Interview: Auf den Spuren von Leonardo da Vinci

Es ist schon lange her, seit ich das letzte Interview hier auf meinem Blog veröffentlicht habe, doch jetzt ist es wieder soweit. Dieses Mal habe ich mit Jens Möller gesprochen, einem ausgewiesenen Leonardo da Vinci-Experten und dem Autor des Buches „Die Da-Vinci-Formel: Die 7 Erfolgsgesetze für innovatives Denken“. Da ich für dieses Buch das Vorwort schreiben durfte, ist es mir eine ganz besondere Freude, Jens hier ein Forum zu geben und ihn über sein Buch berichten zu lassen.

Jens, Du hast vor wenigen Wochen ein Buch über Leonardo da Vinci veröffentlicht. Wodurch wurde Deine Leidenschaft für ihn geweckt? Was fasziniert Dich an da Vinci?

Ja, genau! Das Buch heißt „Die Da-Vinci-Formel: Die 7 Erfolgsgesetze für innovatives Denken“ und ist im August erschienen. Als Innovationscoach und Speaker beschäftigt mich vor allem die Frage, wie wir als Menschen und Organisationen innovativer denken und handeln können. Meine Bewunderung für Leonardo geht auf eine große Da-Vinci-Ausstellung zurück, die ich vor einigen Jahren besuchte. Alles, was ich dort sah – Leonardos Maschinen, Studien, Zeichnungen und Gemälde  – zog mich sofort in den Bann. Das mag sich jetzt vielleicht komisch anhören, aber ich spürte in dieser Ausstellung von Beginn an eine gewisse Verbundenheit mit Leonardo, die während und nach der Ausstellung immer stärker wurde. Mich faszinierte, wie ein einzelner Mensch, der an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit lebte, auf so vielen unterschiedlichen Gebieten so innovative Arbeit leisten konnte. Ich begann damit, zahlreiche Biografien zu lesen und Leonardos Manuskripte zu studieren. Und ich machte mich in Italien auf Spurensuche – wandelte sozusagen auf den Spuren meines großen Vorbilds. Eine tolle Erfahrung!

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Bildquelle Jens Möller: Blick über Vinci

Was können wir Deiner Meinung nach heute von diesem Renaissance-Genie lernen?

Meiner Meinung nach können wir von Leonardo vor allem zwei wichtige Dinge lernen. Erstens, dass man auch als Autodidakt die Welt verändern kann. Leonardo erhielt als Kind kaum Schulunterricht und dufte als unehelich geborenes Kind auch keine Universität besuchen. Trotzdem gelang es ihm durch seine Neugier und Begeisterung, einer der bedeutendsten Erfinder aller Zeiten zu werden. Das Zweite, was wir von Leonardo lernen können, ist radikale Offenheit. Würde uns Leonardo heute besuchen, wäre er wahrscheinlich schockiert, wie stark wir die Welt in einzelne Fachgebiete und Disziplinen unterteilt haben. Für Leonardo gab es diese Grenzen nicht, da für ihn alle Dinge miteinander in Verbindung standen. Genau diese offene Art zu denken, verhalf ihm zu den großartigsten Erfindungen, wie z.B. seinen visionären Flugmaschinen.

Du hast 7 Erfolgsprinzipien definiert, die da Vinci für sich genutzt hat. Welche sind das?

  1. Umgib‘ dich mit inspirierenden Menschen
  2. Klaue gute Ideen – und perfektioniere sie
  3. Denke mit dem Stift in der Hand
  4. Verbinde das Unverbundene
  5. Fühle, was andere fühlen
  6. Probe deinen Mut
  7. Folge deinem Stern

Warum ist es so wichtig, dass wir unsere Innovationskraft wiederentdecken?

