Informations-Blasen – oder warum wir nicht mehr sind als Laborratten

Wir konsumieren jeden Tag vor allem eines: Informationen. Über Facebook, Twitter und Suchmaschinen wie Google surfen wir auf den virtuellen Wellen von Nachrichten und News, Meinungen und Trends. Machen Sie sich dabei eigentlich Gedanken darüber, was mit den ganzen Daten-Krumen passiert, die Sie mit jedem Mausklick hinterlassen? Nein? Das sollten Sie aber! Denn für die Datenindustrie sind wir nämlich nicht viel mehr als Laborratten und dienen einzig dem Zweck, die Algorithmen zu verfeinern.

Eli Pariser, bekannt nicht nur als Polit-Aktivist, sondern auch durch sein Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden“, schreibt in besagtem Buch darüber, wie wir sukzessive entmündigt werden und zwar durch sogenannte „Filter Bubbles“ – auch „Informations-Blasen“ genannt.

Diese „Informations-Blasen“ beziehen bezieht sich auf die Ergebnisse der Algorithmen, die diktieren, was wir online zu sehen bekommen. Laut Eli Pariser schaffen diese Algorithmen ein einzigartiges Universum von Informationen für jeden von uns – und das verändert die Art und Weise, wie wir grundsätzlich Ideen und Informationen begegnen.

Schon lange bieten viele Websites personalisierten Content an, basierend auf unserem Browserverlauf, unserem Alter und Geschlecht, unserem Standort und anderen persönlichen Daten, die wir mit jedem Mausklick unwissentlich im Netz hinterlassen. Diese Daten werden gesammelt, ausgewertet und in Algorithmen umgerechnet, so dass wir bei jedem neuen Besuch im Netz immer mehr Angebote und Suchergebnisse erhalten, die unseren Wünschen, Interessen und Vorlieben, aber auch unseren aktuellen Meinungen und Perspektiven entsprechen.

Das alles verläuft – natürlich – unmerklich. Doch diese Manipulation ist gefährlich, und zwar aus mindestens sieben Gründen:

  1. Gleich und gleich gesellt sich gern – das trifft auch im Internet zu. Wir neigen dazu, uns in den Gruppen und Gemeinschaften zu bewegen, die unsere Meinungen und Interessen spiegeln. Sowohl online als auch offline suchen wir im Regelfall ein Umfeld mit möglichst wenig Reibungen, denn Konflikte schwächen, Gemeinsamkeiten stärken. Also bekommen wir nicht nur offline Homogenität, sondern online auch, nämlich basierend auf den Algorithmen, die wir selbst angefüttert haben, werden uns Vorschläge unterbreitet, bei denen wir eigentlich gar nicht nein sagen können.
    Das Problem: Vor allem im Internet erzeugt dieser Anpassungs- und Gleichheitseffekt eine Art „Echokammer“. Das bedeutet, wir vergessen – weil wir es nicht besser wissen bzw. uns auch keine kontroversen Alternativen angeboten werden – dass andere Perspektiven, Möglichkeiten und Meinungen existieren. Es kommt zu einer Verengung der Weltsicht.
  2. Wir erhalten ein persönliches „Ökosystem an Informationen“. Basierend auf virtuellen Brot-Krumen, die wir bei jedem Netzbesuch hinterlassen, generieren Suchmaschinen und soziale Plattformen ein Konglomerat an „Informations-Blasen“, die individuell auf uns zugeschnitten sind. Diese ungefragte Vorselektierung sorgt dafür, dass wir von jeder Art kognitiver Dissonanz isoliert werden. Das scheint im ersten Moment vorteilhaft, weil unangenehme Mehrdeutigkeiten eliminiert werden, die automatisch entstehen, wenn wir mit vielen unterschiedlichen aber gleich relevanten Informationen konfrontiert werden. Da die letzten zwanzig bis dreißig Jahre Informationszeitalter jedoch gezeigt haben, dass der Mensch mit zu vielen Informationen überlastet ist und Schwierigkeiten hat, unterschiedliche Informationen zu bewerten und zu gewichten, wird uns nun diese gedankliche Schwerstarbeit abgenommen – noch bevor wir gelernt haben, unser Gehirn auf eine neue, komplexe Herausforderung zu trainieren.
  3. „Big Brother ist watching you“: George Orwells Science Fiction von „1984“ ist schon lange real. Im Internet sowieso. Jeder Klick, den wir tätigen, jede Seite, die wir uns anschauen, jede Interaktion, die wir in den sozialen Medien vornehmen, wird dokumentiert – oder krasser ausgedrückt: überwacht. Ohne es zu merken, in den meisten Fällen ohne unsere Einwilligung und vor allem ohne monetären Gegenwert, füttern wir riesige Konzerne mit Informationen, die dazu dienen, deren Suchalgorithmen zu verfeinern. Und das machen diese Konzernen nicht, um uns zu dienen, sondern vornehmlich, um Werbung zu verkaufen. Je berechenbarer 7 Milliarden Kunden sind, je besser man das Nutzer- und Kaufverhalten eines jeden einzelnen Menschen kennt, umso zielgerichteter können Anzeigen geschaltet und Werbebotschaften gesetzt werden. Wie ich an anderer Stelle schon schrieb: Aus dem Silicon Valley sollten wir keinen Altruismus erwarten….
  4. Anonymität war König, „Big Data“ ist Kaiser. Der stetige Personalisierungsprozesses des Internets ist nicht zufällig, sondern strategisch geplant. Das Honen – das Feinbearbeitungsverfahren – der riesigen Datenmenden („Big Data“) zu individuell passenden „Informations-Blasen“ tritt im kleinen wie im großen auf und erfolgt meistens in drei Schritten:
    1. Herausfinden der individuellen Vorlieben der Nutzer.
    2. Inhalte und Dienstleistungen offerieren, die zu den individuellen Vorlieben passen.
    3. Feinabstimmung, damit Vorlieben und Inhalte zukünftig eine noch bessere Passgenauigkeit haben.

