Mikromanagement & Stress: 4 Fragen und 4 Lösungen durchbrechen diese toxische Kombination

Die heutige hochdynamische Welt verlangt uns einiges ab. Neue Arbeitsmethoden, flexible Arbeitszeiten, disruptive Veränderungen und neue Technologien lassen sehr schnell den Eindruck entstehen, kein Stein bleibt auf dem anderen. Phasen der Ruhe und Entspannung werden immer seltener, der Stresspegel steigt und damit auch das Gefühl, zunehmend die Balance zu verlieren. Sobald das passiert, wächst das Bedürfnis nach verstärkter Sicherheit – das ist menschlich. Menschlich ist auch, dass wir unsere Sicherheit versuchen durch zunehmende Kontrolle zurückzuerobern. Mit anderen Worten: Wir greifen in der Not zum Mikromanagement. Vier Fragen und vier Lösungsansätze können helfen, den Teufelskreis aus Stress und überbordender Kontrolle zu durchbrechen.

Wenn Sie zum Mikromanagement neigen, dann

  • haben Sie ein gewisses Bedürfnis nach Kontrolle über Ihre Arbeit.
  • besitzen Sie vermutlich ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein.
  • haben Sie vielleicht Angst vor Fehlern und glauben, wenn etwas gut gemacht werden muss, tun Sie es besser selbst.
  • möchten Sie Ihre Arbeit auf einem hohen Niveau halten.

Jeder dieser Gründe ist menschlich und berechtigt. Vielleicht liegt die Ursache aber auch ganz woanders. Vielleicht sind Sie einfach „nur“ gestresst.

Mikromanagement ist generell keine empfehlenswerte Führungsmethode, denn sie demotiviert die Mitarbeitenden und hemmt die in der heutigen Zeit so wichtigen Innovations- und Kreativprozesse. Doch stressgetriebenes Mikromanagement hat noch eine zusätzliche Komponente: Sie schaden damit sich selbst. Körper, Geist und Seele geraten dauerhaft aus den Fugen und das bleibt nicht ohne gravierende Folgen für Sie und Ihr Team.

Überlegen Sie daher zunächst, was bei Ihnen Stress verursachen könnte:

  • Sind Sie frustriert, weil Mitarbeiter Ihre Anweisungen nicht befolgen?
  • Sind Sie besorgt, weil Sie in diesen hektischen Zeiten befürchten, Informationen zu verpassen?
  • Fühlen Sie sich überfordert, weil Sie vor lauter Teemmeetings und Change-Prozessen das Gefühl haben, Ihrer eigentlichen Arbeit nicht mehr nachkommen zu können?
  • Ersticken Sie in eMails und operative Tätigkeiten und haben zu wenig Zeit zur eigentlichen Führung?
  • Haben Sie das Gefühl, dass der Druck im Unternehmen und auf Sie als Führungskraft immer weiter zunimmt?
  • Fühlen Sie sich demotiviert und lustlos, wenn Sie morgens zur Arbeit kommen?
  • Haben Sie noch Spaß und Freude an Ihrer Arbeit?
  • Ist Ihr Privatleben aus der Balance geraten?
  • Gibt es weitere Gründe?

Negativer Stress (Distress) ist nicht nur ein schlechter Ratgeber, sondern er macht uns langfristig auch krank, denn die Einheit von Körper, Geist und Seele ist nachhaltig durchbrochen. Emotionen wie Frust, Ärger oder Wut – typische Emotionen, die in Überlastungssituationen auftauchen – senden Signale an unser Gehirn, das daraufhin Stresshormone freisetzt, vor allem hohe Werte an Adrenalin und Cortisol. Für einen kurzen Zeitraum ist diese körperliche Reaktion gut und richtig. Langfristig jedoch führt eine Überhöhung dieser Hormone dazu, dass unser Immunsystem geschwächt wird, dass wir auf Schwierigkeiten des Lebens nicht mehr adäquat reagieren können und häufig verschlechtert sich auch die Schlafqualität. Diese Form von Stress tötet nicht nur Kreativität, sondern sie sorgt auch dafür, dass wir unter verminderter Konzentrations- und Leistungsfähigkeit leiden. Kein Wunder also, dass das Gefühl entsteht, wir würden die Kontrolle verlieren, denn genau das passiert!

