Die Frage nach der Ursache erzeugt Märtyrer

Ich habe Rechtswissenschaften studiert und daher schon früh gelernt, nach den Ursachen zu forschen, um anschließend aufgrund rechtlicher Grundlagen Lösungen für Konflikte zu suchen. Doch immer mehr gelange ich zur Erkenntnis, dass die Ursachensuche in einer VUCA-Welt nicht mehr zwingend Probleme löst, sondern im schlimmsten Fall sogar Märtyrer erzeugt.

Unsere Welt ist VUCA – volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. In einem älteren Blogartikel hatte ich bereits dargestellt, dass wir es in einer VUCA-Welt mit einer veränderten Problemlage zu tun haben.

Die Frage nach der Ursache ist eine klassische Folge linearen Denkens. Etwas passiert, eine Situation eskaliert, die Ursachenforschung beginnt. Medial, politisch und gesellschaftlich wird sich – dank der virtuellen Vernetzung – schnell eine Meinung gebildet und ein Schuldiger gefunden. Das ist insofern unausweichlich, weil unser gesamtes Rechtssystem auf Schuld beruht. Natürlich ist das auch richtig und sinnvoll – es löst jedoch immer häufiger nicht mehr das dieser Situation zugrunde liegende Problem. Nämlich immer dann, wenn Ursache und Wirkung eine lineare Ursachenforschung und damit auch eine eindeutige Schuldfrage nicht mehr zulassen bzw. das Problem nicht mehr vollständig lösen.

Betrachten wir globale Herausforderungen wie die zunehmende Radikalisierung von Gesellschaften, anschwellende Flüchtlingsströme, Terrorakte oder den aufbrechenden Populismus, so können wir relativ schnell schuldige Einzelpersonen ausmachen. Ihnen jedoch die alleinige Verantwortung für eine eskalierende Situation zu übertragen, würde nicht nur Mitverantwortliche verschonen – es löst auch das Problem nicht.

Im Gegenteil schaffen wir meiner Meinung nach durch die Personifizierung der Probleme auf einige, wenige Köpfe die Grundlage für echte Märtyrer – die für manche Zielgruppen dann einen Heldenstatus erlangen und damit Vorbildcharakter bekommen.

Und das liegt unter anderem daran, dass die Frage nach den Ursachen immer eines provoziert und produziert: Einen oder wenige Schuldige. Diese Herangehensweise an ein Problem ist immer pathologisch und sorgt dafür, dass wir zu oft den Kontext nicht betrachten, in dem ein Problem oder eine Situation eskaliert. Und zwar nicht nur den biografischen Kontext einer Person, denn der erschließt sich uns heute oft recht schnell, da sich die Schuldigen, ja immer häufiger in „Schuld-Gruppen“ wie „Rechts“, „Links“, „Terrorist“, „Psychopath“, „Betrüger“ oder „Abzocker“ einordnen lassen.

Über den biografischen Kontext hinaus begeben wir uns aber immer seltener und wenn überhaupt nur sehr oberflächlich auf die Suche nach Ursachen. Vielleicht, weil wir sehr schnell merken, dass die Frage der Ursachen und damit die Frage der Schuld an irgendeinem Punkt nicht mehr beantwortet werden kann.

Ich komme bei meiner Ursachenforschung zumindest immer häufiger zu dem Ergebnis, dass das System an sich das Problem ist. Ein System nämlich, das auf globaler Ebene politisches und wirtschaftliches Kalkül über generationenübergreifende Nachhaltigkeit stellt. Ein System, das auf sozialer Ebene so viele Schlupflöcher generiert, dass immer mehr Menschen hindurch rutschen und abgleiten. Ein System, das – kurz gesagt – den schnellen Gewinn und maximalen Nutzen über den Menschen stellt und damit immer Gefahr läuft, korrupt zu werden.

