Der Quellcode, der die Realität formt

In einer Welt, in der Veränderung die einzige Konstante zu sein scheint, ist das Bedürfnis nach Sicherheiten, Verlässlichkeiten und Kontrollierbarkeit verständlich menschlich – und menschlich verständlich. Diese Sicherheiten jedoch durch Algorithmen herbeizwingen zu wollen, funktioniert aus ganz vielen Gründen nicht. Die Realität lässt sich nicht durch Quellcodes formen. Dazu sind der Mensch und die von ihm geschaffene Umwelt viel zu komplex.

Indem wir Arbeits-Routinen und Workflow-Rituale digitalisieren und automatisieren, entziehen wir Arbeitsschritte nicht nur aus unserem Bewusstsein, sondern auch aus unserem Einflussbereich. Digitalisierung entmachtet und birgt die Gefahr der Manipulation. Der Autor Nicholas Carr spricht in seinem Buch „Abgehängt“ vom „Degenerationseffekt“, der dann eintritt, wenn die Automatisierung so weit führt, dass sie uns Denkarbeit zu leicht macht oder sogar ganz abnimmt. In diesem Fall nämlich vermeiden wir immer häufiger die Anstrengung, die zum Erinnern und Verstehen notwendig ist.

Entwickler, die heute an der künstlichen Intelligenz forschen, haben nicht mehr das Ziel, menschliche Gedankenprozesse nachzuahmen, sondern ihre Ergebnisse zu imitieren. Denken wird zum Algorithmus und damit zu einer messbaren Leistung. Die „Denkleistung“ der künstlichen Intelligenz ersetzt menschliche Intuition.

Doch diese Gleichung geht nicht auf, denn „die Nachahmung der Ergebnisse von Denkvorgängen ist nicht dasselbe wie Denken selbst“, wie Carr in seinem Buch schreibt.

Künstliche Intelligenz besitzt keinerlei echtes Weltwissen und ist nicht in der Lage, aus den Denkleistungsvorgängen ein reichhaltiges und flexibles Weltbild zu schaffen oder Dingen einen Sinn zu verleihen. Die Beweglichkeit des menschlichen Geistes umfasst sowohl Vernunft und Inspiration als auch bewusstes und unbewusstes, metaphorisches, spekulatives und geistreiches Denken. Nur die Beweglichkeit des menschlichen Geistes schafft uns die Freiheit für Logik und Fantasie – nicht die Abnahme von Routinetätigkeiten.

Jaron Lanier, Pionier auf dem Gebiet von Virtual-Reality-Anwendungen und gleichzeitig Verfechter eines digitalen Humanismus, vertritt daher den Standpunkt, dass sich die Technik dem Menschen und dessen Bedürfnissen anpassen muss. Die Realität sieht jedoch anders aus. Der Mensch unterwirft sich den Algorithmen und passt sich somit der Technik an.

Der Folgeschaden ist immens, wie Richard Sennet in seinem Buch „Zusammenarbeit“ ausführt. So gut wie keine Software kann die Komplexität menschlicher Kommunikation und Interaktion abbilden oder erfolgreich ausblenden, weil die Schöpfer dieser Software in den meisten Fällen „über ein unzulängliches Verständnis sozialen Austauschs verfügen“ und Interaktionssoftware daher in vielen Fällen auf reinen Informationsaustausch reduzieren. Jedoch: „Der reine Informationsaustausch reduziert die Ausdrucksmöglichkeiten.“

Bereitgestellte (lineare) Software-Strukturen eliminieren oft abweichende Gedanken, die nicht in den vorherrschenden Algorithmus passen. (Zwischenmenschliche) Kontexte werden ausgeblendet – ebenso wie elementare menschliche Sinne, die helfen, hochkomplexe Interaktionen zu entziffern und Mehrdeutigkeiten zu dekodieren. Das führt dazu, dass sich Menschen entfremdet und aus virtuellen Kollaborationen ausgeschlossen fühlen. In der Folge können keine mehrdimensionalen Bedeutungs- und Interpretationswege aufgebaut werden, die beispielsweise in Innovationsprozessen elementar sind, um kreative Reibung zu erzeugen.

Programmierer sind in erster Linie Software-Spezialisten, keine Psychologen, Anthropologen, Philosophen oder Sozialwissenschaftler. Sobald wir uns also den Programmen beugen (müssen), reduzieren wir gleichzeitig unser Repertoire an genau den menschlichen Fähigkeiten, die sich eben nicht in Nullen und Einsen zerlegen lassen. Mit der Folge, dass „unsere emotionalen und kognitiven Fähigkeiten in der modernen Gesellschaft nur unzureichend genutzt werden“ – und langfristig verkümmern, weil sie weder trainiert noch aktiviert werden.

Menschliches Verhalten ist kein Routineverhalten – und es wäre schlimm, wenn es das wäre, denn in dem Moment würden wir zu Humanoiden mutieren. Unsere Fähigkeit zuzuhören, anderen Menschen gegenüber Sympathie und Empathie empfinden zu können, mit ihnen zusammenarbeiten, Kooperationen eingehen und Mehrdeutigkeiten von Meinungen, Ideen und Lebensanschauungen im Dialog entschärfen und entziffern zu können – all das ist hochkomplexes Menschenwerk. Diese Realität in einen Quellcode zwängen zu wollen, würde zur Repression unseres Selbst und zum Selbst-Betrug führen, denn in dem Augenblick, wo wir uns bedingungslos der Technik unterwerfen, geben wir unsere eigene persönliche Komplexität auf.

Wissen und Informationen sind interpretierbar und dass wir sie unterschiedlich interpretieren können, ist eine Besonderheit des Menschen! Durch die Reibung unterschiedlicher Auslegungen und die dadurch entstehenden Fragen und Wissens-Konflikte entstehen Kreativität und neues Denken. Nur durch diese Reibung bekommen Sinnzusammenhänge eine andere Bedeutung. Nur so werden schnöde Zahlen zu interessanten Geschichten.

Es ist fatal, wenn Unternehmen das nicht erkennen und an der Stelle das Produktivitäts-Heil in noch mehr Digitalisierung suchen, denn genau an dieser Stelle entstehen Produktivitätsverluste durch die ausbleibende schöpferische Auseinandersetzung mit Wissen. Eine Kompetenz, die im Übrigen von Robotern so schnell nicht imitiert werden kann!

Statt mehr Automatisierung und Digitalisierung brauchen wir an vielen Stellen stattdessen Verlässlichkeiten und Bewertungsmaßstäbe, wie mit Informationen umgegangen werden soll – auf Gesellschafts- und Unternehmensebene ebenso wie auf der individuellen Ebene. Reine Algorithmen-Lösungen reichen dafür bei weitem nicht mehr aus!

Im Augenblick sind wir von brauchbaren Lösungen weit entfernt – vielleicht sogar entfernter denn je. Denn alle Bemühungen mit einem entsprechenden finanziellen Unterbau konzentrieren sich auf die technischen und automatisierten Lösungen, weil hier der größte Wertschöpfungsfaktor vermutet wird.

Ich bin aber überzeugt, wir müssen endlich anfangen, den Menschen in den Mittelpunkt der Digitalisierung zu stellen – also das Einbeziehen von zwischenmenschlichen, sozialen und psychologischen Kontexten in die digitale Gleichung, damit wir einen wirklichen Evolutionsschritt nach vorne machen können.

Die Realität einem Quellcode unterzujochen ist nicht der richtige Schritt, um VUCA-Welten die Komplexität zu nehmen.

Der Artikel ist in Teilen ein Auszug aus meinem Buch „Futability® – Wie Sie Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten„.

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