Raus aus dem Stress heißt auch: Raus aus dem Mikromanagement

Denken Sie daher zurück an die letzten Monate und stellen Sie sich selbstkritisch diese vier Fragen:

  1. Tötet mein stressbedingtes Verhalten die Kreativität meines Teams?
    (Stressbedingtes) Mikromanagement lässt kaum bis keinen Freiraum für kreative Ideen, Neues, Ungetestetes und Verrücktes. Der Grund dafür liegt auf der Hand, denn eine gestresste Führungskraft ist mental nicht in der Lage, diese Kreativität zu begleiten. Das gestresste Gehirn ist nämlich anderweitig beschäftigt. Es muss die gesamte Energie darauf verwenden, das zu bekämpfen, was Stress verursacht. Daher unterdrücken stressgeplagte Führungskräfte Kreativität – oder sie schmettern neue Ideen ab und sorgen damit für Kreativitätskränkungen bei den Mitarbeitenden.Wie könnte eine Lösung aussehen?
    Suchen Sie sich aus Ihrem Team eine Person Ihres Vertrauens. Bitten Sie diese Person, Ideen für Sie strukturiert aufzuarbeiten und erste Vorselektionen vorzunehmen. Gehen Sie offensiv und transparent mit der Tatsache um, dass Sie momentan zu überlastet und zu wenig aufnahmebereit für neue Ideen sind, diese aber auf keinen Fall unterdrücken und abschmettern wollen. Machen Sie eine kreative Person, die Spaß an der neuen Arbeitswelt und den augenblicklichen Veränderungen hat, zu Ihrer Verbündeten. So erhöhen Sie gleichzeitig die Kooperation mit Ihren Mitarbeitenden und Sie agieren auf Augenhöhe.
  2. Stürzen Sie Mitarbeitende durch ihr stressbedingtes Mikromanagement in Gratifikationskrisen?
    Gratifikationskrisen entstehen immer dann, wenn Menschen für ihre Arbeit weder Lob noch Anerkennung bekommen. Mikromanagendes Verhalten impliziert (ohne Worte verlieren zu müssen), dass Führungskräfte mit der Leistung der Mitarbeitenden nicht zufrieden sind bzw. der Leistungserbringung nicht vertrauen und daher Kontrollmechanismen eingeführt haben. Eine Studie aus dem Jahr 2011 hat herausgefunden, dass Menschen, die glauben unter erhöhter Beobachtung und Kontrolle zu stehen, weniger Leistung erbringen. Hier entstehen also ein paradoxer Kreislauf und eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die Führungskraft und Mitarbeitende langfristig unglücklich macht.Wie könnte eine Lösung aussehen?
    Wenn Sie selbst aufgrund Ihrer gestressten Ausgangslage zurzeit nicht in der Lage sind a) gute Leistung anzuerkennen oder b) unfreiwillige Gratifikationskrisen verursachen, weil das Kontrollbedürfnis gerade überhandnimmt, dann installieren Sie doch so etwas wie eine „Mitarbeiter-des-Monats“-Aktion in Ihrem Team. Begründen Sie die Einführung damit, dass veränderungsreiche Zeiten für alle Beteiligten eine große Belastung darstellen und Lob, Anerkennung und Wertschätzung dabei oft auf der Strecke bleiben. Appellieren Sie an den Teamgeist und an eine gegenseitige Fürsorge, dass gute Leistung auch eine Würdigung verdient. Lassen Sie das Team monatlich in geheimen Wahlen darüber abstimmen, wer die Auszeichnung verdient hat und zelebrieren Sie die Auszeichnung. Legen Sie vorher gemeinsam mit dem Team eindeutige und transparente Kriterien fest. Auf diese Weise erreichen Sie Mitbestimmung und Teilhabe. Sie schaffen ein „Wir-Gefühl“ – und Sie verhindern auf elegante Art Gratifikationskrisen.
