VUKA in 4 Akten_Akt 1: Volatilität

Die Unberechenbarkeit unserer VUKA-Welt hat durch die Corona-Krise und den beinahe ausnahmslosen weltweiten Shutdown eine faszinierend-lehrreiche neue Dimension erlangt. Eine solche Situation hat es zu unseren Lebzeiten noch nie gegeben. VUKA hat sich gewissermaßen zur vollen Pracht und Wirkmächtigkeit entfaltet. VUKA steht für volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig und bezeichnet als Akronym die derzeitige Lage (fast) perfekt. In diesem Monat möchte ich ein Blitzlicht in vier Akten auf die Einzelaspekte unserer VUKA-Welt werfen und ich beginne mit der Volatilität – der Grundlage für den Bruch der Linearität.

In den letzten 250 Jahren Industrie- und Wirtschaftsgeschichte haben wir eine systemisch fragwürdige Meisterleistung vollbracht: Wir haben einen Großteil des wirtschaftlichen Miteinanders rationalisiert und in teilbare Schritte zerlegt, um effektiv und effizient produktiv nutzenmaximierte Prozesse zu installieren, in der jeder Handgriff minutiös optimiert werden kann.

Fragwürdig ist die Meisterleistung deshalb, weil wir uns dadurch ein Korsett geschnürt haben, das uns in veränderungsreichen Zeiten die Luft zum Atmen nimmt. Als Jugendliche der 80er Jahre wurde ich zum Glück nie in ein stoffliches Korsett gezwängt – die Mode damals bestach durch andere Faux-Pas – doch aus Historienfilmen ist bekannt, was passiert, wenn ein Korsett zu eng geschnürt wird. Im schlimmsten Fall ergeht es uns wie Elisabeth Swann im ersten Teil des Films „Fluch der Karibik“, die nach einem taillenbetonten „Zugzwang“ buchstäblich atemlos von der Festung hinab ins Meer stürzt.

Auf ein Korsett zu vertrauen, um ein wie auch immer geartetes System zu stützen und das Beste aus ihm herauszuholen, ist per se nicht falsch, doch wenn wir nie gelernt haben, wann wir die Schnüre zu fest ziehen oder wenn wir mit Gewalt ein bestimmtes Ergebnis damit erreichen wollen, geht das immer schief.

Bei aller ökonomischen Nutzenmaximierung haben wir nämlich vergessen, dass ein Unternehmen – ähnlich wie ein menschlicher Körper – ein organisches Lebewesen ist, das nicht nur Luft zum Atmen braucht, sondern auch ausreichend Raum, um sich entwickeln, anpassen und verändern zu können. Zu viel Zugzwang durch Strukturen und Linearitäten verhindern genau das. Sie werden zum lebensbedrohlichen Korsett.

Auch „der Markt“ auf dem sich jedes Unternehmen und alle KonsumentInnen bewegen, ist ein systemisch lebendiges Gebilde. Die Akteure und Akteurinnen sind Menschen mit Gedanken und Gefühlen, Ideen und Vorstellungen, größeren und kleineren Egos – und einem freien Willen. Wir haben zwar gelernt, dass der freie Wille durch psychologische Marketingtricks durchaus biegbar ist, doch auch diese Dehnbarkeit ist dynamisch und passt sich situativ an. Der Mainstream verändert sich, der Zeitgeist ist alles, nur nicht statisch und Moden kommen und gehen.

In Zeiten wie jetzt, wo liebgewonnene Selbstverständlichkeiten teilweise unmöglich wurden und oft immer noch sind, wo wir von eben auf jetzt eine Vollbremsung einlegen mussten, vielen Menschen die Arbeits- und Existenzgrundlage vorübergehend oder dauerhaft genommen wurde, Millionen Menschen unerwartet und ungeplant in Kurzarbeit sind und wir alle mit unserer eigenen Sterblichkeit konfrontiert wurden, kann die vergangene ökonomische Linearität nicht fortgeschrieben werden! Aus mindestens den folgenden drei Gründen ist das unmöglich:

  1. Wir erleben ein absolutes Novum. Wie eingangs beschrieben, haben wir einen globalen Shutdown zu unseren Lebzeiten noch nicht erlebt. Wir können daher auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen – und auch mögliche historische Vergleiche mit der Spanischen Grippe 1918/1919 sind unvollständig, weil seit dieser Zeit mehr als 100 Jahre vergangen sind und vor einem Jahrhundert die Welt eine andere war als heute. Wir brauchen daher genau jetzt Luft zum Atmen – auf die Unternehmen übertragen heißt das: Unternehmen brauchen Raum für Experimente und Innovation. Experimente und Innovationen gedeihen nicht in linearen Strukturen, sondern sie selbst sind in ihrer Entstehung und Entwicklung hochgradig volatil – dynamisch – daher brauchen sie auch ein entsprechendes Umfeld. Die VUKA-Welt bietet genau das, wenn wir diese Dynamik zulassen und durch Freiraum nähren.
  2. Krisen verändern. Und zwar jede/n Einzelne/n von uns. Je disruptiver und unvorbereiteter eine Krise über uns hereinbricht, umso gravierender können (und müssen) die Veränderungen sein. Wer nach einer Krise wieder in den alten Seinszustand zurückkehrt, hat die Botschaft der Krise nicht verstanden und wird sehr wahrscheinlich durch eine weitere Krise zum erneuten Veränderungsversuch eingeladen. Das entspricht der Natur von Krisen. Sie sind nämlich nichts anderes als eine Aufforderung zur Neuausrichtung. Diese Aufforderung erhält jedes System – egal, ob Mensch, Natur, Unternehmen oder Gesellschaft – immer dann, wenn dessen Wirkungsmacht an Dynamik verliert. Jedes System braucht Krisen, denn nur dann überdenken wir strategische, persönliche oder unternehmerische Ausrichtungen. Durch Krisen hinterfragen wir den Status quo nicht nur – wir ändern ihn auch (und im besten Fall hin zum Besseren). Krisen verjüngen jedes System und helfen, das Überleben zu sichern. Die Volatilität unserer aktuellen Zeit begünstigt Veränderungen und Krisen. Die VUKA-Welt fordert uns daher unmissverständlich zur Veränderung auf. Ein Zurück in die „alte Normalität“ kann es daher nach Corona nicht geben. Wir werden uns etwas Neues einfallen lassen müssen.
  3. Die Frage der Ressourcen wird sehr wahrscheinlich neu verhandelt. Wenn etwas volatil, also hochgradig veränderungsreich ist, bleibt oft kein Stein auf dem anderen. In der jetzigen Situation können und müssen wir sogar davon ausgehen, dass die Umschichtung von Steinen mit einem Beben und ziemlich viel Steinbruch einhergeht. Allein die Tatsache, dass die globale Menschheit mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert wurde und im Kollektiv den Wert des Lebens über den der Ökonomie gestellt hat, muss als Indikator für einen möglichen tiefgreifenden Wertewandel ernst genommen werden! Millionen von Menschen hatten und haben nach wie vor viel Zeit, über ihr Leben, die Art des Arbeitens und Geldverdienens und den Sinn ihres eigenen Daseins zu sinnieren. Wer diese Zeit konsequent nutzt, wird unter Umständen zu radikal neuen Erkenntnissen kommen. Vielleicht ist Konsum als Freizeitbeschäftigung zukünftig nicht mehr für 90 Prozent der Bevölkerung interessant, sondern nur noch für 50 Prozent. Vielleicht überwiegen zukünftig der Wert der Stille und der bewussten Familienzeit den von Freizeitaktivitäten, Amüsement und Ablenkungs-Tourismus. Vielleicht wird Reisen zu einem Luxus für wenige Mutige – vielleicht verliert Reisen aber auch gänzlich an Attraktivität, weil sich die Mehrheit der Bevölkerung zu Hause sicherer fühlt. Es wird vermutlich insbesondere die Ressource Zeit sein, die gerade im Arbeitskontext neu verhandelt werden wird. Und das könnte unter Umständen zu einer Abkehr von der Leistungsgesellschaft führen, wie wir sie heute kennen. Würde dieser Fall eintreten, wären auch Produktivität und Nutzenmaximierung Schnee von gestern…

Die Volatilität der VUKA-Welt und die mit ihr einhergehenden Veränderungen und Krisen sind ein hochspannender Katalysator, der Unruhe und Bewegung in zutiefst lineare Gedanken, Vorstellungen, Abläufe und Prozesse bringt. Das sorgt für Zerstörung. Positiv betrachtet jedoch gewinnen wir Luft und Raum zum Atmen. Das Korsett löst sich.