Warum Kurzfrist-Denken in eine mentale Sackgasse führt

In einer VUCA-Welt, die sich radikal verändert und immer öfter neu erfindet oder neu erfinden muss, wächst das Bedürfnis nach schnellen Entscheidungen. Das Bedürfnis ist verständlich und oft sind kurzfristige, schnelle Entscheidungen auch sinnvoll. Wenn jedoch nicht gleichzeitig die Langfrist-Perspektive im Auge behalten wird, arten schnelle Entscheidungen nicht selten in kurzfristigen (blinden) Aktionismus aus. In der Folge wird verändert und umstrukturiert – ohne dabei jedoch eine visionäre Perspektive zu verfolgen.

In einem Führungskräfte-Seminar bei einem Kunden entbrannte kürzlich eine Diskussion darüber, ob die Maßgabe „Wir wollen den Gewinn bis 2020 um 5 Prozent steigern“ eine Vision ist oder nicht. Die Geschäftsführung bejahte – der Rest (mich eingeschlossen) verneinte.

Die Patt-Situation versuchte ich zu lösen, indem ich fragte, was denn passieren würde, wenn der Gewinnsprung erreicht sei? Erstaunt bekam ich die Antwort, der Gewinnsprung sei schon im kommenden Jahr zu erwarten – und zwar ohne größere Anstrengungen.

Daraufhin stellte ich eine entscheidende Frage:

„Wenn Sie den Gewinnsprung bereits erreicht haben, was kommt nun als nächstes? Ein weiterer Gewinnsprung? Oder steht noch etwas über dem Ziel, das sich für alle im Unternehmen Arbeitenden lohnt, anzustreben?“

Es ging hier um nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Vision.

Eine Vision gab und gibt es im Unternehmen nicht. Die Maßgabe der Gewinnsteigerung ist ein typisches Beispiel für eine Zielvorgabe, die auf kurzfristigem Denken beruht – nämlich der Zufriedenstellung  von Anlegern und Investoren.

Die ist einerseits notwendig – sie darf jedoch nicht alleinig über das Wohl und Wehe der Unternehmensstrategie entscheiden. Und zwar aus folgendem Grund:

Kurzfristiges Denken löst keine langfristigen Probleme

Langfristige Probleme wie:

  • Wie gehen wir mit dem demografischen Wandel um?
  • Wie setzen wir Digitalisierung im Unternehmen um?
  • Wie sorgen wir dafür, dass wir mit einer alternden Belegschaft auch in 20 Jahren noch innovativ sind?
  • Wie sorgen wir dafür, dass wir überhaupt innovativ sind?
  • Wie lösen wir Probleme wie Klimawandel, Umweltverschmutzung, Migration, Integration etc?

beschäftigen uns heute und in Zukunft.

Kurzfristig können wir um die Probleme herum laborieren. Langfristig lösen wir die Probleme so jedoch nicht. Wir verschieben sie nur und verkomplizieren sie dadurch, weil angehäufte Probleme die unangenehme Eigenart haben, komplexer und undurchdringlicher zu werden, je länger man sie ignoriert.

Kurzfristiges Denken hat sich allerdings nicht nur in unseren Köpfen, sondern auch in unserer Gesellschaft und in der Wirtschaft manifestiert. Da wir heute auf Knopfdruck und per Mausklick in fast allen Bereichen unseres Lebens zu schnellen Ergebnissen kommen können, wenn wir es denn wollen, ist Kurzfristigkeit zu einer mentalen Sackgasse geworden, denn

Kurzfristigkeit verhindert langfristige Investitionen

Beispiele für Kurzfristigkeit finden wir im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Alltag an allen Ecken und Enden. Viele Handlungen sind kurzfristige Flickschusterei. Weil die kurzfristige Flickschusterei erst einmal zum Ergebnis führt und auch die Gemüter beruhigt, sind die Probleme zunächst kaschiert.

Dabei steht hinter vielen Problemen die eigentliche Notwendigkeit langfristiger Investitionen. Ob das bei meinem Kunden die Entwicklung einer zukunftsfähigen Vision ist, eine wettbewerbsfähige Infrastruktur auf der Straße oder bei den digitalen Autobahnen, generationengerechte Lösungen in der Alters- und Gesundheitsversorgung – überall müsste in die Zukunft investiert und langfristige Weichenstellungen vorgenommen werden. Doch genau das passiert nicht.

Viel zu häufig lautet die Devise: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Das ist vergleichbar mit Flutkatastrophen, die ja oft nur deshalb so dramatisch verlaufen, weil keine langfristigen Investitionen in Deich- oder Hochwasserschutz getätigt wurden. Stattdessen wird mit Sandsäcken kurzfristig versucht das Wasser abzuhalten, bis der Druck der Wassermassen irgendwann zu groß wird und die Dämme brechen.

„Sandsack-Strategien“ führen langfristig nirgendwo zum Erfolg

Wie kommen wir also aus der kurzfristigen „Sandsack-Strategie“ – aus unserer mentalen Sackgasse – heraus? Indem wir ganz bewusst anfangen, langfristig zu denken. Dabei helfen zwei Denkhaltungen:

  1. Generationenübergreifendes Denken: In dem Moment, wo wir Wert darauf legen, dass auch die kommenden Generationen noch gut leben, agieren wir automatisch nachhaltiger und sind uns bewusster, dass unser heutiges Handeln auch langfristige Auswirkungen haben wird. Indem wir generationenübergreifend denken, richten wir den Fokus weg von uns, hin zur Allgemeinheit, zur Gemeinschaft, in der wir leben und in der unsere Kinder und Enkel in Zukunft leben müssen.
  2. Zukunftsdenken: Schauen wir Science Fiction-Filme des letzten Jahrtausends, können wir – mehr oder weniger überrascht – feststellen, dass vieles von dem, was uns vor Jahrzenten als Zukunftsvision verkauft wurde, Realität geworden ist oder zumindest kurz davor steht, Wirklichkeit werden zu können. Dahinter liegt die einfache Regel: Alles was wir uns vorstellen können, wird irgendwann auch passieren. Darum ist es wichtig, dass wir eine Vision davon entwickeln, in welcher Welt wir zukünftig leben wollen. Wie soll unser Unternehmen, unsere Gemeinschaft oder unsere Arbeit in Zukunft aussehen?

Zukunftsdenken in Kombination mit generationenübergreifendem Denken bewahrt uns davor, in der mentalen Sackgasse des Kurzfristigen hängen zu bleiben. Um eine generationenübergreifende Ethik in Zukunftsvisionen einfließen zu lassen, ist die Kombination aus beiden Denkhaltungen obligatorisch. Zukunftsdenken ohne generationenübergreifendes Denken sorgt für ein maßlos heuristisches Experimentierverhalten ohne Nachhaltigkeitsgedanken.

Aus meiner Sicht ist aber noch eine dritte Denkhaltung notwendig:

  1. Die Frage nach dem Warum: Warum tun wir, was wir tun? Welche Beweggründe treiben uns an etwas zu tun – oder zu unterlassen?

Wenn wir die Zukunft gestalten und uns und unsere Unternehmen zukunftssicher aufstellen wollen, dann müssen wir uns die Zukunft als einen Zustand vorstellen, auf den es sich lohnt, hinzuarbeiten. Zukunft erfordert Handeln – und zwar langfristiges Handeln. Wir befreien uns aus der mentalen Sackgasse der Kurzfristigkeit, wenn wir uns darauf konzentrieren, die generationenübergreifende visionäre Zukunft Realität werden zu lassen. In diesem Moment werden wir nicht von der VUCA-Welt überrollt, sondern wir kontrollieren sie.

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