Der Winterschlaf ist vorbei…

Am 12. Dezember 2018 habe ich auf diesem Blog meinen letzten Post veröffentlicht und dachte danach: Das war’s!

Die DSGVO hatte mir die Lust am Bloggen schon seit Mitte Mai des gleichen Jahres genommen und irgendwie, so schien es mir, war für mich eine Zeit der Innenschau gekommen. Diese Innenschau hat nun gut eineinhalb Jahre gedauert. In dieser Zeit sind drei neue Bücher entstanden – zwei davon in Co-Autorinnenschaft mit meiner Geschäftspartnerin Nadja Forster, mit der ich seit ziemlich genau einem Jahr auch an der Idee von „Empathyconomics®“ arbeite, das nicht nur zum gleichnamigen Buch geführt hat, sondern hinter der sich die grundlegende Idee neuen Wirtschaftens verbirgt.

Nun sind wir mitten in der C-Krise – und die Idee neuen Wirtschaftens wird aktueller und akuter denn je. Auch das Thema VUCA hat sich in den vergangenen 3 Monaten von einer völlig neuen Seite gezeigt, die für mich als VUCA-Expertin nicht nur hochspannend und lehrreich war, sondern mich als Unternehmerin auch ganz persönlich gefordert hat – und das auch immer noch tut. Und wieder einmal zeigt sich: Nicht das Wissen, sondern das Erleben führt zu neuen Erkenntnissen und auch die werde ich in den kommenden Wochen und Monaten verarbeiten. Persönlich und beruflich.

Doch neben all den beruflichen Veränderungen der letzten eineinhalb Jahre sind es tatsächlich die letzten 3 Monate, die mich – so kann ich jetzt schon sagen – nachhaltig verändert haben und verändern werden. Es ist nicht das Virus, das mich schreckt, sondern die Leichtigkeit und Schnelligkeit mit der in den letzten drei Monaten sicher geglaubte demokratische Strukturen, rechtliche Verlässlichkeiten und grundrechtliche Selbstverständlichkeiten außer Kraft gesetzt wurden. Ich habe Rechtswissenschaften studiert und gewisse Kernbotschaften meiner damaligen Professoren, sind mir bis heute präsent:

  • Artikel 1 des Grundgesetzes ist unantastbar. Es ist ein Menschenrecht und die Wurzel aller Grundrechte. Als einzige Verfassungsnorm gilt die Menschenwürde als absolut, das bedeutet, sie kann durch keine andere Norm beschränkt werden, auch nicht durch ein anderes, von der Menschenwürde abgeleitetes Grundrecht. Viele Entscheidungen der letzten Monate empfinde ich als äußerst fragwürdig, was den Schutz unseres obersten, wichtigsten Grundrechtes angeht.
  • Die Grundrechte stellen unsere grundlegenden Rechte dar. In die Grundrechte einzugreifen bedarf guter Gründe – und die müssen IMMER verhältnismäßig sein. Ich vermisse – bei allem Infektionsschutz – langsam aber sicher die Verhältnismäßigkeit. Und ich denke, all denen, die – so wie wir – seit mittlerweile 8 Wochen ein Berufsausübungsverbot haben, das immer wieder auf unbestimmte Zeit fortgeschrieben wird und die eigene Existenz massiv bedroht, dürften sich ähnliche Gefühle einstellen.

In diesem Blog gebe ich „VogelPerspektiven“ – also einen Perspektivwechsel, der manchmal auch fernab des medialen Mainstreams liegen mag und liegen wird. Dieses Recht steht mir zu, denn auch die freie Meinungsäußerung ist ein Grundrecht, das in Artikel 5 Niederschlag findet. Dort heißt es – nur zur Erinnerung: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“
Diese Freiheit vermisse ich schmerzlich. Denunziation Andersdenkender bei der Polizei, dem Ordnungsamt und in den Sozialen Medien sind zur Regel geworden. Auch Einträge bei Wikipedia finden sich bei Menschen, die es „wagen“, Kritik zu üben. Als „Systemkritiker“ werden sie abgestempelt und verunglimpft. Im Dritten Reich machte man das mit Juden, Homosexuellen, Linken – also mit allen, die nicht dem damaligen – politisch gewollten – Mainstream entsprachen. Es schockiert mich zutiefst, dass wir 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs wieder Angst haben müssen, eine Meinung zu haben und diese auch zu äußern.

Jede disruptive Krise – und eine solche erleben wir gerade – braucht Meinungsvielfalt, ExpertInnen-Vielfalt, Dialog, Diskurs und die politische Reibung. Das ist die Stärke einer gesunden Demokratie und diese Stärke muss aktiv aufrecht erhalten, gepflegt und gelebt werden. Was wir in den letzten Wochen erlebt haben, war genau das Gegenteil. Ich verstehe, dass in Zeiten akuter Bedrohungen rasches Handeln erforderlich ist, das für einen kurzen Moment auch mal demokratische Strukturen außer Kraft setzen darf.
ABER: Die akute Gefahr ist – auch wenn es Menschen gibt, die das nach wie vor anders sehen – vorbei. Selbst wenn sie es nicht wäre und wir den dystopischen Vorhersagen mancher Experten glauben würden, die 18-24 Monate Lockdown für realistisch halten, müssen wir uns jetzt nach 8 Woche ernsthaft fragen, wie lange wir unsere demokratischen Strukturen noch einem „Hätte“ und „Könnte“ unterordnen wollen?

Wie lange wollen wir noch auf unsere freiheitlich-demokratischen Menschenrechte verzichten? Wie lange verbieten wir noch den parlamentarischen Diskurs? Wie lange wird unser Land noch mit harter Hand durchregiert – an vielen rechtstaatlichen Institutionen vorbei? Wie lange noch nehmen wir in Kauf, dass die Bildung junger Menschen auf Sparflamme läuft, dass Kleinkinder lebenswichtige Monate der frühkindlichen Entwicklung fernab von Gleichaltrigen in Isolation verbringen? Wie lange können wir „Social Distancing“ noch aushalten, bevor die ersten Menschen durchdrehen? Wie lange können Unternehmen das Home-Office und die Kurzarbeit noch verkraften, bevor sie unter dem Druck fehlender Wertschöpfung kollabieren?
Wie lange werden Stadtverwaltungen – so wie unsere in Bonn – sich noch dem Lockdown hingeben und Firmengründungen in die Länge ziehen, Häuserkäufe nicht ins Grundbuch eintragen, Handelsregister nicht aktualisieren – und damit Menschen und Unternehmen in unfassbare Zwangslagen treiben, die mit erheblichen Kosten und meist auch rechtlichen Konsequenzen verbunden sind?

Diese Fragen müssen gestellt werden dürfen – und sie müssen diskutiert und gesellschaftlich ausgefochten werden. Jede gesunde Demokratie hält das aus – doch vor dieser Bewährungsprobe fürchten sich unsere derzeitigen EnscheidungsträgerInnen. Ich halte das für brandgefährlich!

Deswegen ist mein persönlicher Winterschlaf vorbei. Ich habe eine Meinung, ich habe eine Haltung, ich habe Werte und Rechte – und von denen mache ich ab sofort wieder Gerbauch!