VUCA in 4 Akten_Akt 3: Komplexität

Wenn ich vor Corona in Keynotes oder Seminaren zum Thema VUKA auf das Thema Komplexität einging, erklang meistens ein einstimmiges leises Stöhnen und ich sah die Zuhörenden reihenweise mit den Köpfen nicken. Komplexität war die Belastung schlechthin. Heute, mit dem Wissen von Corona, und allen Eventualitäten, die dieses Virus mit sich bringt, erscheinen vielen die Komplexitäten von damals vermutlich wie ein Kinderspiel. Und genau das ist das Spannende an der Komplexität. Sie ist meistens das Ergebnis einer individuellen und/oder kollektiven Bewertung.

Um Komplexität zu verstehen, muss man sie abgrenzen zu einfachen und komplizierten Sachverhalten. Einfache Sachverhalte sind Tätigkeiten, die wir routinemäßig abspulen können. Das im 2. Akt erwähnte Zähneputzen gehört dazu. Wir haben es als kleines Kind gelernt und rufen diese Tätigkeit nun tagtäglich automatisiert ab. Wir brauchen kein Handbuch und auch kein Youtube-Video, das uns den Gebrauch der Zahnbürste erklärt. Doch als wir als Kleinkind das Zähneputzen gelernt haben, war das für uns in den ersten Tagen und Wochen ein komplizierter Vorgang. Wir mussten die Motorik der Zahnbürstenbewegung erlernen und wir mussten die Erfahrung machen, wie sich die Borsten auf dem Zahnfleisch anfühlen. Wir brauchten eine Anleitung, wie viel Zahnpasta wir benutzen können und haben gelernt, dass die Paste nach dem Bürsten der Zähne mit Wasser ausgespült wird. Auch die Routine des Putzens mussten wir in unser Leben integrieren und bei den meisten von uns ging das vermutlich nicht ohne Diskussion und Widerwillen.

Und so verhält es sich mit den meisten Dingen, die wir neu erlernen: Zunächst sind die kompliziert – und zwar so lange, bis wir in Kooperation mit unserem Gehirn verstanden haben, worum es geht und warum das Neue sinnvoll ist. Ist das Verständnis gelegt, brauchen wir noch ein paar Wochen lang Routine, damit wir in den Modus der Einfachheit überwechseln können. Ein Großteil unserer täglichen Abläufe ist maximal kompliziert, vieles von dem, was wir tun, ist schlicht routiniert einfach. Und genau deswegen denken wir nie darüber nach, sondern „tun es einfach“.

Die VUKA-Welt durchbricht jedoch immer häufiger die einfachen und komplizierten Routinen. Und tatsächlich empfinden viele Menschen allein durch die vielen Unterbrechungen plötzlich ein höheres Maß an Komplexität. Doch das ist eine Illusion, die ihren Ursprung in der Überforderung im Alltäglichen hat. Die Unterbrechungen sorgen lediglich dafür, dass sich unser Gehirn immer wieder neu in die bekannten Routinen reindenken muss – komplex werden die Sachverhalte oder Tätigkeiten deswegen jedoch noch lange nicht.

Die Charakteristik der Komplexität ist – wie sollte es anders sein – komplizierter. Komplexe Sachverhalte sind dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar erkennbare Orientierungsmuster bieten, uns aber keine klaren Sachverhalte offerieren. In komplexen Situationen schwingt immer ein hohes Maß an Ungewissheit mit. Und wer mit Ungewissheiten (s. 2. Akt) nicht umgehen kann, wird mit großer Wahrscheinlichkeit an Komplexitäten durchweg verzweifeln, denn zusätzlich zur Ungewissheit haben Komplexitäten die unangenehme Eigenschaft, dass sie uns nicht einen klaren Weg bieten (sonst wären sie einfache oder komplizierte Sachverhalte), sondern mehrere und durchaus miteinander konkurrierende Lösungen möglich sind. Komplexe Sachverhalte sind daher auch nicht mit linearen Managementmethoden lösbar, weil Komplexität generell einen höchst ungeordneten Sachverhalt darstellt. Diese Unordnung muss zunächst dechiffriert und in ihre Einzelteile zerlegt werden, bevor dann Lösungen oder Annäherungen gefunden werden können. Daher verlangen komplexe Sachverhalte immer eine dynamische, kreative und iterative Herangehensweise, in der Versuch und Irrtum an der Tagesordnung sind.

