Die Gefahr langsamer Reproduktion in einer VUCA-Welt

Grönlandhaie sind – wie ich finde – optisch ziemlich hässliche Kreaturen. Biologisch sind sie allerdings eine Sensation. Sie werden bis zu 400 Jahre alt, können sich jedoch erst im Alter von vermutlich 150 Jahren fortpflanzen. In der heutigen, vom (Klima-)Wandel bedrohten Welt, bergen so lange Reproduktionszeiten eine enorme Gefahr, nicht nur für Grönlandhaie.

Ein Grönlandhai, der heute 400 Jahre alt ist, hätte uns viel zu erzählen. Der Dreißigjährige Krieg, die Geburt von Issac Newton oder John Wallis (dem Erfinder der liegenden 8 als Symbol der Unendlichkeit), der Tod von William Shakespeare, die Entdeckung New Yorks oder der Prozess gegen Galileo Galilei – all das wäre ungefähr zur Zeit seiner Geburt vor 400 Jahren passiert. Ein heute 400 Jahre alter Grönlandhai hat aber zusätzlich auch zwei Weltkriege überlebt, die Französische Revolution miterlebt und könnte über den Amerikanischen Bürgerkrieg berichten. Aber auch der Untergang der Titanic, Erfindungen wie das U-Boot, das Auto, Flugzeuge, das Telefon, die Verlegung des ersten Tiefseekabels zwischen Südwestirland und Neufundland im Jahr 1858 – ein Grönlandhai wäre, wenn er sprechen könnte, ein schwimmendes Geschichtsbuch.

Diese spannenden und weltbewegenden historischen Ereignisse hat er erlebt und überlebt und währenddessen sein Dasein aus eigener Kraft sichern können. Doch in den letzten Jahren wurde es brenzlig in seinem Lebensraum. Ob das Überleben seiner Art auch in Zukunft möglich ist, ist fraglich. So fraglich zumindest, dass der Grönlandhai auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion als „potenziell gefährdet“ eingestuft wird. Die Gründe dafür sind – wie immer in solchen Fällen – menschengemacht:

  • In den letzten Jahren wurde die Fischerei bis zur Ausbeutung der Meere kommerzialisiert. Immer häufiger verfängt sich der Grönlandhai in den riesigen Grundschleppnetzen. Essbar ist sein Fleisch nicht, denn es ist giftig. Der Grönlandhai ist daher nicht mehr und nicht weniger als ein Kollateralschaden der Überfischung.
  • Die zunehmende Verschmutzung der Weltmeere hat gesundheitliche Auswirkungen.
  • Ansteigende Meeresspiegel, Erwärmung der Gewässer und die Industrialisierung der Arktischen Regionen verändern seinen Lebensraum.
  • Der erhöhte Schiffsverkehr verletzt die empfindliche Sensorik der Grönlandhaie und stört ihr Orientierungsempfinden massiv.

Aus zeitlicher Perspektive des langlebigen Grönlandhais passiert das alles in wenigen Tagen, maximal Wochen oder Monaten. Dieser Zeitraum ist für ihn viel zu kurz, um sich anpassen zu können. Die Gefahr steigt, dass ein Grönlandhai heute vor seinem 150. Geburtstag stirbt und damit in seinem Leben keinen einzigen Nachkommen gezeugt hat. Kein Wunder also, dass er nun unter den „Rettungsschirm“ der Weltnaturschutzunion gestellt wurde.

Und obwohl sich dieses Szenario im Tierreich abspielt, können wir deutliche Parallelen zu unserer Menschenwelt ziehen.

Grönlandhaie sind keine Ratten oder Kakerlaken, denen man nachsagt, sie würden auch einen Atomkrieg überleben. Grönlandhaie sind sensible Wesen, die sich über Jahrtausende an eine sehr spezielle Umwelt angepasst und in einer sehr speziellen Nische eingerichtet haben.