An diesem gesamten Vorgehen gibt es allerdings einen Haken: Wir können heute nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob die Informationen und Inhalte wirklich zu uns passen, oder ob wir uns – nach jahrelanger virtuell-schleichender Indoktrination – soweit angepasst haben, dass wir nun zu den Informationen und Inhalten passen. Jeder Klick, den wir online machen, symbolisiert eine Störung in unserer Aufmerksamkeit und Unternehmen wie Google und Facebook, die von Werbeeinnahmen leben, haben ein großes Interesse daran, unsere Aufmerksamkeit zu lenken und zu stören – und das so oft wie möglich.

  1. Wir sind Opfer der Aufmerksamkeitswirtschaft. Die Informationen, auf die wir am ehesten, am schnellsten und am häufigsten „anspringen“ werden als bevorzugte Algorithmen abgelegt und gespeichert. Mir ist es schon oft so gegangen, dass ich im Rahmen meiner Buchrecherchen tagelang das Internet nach bestimmten Themen durchforstet habe. Noch Wochen später bekam ich Angebote und Linktipps zu diesen Themen, obwohl sie bei mir gedanklich schon lange abgeschlossen waren. Sind Themen nicht abgeschlossen, werden sie aber immer wieder angefüttert, angepriesen und auf dem silbernen Tablett präsentiert. Die „Informations-Blasen“ buhlen um unsere Aufmerksamkeit, damit wir uns den maximal möglichen Anteil unserer Zeit mit Dingen beschäftigen, von denen angenommen wird, dass wir ihnen irgendwann erliegen – sie also kaufen.
  2. Wir erliegen dem Gruppendruck. Wir haben den Wunsch, uns online und offline mit Menschen zu umgeben, die unsere Weltanschauungen verstärken. Menschen bilden Gruppen aufgrund von Interessen, Berufen, Hobbies, Zugehörigkeiten oder familiären Bindungen. Jede dieser Gruppen hat ihre eigenen Regeln, Zwänge, Traditionen, Konventionen, In-Witze oder sogar ihr eigenes Vokabular. Innerhalb dieser Gruppen verschärfen sich häufig Überzeugungen und Ansichten und wer ihnen nicht entspricht, wird aus diesen Gruppen ausgeschlossen. Wenn nun ganze Gruppen in virtuellen „Informations-Blasen“ gefangen sind, kann es dazu führen, dass rationale, moralische oder realistische Denkweisen getrübt werden. Gruppendenken setzt ein und in der Folge verarbeiten die Gruppenmitglieder Informationen nur noch selektiv, werten keine alternativen Standpunkte aus, berücksichtigen potenzielle Risiken nicht und ziehen auch mögliche negative Konsequenzen unter Umständen nicht in Betracht. Die italienische Mathematikerin Michaela Del Vicario kam in einer Studie über die Auswertung von Facebook-Daten zu dem Schluss, Nutzer hätten die Tendenz, sich dort in Interessensgemeinschaften zu sammeln, sodass sie vor allem entsprechende Inhalte zu sehen bekommen. Das führe zu „Bestätigungsverzerrung, Spaltung und Polarisierung“.
  3. Demokratie war gestern. Virtuelle Beeinflussung ist heute. Demokratie verlangt von den Bürgern, die Dinge aus der Sicht des anderen zu sehen, doch stattdessen sind wir mehr und mehr in unsere eigenen „Informations-Blasen“ eingeschlossen, ohne es zu merken. Demokratie erfordert eine Verlässlichkeit von vorhandenen Fakten und Informationen; stattdessen werden uns jedoch parallele, voneinander getrennte Informations-Universen angeboten – heute auch gern „Fake-News“ genannt, wenn das entsprechende Informations-Universum nicht dem eigenen Duktus entspricht. Demokratie verlangt, dass jeder gleichermaßen informiert wird. Doch „Informations-Blasen“ verzerren unser Weltbild. Jacob N. Shapiro, Politikprofessor an der Universität von Princeton, hat in einer Studie den Umfang unserer Beeinflussung auf politische Wahlen untersucht und herausgefunden, dass
    1. voreingenommene Suchklassifizierungen die Abstimmungspräferenzen von unentschiedenen Wählern um 20% oder mehr verschieben können,
    2. die Verschiebung in einigen demographischen Gruppen viel höher sein kann und
    3. Suchmaschinenvorlieben maskiert werden, damit die Menschen kein Bewusstsein für die Manipulation bekommen.

