Wenn der Mensch zur Schraube wird

Foxconn, Produzent der Apple iPhones in China, hat schon viele Schlagzeilen gemacht. 2010 durch eine Selbstmordserie verzweifelter Arbeiter, im Juni 2014 durch die Nachricht, das Unternehmen habe eine Armee aus 10.000 „Foxbots“ gekauft, die theoretisch bis zu 300 Millionen iPhones pro Jahr herstellen können. Am 30. September des gleichen Jahres, heute vor drei Jahren, starb Xu Lizhi und brachte Foxconn erneut in die Medien. Im Alter von 24 Jahren sprang der Wanderarbeiter aus Verzweiflung über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn in den Tod – und hinterließ ein nachdenklich stimmendes Vermächtnis.

„Eine Schraube fällt zu Boden,
In dieser Nach der Überstunden.
Fällt schnurgerade, mit einem leisen Ping.
Es wird keine Aufmerksamkeit erregen.
So wie beim letzten Mal, als in einer Nacht wie dieser
ein Mensch zu Boden fiel.“

Dieses Gedicht schrieb Xu Lizhi, der auch als Blogger und Dichter arbeitete, kurz vor seinem Tod. Seine Verse handeln von den Sorgen und Nöten der unterdrückten Wanderarbeiter in China.

„[…]Werkstatt, Fließband, Maschine, Arbeitskarte, Überstunden, Löhne…
Sie haben mich dazu gebracht, fügsam zu werden
Ich weiß nicht, wie ich schreien oder rebelliere kann,
Wie man sich beschwert oder kündigt.
Nur wie man leise Erschöpfung erleidet. […]
(„I Fall Asleep, Just Standing Like That“, 20. August 2011)

Diese Zeilen sind, so finde ich, universell. Die gefühlte Machtergreifung der Maschinen, das Diktat der Schnelligkeit der Technik, der wir uns in allen Teilen der Welt unterordnen, wird in den wohlhabenden Industrienationen nur nicht mehr am Fließband nachempfunden, sondern vor Computerbildschirmen.

Eine Studie von Korn Ferry „The trillion Dollar difference“ offenbarte Ende 2016 dazu Ernüchterndes. Das Unternehmen hat versucht, forschungsbasierte Erkenntnisse über die Rolle der Menschen in der Arbeitswelt der Zukunft zu liefern und Science Fiction-Szenarien von den ökonomischen Realitäten zu trennen. Dazu hat Korn Ferry 800 CEOs, CCOs und Chefstrategen weltweit gefragt, ob es in der technologisierten Welt der Zukunft noch einen Platz für Menschen geben wird.

Die Antworten sind Augen öffnend:

  • 67% der CEOs glauben, dass die Technologie in Zukunft mehr Wert schaffen wird als der Mensch.
  • 64% der Befragten sagten, dass sie Menschen als reinen Kostenfaktor betrachten, nicht als Top-Value-Generatoren.
  • 63% glauben, dass die Technologie, und nicht der Mensch, eine entscheidende Rolle im Wettbewerbsvorteil spielen wird.
  • 44% glauben, der zunehmende Einsatz von Robotern und KI-Systemen wird menschliche Arbeit „größtenteils bedeutungslos“ („largely irrelevant“) machen.
  • 40% der Befragten gaben zu, unter Shareholder-Druck zu stehen, der dafür sorgt, dass Investitionen in Sachanlagen wie Technologie deutlich zunehmen.
  • 46% der Befragten gaben zu, dass ihr Unternehmen nicht versteht, wie man menschliche  Arbeitsleistung misst und bewertet.
  • 40% gaben an, dass es in ihrem Unternehmen keine Position/Abteilung gibt, die sich verantwortlich zeigt für die Performance der Mitarbeiter.

Das Prinzip des Greifbaren

Korn Ferry stellte fest, dass die befragten Studienteilnehmer einem Phänomen unterliegen, das bekannt ist unter der Bezeichnung „Tangibility Bias“ – grob könnte man es als das „Prinzip des Greifbaren“ beschreiben. Es beschreibt die Tatsache, dass Menschen stärker beeinflusst werden durch das, was unmittelbar beobachtbar ist, als durch hypothetische Faktoren oder mögliche Ereignisse, die in der Zukunft passieren könnten. Dadurch legen Menschen ihre Prioritäten und Aufmerksamkeiten auf ihr unmittelbares Denken, Planen und Ausführen, sprich: auf das Greifbare, nämlich das, was sie sehen, berühren und messen können.

Weil Mensch-Maschinen einen klaren materiellen Wert besitzen, man ihre Arbeitsleistung auf den Cent genau berechnen kann und folglich auch ganz genau weiß, an welchem Stichtag der Return on Investment beginnt, sind Roboter und Künstliche Intelligenzen gerade in (finanziell) unsicheren VUCA-Zeiten stärker im Fokus als der Mensch, der in sich als volatil wahrgenommen wird.