Nun hat sich ihre Umwelt verändert – und ihre eh schon kleine Nische schrumpft immer weiter. Um überleben zu können, müsste der Grönlandhai sich nun sehr schnell anpassen können und damit vor allem seine Reproduktionszeit deutlich nach vorne ziehen. Genauso wenig aber, wie menschliche Kleinkinder schwanger werden können, kann man von einem Grönlandhai in den Kinderschuhen erwarten, in die Fortpflanzung einzusteigen, wenn die entsprechenden körperlichen Voraussetzungen noch nicht gegeben sind.

An diesem Beispiel zeigt sich eines sehr deutlich: Die Natur hat – egal ob bei Mensch oder Tier – ihren eigenen Reproduktions- und damit Anpassungs-Rhythmus, der in den meisten Fällen mit der rasanten Entwicklung der Technik nicht Schritt halten kann. Vielen Arten ist es zwar gelungen, sich auf eine veränderte Umwelt einzustellen, mindestens genauso viele Arten werden es aber nicht schaffen, weil ihre biologischen Anpassungsprozesse zu lange dauern.

Ähnliches trifft auf den Menschen auch zu. Auch wir müssen lernen, uns an veränderte Umwelt- und Arbeitsbedingungen, sowie veränderte politische und wirtschaftliche Bedingungen anzupassen. Im Augenblick öfter und schneller denn je. „Anpassung im Akkord“, lautet das Motto unserer heutigen Welt.

Aber diese Anpassung an die Schnelligkeit, mit der sich unsere Welt verändert, fällt schwer, denn auch wir haben uns im Laufe unserer Geschichte angepasst, Fähigkeiten und Kompetenzen entwickelt, die für eine bestimmte Zeit sinnvoll und richtig waren, nun aber an Wert verlieren oder völlig untauglich werden.

Und so wie uns, geht es auch den Unternehmen und Organisationen, die sich in Nischen oder auf Weltmärkten erfolgreich positioniert und sich genau für diese Positionierungen entsprechend angepasst haben. Über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende gelernte Anpassungsmuster können nicht in kurzer Zeit aufgegeben werden. Routinen, Dogmen, Rituale und Traditionen stehen dem im Weg. Sie zu verändern und anzupassen braucht Zeit, denn mit dieser Anpassung ist immer auch ein Wertewandel verbunden. Werte jedoch sind gelernt, sie sind Teil unserer Existenz, Teil unseres Selbst und unseres Selbstverständnisses. Darum sind Werte über lange Zeiträume sehr stabil und werden durch Sozialisierung an die nächste Generation weitergetragen.

Die derzeitigen, wenig planbaren Veränderungen zwingen und jedoch dazu, Routinen, Dogmen, Rituale und Traditionen in kurzer Zeit zu hinterfragen, anzupassen oder aufzugeben – und damit fordern sie uns auf, unsere Wertebasis zu erneuern, also ein Teil unseres Selbst-Verständnisses zu hinterfragen. Gleichzeitig ist mit dem permanenten Anpassungszwang ein nie endendes Innovations- und Erneuerungsbestreben verbunden, dem wir aus besagten Gründen kaum entsprechen können. Doch nur wer die Fähigkeit hat, permanente Erneuerungen und Anpassungen von Produkten, Lebensgefühlen, Werten und Emotionen zu bewältigen, kann sich in der schnell getakteten Wirtschaft behaupten.

Das ist Darwinismus in seiner reinsten, radikalsten und brutalsten Form.

Und ähnlich wie im Tierreich öffnet sich auch bei uns Menschen die Schere zwischen den Anpassungsfähigen und den weniger Anpassungsfähigen immer weiter. Seit Entstehung der Welt befinden sich alle Lebewesen in einem evolutionären Wettrüsten – auch wenn uns das unsere hochtechnologisierte Welt leicht vergessen lässt. Doch der Anpassungsdruck ist stärker denn je – im Tier- und Pflanzenreich ebenso wie in unserer menschlichen Kultur. Und gerade hier wird das evolutionäre Wettrüsten schon lange nicht mehr auf biologischer Ebene geführt, sondern vor allem auf kognitiver. Damit hat der Anpassungs- und Reproduktionsdruck eine zutiefst persönliche Komponente erhalten, denn ein Großteil der Anpassungsleistung, die von uns erwartet wird, sollen und müssen wir heute in Eigenregie erbringen. „Rettungsschirme“ sind weit und breit nicht in Sicht…