Hier finde ich in meinen Überlegungen sehr oft meine „Schuldigen“ – nur wie sollen Systeme bestraft werden? Es fehlen dafür an vielen Stellen nicht nur die rechtlichen Grundlagen, sondern auch die Ansatzpunkte für eine nachweisbare „Schuld“ im Sinne bestehender (globaler) Gesetze.

Suchparameter verändern

Ich denke daher, dass es Sinn macht, wenn wir unsere Suchparameter verändern oder zumindest ergänzend ausweiten.

Fragen wir zukünftig doch anstelle der Ursachen zusätzlich einfach auch mal nach dem Grund. Wo liegen die Gründe für den zunehmenden Rechtsdruck und Populismus? Wo liegen die Gründe für den Terrorismus? Welche Gründe sorgen dafür, dass unsere Gesellschaft immer mehr Menschen an die Gruppen „arm“, „rechts“, „links“ oder „Terrorist“ verliert? Welche Gründe sorgen dafür, dass einzelne Unternehmen in höchstem Maße betrügen und korrumpieren? Und die allerwichtigsten Frage: Wer profitiert von diesen Gründen?

Was also ändert sich durch die veränderte Fragestellung? Sehr viel!

Zum einen stellen wir fest, dass wir bei der Beantwortung der Frage ohne Mühe und ohne tief zu graben mehrere Gründe finden, die problemlos gleichwertig nebeneinander stehen können. Zum anderen stellen wir auch fest, dass ein möglicher „Schuldverlauf“ plötzlich nicht mehr linear ist. Ursache und Wirkung driften auseinander – und werden VUCA. Mehrdeutigkeiten entstehen.

Je intensiver wir nach den Gründen forschen, umso mehr Gründe werden wir im Großen wie im Kleinen finden. Im Großen haben sie oft politische, wirtschaftliche oder soziale Wurzeln.

Im Kleinen stellen wir vielleicht aber auch recht schnell fest, dass die Suche nach den Gründen auf individuelle Fragen zuläuft. Wie viel Einfluss nehmen wir selbst darauf, dass Dinge passieren oder auch nicht? Wie sehr lassen wir uns manipulieren – und warum? Wie sehr nehmen wir unsere Verantwortung als Konsumenten wahr? Wie viel Verantwortung übernehmen wir für unser direktes Umfeld und die Menschen, die unseren Radius kreuzen? Wie viel Zivilcourage zeigen wir? Wie stark vertreten wir unsere demokratischen Werte in einer zunehmend undemokratischen Welt? Und wie reagieren wir, wenn diese Werte nicht respektiert oder sogar verletzt werden?

Die Frage nach den Gründen produziert nicht automatisch Schuldige, sondern ein hochkomplexes Wurzelgeflecht von Interessen, Versagen, Unterlassungen, Bedürfnissen und Macht. Die Frage nach einem Grund stellt eine Situation in einen größeren Zusammenhang und bezieht immer den Kontext mit ein, vor dem eine Situation oder ein Problem auftritt oder eskaliert.

Bei der Frage nach den Gründen müssen wir allerdings die Vielfalt der Antworten auch aushalten können – und das gestaltet sich immer herausfordernder. Denn plötzlich merken wir, dass es keine einfachen, linearen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge mehr gibt. Wir haben nicht Unrecht, wenn wir mit dem Finger auf einen oder mehrere „Schuldige“ zeigen – aber wir haben auch nicht mehr zu 100 Prozent Recht. Wir rutschen mehr und mehr in ein Dilemma, das zunächst unlösbar scheint.

Die Frage ist jedoch: Liegt es nicht in unserer Verantwortung, dass wir uns die Frage nach den Gründen stellen? Führt uns die Frage nach den Gründen nicht zwangsläufig wieder an den Punkt, dass wir uns unserer eigenen Verantwortung bewusst werden – und handeln, in dem Maße, wie es uns individuell möglich ist?

Die alles entscheidende Frage ist: Wollen wir das?

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