Dass die Arbeitsleistung des Menschen und damit auch seine Wertschöpfung mit dem Alter zunimmt, weil Erfahrungen, Kompetenzen und Wissen die menschliche Arbeitskraft formen und gleichzeitig Intuition, Empathie und Kreativität im wahrsten Sinne des Wortes unschätzbare Vorteile gegenüber den Mensch-Maschinen bieten, entfällt den Überlegungen der Entscheidungsträger weltweit, wie die Studie von Korn Ferry deutlich zeigt.

Und warum ist das so? Weil das „Prinzip des Greifbaren“ dafür sorgt, dass wir „blinde Flecke“ hinsichtlich unseres Handelns entwickeln, wenn die negativen Konsequenzen abstrakt sind und weit in der Zukunft liegen. Durch das „Prinzip des Greifbaren“ unterliegen wir moralischen Fehlern, weil wir Fakten außerhalb unseres direkten Bezugsrahmens entwerten und damit mögliche negative Langzeitfolgen unberücksichtigt lassen.

Doch exzellente menschliche Leistung kommt nicht zufällig zustande. Und hier offenbart die Studie einen weiteren blinden Fleck: 62% der befragten CEOs glauben nämlich, dass sie die Leistung ihrer Mitarbeiter nicht wesentlich beeinflussen können. Doch auch das ist eine Illusion, die mit dem „Prinzip des Greifbaren“ erklärbar wird.

Um die Leistung der Mitarbeiter zu steigern, um sie zukunftsfit zu machen und ihre Exzellenz zu fördern, muss man in die Menschen investieren – durch (Weiter-)Bildung, veränderte Führungskompetenzen und moderne Organisationsstrukturen. Doch anders als bei der Investition in Roboter, liegt der Erfolg der „Human-Investitionen“ in der Zukunft; Ausmaß und Wirksamkeit sind bei jedem einzelnen Menschen zusätzlich auch noch unterschiedlich groß.

Um die menschliche Leistung zu steigern und auch in Zukunft weiterhin Arbeit für Menschen zu schaffen, müssten die CEOs daher zwingend ihre Perspektive ändern. Um moralischen Fehlentscheidungen vorzubeugen, müssten sie die Kluft in ihrer Wahrnehmung überwinden, die ihnen suggeriert, dass die Technologie ein größerer Wertschöpfer ist als das Humankapital, denn die ökonomische Realität sieht anders aus, wie Korn Ferry berechnete. Demnach ist und bleibt der Mensch das wertvollste Gut einer Organisation, nämlich genau 2,33 mal wertvoller als das physische Kapital weltweit. Korn Ferry schätzt das Humankapital auf 1.215 Billionen Dollar; physische Vermögenswerte hingegen nur auf 521 Billionen US-Dollar.

Die Technologie ist ein zentraler Schwerpunkt der kollektiven Vision für leistungsstarke Unternehmen, vor allem wenn es um die Automatisierung der traditionell von Menschen durchgeführten Prozesse geht. Das ist nicht neu. Neu ist lediglich  das exponentiell beschleunigte Tempo der Veränderung und die globale, digitale Vernetzung.

Die vierte Industrielle Revolution – der „Triumpf“ des Digitalen über die manuelle Arbeit – heizt darüber hinaus die Romantik an. Die erste Industrielle Revolution, die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse, Arbeitsbedingungen und Lebensumstände im 18. Und 19. Jahrhundert, läutete das Ende des Agrarzeitalters ein.

Die sprunghaft ansteigende technologische Entwicklung, die rasante Zunahme von Produktivität und Wohlstand sowie der Ausbau der Wissenschaften lassen Vergleiche mit der Gegenwart zu – und verschleiern gleichzeitig, dass mit der ersten Industriellen Revolution und den damit einhergehenden Umwälzungen auch massive Zuspitzungen gesellschaftlicher Missstände verbunden waren.
Die Verzahnung von Zeit und Geld und damit einhergehend die Mutation des Menschen zum „Human-Kapital“ ist nur eine von vielen Folgen – und gerade sie lässt ebenfalls Vergleiche mit der Gegenwart zu, welche die Korn Ferry-Studie als gefährliche blinde Flecke offenbarte.

Der Foxconn-Chef Terry Gu hält seine 400.000 Angestellten übrigens für Tiere, die man gut kontrollieren muss. Und vielleicht möchte er genau deshalb weitere 300.000 Angestellte durch „Foxbots“ ersetzen. Das Unternehmen strebt eine Industrie 4.0-Produktion an, die ohne Menschen auskommt.

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