Weil wir heute in einer Zeit leben, die nach neuen Impulsen und Ideen verlangt. In fast allen Bereichen des Lebens und Arbeitens spüren wir heute, dass wir mit unseren alten Denk- und Handlungsmustern an unsere Grenzen stoßen. Dinge, die in der Vergangenheit noch gut funktionierten, liefern heute oft nur noch unbefriedigende Ergebnisse unter denen wir Menschen und unsere Umwelt leiden. Was wir jetzt brauchen, sind offene und empathische Menschen, die sich trauen, über den Tellerrand hinauszuschauen, um Ideen und Innovationen jenseits etablierter Strukturen zu entwickeln. Dafür müssen wir auf etwas zurückgreifen, das wir alle bereits in uns tragen: unser kreatives Potenzial. Leider bekommen wir in der Schule, während unserer Ausbildung und im Berufsleben kaum die Gelegenheit, dieses Potenzial wirklich zu nutzen. Es ist schon verrückt, aber in der Schule lernen wir, welche tollen Erfindungen und Entdeckungen andere gemacht haben, lernen aber nichts darüber, wie sie diese gemacht haben oder wie wir selbst zu solchen Erfindern werden können. Das muss sich dringend ändern! Gerade auch in Hinblick auf die immer weiter fortschreitende Automatisierung und Digitalisierung müssen wir in allen Bereichen unseres Lebens den Fokus endlich wieder auf das legen, was uns Menschen so einzigartig macht: unsere Kreativität und Schöpferkraft.

Viele reisen dieser Tage ins Silicon Valley, um sich dort innovativ und kreativ inspirieren zu lassen, dabei liegt die Wiege der Renaissance und des „uomo universale“ – des schöpferisch tätigen Menschen – in Europa. Wie erklärst Du Dir diesen Sog des Silicon Valleys – und hast Du einen Tipp, wie wir wieder zu den Wurzeln europäischer Innovationskultur zurück gelangen können?

Eine sehr gute Frage, mit der ich mich gerade selbst intensiv beschäftige. Ich denke, dass die berühmten Reisen ins Silicon Valley mittlerweile eine absolute Modeerscheinung geworden sind. Viele europäische CEOs und Manager glauben leider immer noch, dass eine solche Reise ein Pflichtprogramm für alle sei, die sich als besonders fortschrittlich und zukunftsorientiert verstehen. Ich persönlich halte davon nicht sonderlich viel, denn die Reise einer einzigen Führungskraft verändert noch lange nicht die Innovationskultur im dazugehörigen Unternehmen. Hinzu kommt, dass das unreflektierte Kopieren von Erfolgsstrategien aus dem Silicon Valley alles andere als innovativ ist. Es ist sogar das genaue Gegenteil: Es ist einfallslos!

Wir sollten uns in diesem Zusammenhang auch immer wieder vor Augen führen, dass das, was im Silicon Valley passiert, vor allem im Interesse einiger großer Konzerne und nicht im Interesse aller Menschen passiert. Insofern sollten wir uns gut überlegen, welche Ideen wir tatsächlich aus dem Silicon Valley „importieren“ wollen und welche nicht. Und wie du schon gesagt hast: Die Art des innovativen Denkens wie wir sie heute kennen, hat ihren Ursprung ohnehin nicht in Amerika, sondern im Italien der Renaissance. Leider ist das viel zu wenigen Europäern bewusst. Wir sollten daher endlich damit aufhören, ehrfürchtig nach Kalifornien zu schauen und uns stattdessen lieber auf die großartigen Wurzeln unseres eigenen Erfinder- und Unternehmergeistes besinnen, die direkt vor unserer Haustür liegen. Daher lautet mein Tipp an alle Führungskräfte und Innovationsbegeisterte, die nach Inspiration suchen: Reist nicht nach Palo Alto, sondern nach Florenz und beschäftigt euch mit den Biografien herausragender europäischer Erfinderinnen und Erfinder wie z.B. Albert Einstein, Marie Curie, Carl Benz, Ada Lovelace – oder Leonardo da Vinci.

Diesem Appell schließe ich mich aus vollem Herzen an. Ich danke Dir sehr für dieses Interview, Jens!  

 

Über Jens Möller:

Jens Möller ist der Da-Vinci-Coach® und Experte für Innovation. In seinen inspirierenden Vorträgen liefert er wirksame Impulse und sofort umsetzbare Ideen für mehr Innovationskraft. Er ermutigt Menschen und Unternehmen dazu, ihr innovatives Potenzial zu erkennen, zu entwickeln und erfolgreich für sich zu nutzen.

Weitere Infos: https://jensmoeller.com

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Die Da-Vinci-Formel
Die 7 Erfolgsgesetze für innovatives Denken

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