5 Gründe für den Kollaps der Karriereleiter

Im Sommer 2017 waren wir in Ljubljana, der Hauptstadt Sloveniens. Dort steht der Nebotičnik, das erste Hochhaus in Ljubljana, das zu seiner Fertigstellung im Jahr 1933 das höchste Gebäude auf dem Balkan und das neunthöchste Gebäude in Europa war. Das Hochhaus beherbergt eine große Anzahl an Läden, Büros und Wohnungen, ein Café, eine Bar sowie ein Aussichtsdeck. Die einzelnen Stockwerke erreicht man über eine wunderschöne Wendeltreppe. Das Aussichtsdeck bietet nicht nur eine tolle Vogelperspektive auf Ljubljana, sondern ermöglicht bei gutem Wetter auch einen wundervollen Ausblick auf die Alpen. Was hat dieses Hochhaus mit dem Kollaps der Karriereleiter zu tun? Einiges, wie ich finde.Die Karriereleiter ist ein lineares Konstrukt, das die Stufenleiter des beruflichen Aufstiegs symbolisiert – oder besser gesagt: symbolisierte. Das Präteritum ist meiner Meinung nach hier entscheidend, denn lineare Karriere-Konstrukte haben in einer dynamischen VUCA-Welt kaum noch Bestand. Warum? Dafür gibt es einige Gründe:

  1. Wegfall von Hierarchie-Ebenen
    Agilität ist das neue Zauberwort, das durch viele Führungsetagen geistert. In einer wendigen, vitalen Organisation sind Hierarchien absolut hinderlich. Ergo werden sie seit Jahren langsam aber stetig abgebaut. In der Folge gibt es immer weniger Führungspositionen, die einem klassisch-linearen Aufstieg auf einer Karriereleiter entsprechen.
  2. Berufliche Umbrüche werden zur Regel
    Durch den Abbau von Hierarchien, aber auch durch massiven, äußeren Innovations- und Veränderungsdruck durchlaufen Unternehmen im Schnitt drei Change-Prozesse pro Jahr, fand das US-amerikanische Beratungsunternehmen CEB heraus. Im Rahmen dieser Change-Prozesse bleibt oft kein Stein auf dem anderen, Abteilungen verschwinden, werden zusammengeführt oder neue entstehen. Mit jedem Change steigt die Chance, dass sich die Karriereperspektiven im Unternehmen verändern. Berufliche Umbrüche werden zur Regel.
  3. Drei Generationen konkurrieren um Pöstchen und Positionen
    In vielen Unternehmen geben die Babyboomer den Ton an. Die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegsgeneration besetzen in vielen Bereichen unserer Gesellschaft wichtige Fach- und Führungspositionen – und werden das auch eine Zeitlang noch tun, dem demografischen Wandel und dem Fachkräftemangel sei Dank. Die nachfolgenden Generationen (X und Y) rutschen erst langsam nach – doch Grund 1 und 2 haben Pöstchen und Positionen sukzessive reduziert. Die Luft nach oben ist enger geworden. Das zeigt auch ganz aktuell eine Studie des Beratungs- und Prüfungsunternehmens EY: Nur 40 % der in der Studie Befragten sehen für sich im eigenen Unternehmen Aufstiegschancen – 7 % weniger als noch vor zwei Jahren.
  4. Karrieremüdigkeit macht sich breit
    Gerade der Generation Y sagt man nach, sie hätte ein geringeres Interesse an Karriere und beruflichem Aufstieg, wolle lieber flexibel arbeiten, statt den linearen Aufstieg anzutreten. Doch wer kann es ihr verdenken? 80-Stunden-Wochen haben im Zeitalter von Digitalisierung und virtuellem Arbeiten von theoretischem jedem Ort der Welt an Attraktivität deutlich verloren. Die Karriereleiter kollabiert nicht nur durch äußere Faktoren, sondern auch durch eine veränderte Wertehaltung zum beruflichen Aufstieg und einer gewissen Karrieremüdigkeit. Der berufliche Aufstieg wird nicht mehr um jeden Preis angestrebt. Auch hier aktuelle Zahlen aus der EY-Studie: 38 % der Männer und 31 % der Frauen wünschen sich mehr Aufstiegschancen. Vor zwei Jahren waren es noch 58 % und 49 %.
  5. New Work
    Flexibles Arbeiten, Co-Working, Freelancing, Projektarbeit, digitales Nomadentum – das sind berufliche Träume der Karriereleiter-Verweigerer oder unerwünschte Realitäten derjenigen, die noch von einem stufenartigen Aufstieg träumen. Wir haben heute andere Formen der Zusammenarbeit zur Auswahl. Nicht alle sind besser, die meisten weniger sicher – und doch eint sie alle eines: keine einzige dieser neuen formen der zusammenarbeit findet sich im Sinnbild der Karriereleiter wieder.

Doch wie können berufliche Karrieren heute stattdessen aussehen? Wenn der lineare Aufstieg in einem Unternehmen kaum oder nicht mehr möglich ist und die Karriereleitern kollabieren – welches Konstrukt tritt an ihre Stelle?

Brauchen wir überhaupt ein neues Karriere-Konstrukt?

Ich meine ja, denn Menschen haben ein Zukunftsbedürfnis. Und auch der eigene berufliche Werdegang – wenn er denn ernst genommen wird und einen bis ins Alter absichern soll – benötigt eine visionäre Komponente. Die Leiter als Sinnbild von Erfolg und Aufstieg war ein solch visionäres Sinnbild.

Und ich denke, von der Leiter an sich müssen wir uns gar nicht so weit entfernen – auch nicht von der Treppe und den „Stufen“ des beruflichen Aufstiegs. Anstelle der linearen Komponente benötigen wir jedoch heute ein dynamisches Element, das einer VUCA-Welt gerecht wird.

Und hier schließt sich der Kreis zum Hochhaus in Ljubljana. Die bereits erwähnte wunderschöne Wendeltreppe führt vom Erdgeschoss bis ganz nach oben. Der Wandelgang symbolisiert aus meiner Sicht ganz wunderbar den heutigen Verlauf von Karrieren. Wir können zwar noch ganz nach oben kommen – aber sehr oft eben nicht mehr auf dem direkten Weg. Und ähnlich wie im Nebotičnik gibt es auf jeder Ebene „Ausstiegsmöglichkeiten“.

Sehr oft wissen wir nicht, was uns hinter der nächsten Biegung erwartet und weil – je nach Perspektive – die Sicht nach oben versperrt ist, benötigen wir sehr viel Durchhaltevermögen und Visionskraft, um uns das „Ankommen“ vorzustellen. Auch die Geschwindigkeit des Aufstiegs variiert. Je schneller wir die Treppen hochlaufen, umso schwindeliger kann uns werden. Eventuell verlieren wir dabei das Ziel aus den Augen oder verpassen interessante Aussteigs-Alternativen, die sich in VUCA-Welten sehr oft und unverhofft als berufliche Chancen auftun.

Und wenn wir dann oben angekommen sind, stehen wir nicht wackelig auf der letzten Stufe oder gehen durch die einzig vorhandene Tür (so wie Karriereleitern häufig visualisiert werden), sondern wir gelangen auf eine Aussichtsplattform. Dort können wir innehalten, die Vogelperspektive  genießen, stolz auf unseren Aufstieg sein – wir können aber auch den Horizont sondieren und nach Alternativen Ausschau halten.

Die „Wendeltreppe der Karriere“ als Sinnbild für Karrieren in VUCA-Welten. Mir gefällt das sehr gut. Und Ihnen?

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