Seit der Wahl von Trump bestreitet kaum noch jemand, dass Suchmaschinenunternehmen die Macht haben, Wahl-Ergebnisse zu beeinflussen. Wahlmanipulation ist ein Straftatbestand, der in diesen Fällen jedoch mit Straflosigkeit endet, weil massive nationale und internationale Gesetzes- und Kontrolllöcher eine strafrechtliche Verfolgung unmöglich machen.

Barak Obama hat in seiner Abschlussrede das Problem der „Informations-Blasen“ thematisiert. Er sagte: „Wir ziehen uns zurück in unser Viertel, auf unseren Uni-Campus, in unsere Gotteshäuser oder unsere sozialen Netzwerke, umgeben uns mit Menschen, die aussehen wie wir selbst. Die unsere politische Meinung teilen, die unsere Ansichten nie in Frage stellen. So sicher fühlen wir uns in dieser Blase, dass wir nur solche Informationen hören wollen, die unsere Meinung widerspiegeln – ob sie  nun wahr sind oder falsch.“

Der Konsum von Informationen, die unseren Vorstellungen von der Welt entsprechen, ist einfach und angenehm; der Konsum von Informationen, die uns herausfordern, neue Wege zu denken oder unsere Annahmen zu hinterfragen, ist frustrierend und schwierig.

Infolgedessen wird eine Informationsumgebung, die auf Klicksignalen aufgebaut ist, Inhalte begünstigen, die unsere bestehenden Weltbilder unterstützen und uns nicht mit Inhalten belasten, die sie herausfordern.

Doch Vorsicht: Eine Welt, die aus Vertrautem besteht, ist eine Welt, die keine mentalen Herausforderungen mehr bietet, in der es also nichts mehr zu Lernen gibt. „Informations-Blasen“ zeigen uns eine verzerrte Karte und nicht das ganze Gelände, auf dem wir uns bewegen. Und wir haben schon lange den Überblick verloren, welche Informationen auf uns zugeschnitten sind, um unsere Überzeugungen und Ansichten zu manifestieren und welche nicht.

Natürlich müssen Informationen in einer Informationsgesellschaft, in der das Wissen exponentiell ansteigt, gefiltert werden. Andernfalls wäre der „Information-Overkill“ zu erwarten. Jedoch besteht ein moralischer Unterschied darin, ob ich selbst meine Informationen bewerte und selektiere, oder ob mir diese Entscheidung in großem Stil von einem Algorithmus abgenommen wird, dessen Bewertungsgrundlagen ich nicht kenne und der auch aus ökonomischen Gründen nicht transparent offengelegt wird. Es ist ein Unterschied, ob ich selbst Entscheidungen treffe, oder ob meine Entscheidungen – unwissentlich – durch andere manipulativ getroffen werden.

Wenn wir verstehen, dass das, was wir zu sehen bekommen, unter Umständen nur die halbe Wahrheit ist, wird uns das vielleicht helfen zu erkennen, dass wir in einer verzerrten Welt leben und uns daran erinnern, ab und an ganz bewusst aus den „Informations-Blasen“ auszusteigen.

Doch wie kann das gehen?

Hier sind 5 Tipps – ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Ad-Blocker aktivieren.
    Werbebotschaften haben es dadurch schwerer, zu uns durchzudringen.
  2. Regelmäßiges Löschen von Cookies und Suchhistorien.
    Man muss es den Suchmaschinendiensten schließlich nicht zu einfach machen, uns zu durchschauen…
  3. Bewusstes Konsumieren von Informationen angewöhnen.
    Nutzen Sie unterschiedliche Medien, Blogs, NewsLetter und Informationskanäle, um eine breite Palette an Perspektiven und Meinungen zu erhalten und sich ein möglichst vielschichtiges Bild von der Welt machen zu können.
  4. Umschalten von Unterhaltung auf Bildung.
    Für „Informations-Blasen“ sind wir besonders anfällig, wenn wir durch das Internet klicken und Informationen nur oberflächlich scannen. Vergleichbar mit dem Zappen beim Fernseher bleiben durch diesen Medienkonsum nur Bruchstücke von Informationen haften und unser Gehirn unterliegt dem sogenannten „Primär-Effekt“, d.h. die erste und am einfachsten zu verarbeitende Information setzt sich im Gedächtnis fest und weitere, ergänzende Informationen haben nur noch dann eine Chance, zu uns durchzudringen, wenn wir unser Gehirn ganz bewusst umschalten von Unterhaltung auf Bildung.
  5. Rückgriff auf zwischenmenschliche Offline-Kommunikation.
    Um Informationen differenziert zu bewerten, lohnt sich die bewusste Rückkehr ins analoge Zeitalter. Das gute alte Gespräch, der hitzige Diskurs oder eine lebendige Debatte haben noch nie geschadet, den eigenen Intellekt zu schärfen und verzerrte Weltbilder gerade zu rücken.
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