Das kleine 1×1 der technologischen Revolution

Technologien entwickeln sich in Systemen, die Christopher Freeman, Professor für Wissenschaftspolitik an der University of Sussex, beschreibt als „Konstellationen von Innovationen, die technisch und wirtschaftlich in Wechselbeziehung stehen und verschiedene Produktbranchen betreffen.“ [1] Diese „Technologie-Familien“, sind im Schumpeter‘schen Sinne in der Lage, eine technologische Revolution auszulösen und alle bestehenden Industrien umzuformen.

Diese Phänomene finden ungefähr alle fünfzig oder sechzig Jahre statt und sind die Wurzeln der langen Wellen der Konjunktur – auch Kondratieff-Zyklen genannt. Die jeweiligen Kernindustrien dieser technologischen Revolution sind für lange Zeit Wachstumsmotoren und damit Ausgangs- und Knotenpunkt ganz neuer Industrie- und Dienstleistungszweige, die sich um das revolutionäre technologische Produkt formieren und zugleich ganze Wirtschaftsgeographien verwirbeln und neu sortieren.

Welche Breitenwirkung ein revolutionäres technologisches System entwickelt, hängt entscheidend von der Vielseitigkeit der einbezogenen Innovationen ab, die im Extremfall sowohl Neuerungen in der Organisation und im Management zur Folge haben, also auch bedeutende gesellschaftliche, institutionelle der sogar politische Veränderungen nach sich ziehen können.

Eine technologische Revolution schließt daher immer drei verschiedene aktive Prozesse des Wandels und der Anpassung mit ein:

  1. Entwicklung von dazugehörigen Dienstleistungen, zum Beispiel einer notwendigen Infrastruktur von Händlern oder Lieferanten,
  2. „Kulturelle“ Anpassung von Managern, Ingenieuren oder Verbrauchern an das neue technologische System und
  3. Aufbau institutioneller Unterstützung wie neue Regelungen und Gesetze oder neue Ausbildungsformen.

Dreh- und Angelpunkt ist die Art und Weise, wann, wie und wie schnell Innovationen vom Markt assimiliert werden. Eine Innovation durchläuft laut Schumpeter grundsätzlich drei Phasen:

1.
Eine Erfindung wird gemacht. Dazu gehören Ideen, Prototypen oder Konzeptentwicklungen vor der Markteinführung.

2.
Die Erfindung wird am Markt eingeführt, also in neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren umgesetzt. Sie erlangt ökonomische Bedeutung und erst jetzt spricht man von einer Innovation. Hierbei unterscheidet man die inkrementellen Innovationen (fortlaufende Verbesserungen vorhandener Produkte oder Dienstleistungen) von den radikalen Innovationen (auch disruptive Innovationen genannt), welche die Spielregeln auf dem Markt oder das Nutzungsverhalten verändern und/oder bestehende Technologien/Dienstleistungen vollständig vom Markt verdrängen. Gerade die radikalen Innovationen sind kraftvolle Motoren für Wachstum und machtvolle Treiber für einen anschließenden Strukturwandel.

3.
War die Innovation ein Fehlschlag, verschwindet sie wieder vom Markt. Durchdringt sie aber den Markt und findet sie verbreitete Anwendung, ist die dritte Phase erreicht, die Diffusion. Das ist besonders spannend bei der disruptischen Innovation mit revolutionärem Charakter. Denn nun wird aus der einstigen Erfindung ein sozio-ökonomisches Phänomen. Das bedeutet, die Konsumenten haben das Produkt oder die Dienstleistung akzeptiert, es ist in der Gesellschaft angekommen. Diese Phase der Diffusion bedeutet Wachstum – für einzelne Firmen oder Tausende einer Branche.
Voraussetzung für eine erfolgreiche Diffusion ist jedoch ein elementares Vehikel. Dieses Vehikel, auch „Schlüsselfaktor“ genannt, muss einer langfristigen Kostensenkung unterliegen. Jede große Basisinnovation rankte sich um einen sehr billigen Schlüsselfaktor, der auch billig zu bleiben versprach. Hinter der Ausbreitung von Dampfmaschine und Eisenbahn standen beispielsweise unbegrenzte Reserven an billiger Kohle, hinter der Verbreitung des Automobils billiges Erdöl und hinter dem Siegeszug der Computer billige „Chips“. Diese billigen Schlüsselfaktoren ermöglichen erst den Massengebrauch und je größer die Diffusion ist, umso höher ist folglich die Nachfrage nach dem Schlüsselfaktor. Je weiter sich dann die Technologie ausbreitet, umso lohnender wird es, sich als Händler oder Zulieferer anzubieten, was für einen zusätzlichen Diffusions-Schub sorgt.

Eine weitere Phase schließt sich an die Diffusion an, die von Schumpeter nicht explizit benannt wurde, für das Verständnis des Wechselspiels von Beschleunigung und Vergänglichkeit von Produkten und Technologien aber entscheidend ist.

4.
Ist eine Innovation im und mit dem vorhandenen Markt verschmolzen, ist regelmäßig auch ein gewisser Reifegrad erreicht, der zu einer Stagnation des Wachstums führt. Die (Basis-)Innovation, die eine technologische Revolution ausgelöst hat und für den ursprünglichen Strukturwandel verantwortlich war, verliert ihre Dynamik. Je nach Art der Technologie kann dieser Prozess Monate, Jahre oder Jahrzehnte dauern und eine einzelne Firma betreffen oder Tausende einer Branche in Mitleidenschaft ziehen. In der Phase der Stagnation entstehen häufig Knappheiten und Produktionsengpässe, die dann wiederum Ausgangspunkt für eine neue Basisinnovation sein können.

Jede Innovation, egal ob sie als inkrementelle oder radikale Innovation auf den Markt kommt oder als Basisinnovation eine technologische Revolution einläutet, durchläuft das gleiche Schicksal von Reife und Niedergang, von Kontinuität und Diskontinuität.

Der elementare Unterschied besteht darin, dass Basisinnovationen im Schumpeter’schen Sinne in enger Verbindung mit anderen technischen Systemen wachsen (oder untergehen) und in ein ökonomisches, kulturelles und institutionelles Umfeld eingebettet sind. Die Folgen des Niedergangs und die Diskontinuität einer Basisinnovation sind daher auch folgenschwerer als bei einer inkrementellen Innovation, denn in diesem Fall sind nicht nur einzelne Firmen oder Firmen-Cluster vom Abschwung betroffen, sondern auch gesellschaftliche und institutionelle Einrichtungen, die im Dunstkreis dieser Basisinnovation entstanden sind.

[1] C. Freeman, C. Clark, L. Soete: „Unemployment and Technical Innovation: A Study of Long Waves in Economic Development“, Kapitel 4

 

Ausführliche Informationen zu den „Langen Wellen der Konjunktur“ und ihre Auswirkungen heute, habe ich in meinem Buch „Futability®“ beschrieben.

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