben.

Im „Handelsblatt Morning Briefing“ wurden dazu am 4. August 2017 nachdenklich stimmende Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass wir auch in Deutschland an den falschen Baustellen Baugerüste hochziehen. Deutschland investiert gerade einmal 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung, weniger als der EU-Durchschnitt (4,9 Prozent) und erst recht weniger als Frankreich (5,5 Prozent). Auf diese Zahlen kann man nicht stolz sein. Im Gegenteil. Sie sind ein perfekter Indikator dafür, was uns erwartet, wenn wir Bildung weiterhin so stiefmütterlich behandeln. Und um zu wissen, was uns erwarten wird, lohnt sich dieses Mal tatsächlich ein Blick in die USA – nur nicht ins Silicon Valley, sondern in Städte wie Flint oder Detroit und alle anderen von der Digitalisierung abgehängten Landstriche.

Wir sind technologisch auf einem so hohen Niveau angelangt, dass mehr Technologie nicht zwangsläufig zu einem besseren, reicheren oder gesünderen Leben führt. Zumindest dann nicht, wenn wir nicht gleichzeitig erhebliche globale Anstrengungen unternehmen, die Menschen auf eine veränderte Welt vorzubereiten, sie Technologie-kompetent zu machen und ihnen die Chance zu geben, sich mit der globalen Entwicklung gleichzeitig auch individuell weiterentwickeln zu können. Global müssen die Grundlagen dafür geschaffen werden, dass die Kompetenzen, die durch den Einsatz von Robotern ja künftig stärker im Fokus stehen sollen, endlich auch gelebt werden können – allen voran Kreativität und Empathie. Diese Kompetenzen entwickeln sich nicht ohne Bildung und soziale Grundlagen, die in Familien und der Gesellschaft gelegt werden.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin eine große Befürworterin technologischen Fortschritts, da wo er sinnvoll ist. Ich habe überhaupt kein Bedürfnis in eine vortechnologische Zeit zurückzugehen.

Was mir jedoch große Sorgen bereitet ist der fehlende weltweite Diskurs über Werte und Moral des technologischen Fortschritts. Wo setzen wir Grenzen? Und wie werden die aussehen? Wer wird sich daran halten – und was passiert mit denen, die es nicht tun?

Was mir Angst macht, ist die Unbefangenheit und Bedenkenlosigkeit, mit der Unternehmen und Forschungsinstitute im Silicon Valley in die Biologie von Mensch und Natur eingreifen – ohne die Folgen wirklich abzuschätzen.

Was in mir großes Unbehagen hervorruft ist die immer größere Vernetzung und die damit einhergehende technologische Abhängigkeit – und Verwundbarkeit. Wir verlieren unsere Autonomie und merken es kaum…. Es kann nicht gut sein, dass Milliarden Datensätze in den Händen ganz weniger Menschen liegen, von denen wir nicht wissen, was sie mit diesen Datensätzen tun und noch zu tun gedenken.

Was wir bei aller Utopie, die im Silicon Valley zu finden ist, nicht aus den Augen lassen sollten ist die unfassbare Masse an Geld, die dort bewegt wird. Viele Projekte dort wären bei uns Aufgaben staatlicher Universitäten oder Forschungsprojekte. Im Silicon Valley liegen sie in den Händen von Unternehmern und Investoren, die für ihre investierten Milliarden irgendwann einen Return on Investment sehen wollen.

Wo es heute noch keine Märkte gibt, wird es in Zukunft ganz sicher welche geben. Altruismus hat – zumindest bislang – noch nie die Welt regiert und Investoren zufrieden gestimmt.

Und aus dem Silicon Valley sollten wir diesen Altruismus nicht zwingend erwarten!

>> Teil 1

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