  3. Schädigen Sie neben Ihrer eigenen Gesundheit auch die Gesundheit Ihrer Teammitglieder?
    Es ist in vielen Studien wissenschaftlich bewiesen, dass mangelnde Autonomie bei der Arbeit Stress verursacht. Im Jahr 2016 haben Forscher an der Indiana University’s Kelley School of Business herausgefunden, dass es bei berufsbedingtem Stress im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod geht. Das Forscherteam hat Arbeitnehmer über einen Zeitraum von sieben Jahren beobachtet und festgestellt, dass Menschen mit anspruchsvollen Arbeitsplätzen um 15,4% häufiger sterben als Personen mit weniger anspruchsvollen Arbeitsplätzen, wenn sie kaum Kontrolle über ihre Arbeit hatten. Demgegenüber sank bei Menschen mit anspruchsvollen Rollen die Todeswahrscheinlichkeit um 34%, wenn sie ein hohes Maß an Kontrolle über ihre Arbeit hatten. Der Autor der Studie, Erik Gonzalez-Mule, fasst es so zusammen: „Stressful jobs have clear negative consequences for employee health when paired with low freedom in decision-making, while stressful jobs can actually be beneficial to employee health if also paired with freedom in decision-making.Wie könnte eine Lösung aussehen?
    An dieser Stelle kommen Sie nicht darum herum, sich selbstkritisch mit Ihrem eigenen Führungsverhalten auseinander zu setzen. Stress schadet Ihnen und den Menschen, mit denen Sie arbeiten. Suchen Sie sich daher Unterstützung in Form von Coachings, Achtsamkeits-Trainings, Entspannungstrainings – oder was auch immer Ihnen gut tut und Ihre Balance zwischen Körper, Geist und Seele wieder herstellt. Führen Sie zusätzlich offene Gespräche mit Ihren Mitarbeitern. Klären Sie gegenseitig Anforderungen und Erwartungen und setzen Sie sich aktiv für eine „Politik der Entspannung“ ein. Denken Sie immer daran: Nobody is perfect! Fehlgeleitetes Führungsverhalten ist kein lebenslanges Stigma, wenn Sie das Ruder rechtzeitig und glaubwürdig herum reißen.
  1. Mache ich noch das, wofür ich eingestellt wurde?
    Erinnern Sie sich an Ihre Stellenbeschreibung – an die ersten 100 Tage in Ihrem jetzigen Job, wenn die schon länger zurückliegen sollten. Natürlich wird es in Ihrer Stellenbeschreibung Anpassungen gegeben haben – vor allem dann, wenn sich Ihr Arbeitgeber in Veränderungsprozessen befindet. Überprüfen Sie jedoch, ob der Kern Ihrer jetzigen Tätigkeiten noch das ist, was Sie tun wollten, als Sie Ihre Aufgabe übernommen haben. Schauen Sie selbstkritisch darauf, ob Ihnen Ihre jetzigen Aufgaben noch Spaß machen.

    Wie könnte eine Lösung aussehen?

    Wenn Sie merken, dass Ihre jetzige Stellenbeschreibung nichts mehr mit den originären Tätigkeitsanforderungen zu tun hat, dann treffen Sie eine Entscheidung. Wollen Sie Ihre Tätigkeit in der gestressten Form – mit allen negativen Auswirkungen auf Sie und Ihr Team – weiter ausführen? Wenn ja, lesen Sie sich unbedingt Frage 3 und die vorgeschlagene Lösung noch einmal durch. Wenn nein, dann geben Sie Ihre Führungsposition ab oder wechseln Sie das Unternehmen oder übernehmen Sie einen anderen Aufgabenbereich, der Ihnen mehr liegt. Auch hierbei helfen Ihnen Coaches, Personalberater oder Headhunter. Keine Lösung sind Aussitzen und Nichtstun. In diesem Fall riskieren Sie dauerhaft Ihre eigene Gesundheit – und die Ihres Teams.

 

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