Den 250 Jahren Industriegeschichte stehen ungefähr 30 Jahre des Informationszeitalters gegenüber, in welcher der Computer erst langsam und dann einer Tsunamiwelle gleich die Herrschaft übernommen hat. Und diese Welle rollt weiter und wirft neue Wellen auf, die unsere Welt nachhaltig und irreversibel verändern.

Diese Wellen verwerfen eine Wirtschafts- und Gesellschaftskultur, die nach wie vor den Traditionen der Industrialisierung verhaftet ist. Produktivität, Effizienz und Effektivität stehen im krassen Widerspruch zu Kreativität und Innovationskraft.

Diese Traditionen der Industriekultur aufzubrechen – in den Unternehmen, in den Schulen, in der Gesellschaft und in den Köpfen – dauert nach wie vor an, und wir brauchen für die Anpassung an diese neuen Bedingungen, ähnlich wie der Grönlandhai, zu lange. Die Fixierung auf alte Traditionen, Werte und Routinen ist verständlich – aber nicht mehr zeitgemäß. Ein Loslösen scheint aber nicht möglich, weil der Gegenwart fehlt, nämlich eine klare Vision, eine Richtung, in welche die Reise gehen soll.

Die Flucht in überschaubare, kalkulierbare und bekannte Gewässer erscheint sicherer als der ungewisse Sprung in die Zukunft. Wenn wir auf Traditionen beharren, wird es schwer, sich zu verändern. Traditionen sind Teile unserer Geschichte und Kultur. Sie definieren unsere Vergangenheit und geben uns einen Hinweis darauf, wer wir sind und woher wir kommen. Das ist gut! Wenn uns Traditionen jedoch fesseln und notwendige Neuanfänge unmöglich machen, wird die Anpassung an veränderte Umstände ein Ding der Unmöglichkeit. Sowohl auf Seiten der Unternehmen als auch auf Seiten jedes einzelnen Menschen.

Die Veränderung der Reproduktionsschnelligkeit oder die kluge Anpassung an deutlich andere Rahmenbedingungen, die unser Leben und Arbeiten massiv beeinflussen, bedeutet letztlich nichts anderes als die Schaffung von Wachstumsumgebungen, in denen sichergestellt ist, dass neue Denk-, Handlungs- und Verhaltensmuster gelernt werden können und neue Werte die alten sinnvoll ersetzen.

Das Schaffen von ebendiesen Wachstumsbedingungen könnte und müsste unser „Rettungsschirm“ sein. Den Grönlandhaien gestehen wir einen „Rettungsschirme“ zu, weil uns bewusst ist, dass ihr Überlebenskampf ursächlich auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen ist. Doch auch wir selbst sollten uns bewusst sein, dass der derzeitige (technologische) Anpassungsdruck nicht von irgendwo herkommt, sondern von Menschen gemacht ist. Den Überlebenskampf den viele Unternehmen aber auch viele Individuen führen, liegt ursächlich in menschlichem Verhalten begründet.

Noch können wir unseren „Rettungsschirm“ problemlos aufspannen – und wir sollten ihn uns gönnen. Es geht schließlich auch bei uns um nicht mehr, aber auch nicht weniger als unsere Zukunft.

 

P.S.: Das von mir entwickelte und preisgekrönte Futability®-Konzept ist übrigens ein solcher Rettungsschirm und eine Antwort auf die VUCA-Welt. Zum Jahresbeginn verlose ich 2 Exemplare des Buches. Wenn Sie eines haben möchten, schreiben Sie mir doch einfach eine eMail an post[at]melanie[minus]vogel[dot]com und sagen Sie mir, warum Sie diesen Rettungsschirm benötigen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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