In der Zeit vor Corona war die Arbeitswelt von Unterbrechungen, Zeit-, Erfolgs- und Innovationsdruck geprägt. Dieser Druck führte bei fast allen Beteiligten zu einem hohen Maß an Stress und Überforderung. Nun haben Stress und Überforderung eine ungünstige Folgewirkung: Sie töten jede Form von Kreativität. Ein gestresstes Hirn kann nicht über den Tellerrand blicken und es sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Daher wurde die Arbeitswelt vor Corona als hoch komplex wahrgenommen, obwohl sie das rückwirkend nur in den seltensten Fällen wirklich war. Lediglich unser gestresstes Gehirn spielte uns die Illusion der Komplexität vor. Mit mehr Zeit, Ruhe und Muße hätten die Herausforderungen vor Corona stressfreier bewältigt werden können.

Ich denke, das wird vielen jetzt auch retrospektiv klar. Nicht nur, weil uns Corona vor ganz neue Herausforderungen stellt, die nun tatsächlich zutiefst komplex in ihren Auswirkungen sind, sondern weil sehr viele in den letzten Wochen und Monaten fernab ihrer Büros Abstand gewonnen haben zu dem Dampfkochtopf, in dem sie tagtäglich gesessen und versucht haben, ihre Arbeit zu erledigen. Der Abstand durch das Home-Office hat nicht bei allen zur Entschleunigung und Entstressung geführt, aber wir alle haben die Möglichkeit für einen Perspektivwechsel erhalten. Ob wir diesen Perspektivwechsel bewusst oder unbewusst wahrgenommen haben, spielt dabei keine Rolle. Das Endergebnis bleibt das gleiche: Der Blick und die Bewertungen haben sich geändert oder zumindest relativiert.

Ob wir also etwas als komplex ansehen hängt davon ab, wie wir die Welt bewerten. Lieben wir Herausforderungen und knifflige Situationen, haben wir Spaß am Ausprobieren, sind wir neugierig und pioniergeistig unterwegs, wird es extrem lange dauern, bis wir eine Situation als wirklich komplex wahrnehmen.

Sind wir allerdings veränderungsambivalent, scheuen wir Risiken, verharren wir in unserer (mentalen) Komfortzone, trauen wir uns selbst wenig zu, haben wir Angst vor Fehlern und neigen wir zum Mikromanagement, um Unsicherheiten aus dem Weg zu gehen, dann fehlt uns die entsprechende Widerstandskraft, um komplexen Situationen gelassen entgegenzusehen. In diesem Fall reagieren wir auf jede kleine Veränderung zutiefst sensibel und betrachten jedes Abweichen von der Routine bereits als einen komplexen Sachverhalt.

Ob die Welt vor Corona wirklich so komplex war, wie es vielen erschien, bezweifle ich rückwirkend sehr. Dass die Welt mit Corona aber an Komplexität gewonnen hat, steht zumindest für mich außer Frage. Doch darin liegt, so finde ich, genau jetzt eine große Chance. Die Mehrdeutigkeiten, die komplexe Sachverhalte bieten und die damit verbundene Einladung in „Sowohl-als-auch“-Szenarien zu denken und den neuen Herausforderungen mit Kreativität und Pioniergeist zu begegnen, lassen zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten wieder wirkliche, tiefgreifende Veränderungen zu. Diese Möglichkeit sollten wir uns nicht entgehen lassen…

> Akt 1: Volatilität – die Grundlage für den Bruch der Linearität

> Akt 2: Ungewissheit – der Nährboden für Angst und Mikromanagement

 

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