Wenn der Algorithmus einen Urlaubstag verbietet

Können Sie sich vorstellen, dass ein Algorithmus darüber entscheidet, ob Sie Urlaub nehmen können oder nicht? Nein? Ich konnte mir das auch nicht vorstellen. Doch dann wurde mir die Auszeit verwehrt. Von einem Computer. Diese Erfahrung war gruselig.

Im Sommer 2017 besuchte ich die Biennale in Wien. In der Ausstellung zum Thema „Arbeiten 4.0“ ging es um die Frage, welchen Wert Arbeit für Menschen (noch) hat und wie Arbeit in Zukunft aussieht oder aussehen könnte.

Im Ausstellungsbereich „Wie werden wir arbeiten“ wurden mögliche Zukunftsszenarien dargestellt – keine davon machte Mut und war erstrebenswert. Aus gutem Grund, denn die Ausstellung hatte das Ziel, das Kollektiv – also die Gemeinschaft – zu Handlungen, Diskussionen und Beteiligung aufzurufen, denn der Kerntenor lautete: Arbeit ist mehr als nur das Anstreben von Effizienz und Produktivität, mehr als bloße Replikation – und das sollte sie auch in Zukunft noch bzw. wieder sein. Lernen, Entdeckergeist, Kreativität, Inspiration und Mensch-Sein sollten im Fokus stehen. Und die Ausstellung zeigte, wie es einem ergeht, wenn genau das nicht mehr der Fall ist.

Verstörende Thesen und aufrüttelnde Selbstversuche machten deutlich, was mit einem passiert, wenn Lebensentscheidungen plötzlich von einem Computer getroffen werden und der eigene Einflussbereich vollends schwindet.

Ein Experiment hat mich besonders beeindruckt, weil es mir sofort heftige Emotionen auslöste. Es war besagtes Urlaubsexperiment.

Auf insgesamt drei Bildschirmen wurde ein fiktives Unternehmen virtuell dargestellt. Aktienkurse, Gewinn und Verlust waren noch gewohnte Informationen, doch dann fiel meine Aufmerksamkeit auf folgende Darstellung:

20170703_135312

Es war eine Auflistung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, denen Urlaub gewährt wurde oder nicht. Die Gründe für Ab- oder Zusage waren ebenfalls transparent auf der Übersichtstafel dargestellt.

Ich trat ein Stück näher, um mir das genauer anzusehen – und in diesem Augenblick wurde ich auch schon gescannt.

Stufe 1

In insgesamt 5 Sekunden wurde mein Gesicht erfasst und anhand unterschiedlicher Algorithmen wurde in eben diesen Sekunden berechnet, ob ich eines Urlaubs würdig war oder nicht.

20170703_135352

Wie das Ergebnis zeigt, wurde mir der Urlaubstag verwehrt. Ich sei zu glücklich, hätte kaum was erreicht und meinem Team sei es nicht zuzumuten.

Ob ich Lust auf einen Urlaub habe, einen privaten Termin wahrnehmen will oder schlicht mal Zeit für mich haben möchte, hat das System natürlich nicht erfasst.

Der programmierte Algorithmus hat sich übrigens alle 60 Sekunden selbst auf einen aktuellen Stand gebracht. Jede Person, die, so wie ich, an diesem Versuch teilnahm, hat den Algorithmus automatisch gefüttert und verbessert. Das kennen wir – theoretisch – ja schon. Von Facebook, Google – und vielen anderen Apps und Programmen, die wir tagtäglich nutzen und ohne es zu merken, mit Milliarden Daten bereichern, ohne dafür bezahlt zu werden.

Nun also ging es jedoch in einen ganz persönlichen, essenziellen privaten Bereich, den eigenen Urlaub. Und ich habe, weil mich das Ergebnis so maßlos geärgert hat, den Versuch mehrfach wiederholt. Ich wollte ein anderes Ergebnis – aber ich bekam es nicht. Ich hatte einfach keinen Urlaub verdient. Die einzige Veränderung im Ergebnis war, dass mir das System einmal spiegelte, ich sei zu jung für einen Urlaubstag. Tatsächlich hat mich der Algorithmus bei allen Versuchen drei Jahre jünger eingeschätzt als ich tatsächlich bin.

Mein Unmut stieg und wie ich mit Erstaunen feststellte, mein Stresspegel auch. Ich fühlte mich völlig ausgeliefert. Hilflosigkeit und Wut – sonst höchst selten meine Verhaltensmodi – stiegen wie brodelnde Lava in mir auf. Es war kurzfristig so krass, dass ich die Bildschirme am liebsten zertrümmert hätte. Dass Gewalt keine Lösung ist, kam mir in diesen Bruchteilen von Sekunden nicht in den Sinn, denn das Zerstören erschien in diesem Moment die für mich einzige Möglichkeit, meine Autonomie zurückzuerlangen.

Und wenn Sie jetzt vielleicht auf den Gedanken kommen, so ein automatisiertes System sei doch eigentlich ganz gerecht – glauben Sie mir, wenn Sie davor stehen und den erhofften Urlaubstag nicht bekommen, mit niemandem darüber verhandeln und das Ergebnis auf zwischenmenschlicher Ebene beeinflussen können, dann hat das mit Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. In diesem Moment ist man nur noch eines: Opfer!

Mich hat dieses Experiment und meine Reaktion darauf sehr verstört. Ich schreibe seit vielen, vielen Monaten immer wieder darüber, dass wir sorgsam abwägen müssen, wie weit wir die Digitalisierung treiben und wie viel Selbstbestimmung wir tatsächlich an Künstliche Intelligenzen und Algorithmen auslagern wollen.

Mir ist klar, dass die Diskussionen über Künstliche Intelligenzen und Digitalisierung oft auf einer abstrakten Metaebene stattfinden, weil wir den Fortschritt dessen, was bereits alles möglich ist, maximal auf Bildern, Youtube-Videos oder in Reportagen häppchenweise serviert bekommen.

Die Erfahrung zu machen, dass Urlaubswünsche von einem Algorithmus abgelehnt werden, war jedoch auch für mich, die zu diesen Themen seit Jahren recherchiert und Bücher darüber schreibt, ein echter Schock.

Die Bildschirme habe ich übrigens heil gelassen. Wer also bis Oktober noch nach Wien kommen sollte, und Lust auf eine Extrem-Erfahrung der besonderen Art hat, dem sei ein Besuch der Biennale an dieser Stelle sehr empfohlen.

Nutzen Sie die Gelegenheit – noch können Sie Ihren Urlaub weitgehend selbstbestimmen!

0_anzeige-bucher
„Futability®“ bestellen | „Raus aus dem Mikromanagement“ bestellen

 

 

Advertisements

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s