Drei Mythen über kreative Menschen

Immer wieder begegne ich Missverständnissen über kreative Menschen. Wie bei jedem Stereotyp stecken auch in diesen Stereotypen einige Wahrheits-Elemente. Gleichzeitig jedoch errichten diese Stereotype oft unüberwindbare Hürden und verhindern eine gesunde Zusammenarbeit. Daher ist es wichtig, folgende drei Mythen konsequent auszumerzen.

Mythos 1: Kreative Menschen wollen und brauchen absolute Freiheit

Kreativität transportiert immer den Hauch des Unkonventionellen, des Rebellischen, des „aus-dem-Rahmen-fallens“. Kreativität ist daher für viele gleichbedeutend mit Freiheit. Und es ist durchaus richtig, dass mentale und tatsächliche Freiheit eine wichtige Grundvoraussetzung dafür ist, dass Menschen neugierig und kreativ sein können. Das habe ich in meinem aktuellen Buch „Der Neugier-Code“ ausführlich in einem der zehn Elemente für erfolgreiches Neugier-Management dargestellt. Absolute, bedingungslose Freiheit jedoch kann zum genauen Gegenteil führen. Zu viel (Frei-)Raum kann überwältigend sein. Potenzielle Multi-Optionen können Kreativität eher hemmen als sie antriggern. Und tatsächlich zeigt die Praxis, dass Kreativität oftmals am besten gedeiht in einem schmalen Grat zwischen Begrenzung und Freiheit. Wenn Menschen einen Mangel erkennen und die Freiheit haben, diesen Mangel zu erforschen und kreativ zu bearbeiten, werden oft die besten Ergebnisse erzielt. Kreativität braucht Entfaltungsspielräume ebenso wie klar definierte Grenzen, in denen sie gedeihen kann. Diese Grenzen dienen dazu, die kreative Konzentration zu fokussieren.

Werden kreative Menschen jedoch gezwungen, sich zwischen einer übermäßigen Einschränkung und völliger Freiheit zu entscheiden, werden sie sich immer für die Freiheit entscheiden. Daher ist es generell wichtig, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Freiraum und Grenzen zu finden.

Mythos 2: Kreative Menschen können Ideen nicht umsetzen

Ein anderer hartnäckiger Mythos unterstellt kreativen Menschen, dass sie nicht in der Lage sind, ihre kreativen Ideen auch umzusetzen. Natürlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel, jedoch kann ich diesen Mythos aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Im Gegenteil. Sehr viele kreative Menschen – unser Team eingeschlossen – ist intrinsisch motiviert, eine gute Idee auch in die Tat umzusetzen. Kreative sind Profis – in der Ideenfindung ebenso wie in der konsequenten Umsetzung. Das bedeutet nicht, dass sie während der Umsetzung nicht weitere Ideen generieren, die sie ggf. kurzfristig ablenken. Jedoch ist konstruktive Kreativität immer ergebnisorientiert. Das Verlangen, die eigenen Ideen zu realisieren, ist bei den meisten Kreativen gewissermaßen systemimmanent. Das liegt daran, dass Kreativität immer befeuert ist durch Neugier – und das Realisieren einer kreativen Idee ist daher gleichbedeutend mit der Befriedigung der eigenen Neugier.

Allerdings sind Kreative schnell frustriert, wenn das Unternehmensumfeld der Umsetzung eine größere Bedeutung beimisst als der eigentlichen kreativen Leistung. In diesem Fall steckt dahinter oft der Druck, sich schnell mit der einfachsten und offensichtlichsten Antwort zu arrangieren und dann direkt zur Ausführung überzugehen. Das mag aus Unternehmenssicht wie ein effizienter Einsatz von Ressourcen erscheinen, aber es bedeutet in der Konsequenz nicht zwingend, dass die besten Gedanken und die kreativsten Anstrengungen in das Projekt fließen konnten. Das wirkt sich demoralisierend auf Kreativ-Teams aus. In der Folge werden die kreativen Bemühungen auch recht schnell eingestellt.

Mythos 3: Kreative Menschen können sich nicht fokussieren

Eines der häufigsten Missverständnisse von hochkreativen Menschen ist, dass sie mental immer auf dem Sprung sind, wenn eine interessantere Idee auftaucht. Doch auch dieser Mythos ist unhaltbar, wenn man sich beispielsweise die beiden Genies Albert Einstein und Leonardo da Vinci anschaut, wie ich es in meinem Buch „Der Neugier-Code“ gemacht habe. Beide haben Zeit ihres Lebens kontinuierlich und konsequent über Fragen „gebrütet“, sie im Gehirn hin- und her geknetet, bis sie zu Ergebnissen kamen. Ihren Fokus haben beide über sehr lange Zeiträume aufrechterhalten – und das liegt in der Natur der Neugier, die der Kreativität zugrunde liegt, und die einem Mückenstich ähnelt, wenn sie einmal angepiekst wurde. Das mentale Jucken hört erst dann auf, wenn die Neugier befriedigt wurde – also das Problem, über das wir brüten, gelöst ist.

Kreative Menschen haben kein Fokussierungsproblem. Was man ihnen allerdings nachsagen kann ist, das kreative Menschen sehr oft vielseitig interessiert sind. Vielseitiges Interesse ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem unfokussierten Handeln. Mentale Vielseitigkeit, auch Wissbegierde genannt, ist kein Fehler, sondern ein Feature, das kreative Menschen auszeichnet. Ohne dieses Feature wären sie weniger neugierig – und in der Folge weniger kreativ.

 

Um kreative Menschen in Unternehmen wirklich wertzuschätzen und ihre kreativen Kompetenzen bestmöglich zu nutzen, ist es aus meiner Sicht wichtig, diese drei Mythen ein für alle Mal zu verabschieden.

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